Prolog

Die Idee zu diesem Buch entstand Anfang 2018, als ich daranging, mein umfangreiches E-Mail-Archiv aufzuräumen. Im Verlaufe einer der größten politischen Protestwellen der letzten Jahre in Nordrhein-Westfalen hatte die Korrespondenz vieler unserer Mitstreiter und Gegner eine unglaubliche Zahl von Nachrichten hinterlassen. Die massiven und nahezu flächendeckenden Proteste hatten sich an einer skandalösen Landesgesetzgebung entzündet, die bundesweit ihresgleichen sucht. Es handelte sich um den zu trauriger Berühmtheit gekommenen § 61a des Landeswassergesetzes, der in seiner Urfassung sehr vielen Bürgern aufwendige und ökologisch sinnlose Arbeiten an ihren Abwasserkanälen abverlangt hatte. Die überwiegend ideologisch motivierten Belastungen daraus waren immens, in vielen Fällen sogar existenzbedrohend.

 

Mit der letzten Landtagswahl 2017 schien das zugrundeliegende Problem gelöst zu sein und tausende von elektronischen Nachrichten belegten viel Platz, den ich gerne freigeben wollte. Die nahezu vollständige Historie der vergangenen acht Jahre hatte einen Rechnerwechsel und mehrere Festplattenabstürze überstanden, sodass ich die Ereignisse seit 2010 aus meinem Blickwinkel heraus noch lückenlos recherchieren konnte. Eigentlich wurde mir bei der Lektüre einiger der Nachrichten erst bewusst, wie spannend und einzigartig die wechselvolle Geschichte unserer Protestbewegung bis in die Gegenwart hinein tatsächlich ist. Mit meiner Landesinitiative war ich immer mitten drin.

Die Geschichte des Widerstands gegen die Dichtheitsprüfung in Nordrhein-Westfalen, festgeschrieben im ehemaligen § 61A des Landeswassergesetzes von 2007, ist nur aus vielen unterschiedlichen Blickrichtungen zu verstehen. Zu keiner Zeit existierte eine geschlossene Organisation, nur viele über das ganze Land verstreute Akteure1 und lokale Initiativen, die oft aus purer Verzweiflung der Betroffenen heraus ins Leben gerufen wurden. Diese zersplitterte Opposition wäre nahezu wirkungslos bei Kommunen und Bezirksregierungen verpufft, hätten die Proteste nicht unvermittelt ein gemeinsames Gesicht bekommen. Im Mai 2010 ging die Initiative „Alles dicht in NRW“ an den Start, versammelte schnell die meisten verstreut bestehenden Bürgerinitiativen hinter diesem Sammelbegriff und ließ sehr viel mehr neue entstehen. Damit erst konnten viele einzelne Brandherde in Düsseldorf als Flächenbrand wahrgenommen werden. Alle Experten rieten von extremen Forderungen nach Streichung der Regelungen ab und vertraten die Ansicht, bestenfalls seien die Ausführungsbestimmungen noch diskutabel, um die Folgen für die Bürger abzumildern. Allen Skeptikern zum Trotz wurde im Jahr 2013 das bestehende und bereits in Umsetzung befindliche Gesetz gegen den erbitterten Widerstand weiter Kreise der Politik und des Handwerks gestrichen – ein einzigartiger Vorgang in der neueren Geschichte des Landes.

Für Außenstehende, die noch nicht mit den konkreten Folgen der damaligen Vorschriften konfrontiert waren, ist es schwer zu verstehen, was die Ursache für die Wut und den Protest gegen eine auf den ersten Blick alternativlos und eher harmlos daherkommende Regelung in Teilen der Bevölkerung war. Wieder einmal lagen die Probleme in politisch wenig beachteten Details und die Faktenlage erwies sich als fraglich bis schlicht falsch. In der Tat haben die Angst vor den Folgen dieses Gesetztes bis hin zu Panik den Proteststurm über Jahre getragen.

Die Gründe für die extremen Reaktionen von Betroffenen macht die nun folgende fiktionale Kurzgeschichte deutlicher, als es jede Auflistung harter Fakten könnte. „Die wahre Geschichte“ folgt daran anschließend.

Jetzt heißt es also erst einmal

ACHTUNG – Fiktion!

… oder etwa doch nicht? Tatsächlich schildert die folgende Chronologie eine unglaubliche Katastrophe, die so oder so ähnlich hätte Tausenden unglücklicher Bürger passieren können und nicht wenigen im wirklichen Leben passiert ist.

Wie jede wahre Geschichte findet auch diese nie wirklich ein Ende. Unter dem Deckmantel der Ökologie werden wir fast täglich mit Regelungen bombardiert, die der Umwelt nicht nutzen, aber den Anbietern und Produzenten passender Lösungen und Dienstleistungen risikolos satte Renditen bescheren, während für den normalen Bürger das nackte Leben zunehmend unbezahlbar wird.

Wie das Unheil im Einzelfall seinen Verlauf nimmt und erdrutschartig den erträumten Lebensabend eines Ehepaares zerstört, erzählt nun in aller Kürze „Eine fast wahre Geschichte“.

Ich wünsche ihnen viel Spaß und Betroffenheit bei der Lektüre.

Herzliche Grüße aus der wunderschönen Eifel

Siegfried Genreith

Nideggen, im März 2021

1Sollte sich jemand diskriminiert fühlen durch die meist männlichen Wortformen, bitte ich um Nachsicht. Selbstverständlich meine ich jeweils alle Geschlechter – männlich, weiblich, divers. Ein „durchgegenderter“ Text wäre einfach nicht mehr vernünftig lesbar und würde sich anhören wie eine Bundestagsrede.

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