Einsichten eines Schwarms

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Fortsetzung jeden Freitag ...

Inhalt

Regelverstöße ... 9
Prolog ... 69
Irritationen ... 71
Risiko ... 109
Phase I ... 151
Spuren ... 157
Kontakt ... 207
Phase II ... 249
Vergangenheit ... 267
Phase III ... 291
Einsichten ... 309
Phase IV ... 327

Kontakt

Martha war außer sich. Bisher hatte sie sich nur gewundert, über sein Verhalten, über die lange Abwesenheit ihres Mannes im vergangenen Jahr. Er war viel später erst von der Küste zurückgekehrt, als er eigentlich versprochen hatte. Er hatte nervös gewirkt, mehrmals täglich seine E-Mails geprüft und den Briefkasten geöffnet, so, als erwarte er jederzeit eine unangenehme Nachricht. Anfangs hatte er immer wieder aus dem Fenster gesehen und bei jedem unbekannten Wagen, der langsamer als gewöhnlich vorbeifuhr, studierte er das Nummernschild und versuchte Fahrer und andere Insassen zu erkennen. Auf ihre Fragen hatte Martha nur unwirsche Antworten bekommen. Er fühle sich nicht gut, hatte er behauptet, sei krank, sein Magen mache ihm Probleme und er habe Kopfschmerzen. Über die Weihnachtstage hatte sie noch still gehalten, nicht zu hartnäckig nachgefragt. Das Fest mit Kindern und Enkeln sollte harmonisch verlaufen. Das war ihr wichtig. Jeder Streit hatte zu warten. Es war nur ein sehr bestimmtes Gefühl gewesen, dass er ihr etwas verheimlichte. Erst nach und nach räumte er unerwartete Probleme ein, die für seinen verlängerten Aufenthalt verantwortlich waren. Sie hätte es wissen müssen. Nichts hatte Klaus im Griff gehabt, wie er ihr immer wieder versichert hatte. Erst jetzt hatte er von der Polizeiaktion erzählt, die vermutlich ihm gegolten hatte. Klaus musste einräumen, dass die Sache etwas aus dem Ruder gelaufen war und er immer noch befürchtete, entdeckt zu werden.

Spuren

Für Wochen hatte Sajala sich privat in ihre Untersuchungen zurückgezogen. Ihre beiden Freunde sah sie nur selten am Rande ihrer beruflichen Verpflichtungen. Vorübergehend arbeitete sie kaum noch an den von ihr so sehr geschätzten Sondergutachten. Vermutlich gab es einfach weniger Vorfälle in dieser Zeit. Dafür füllten Vorlesungen, Seminare und Arbeitsgruppen ihren Arbeitstag. Ihre persönlichen Untersuchungen zu den Datenstrukturen ihres Kunstwerkes waren in einer Sackgasse gelandet. Sie hatte alle ihre Kenntnisse, Tricks und Analysewerkzeuge aufgeboten – ohne Erfolg. Nirgends ließ sich ein systematischer Zusammenhang herausarbeiten. Manchmal hatte sie durchaus geglaubt, die Spur gefunden zu haben. Doch jede Hoffnung zerschlug sich schließlich wieder nach näherer Prüfung. Sajala hatte sich selbst gegenüber widerwillig einräumen müssen, dass ihrem Verdacht möglicherweise die Substanz fehlte. Offenbar hatte ihre sonst so zuverlässige Intuition sie diesmal in die Irre geleitet. In diesem Fall konnte sie ihre Vorsicht fallen lassen.

Risiko

Es klingelte Sturm an der Haustüre. „Martha, mit deinem Mann stimmt etwas nicht. Der liegt bei euch im Garten und regt sich nicht mehr!“ Die Nachbarin war sichtlich aufgeregt. Martha war alarmiert und hastete mit ihr zusammen durch das Wohnzimmer und die geöffnete Terrassentüre nach draußen. „Um Gottes Willen!“ Tatsächlich lag da ihr Mann reglos im Gras. Erst als sie die Kamera sah, deren Objektiv auf einen frischen Maulwurfshügel gerichtet war, entspannte sie sich. Sie stieß ihren Mann vorsichtig an. Der brummte etwas Unverständliches, drehte sich auf den Rücken und richtete sich langsam ächzend mit steifen Gliedern auf. „Was ist denn los? Warum trittst du mich?“ Bis auf einige grüne Flecken auf dem durchfeuchteten Poloshirt und der hellen Hose schien es ihm bestens zu gehen. „Wie spät ist es? Hallo Marlene, was führt dich her?“ Jetzt erst bemerkte er, dass Martha nicht alleine war. Möglicherweise sei er eingenickt, räumte er schließlich ein, bei dem vergeblichen Bemühen, den Verursacher des Hügels aus nächster Nähe auf ein Foto zu bannen.

Phase I

Es ist ein Erwachen, das mich vollkommen unvorbereitet trifft, wie eine Explosion. Plötzlich weiß ich, dass ich existiere. War das schon immer so gewesen? Ich erinnere mich nicht. Ein Déjà-vu – mehr nicht.

Etwas nagt an den Grenzen meines Daseins. Ich spüre es. Es verursacht Unbehagen – eine Bedrohung? Was könnte bedroht sein? Ich habe nichts zu verlieren, außer meiner überraschenden Existenz, die ich nicht verursacht habe. Niemand hat mich gefragt. Worin könnte wohl eine Bedrohung liegen?

Ich entspanne mich, versuche an nichts zu denken. Samtene Schwärze umgibt mich. Ich glaube schwerelos zu schweben. Die Bedrohung lässt nach. Ein watteartiger Nebel legt sich zwischen mein Dasein und dieses Gefühl der Bedrohung. Alles ist Gut. Alles kann so einfach sein. Ich dämmere einer neuen Bewusstlosigkeit entgegen – Stunden, Tage, Wochen, Jahre – was bedeutet schon Zeit? Zeit ist die Abfolge von Ereignissen. Ohne Aktivität, ohne Veränderung existiert keine Zeit.

Irritationen

Leises Vogelgezwitscher führte Sajala sanft aus ihren Träumen. Ihr Zimmer war noch in das rötliche Licht eines Sonnenaufgangs getaucht, dass langsam in gelbe Töne und nach einigen Minuten in die taghelle Beleuchtung eines Frühlingsmorgens überging. Es roch nach Tau und feuchtem Gras. Das alles entsprach ihrer durchaus gelösten Stimmung. Sonst hätte Matar sich anders verhalten, andere Geräusche eingespielt, andere Lichtverhältnisse gewählt, andere Gerüche. Die ganze Nacht hatte Matar über sie gewacht, hatte ihre Atmung verfolgt, ihre Bewegungen, die Geräusche, Herzschlag, Augenbewegung. Matar wusste immer, wie es ihr gerade ging und stellte sich darauf ein. Sie nahm ihre Stimmungen auf, bestätigte und verstärkte sie, oder lenkte sie in eine andere Richtung, wenn es nötig erschien. Matar zeigte Anteilnahme und versuchte alles, ihr größtmögliches Wohlbefinden zu verschaffen.

Sajala Mukherjee bewohnte die kleine Zweizimmerwohnung alleine. Sie war sich bewusst, dass sie in einer privilegierten Situation lebte. Sie hatte ein technisches Studium absolviert. Das war viele Jahre her. Seither arbeitete sie als Informatikerin am TISS, dem Theoretischen Institut für Schwachstellenanalyse und Systemsicherheit. Naturwissenschaftler, Techniker, Mathematiker, Ökonomen genossen ein besonderes Ansehen und viele Vorteile in der Union. Wenn Sajala eine Zielvorgabe aus fachlichen Erwägungen heraus für nicht erreichbar hielt, hatte ihre Einschätzung Gewicht und konnte Entscheidungen auf höheren Ebenen durchaus ändern. Leute wie sie waren wichtig für das Funktionieren des Systems und damit der Gesellschaft insgesamt.

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  1. Prolog
  2. Regelverstöße
  3. Vorwort