Bunkermentalität

Am Neujahrstag 2011 hat leichtes Tauwetter den Schneemassen noch nicht viel anhaben können. Nicht einmal in meinen Garten kann ich gehen, ohne eine Schaufel in die Hand zu nehmen.

Die Situation in Sachen Dichtheitsprüfung scheint verfahren. Nichts kann dieses politische Schlachtschiff vom Kurs abbringen oder gar zum Einhalten oder zur Umkehr veranlassen. Widerstand scheint ein Kampf gegen Windmühlen, gegen den der eines Don Quijote ein Dreck ist. Das liegt wohl auch daran, dass Windmühlen heute um ein Vielfaches größer sind als damals.

Bis jetzt haben wir nicht einmal eine nennenswerte Öffentlichkeit herstellen können. In Relation zu Millionen betroffener Bürgern in NRW sind wir eine verschwindende Minderheit. Die weitaus Meisten wissen nicht einmal, was da auf sie zukommt. Andere wollen einfach nicht glauben, was einige schon erfahren mussten. Früher hätte ich wohl auch so gedacht, bevor ich wusste, wie schlimm das tatsächlich werden kann. Wenn wenigstens die Presse kritisch berichten würde, wäre schon viel gewonnen. Aber weit gefehlt – die sind unisono auf der Seite der Landespolitik, beschwichtigen, beschönigen, beschwören in unzähligen Artikeln die vermeintlichen Umweltgefahren, den Trinkwasserschutz, wiederholen Totschlagargumente – Diskussion unerwünscht. Mein früheres Grundvertrauen in die Sachbezogenheit von Politik und die Rolle der Presse als deren kritischer Beobachter ist inzwischen irreparabel zerstört. Da sind überall Interessen im Spiel, die ich nicht durchschaue und die mich früher auch nie interessiert haben. Unangemessenen Resultaten aus solchem Gemauschel konnte ich bisher immer mehr oder weniger elegant ausweichen.

 

Ich verstehe nichts von Netzwerken, aber hier funktionieren die zweifellos hervorragend zum Schaden der Bürger. Über deren Art kann ich nur spekulieren. Fritz scheint sich da viel besser auszukennen. Er nennt manchmal Namen von Leuten, die in dem Spiel auf der Gegenseite hochrangig mitmischen, die bestimmte persönliche Interessen verfolgen und politische Entscheidungen beeinflussen. Er diskutiert mit solchen Personen bis tief in die Sachebene hinein. Geholfen hat es offenbar wenig. Ich kann solche Informationen nicht einordnen und auch nicht sinnvoll für meine Aktionen verwenden. Deshalb vergesse ich die meisten dieser Fakten einfach nach kurzer Zeit wieder.

Ich setze weiter auf Beharrlichkeit und Emotionen. Ich will die Schwachstellen der Regelungen deutlich herausstellen, sodass sehr viele Mitstreiter immer wieder in immer die gleichen Kerben schlagen, ohne sich nutzlos auf Nebenkriegsschauplätzen zu verzetteln. Steter Tropfen höhlt den Stein und die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt – Plattitüden mit wahrem Kern. So nutze ich die Zeit für eine ausführliche Stellungnahme auf die Antwort unseres Ratsmitglieds der GRÜNEN-nahen Wählergruppe der „UNABHÄNGIGEN“ als offenen Brief mit allen nötigen Quellenangaben – man hat ja sonst nichts zu tun am Neujahrstag:

Betreff: Re: PM_20.12.2010_Dichtigkeitsprüfung 01.01.2011 12:36

Sehr geehrter Herr Klöcker,
danke für Ihre Nachricht. Nur geht die Argumentation an der eigentlichen Kritik vorbei. Es geht hier um ein Mammutprojekt, dass genauso wie das in Stuttgart ohne jede Öffentlichkeit in politischen Zirkeln zusammen mit Experten auf den Weg gebracht wurde, die bei ihrer Beratung regelmäßig auch eigene Interessen vertreten. Jedes einzelne der Argumente für die flächendeckende Dichtheitsprüfung ist angreifbar. Nicht umsonst hat Niedersachsen die Sache schon gestoppt, andere Länder das Vorgehen deutlich entschärft.

1) Grundwassergefährdung: Studien wie die der Universität Karlsruhe zeigen, dass eine Grundwassergefährdung allenfalls in wenigen Fällen bestehen kann. Natürlich muss dann saniert werden, wenn in besonderen Gefährdungsgebieten funktional eine erhebliche Undichtigkeit besteht.

2) Fremdwassereintrag: Hier handelt es sich nicht um ein Umweltproblem, sondern ausschließlich ein Problem der Kostenbelastung von Klärbetrieben an die Kommunen. Das muss kaufmännisch gelöst werden. Im Übrigen handelt es sich überwiegend um Fixkosten, die die Klärwerke auf die eingebrachten Mengen umlegen. Wenn die Kommunen weniger Abwasser einbringen, steigt notwendigerweise der Preis je cbm, hätte also in Summe keinen nennenswerten Effekt.

3) geringe Kosten: Genannt werden wenige hundert Euro je Haushalt für die Prüfung. Alle Beispiele, die mir vorliegen, kommen auf mehrere tausend Euro, was für jeden leicht nachvollziehbar ist, der schon einmal wegen einer Verstopfung den Installateur gerufen hat.

4) bis zu 90% der Hausanschlüsse sind undicht: Wieder ein Beispiel aus Niederzier: von ca. 50 Anschlüssen der Köttenicher Straße musste nach Auskunft eines Anwohners keiner saniert werden. Wer statistische Methoden beherrscht, kann leicht nachrechnen, dass damit nur eine Schadquote im kleinen einstelligen Prozentbereich verträglich ist. Keinesfalls bei noch so pessimistischer Deutung der Zahlen kommen nur annähernd die in der Presse genannten zustande. Dann aber wären die Zwangsmaßnahmen mit enormer Kostenbelastung erst recht weit jenseits jeder Verhältnismäßigkeit.

Nun zu den vorgeschriebenen Prüfverfahren:

1) Druckprüfung:
Eine Abwassergrundleitung ist im Betrieb nur im unteren Bereich über wenige Zentimeter benetzt. Nur dort muss sie für im Gefälle abfließendes Wasser dicht sein. Damit ist sie grob vergleichbar mit den Anforderungen für ein Ziegeldach, das gegen abfließendes Regenwasser dicht sein muss, keinesfalls gegen Druckbelastung. Ausnahmen können nur in extrem seltenen Fällen gelten, wo die Leitung unterhalb des Grundwasserspiegels verläuft. Nur eine drucklose Durchflussprüfung ist ein akzeptables Kriterium.

2) Hochdruckreinigung mit bis zu 210 bar
Studien und Expertenberichte zeigen, dass hier ein enormes Schadenpotential für NRW besteht. Schon bei 80 bar können danach Rohre und Dichtungen beschädigt werden. In vielen Fällen wird die Prüfung den Sanierungsfall erst herstellen. Das ist vollkommen inakzeptabel, selbst wenn es sich um seltene Fälle handelt.

3) Kamerafahrten: ... sind ohne vorhergehende Reinigung sinnlos
Dieses und noch mehr auf der Internetseite. Die Gesamtkosten für NRW können leicht einen dreistelligen Milliardenbetrag erreichen – und das ohne der Umwelt nennenswert zu nutzen!

Halten Sie das für vernünftig?

Ich wünsche Ihnen ein Frohes Neues Jahr mit hoffentlich guten Nachrichten für die Bürger in NRW.
Werner S. Genreith

Neben vielen anderen steht auch Fritz auf dem Verteiler. Er schreibt zwei Tage später „Ihre Argumentation ist exzellent.“ – für mich das Highlight des Abends. Ich denke, er ahnt nicht, was er mit solch kurzen Statements bewirkt. Im Laufe der nächsten Tage weist Fritz mich noch auf das Pilotprojekt in Billerbeck aus den Jahren bis 2006 hin. Die Prüf- und Sanierungskosten dort bewegten sich zwischen 2.000 und 27.000 Euro, im Mittel 12.500 Euro. Die durchgeführten Maßnahmen waren wirklich krass bis hin zur Stilllegung aller Abflüsse der unteren Etage und Führung der Verrohrung unter der Decke und betrafen dort alle 113 Anlagen. Das zeigt mir, dass meine Befürchtungen sicherlich nicht aus der Luft gegriffen sind und die Drohkulisse absolut real ist. Solche Fakten landen unverzüglich – geeignet kommentiert – auf meinem Internetauftritt.

Die ersten Tage nach meinem Urlaub kann ich noch von zu Hause arbeiten. Dank Internet und Telefon ist das kein Problem. Außerdem habe ich dazu ein separates Büro im Keller, sodass Störungen nicht zu befürchten sind. Haushaltsgeräusche am Telefon wirken unprofessionell. Irgendwann sind dann auch die Straßen aus der Eifel heraus normal befahrbar, sodass Frankfurt wieder für mich erreichbar ist.

Nebenher erledige ich meine Alles-dicht-Post. Eine weitere Reaktion auf meine Mail klingt vielversprechend. Die im Stadtrat gut vertretene freie Wählergemeinschaft „Menschen für Nideggen” (MfN) stellt mir ihre Unterstützung in Aussicht:

Dichtigkeitsprüfung 06.01.2011 11:33

Sehr geehrter Herr Genreith,
ich danke Ihnen für Ihre sehr aufschlussreiche Information zur Durchführung von Dichtigkeitsprüfungen und freue mich über Ihre Initiative, die im Interesse aller Bürgerinnen und Bürger ist.
[…]

Die lassen der Ankündigung auch gleich Taten folgen und spielen mir wenige Tage später ein Angebot an die Stadt zu, aus dem hervorgeht, dass Nideggen und zwölf weitere umliegende Kommunen viel Geld in die Hand nehmen wollen für ein Marketingkonzept, das den Bürgern die anstehenden Maßnahmen schmackhaft machen soll. Tolle Idee: Wenn die Scheiße richtig zu stinken beginnt, schlägt man sie einfach in ein hübsches Papier ein, mit einer rosa Schleife darauf. Weitere Reaktionen aus dem Verteiler meiner Antwort erfolgen nicht.

Die Besucherzahlen gehen langsam aber sicher nach oben. Inzwischen sind die monatlichen Werte regelmäßig schon vierstellig. Das ist sehr viel in Relation zu meinen sonstigen Hobby-Auftritten, die es nur auf einige Dutzend, vielleicht einmal hundert Sitzungen bringen. Absolut gesehen ist das immer noch lächerlich gering, selbst im Vergleich zur Reichweite eines einzelnen Artikels in der Lokalpresse. Wenn ich in Ruhe darüber nachdenke, ist das Unterfangen hoffnungslos und ich sollte meine Zeit besser investieren.

Aber ich bin nicht ruhig, ich will auch nicht vernünftig sein und die Initiative beginnt in gewissem Sinne Spaß zu machen, eine Art Experiment und so etwas liebe ich. Ich erziele damit sichtbare Wirkung in Form von Rückläufern auf Anschreiben, Anfragen besorgter Bürger, Trefferplatzierung in Suchmaschinen, gelegentlichen Dankesschreiben, Referenzierungen in Leserbriefen diverser Blätter landesweit, in Kommentaren, lokalen Internetauftritten, die teilweise ganze Texte von meiner Seite kopieren, was ich ausdrücklich gutheiße. Ich bin nicht sicher, aber diese Multiplikatoren erweitern meine Reichweite enorm. Ich vermute das zumindest und hoffe, dass das stimmt. Belastbare Zahlen dazu habe ich nicht.

Ich denke, es spielt keine Rolle, ob ich als Person irgendwo auftrete. Sicher – hätte ich das Rednertalent dazu, wäre das eine Überlegung wert. So aber ist meine Zeit besser im Hintergrund investiert. Selbst wenn ich auf einer Versammlung mitreißend sprechen würde, könnte ich mit hohem Zeitaufwand und Kosten für Organisation, Vorbereitung, Anfahrt vielleicht einige Dutzend Menschen mitnehmen. Im Internet erreichen meine Argumente ohne all das jetzt schon Tausende und das werden sicher noch viel mehr, da die Werbung für meine Seite bereits ein Selbstläufer ist.

Von den Mitstreitern habe ich bis jetzt noch niemanden persönlich getroffen und kennengelernt. Nideggen liegt halt weit ab von den Zentren des Protestes in Ostwestfalen-Lippe (OWL) und hier in der Eifel scheint das noch niemanden wirklich zu interessieren. Nur vereinzelt höre ich von teuren Sanierungen, die zu örtlichen Protesten führen, aber es kaum in die Lokalteile der Tagespresse schaffen. Aber das stört mich eigentlich nicht. Wichtig ist vor allem, dass mein Internetauftritt aktuell und interessant bleibt, die Problematik klar verständlich vermittelt und eindeutige Forderungen formuliert. Darauf kann ich mich konzentrieren und meinen Arbeitsaufwand in Grenzen halten.

Aber ich bin in solchen Dingen Perfektionist. Mit der Gestaltung des Auftritts bin ich nie wirklich zufrieden. Anregungen dazu nehme ich gerne auf, aber ich entscheide, was und in welcher Form es dort erscheint. So kann ich schnell reagieren ohne mich abstimmen zu müssen. Eigene Recherchen brauche ich kaum noch durchzuführen. Viele Kontakte landesweit füttern mich meist per E-Mail mit aktuellen Themen, die ich allerdings etwas mühsam per Hand in meine nach wie vor statische Webseite einpflege. Irgendwann werde ich das ändern müssen. Dazu wäre allerdings ein Wechsel meines derzeitigen Internet-Providers nötig und außerdem scheue ich noch die notwendige Einarbeitung.

Am 14. Januar schreibe ich erstmals an die neue Ministerpräsidentin. Inzwischen nicht mehr ganz so frisch im Amt sollte sie mit den wichtigsten Themen vertraut sein.

14.01.2011
Sehr geehrte Frau Kraft,
leider gibt es in der Frage der Dichtheitsprüfung bislang kaum Signale, die auf eine Entschärfung der für Ihre Bürger unerträglichen Belastungen hinweisen. Eine Fristverlängerung nimmt den Protesten zwar die Dringlichkeit, hilft letztendlich aber nicht aus der Misere.
[…]
Und vergessen Sie bitte nicht, dass die Belastungen nicht nur die wenigen als wohlhabend angeklagten Hauseigentümer treffen, die das vermeintlich aus der Portokasse bestreiten. Letztendlich sind in viel höherer Zahl Rentner, Witwen, unter Zinslasten ächzende junge Familien und letztlich natürlich auch alle Mieter betroffen.
[…]
Unsere Forderungen an die Politik sind

1. Die flächendeckende Dichtigkeitsprüfung wird ausgesetzt. Nur bei Verdacht in Gefährdungsgebieten ist in der Regel eine drucklose Prüfung – vorrangig eine Durchflussprüfung – durchzuführen.

2. In diesen Ausnahmefällen ist die Dichtheitsprüfung und Sanierung der privaten Abwassergrundleitungen nur zusammen mit einer gleichzeitigen Prüfung der öffentlichen Kanäle vor dem jeweiligen Grundstück durchzuführen. Nach übereinstimmender Ansicht von Fachleuten macht es keinen Sinn, nur eine Seite zu prüfen und zu sanieren. Die Verhältnismäßigkeit zwischen dem Aufwand einer Maßnahme und ihrem Nutzen für die Umwelt muss in jedem einzelnen Fall gewahrt sein.

3. Die starre Fristsetzung mit Strafandrohung muss vom Tisch. Die Initiative für die Maßnahme muss von der Gemeinde ausgehen und immer im Zusammenhang mit der Prüfung der öffentlichen Kanäle stehen.

Ich wünsche Ihnen und Ihrer Regierung ein erfolgreiches Jahr 2011 mit hoffentlich guten Nachrichten für die Bürger in NRW und verbleibe

mit freundlichen Grüßen

Nach den bisherigen Erfahrungen verspreche ich mir davon nicht allzu viel. Aber vielleicht ist eine frisch gebackene Regierungschefin noch offen für Anregungen aus dem Volk. Dass sie das selbst liest, glaube ich allerdings nicht. Das landet eher bei einem Referenten, der ihr dann bestenfalls eine kurze mündliche Zusammenfassung liefert. Schon diese Vorstellung entspringt vermutlich ausschließlich meinem Wunschdenken. Aber auch diesen Text kann ich sicher noch wiederverwenden.

Der Januar verläuft ansonsten ruhig. Mein jüngster Sohn hat inzwischen den Weg zu uns gefunden, nachdem Busse und Bahnen auch wieder in die Eifel fahren. Das Manuskript meines zweiten Buches ist inzwischen fertig. Der Titel lautet „Funkenflug“. Nach reiflicher Überlegung entscheide ich, die Geschichte um Seele und Tod mit biografischen Anteilen unter einem Pseudonym zu veröffentlichen und komme nach einigem Experimentieren mit Buchstabenkombinationen aus meinem Klarnamen schließlich bei dem Anagramm „Friedegis Heintger“ an. Meine Frau findet den gut und ist auch inhaltlich einverstanden mit der Veröffentlichung. Auch „Bewusstsein, Zeit und Symmetrien“ habe ich überarbeitet, vor allem die grafische Gestaltung des Covers. Die zweite Version gebe ich zehn Tage später frei.

Soweit es meine beruflichen Aufgaben zulassen, arbeite ich wegen des anhaltenden Winterwetters mit immer neuen Schneefällen weiterhin von zu Hause aus. Da einige meiner Kollegen ähnliche Probleme haben, etwa von Stuttgart aus nach Frankfurt zu kommen, ist das akzeptiert und nicht ungewöhnlich. Nur zu einem Kundentermin muss ich dann doch einmal aufbrechen – wegen Schneetreibens sechs Stunden Fahrt hin und zurück für zwei Stunden Gespräch im IT-Bereich einer Frankfurter Großbank. Na ja – da führt kein Weg daran vorbei und Job ist Job.

Mein Brief an Hannelore Kraft wurde an das Umweltministerium weitergeleitet. Eine Ministerpräsidentin hat wohl Besseres zu tun, als sich mit solchen Nebensächlichkeiten aufzuhalten. Von dem grünen Umweltminister Johannes Remmel kann ich bestimmt keine konstruktive Antwort erwarten. So schicke ich den Brief mit einem kurzen Anschreiben jetzt an einige Landtagsabgeordnete der umliegenden Wahlkreise und als Blindkopie an einen größeren Verteiler, später dann noch an BILD, Kölner Stadtanzeiger und Haus und Grund. Mal sehen, ob sich daraufhin etwas tut. Alle meine Anschreiben stelle ich jeweils auch auf die Internetseite zum Download und ermutige zum Kopieren.

Abgesehen von meinen eigenen direkten Aktionen erreichen mich Nachrichten über Aktivitäten im ganzen Land, die immer öfter auf Anregungen, Argumente, Texte auf meiner Seite zurückgreifen. Eine Unterschriftenliste aus meinem Auftritt macht die Runde, Vorschläge zu Online-Petitionen, Kettenbriefen gehen bei mir ein, Stellungnahmen von Politikern aller Couleur, von denen noch keiner ein Abweichen vom Gesetz erkennen lässt. Ich versuche, alles zu lesen und das Wichtigste zu beantworten, soweit meine Zeit das zulässt. Aber vieles nehme ich nur flüchtig zur Kenntnis, vergesse anderes einfach. Einen wirklichen Überblick darüber, wo gerade was läuft, habe ich schon jetzt nicht mehr, obwohl die Welle nun erst begonnen hat zu wachsen und noch wenig Wucht entwickelt. Dazu passiert viel zu viel parallel. Über meine Rolle bei dieser Entwicklung mache ich mir keine großen Gedanken. Ich weiß nur, dass ich selbst vor kaum acht Monaten noch keinerlei Protestaktivitäten in NRW im Netz auffinden konnte. Andernfalls würde „Alles dicht in NRW“ heute nicht existieren. Inzwischen ist es leicht für jeden Betroffenen, nach kurzer Recherche auf meine Initiative zu stoßen und erste Hilfe zu finden.

Ich habe weder die Zeit dazu, noch überhaupt das Bedürfnis, in irgendeine Aktion außerhalb meines direkten Wirkungskreises hinein zu grätschen. Ich kann bestenfalls Bälle aufnehmen, die mir zugespielt werden, und schnell weitergeben. Ich bin nicht einmal in der Lage, die daraus möglicherweise folgenden Aktivitäten zu verfolgen. Immer wieder werden Politiker, Zeitungen, Magazine, Fernsehen angeschrieben, Versammlungen abgehalten, Treffen mit einzelnen Volksvertretern organisiert, Petitionen gestellt. Meist bin ich auf Kopie. Manche der dabei ggf. verwendeten Texte stammen von meinem Webauftritt, oft etwas modifiziert, oft aber auch eins zu eins kopiert. Genauso soll es sein.

Barbara Werner aus Wadersloh informiert mich Ende Januar über die Stellungnahme unseres vormaligen Umweltministers der CDU, Eckhard Uhlenberg, in Sundern-Stockum und zitiert ihn: „Die Dichtheitsprüfungen für private Abwasserleitungen sind ein wichtiger Aufgabenbereich für die Betriebe des Garten- und Landschaftsbaus.“ Finde ich super – die sind immer noch im Goldrausch. Nichts scheint sich grundsätzlich zu bewegen. Außerdem hat sie nach diesem Treffen ein Schreiben verfasst, dass sie dem Bürgermeister vorlegen möchte:

Herr Eckhard Uhlenberg, die Dichtheitsprüfung, ein Bürgermeister, der sich nicht erinnern kann und die Belastung des Grundwassers mit PFT in Wadersloh

Eine kleine Chronik und eine Frage an den Bürgermeister für die Bürgersprechstunde:

Der Landtagspräsident Ex-Umweltminister NRW Eckhard Uhlenberg war am 06.01.11 in Wadersloh bei Berlinghoff zum Jahresgespräch. Ich stellte ein paar Fragen zur Notwendigkeit der Dichtheitsprüfung der Abwasserrohre für private Haushalte bis 2015.

Herr Uhlenbergs Antwort zusammengefasst: Gülle und menschliche Ausscheidungen kann man nicht miteinander vergleichen. Gülle ist Dünger. Außerdem muss eine EU-Richtlinie umgesetzt werden und es geht um den Schutz des Grundwassers vor PFT.

Das mit der EU-Richtlinie entsprach nicht der Wahrheit. Ich habe ihm dazu die Stellungnahme der EU-Kommission Umwelt vorgelegt.

Dann war da noch etwas: PFT? Ich hatte von dem Zeug noch nie gehört. Vielleicht hatte Herr Uhlenberg von PCB gesprochen?

Leider weigert sich Herr Uhlenberg überhaupt noch etwas zu dem Thema zu sagen. […]

Bei solchen Sätzen gehen mir bereits Gewaltphantasien durch den Kopf – da sollte man doch ‘reinhauen. PFT ist eine Industrie-Chemikalie, die keinesfalls in häuslichem Abwasser auftritt. Dass die EU-Richtlinie reine Fiktion ist, sollte sich auch inzwischen herumgesprochen haben. Es ist schon beschämend, wie einflussreiche Politiker in der Sache hilflos mit Nebelkerzen um sich werfen. Woher hat er nur den Mist? Unübersehbar haben die Einflüsterer der Kanalindustrie immer noch den weitaus größten Einfluss. Viele Mitstreiter glauben daher nur noch an Erleichterungen, nicht aber an die Möglichkeit einer grundlegenden Abkehr vom geltenden Gesetz. Auch Presse und Fernsehen greifen das Thema immer noch nicht aktiv auf. Artikelvorschläge werden ignoriert oder man lehnt freundlich ab, nur Leserbriefe erscheinen hin und wieder – mehr nicht. So erhält mein Nachbar Michael nach kaum zehn Tagen Nachricht von Monitor – die unverbindliche Absage entspricht dem Standard anderer Presseorgane.

Klaus meldet sich Ende Januar mit einem ersten Erfolg in Mönchengladbach. Die Fristen wurden angepasst entsprechend der neuen Vorlage und eine soziale Komponente vereinbart. Trotzdem ist er wie viele andere frustriert über die Fortschritte und schreibt eine Woche später „Mich interessiert inzwischen fast noch mehr die sture Blockade und Ignoranz durch die Presse.“ Er erarbeitet ein „Erste-Hilfe-Paket“ für betroffene Bürger, das über meinen Auftritt schnell großen Anklang findet. So schreibt Peter Sevenich() aus Erkelenz am 6. Februar an seinen Freund Klaus: „Der Internetauftritt ist beeindruckend. Ich bin schon dabei, das Schreiben auf Erkelenzer Verhältnisse umzuschreiben. Gruß Peter“. Ich selbst maile mehrfach Bürgermeisterin und Stadtrat an, informiere über Entscheidungen anderer Kommunen in der Sache, und schreibe per Briefpost an alle Bürgermeister der umliegenden Städte und Gemeinden. Alle Anschreiben stelle ich zum Download bereit. Ähnliche Aktivitäten starten viele Mitstreiter in NRW.