Davon steht nichts in der Bibel.

Ich bin ein unpolitischer Mensch. Ich wähle taktisch, nicht aus besonderer Verbundenheit zu einer Partei. Wenn ich CDU oder SPD will, aber ohne GRÜNE oder LINKE, dann wähle ich FDP. Wenn die mir alle nicht so recht passen, wähle ich gerne auch Protest. Zur Wahl des Landrats habe ich einmal „Snoopy“1 auf dem Wahlzettel ergänzt und angekreuzt. Das Wahlprogramm interessiert mich eher nicht. Was zählt, ist das, was hinten rauskommt, und damit meine ich die Taten. „Worte sind Schall und Rauch“ und „Papier ist geduldig“ – an solchen Plattheiten ist durchaus etwas dran.

 

Im Übrigen war ich immer der beruhigenden Überzeugung, dass die da oben schon irgendwie vernünftig regieren, von wenigen Ausreißern abgesehen – jedenfalls im statistischen Mittel. Und sollte einmal etwas wirklich schieflaufen, würde sich sicher irgendwer rühren und dagegen vorgehen. Schließlich gibt es eine unabhängige Presse und dutzende Organisationen, die vorgeben, für das Wohl der Gemeinschaft zu arbeiten. Irgendeine davon wird es schon richten. Deshalb muss ich mich nicht aufregen oder irgendwo engagieren. Ich darf folgenlos bei Freunden und Kollegen meine überlegene Gelassenheit heraushängen, während ich darauf baue, dass andere die Kastanien aus dem Feuer holen. Außerdem kann ich mir so manchen Mist, der doch noch durchschlüpft und dem ich nicht ausweichen kann, finanziell durchaus leisten. Steigende Strompreise und höhere Gebühren sind ärgerlich. Dafür gehe ich aber sicher nicht auf die Straße. Würde ich mich engagieren, gäbe das nur Ärger. Ich hätte die Arbeit und andere profitieren gegebenenfalls. Sollen sich die doch kümmern, die vielleicht stärker von dem jeweiligen Mist betroffen sind.

Wenn man also tausende Fehlentscheidungen der Politik zusammenwirft, dann sollte das bei funktionierenden gesellschaftlichen Korrekturmechanismen im Durchschnitt leidlich passen. Dass aber trotz allem auch dieser Mittelwert und das, was letztendlich hinten rauskommt, extreme Tendenzen widerspiegelt, im Ergebnis eben nicht einmal annähernd passt und sogar existenzgefährdend sein kann, hätte ich nie für möglich gehalten.

Regeln sind auch erst einmal Papier, das irgendwo rumliegt, die jeweils einige Leute kennen und nur wenige verstehen. Mindestens eine halbe Million Vorschriften gibt es geschätzt – Gesetze, Rechtsverordnungen, Anweisungen von EU, Bund, Land, Kommune. Die kann niemand kennen. Und selbst wenn man sie liest, versteht ein normaler Mensch nur Bahnhof. Selbst Juristen verstehen nicht eindeutig, was da steht. Sonst müssten sich nicht ständig Gerichte mit deren Auslegung befassen. Ich scheitere schon am Aufsagen der Zehn Gebote. Meine Frau kriegt die auch nicht zusammen, geschweige denn die tausenden Regeln, die von der halben Million uns möglicherweise betreffen. Aber zumindest verstehen wir den Sinn hinter den Zehn Geboten, wenn wir unsere Bibel finden, oder andernfalls einfach in der Wikipedia nachschlagen. Nur Regeln, die man kennt und versteht, kann man absichtsvoll befolgen.

Ich muss mich damit abfinden, dass ich unwissentlich ständig irgendwelche Regeln verletze. Das ist normal und kein wirkliches Problem, solange nicht irgendjemand arrogant belehrend daherkommt „Das hätten sie doch wissen müssen!“ und drakonische Folgen androht, oder gleich Strafen verhängt. Und kritisch wird es erst, wenn Behörden auf den Gedanken verfallen, sinnlose Regeln, die aus gutem Grund ignoriert wurden, rücksichtslos gegen die Bürger durchzusetzen, anstatt auf die naheliegendere Idee zu kommen, sie zu überdenken und zu streichen. Von Dichtheitsprüfung steht nichts in der Bibel. Ich hatte bis Anfang 2010 davon noch nie gehört.

1„Snoopy“ ist der verrückte Hund von Charly Brown in der Comicserie „Die Peanuts“ (02.10.1950-13.02.2000). Leider blieb er trotz Diskriminierungsverbot, Inklusion und Minderheitenschutz chancenlos.

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