Alles dicht in DE

Interessenverbände laufen Sturm

(Januar 2012)
Wie nicht anders zu erwarten war, laufen die Interessenverbände Sturm gegen die drohende Gesetzesnovellierung. Man spricht von Vertrauensbruch, davon, dass Bürger und Kommunen für dumm verkauft wurden. Es wird angeführt, dass Mitgliedsfirmen jetzt schon vor dem Ruin stünden und hunderte Arbeitsplätze gefährdet seien. Weiter wird gefragt, ob die Politik nun zulassen wolle, dass bis zu 80% undichte Hausanschlüsse das Grundwasser gefährden.

 

Zunächst einmal ist anzumerken, dass die Branche jahrelang die Politik in gröbster Weise falsch beraten hat. Die Gefahren durch privates Abwasser wurden von den Funktionären in inakzeptabler Weise konstruiert und aufgebauscht. Dabei haben Fachleute schon vor Jahren gewarnt, dass die geplanten Maßnahmen vollkommen überzogen seien und faktisch nichts bringen. Gehört wurden sie nicht und man ließ sie nicht öffentlich zu Wort kommen. Die Suppe, die die Branche jetzt auszulöffeln hat, haben die Interessenvertreter durch ihr rücksichtslos eigennütziges Vorgehen sich und ihren Kollegen selbst eingebrockt. Man hätte schließlich vorher schon mäßigend und mit neutralem Sachverstand warnend in die politischen Entscheidungsprozesse eingreifen können, die zu dem unsäglichen LWG 61A geführt haben. Offenbar versuchen nun die Täter in die Opferrolle zu schlüpfen.

Es bleibt festzustellen, dass defekte private Abwasserleitungen in der Tat keine nennenswerte Gefahr für unser Grundwasser darstellen. Herr Professor Dr. Hartmut Hepcke von der FH Münster hat die Zusammenhänge nachvollziehbar in seiner Abhandlung vom Dezember 2011 herausgearbeitet. Das gilt um so mehr, wenn man die vielleicht im Einzelfall mögliche Belastung in Relation zu vielen anderen Schadstoffquellen bewertet. Unterstützung erhalten seine Thesen durch eine Dissertation an der Universität Hamburg. Danach konnten Leckagen in der Regel nur bis etwa 10 cm Tiefe nachgewiesen werden. Der VDRK kündigt jetzt weitere Gutachten renommierter Professoren an, die die Feststellungen von Professor Hepcke widerlegen. Erstaunlich ist, dass diese erst jetzt öffentlich gemacht werden sollen. Wenig erstaunlich ist, dass bei einem sicher geglaubten Auftragsvolumen in zweistelliger Milliardenhöhe schon ein kleiner Bruchteil davon jedes gewünschte Gutachten zu finanzieren erlaubt. Insofern sollten Sie die angekündigten Stellungnahmen der Verbände mit der notwendigen Skepsis betrachten. In der Kürze der Zeit kann es sich nicht um neue Erkenntnisse handeln, sondern allenfalls um einen Aufguss bekannter und wenig praxisrelevanter Ergebnisse. Bereits Mitte 2011 wurde von Seiten dieser Initiative in Schreiben an Landtagsabgeordnete angeregt, in Verbindung mit einem Moratorium umfassende Untersuchungen in den Umsiedlungsgebieten des Braunkohletagebaus durchzuführen.

Im Übrigen sind die Forderungen der Prüfungsbefürworter nicht konsequent. Wenn das hohe Gefahrenpotential undichter privater Abwasserleitungen so, wie bisher als „offensichtlich“ vorgetragen, tatsächlich besteht, dann muss man folgendes hypothetische Szenario sehen:

Ein defektes Abwasserrohr trägt danach Tag für Tag bedeutende Mengen von Schadstoffen aus, die auf dem Jahrzehnte, Jahrhunderte oder Jahrtausende dauernden Weg ins Grundwasser nicht abgebaut werden. Der irgendwann erfolgende tatsächliche Grundwassereintrag speist sich zu diesem Zeitpunkt ausschließlich aus dem mittlerweile belasteten Boden darüber, unabhängig davon, ob von oben gleichzeitig weitere Einträge erfolgen. Bei älteren Leitungen, an denen Defekte erkannt werden, muss man davon ausgehen, dass die Undichtigkeit bereits Jahrzehnte besteht. Dichtet man nun lediglich das Rohr ab, dann erfolgt der Schadstoffeintrag ins Grundwasser ungehindert und unverändert noch über weitere Jahrzehnte. Wenn wirklich die Grundwassergefährdung im Vordergrund steht, dann muss man konsequenterweise nun auch den Boden um und unter der Austrittsstelle großräumig austauschen. Zumindest in Wasserschutzgebieten müsste man genau darauf bestehen.

Welchen Grund kann es geben, dass genau diese Forderung nicht öffentlich gestellt wird? Stellen Sie diese Frage den Experten, die jetzt dringend raten, weiterhin flächendeckend zu prüfen und zu sanieren. Statt einer direkten Antwort wird man Sie sicherlich überschütten mit tausenden Details, die nur ein Fachmann verstehen und bewerten kann und die nur ein Ziel haben: einfache Wahrheiten zu verdecken. Es erfordert schon ein enormes Stehvermögen und Selbstvertrauen seitens des überwältigten Laien, danach noch naheliegende und einfache Fragen zu stellen und auf einer nachvollziehbaren Antwort ohne Umschweife zu bestehen. Und wenn Experten dabei Zusammenhänge als „offensichtlich“ bezeichnen, sollten Sie besonders hartnäckig nachfragen. Bringen Sie die Dinge auf den Punkt, nageln Sie den Experten fest, geben Sie sich nicht mit allgemeinen, angeblich gesicherten Erkenntnissen zufrieden: Wo und wann genau hat wer etwas geprüft, gefunden, bewiesen? Wie sind die Schlussfolgerungen zustande gekommen, welche Alternativen wurden untersucht und weshalb ausgeschlossen? Sind die Erkenntnisse verallgemeinerbar und warum? Welche Untersuchungen in der Praxis wurden durchgeführt und ggf. weshalb waren die repräsentativ? Verlangen Sie vollständige, bis ins Detail unabhängig überprüfbare Dokumentationen.

Selbst bei überzeugten Prüfungsbefürwortern in der Politik müssten aber nach derartigen Überlegungen Zweifel aufkommen. Entweder stimmen die Gefährdungsszenarien nicht, oder man muss tatsächlich nun hunderttausende Bürger auf eine Umsiedlung vorbereiten, weil nicht nur Rohre, sondern auch der Boden unter ihren Häusern bis in große Tiefen entsorgt werden muss. Oder ist es nicht doch eher so, dass Verunreinigungen fast immer nur wenige Zentimeter um eine Schadstelle herum nachweisbar sind und eine langsame Versickerung bis in große Tiefen gar nicht stattfindet? Dann aber besteht in der Tat weder kurz- noch langfristig irgendeine öffentliche Gefahr, die im Allgemeinen nicht einmal innerhalb von Wasserschutzgebieten I und II einen Generalverdacht rechtfertigt. Diese These lässt sich etwa mit Erfahrungen des Pilotprojektes in Köln-Höhenhaus 2004/2005 belegen. Die Trinkwasserwerte der Brunnen in direkter Nachbarschaft (topografisch und aquaphysikalisch sogar unter ) der sanierten Siedlung (530 Einfamilienhäuser) waren ausweislich der penibel durchgeführten Trinkwasseranalysen seit Jahrzehnten vor, aber auch während und nach der Projektdurchführung  (jetzt sind inzwischen 6 Jahre vergangen!) ohne jede negative Auffälligkeit – und das bei angegebenen mehr als 90% defekten Leitungen.

Ein Kanal muss nicht dicht sein! „Dichtheit“ ist ein weiter Begriff, der hier nicht angemessen ist und der zu viele Interpretationen zulässt. Flächendeckend wirklich dichte Kanäle in NRW sind nicht erreichbar und eine Illusion. Ein privater Abwasserkanal darf das Grundwasser nicht gefährden und sollte betriebssicher sein, also im normalen Betrieb keine bedeutenden Abwasserausträge verursachen. Nur eine solche Forderung ist angemessen. Eine Druckprüfung, die kaum Rückschlüsse auf die Dichtheit unter normalen Betriebsbedingungen erlaubt, kommt vermutlich zu den hohen Schadquoten, die von Politik und “Experten” genannt werden. Eine Betriebszustandsprüfung, die nur den normalen Durchfluss betrachtet, wird weit überwiegend private Kanäle als „dicht“ bestätigen. Damit besteht die Unschuldsvermutung uneingeschränkt zu Recht.

Und dass Bürger und Kommunen „für dumm verkauft“ wurden, darf man unwidersprochen so im Raum stehen lassen. Fehler sind oft nicht zu vermeiden und verzeihlich. Erkannte und begangene Fehler dürfen aber keinesfalls als Rechtfertigung dafür herangezogen werden, sie auch weiterhin begehen zu wollen. Unrecht darf Unrecht nicht rechtfertigen.