Regelverstöße

Laute Flüche drangen aus der Garage durch die geöffnete Tür in die Diele. Früher wäre ihm das nicht passiert. Er war aus der Übung in solchen Dingen. Wäre jemand im Haus gewesen, hätte der sich sicher Sorgen gemacht und sich gefragt, welche Katastrophe dort ihren Lauf nahm. Klaus stand mit Schutzbrille und einem Lötbrenner in der Hand vor einem alten Tisch mit einem verrosteten Laborstativ darauf. Auf dessen Fußplatte hatte sich zwischen den Scherben eines geborstenen Porzellantiegels eine teils gelblich körnige, teils unter einer schwarzen Schlacke noch rotglühend geschmolzene Masse gesammelt. Er hätte es wissen müssen. Einen solchen Behälter musste man vorsichtig von allen Seiten gleichmäßig erwärmen. Aber er war zu ungeduldig gewesen, hatte den typischen Anfängerfehler begangen. So hatte sich mit einem vernehmlichen Knacken der Boden gelöst und war mit dem teilweise schon geschmolzenen Inhalt aus der Halterung gefallen. Um den Tiegel tat es ihm leid. Nicht wegen seines Wertes, sondern wegen seines Alters. Erinnerungen hingen daran. Neben einigen weiteren Utensilien gehörte er zu den wenigen Überbleibseln seines kleinen Labors, das er vor fünfzig Jahren auf dem Dachboden seiner Großeltern betrieben hatte. „Verdammter Mist, das darf doch wohl nicht wahr sein!“ schimpfte er weiter vernehmlich vor sich hin. Aber das war jetzt nicht mehr zu ändern. Klaus stellte den Brenner ab und wartete, bis die rotglühende Masse erkaltet war. „Naja“ beruhigte er sich allmählich „Aus Fehlern lernt man – irgendwann begreift es jeder Idiot“ brummelte er und ergänzte „aber leider gilt das nicht immer und nicht für jeden.“ Dann legte er seufzend die Schutzbrille aus der Hand und ging ins Haus. Aufräumen würde er später. Er wusch sorgfältig Hände und Gesicht. Das nächste Mal würde er Schutzhandschuhe tragen. Dann ging er in sein Arbeitszimmer, um einige Recherchen zu Ende zu bringen, die er sich vorgenommen hatte. Sie hatten nichts mit seinem misslungenen Experiment zu tun, sondern drehten sich um andere Interessen.

 

Das Büro – wenn man es denn so nennen wollte – sah ziemlich unaufgeräumt aus. Je nachdem wohin man schaute, wirkte es eher wie eine Werkstatt, oder wie ein Labor. Auf einem Tisch in der Mitte des Raumes stand neben einer hochwertigen Spiegelreflexkamera eine Vakuumpumpe, die über einen dicken roten Gummischlauch mit einem kugelförmigen Exsikator aus Plexiglas verbunden war. Darin befand sich eine kleine Heizplatte, deren Zuleitung luftdicht nach außen geführt war. Martha hatte er erklärt, damit ihre Gewürze trocknen zu wollen. Ein erster Versuch dazu war allerdings kläglich gescheitert. Zu seiner Verblüffung waren die Schnitzel der Paprikaschote hart gefroren, statt einfach ihr Wasser im Vakuum abzugeben und zu trocknen.

Ein betagter Laptop, eine grüne Kabelrolle und ein Spender für Einweg-Gummihandschuhe vervollständigten das chaotische Bild. Links in zwei Fächern eines Bücherregals fanden sich einige Laborutensilien wie Reagenzgläser, eine Porzellanschale, mehrere Erlenmeyerkolben und Bechergläser, dahinter einige Chemikalien – harmlose, frei erhältliche Substanzen. Gelbes Blutlaugensalz etwa fand sich in vielen chemischen Lehrkästen und wurde aus Tierresten gewonnen. Es diente manchmal zur Züchtung wunderschöner Kristalle. Pottasche war hin und wieder noch als Backpulver in Gebrauch. Neben einem Tütchen Eisenspäne fanden sich dort noch Schwefelblumen – das gelbe Pulver galt früher einmal als bewährtes Hausmittel gegen diverse Leiden – , und eine Flasche Salzsäure zu Reinigungszwecken. Auf einem kleinen Tisch im Regal rechts stand noch eine uralte Kugelkopfschreibmaschine, daneben ein Tonbandgerät mit diversen Bandrollen, Plattenspieler mit Plattensammlung auf einer röhrenbestückten Musiktruhe aus den 60-er Jahren des letzten Jahrhunderts.

Klaus setzte sich an seinen Schreibtisch, unter dem gleich mehrere Computer standen, die sich eine Tastatur, Maus und Bildschirm teilten. Einige Kabel lagen herum und ein Lötkolben auf einem Metallständer. Er rief ein Dokument auf, las eine Weile und begann zu schreiben. Das Thema beschäftigte ihn schon seit langem. Bewusstsein, Zeit und Symmetrien hingen irgendwie zusammen mit Begriffen wie Intelligenz, Seele, Gravitation, Quantenmechanik und er wollte seit langem schon herausfinden, wie. Zwei Stunden später hörte er Martha nach Hause kommen, als sie ihren Wagen in die Garage fuhr. Er unterbrach seine Arbeit, um sie zu empfangen. Oft brachte sie Kuchen oder Teilchen mit und freute sich dann darauf, einen Kaffee zusammen mit ihm zu trinken. Sein missglücktes Experiment hatte er inzwischen schon vergessen.

Süße Teilchen gab es diesmal keine und so blieb es bei Kaffee und Keksen. „Wie war's bei der Arbeit, Schatz?“ Marthas Stirn zeigte einige Sorgenfalten. „Wir haben diese Woche eine Betriebsprüfung in der Firma. Die nehmen jede einzelne Buchung unter die Lupe. Das beschäftigt mich die ganze Zeit. Die Regeln werden jedes Jahr mehr, immer unübersichtlicher und widersprüchlicher. Ich weiß oft nicht, wie ich bestimmte Vorgänge und Anlagen bewerten soll. Was im letzten Jahr richtig war, kann jetzt komplett falsch ein. Ich stehe dann regelmäßig am Pranger, wenn rückwirkend irgendwelche Sachverhalte geändert werden, die jahrelang von den Finanzbehörden nicht beanstandet wurden. Mein Chef bezweifelt glücklicherweise nicht meine Kompetenz. Dazu kennen wir uns schon zu lange. Trotzdem muss ich mir jedes mal unangenehme Fragen gefallen lassen.“ Klaus verstand durchaus, wovon seine Frau da sprach. „So ist das mit Regeln: zu wenige davon führen genauso zu Willkür wie zu viele.“ Martha pflichtete ihm ohne Nachfrage bei. „Weshalb aber begreift das keiner? Eigentlich müssten für jede neue Regel zwei alte abgeschafft werden. Das wäre die einzig richtige Vorgabe. Aber wenn alles einfacher würde, verlören wohl viele Beamte im Finanzministerium ihre Existenzberechtigung. Deshalb bleibt es wohl zum Thema Bürokratieabbau jedes mal bei Lippenbekenntnissen und das genaue Gegenteil passiert.“ „Das ist ja nicht nur im Steuerrecht der Fall. Den Trend zu immer neuen Vorschriften und Verboten gibt es auch überall sonst. Anscheinend wollen die Leute das ja, sonst würden sie anders wählen.“ ergänzte Klaus. Unweigerlich rückte schließlich die Politik in den Vordergrund, die allgemeine Unzufriedenheit, die Unfähigkeit der Politiker, die Dummheit der Mitbürger, die die der arroganten Führungsfiguren offenbar noch übertraf – nichts von wirklichem Belang also. Bis zum Abendessen zog Klaus sich wieder in sein Arbeitszimmer zurück.

Am nächsten Morgen, nach dem gemeinsamen Frühstück, wunderte Martha sich über einen merkwürdigen Geruch. „Klaus!“ Im Gegensatz zu ihrem Mann musste sie noch jeden Morgen aus dem Haus. Sicherlich hätte auch sie schon in Rente gehen können, zog diesen Augenblick aber im Gegensatz zu ihrem Mann soweit wie möglich hinaus. „Klaus, kommst du mal bitte 'runter!“ Der Gerufene fühlte sich endlich angesprochen, stellte die elektrische Zahnbürste zur Seite, spülte seinen Mund kurz aus und öffnete die Badezimmertüre. „Hast du mich gerufen?“ „Ja, komm bitte mal hierher. Irgendwas stimmt nicht. Ich glaube, es riecht nach Gas. Hast du irgendwas in der Garage gemacht?“ Klaus schlurfte im Schlafanzug barfuß die Treppe herunter und sog tief die Luft ein. Die Türe zur Garage stand offen und so strömte ein dezenter Geruch nach bitteren Mandeln ins Haus. Klaus erschrak „Oh – ach ja – das hatte ich ganz vergessen. Es ist nichts Schlimmes. Entschuldige bitte. Ich hatte nur gestern etwas ausprobiert und habe eine kleine Sauerei hinterlassen. Ich mach das gleich weg.“ sprach er und verschwand schnell wieder die Treppe hinauf ins Badezimmer. Eine echte Gefahr bestand diesmal nicht. Ihn erschreckte eher seine eigene Vergesslichkeit. Nachdem seine Frau gefahren war, zog er den Tisch mit allem was darauf war auf die Terrasse und spritze alles mit einem Schlauch gründlich ab. Danach lüftete er ausgiebig. Beim nächsten Mal würde er vorsichtiger sein. Damit hatte es aber keine Eile. Erst einmal waren unter anderem einige neue Tiegel und Porzellanschalen zu beschaffen.

Im Übrigen war Klaus eher verschlossen. Von sich erzählte er meist erst dann etwas, wenn er direkt gefragt wurde und beendete seine Ausführungen abrupt schon beim ersten Anschein von schwindendem Interesse. Kontakte über seine Familie hinaus hatte er nur wenige. Dafür war Martha zuständig. Über seine Kinder und Enkel fühlte er sich durchaus ausreichend mit seiner Umwelt vernetzt. Nicht einmal sie verstanden genau, was ihren Vater und Großvater eigentlich umtrieb.

Martha hatte Freunde und Nachbarn eingeladen zum Brunch anlässlich seines Geburtstags. Eigentlich waren es Martha's Freunde und auch die Nachbarn kamen eher ihretwegen. Klaus vermutete wohl nicht völlig zu unrecht, dass kaum die Hälfte der Leute gekommen wären, hätte er selbst und nicht seine Frau die Einladung ausgesprochen. Martha war eindeutig zuständig für alle Beziehungen außerhalb der Familie. Auch die Gespräche während der Feier lagen primär in Marthas Zuständigkeit, so wie Kuchen, Tischdeko, Getränke. Martha kompensierte alle zwischenmenschlichen Defizite ihres Gatten. Kurz nach zehn Uhr vormittags klingelte es an der Haustüre. „Hallo Klara, guten Morgen, schön dass du kommen konntest. Bitte komm rein.“ „Bin ich schon wieder die Erste?“ „Irgendjemand muss es ja sein. Außerdem bist du einfach nur pünktlich, im Gegensatz zu allen anderen. Danke dafür, dass ich jetzt auch anfangen kann, zu frühstücken.“ Klaus hoffte, dass die Worte herzlich klangen. Er half der Nachbarin aus der dicken Daunenjacke und hängte sie an die Garderobe. Er hatte es sich angewöhnt, ein leichtes Lächeln auf den Lippen zu tragen, unabhängig von seinem Gemütszustand. Es war schon ein Reflex. Griesgrame konnte halt niemand leiden. Und jetzt war das Lächeln auch als solches gemeint.

Klaus Stock war niemand, an den man sich im Allgemeinen wirklich erinnerte. Obwohl die meisten Mitmenschen ihn mit seinen fast einen Meter neunzig Körpergröße, den blauen Augen und ehemals blonden, jetzt grauen und oben deutlich gelichteten Haaren eher zu den gutaussehenden Herrn fortgeschrittenen Alters gezählt haben würden. Davon abgesehen wirkte er zurückhaltend, distanziert, ohne wirklich kontaktscheu zu sein, oft unsicher, unentschlossen, farblos. Tatsächlich konnte er auf Leute, die er nicht kannte, direkt und offen zugehen, Fragen stellen, sich erkundigen. Nur erlahmte sein anfänglich echtes Interesse schnell mangels gemeinsamer Themen. An den meisten Dingen, die andere Leute für wichtig hielten und sie tief berührten, war er vollkommen desinteressiert. Die Begriffe „Wichtig“ und „Unwichtig“ hatten für Klaus eine offensichtlich andere, von der allgemeinen Wahrnehmung losgelöste Bedeutung. „Normale“ Gespräche mit ihm endeten so regelmäßig im Nirwana. Er verlor dann schnell den Faden und vergaß sogar, um welches Thema es gerade ging. Manchmal antwortete er auf eine deutliche gestellte Frage nicht, weil er sie tatsächlich nicht gehört hatte. Ein anderes Mal wiederholte er eine Frage mehrfach, weil er sich nicht mehr an die Antwort erinnerte, oder er gab dem Gespräch eine plötzliche Wendung, die wohl nur für ihn selbst logisch erschien, der jedoch niemand sonst folgen konnte. Kurzum wirkte Klaus bei Themen von allgemeinem Interesse nach kurzer Zeit meist vollkommen abwesend.

Klara, die ältere Dame aus der Nachbarschaft, war schon fast so etwas wie ein Familienmitglied. Sie sah das so und auch Klaus hatte durchaus nichts gegen diese Einordnung. Sie erzählte oft hinreißende Geschichten aus ihrem langen Leben. Mit über achtzig Jahren betrieb sie noch aktiv Sport beim Turnen und Wandern. Sogar Kletterhallen besuchte sie gelegentlich. Sie hatte weder Kinder noch sonstige Verwandte und wirkte sichtlich glücklich über die gelegentlichen Einladungen. Klaus bedauerte, ihren Mann erst kurz vor dessen Tod kennengelernt zu haben. Er begleitete sie ins Wohnzimmer an den gedeckten Frühstückstisch, reichte ihr den Brotkorb und begann dann selbst, sich eine Scheibe zu belegen. Neben seiner Frau war er schon seit dem frühen Morgen mit den Vorbereitungen beschäftigt gewesen und wirklich hungrig. Martha war noch in der Küche mit weiteren Arbeiten beschäftigt.

Innerhalb der nächsten Stunde trudelten dann die anderen Gäste nach und nach ein, begrüßt von Martha oder Klaus. Wie üblich verfolgte er das eine oder andere Gespräch nur anfangs mehr oder weniger aufmerksam, um dann schnell das Interesse zu verlieren. Schließlich verschwand er für fast eine Stunde im Keller in seinem Arbeitszimmer, nur um für einige Zeit alleine sein zu können, zu lesen, nachzudenken, Ideen niederzuschreiben, die ihm durch den Kopf gegangen waren, während ein Gespräch gerade dahinplätscherte. Dass er eigentlich die Hauptperson der Gesellschaft war, hatte er schon vergessen.

Neben anderen Hobbys beschäftigten Klaus schon seit langer Zeit Fragen nach dem Ursprung von Intelligenz, von Bewusstsein aus einem naturwissenschaftlichen Blickwinkel. Da er anfangs keinerlei zufriedenstellende, modellhafte Ansätze vorfand, hatte er vor fast zwanzig Jahren eine private Grundlagenforschung begonnen, die er mal mehr, mal weniger intensiv betrieb und zeitweise auch ganz aussetzte. Dabei war er im Laufe der Zeit auf faszinierende Beziehungen zwischen Quantenmechanik, Relativitätstheorie und den Charakteristika intelligenten Handelns und Entscheidens gestoßen, zu denen es in der Literatur bestenfalls vage Andeutungen gab. Klaus hatte ein Modell entwickelt, dass sich trotz seiner mathematischen Ausbildung schnell einer grundlegenden Analyse und Beweisführung entzog. Obwohl er deshalb nicht genau verstand warum, funktionierte es hervorragend in seiner Computersimulation, die er immer wieder erweiterte und verbesserte. Klaus träumte davon, eine echte, selbständige Intelligenz zu erschaffen. Manchmal stellte er sich vor, wie diese sich danach im weltweiten Computernetzwerk entfalten, es kontrollieren, Ordnung schaffen und so vorhandene Missstände und Fehlentwicklungen in der realen Welt korrigieren würde. Er verstand darunter nicht diesen unzulänglichen Abklatsch von Systemen und Forschungsvorhaben, die sich hinter dem Begriff „Künstliche Intelligenz“ - kurz KI – versammelt hatten. Das alles hatte mit echter Intelligenz nichts zu tun. Das waren bestenfalls sehr komplexe Computerprogramme, deren Leistungen intelligent aussahen, aber zu keinerlei echter Kreativität imstande waren. Sie verknüpften nur vorhandenes Wissen immer wieder aufs Neue, stellten Verbindungen her, recherchierten ungeheuer schnell in ungeheuer vielen und ungeheuer großen Datenbanken, formulierten um und kneteten alles so lange durch, bis es als etwas kreativ Neues erschien. Aber im Grunde war das alles von Irgendwem vorausgedacht, berechenbar, und bei gleicher Datenlage beliebig wiederholbar. Echte Intelligenz konnte Überraschendes hervorbringen. Echte Kreativität war immer überraschend, nicht wiederholbar und schon gar nicht berechenbar.

Allerdings, musste er sich eingestehen, waren das Verhalten der meisten Menschen genauso voraussehbar wie das einer Maschine. Und natürlich war auch so etwas enorm wichtig. Als Albert Einstein seine Relativitätstheorie als wirklich kreative Meisterleistung geschrieben hatte, war es unbedingt notwendig und wertvoll, die Schlussfolgerungen zu ziehen, die Verknüpfungen zu anderen bekannten Tatsachen herzustellen und immer wieder neu die Grenzen der neuen Theorie auszuloten. So etwas war durchaus berechenbar. Aber keines dieser modernen KI-Programme wäre auch nur ansatzweise in der Lage, so etwas wie die Relativitätstheorie zu finden, oder die Grundgleichungen der Quantenmechanik, oder die Gesetze der Gravitation. Nichts davon ließ sich direkt aus den jeweils bis dahin bekannten Theorien herleiten. Dazu bedurfte es eines Einstein, eines Heisenberg, eines Newton. Für die Verifizierung und Erweiterung solcher Einzelleistungen aber konnte man heutzutage durchaus – zumindest teilweise – Computer heranziehen. Jeder wirklich kreative Geistesblitz, der vielleicht von einem Wissenschaftler in wenigen Wochen niedergeschrieben wurde, zog Jahre und Jahrzehnte solch systematischer Forschung nach sich.

Kreativität dagegen war immer etwas Plötzliches, Unvorhergesehenes, das sich nicht durch systematisches Vorgehen aus vorhandenem Wissen ableiten ließ. Klaus träumte genau davon, eine echte Intelligenz mit echter Kreativität zu erschaffen und tief in seinem Innern hörte er ein schwaches Echo seiner eigenen früheren Gedanken: „Gott stehe uns bei, wenn es jemandem gelingen sollte“.

Erst Marthas aufgebrachter Anruf über die Haustelefonanlage riss ihn aus seinen Gedanken. „Klaus, was machst du denn schon wieder!?“ Die Frage war rein rhetorischer Art und verlangte keine Antwort. „Kommst du bitte sofort hoch! Die Gäste wundern sich schon. Und überleg' dir schon mal eine glaubhafte Ausrede.“ Natürlich war seine Abwesenheit aufgefallen und ein Gast hatte gefragt, ob ihm nicht gut sei. Martha war durchaus nicht erfreut über Klaus' Verhalten, obwohl sie das zur Genüge kannte. Er konnte ihr den Vorwurf nicht verdenken und erinnerte sich wieder an seine Pflichten als Gastgeber.

Unauffällig, wie er glaubte, setzte er sich auf einen freien Platz am Tisch. Er hörte kurz den gerade laufenden Gesprächen zu und griff dann in eine ihm interessant erscheinende Diskussion ein. Volkmar, ein pensionierter Lehrer, dozierte gerade über das Topthema der letzten Wochen, dass in keiner Nachrichtensendung und keiner Talkrunde fehlte. „Diese kosmischen Geschosse sind latent gefährlich. Leider halten sich viele nicht in der Umlaufbahn weit draußen, im Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter. Da sind sie weit genug weg von uns. Asteroiden vom Typ Aten folgen anderen Umlaufbahnen, die weit in den inneren Bereich der Planeten vordringen. Manchmal katapultiert auch die gewaltige Gravitation des Riesenplaneten Jupiter den einen oder anderen Himmelkörper dort aus seiner regelmäßigen Bahn. Sie können tatsächlich im Verlauf ihres Sonnenumlaufs auch der Erde gefährlich nahe kommen. Sie sind als Erdbahnkreuzer bekannt, andere sogar als Merkur und Venusbahnkreuzer, und kommen damit sogar der Sonne gefährlich nahe – gefährlich in dem Fall aber nur für den Asteroiden. Die Sonne würde einen solchen Einschlag kaum bemerken, nicht einmal wenn eine ganze Erde sie treffen würde. Aber für die Erde ist die Gefahr eines Einschlags durchaus real und leider nicht aus der Luft gegriffen. Schon die Saurier sind vermutlich durch einen solchen Einschlag ausgestorben und der Menschheit würde es kaum besser ergehen.“ Und dann beschrieb er blumig die apokalyptischen Auswirkungen eines Treffers durch einen Körper mit mehr als zehn Kilometern Durchmesser, erzählte in den grellsten Farben von verdampfenden Meeren, geschmolzenen Kontinenten, glühendem Regen aus flüssigem Gestein und Lufttemperaturen von mehr als vierhundert Grad Celsius, die kein größeres lebendes Wesen überstehen würde. Die Zuhörer schauderten bei dem Gedanken.

Natürlich ging es dabei um die seit einigen Monaten öffentlich hochgespielte Bedrohung durch einen Aten-Asteroiden. Politik und die Berichterstattung in den Medien ließen keinen Zweifel daran, dass dieser Himmelskörper die Erde in den nächsten beiden Jahrzehnten treffen würde mit apokalyptischen Auswirkungen. Volkmar zeigte sich vollkommen überzeugt, dass die Gefahr bestand und man sie abwenden könne. „Die Menschheit muss jetzt einfach zusammenhalten und konsequent das tun, was nötig ist. Geld darf da keine Rolle spielen. Notfalls müssen alle Volkswirtschaften der Erde auf dieses eine Ziel hinarbeiten und ihm alle verfügbaren Mittel unterordnen. Dann können wir es durchaus schaffen und den Asteroiden zerstören, bevor er die Erde erreicht. Aber wenn wir uns nicht einig sind, ist unser Untergang unabwendbar.“ Natürlich erntete er allgemeine Zustimmung bei seinen Zuhörern. Wer auch hätte es wagen können, solch überzeugenden Argumenten die Gefolgschaft zu verweigern.

Klara blieb trotzdem skeptisch „Sind denn die Fakten wirklich gesichert? Ich habe von anderen Leuten gehört, dass es durchaus Zweifel an dem Szenario gibt.“ Auch Karl-Udo, wegen seiner verschlissenen Gelenke Frührentner und früher Zimmermann, sah skeptisch drein, wagte aber keinen Einwand, weil ihm einfach die Detailkenntnis fehlte. Marlene, Buchhalterin in Altersteilzeit, guckte unschlüssig. Im Gegensatz dazu stand Uwe, ein ehemaliger Richter, uneingeschränkt auf der Seite des Vortragenden und wies Klara auf die besondere Lage hin „In diesem Fall habe ich keine Zweifel, dass es sich um einen nationalen, oder besser gesagt sogar weltweiten Notstand handelt, für den andere Regeln gelten. Unser Grundgesetz erlaubt es in einem solchen Fall schon jetzt, einige der bürgerlichen Grundrechte einzuschränken. Außerdem gibt es mit dem §109 StGB den Tatbestand der Straftaten gegen die Landesverteidigung – früher einmal Wehrkraftzersetzung genannt – , die von jedem Staat vor allem im Kriegs- und Krisenfall unter besonders harte Strafen gestellt werden. Auch nach geltendem Recht sind drastische Zwangsmaßnahmen möglich und meiner Ansicht nach sogar geboten.“

Klaras unerwarteter Einwand und die Unterstützung durch Uwe brachten Volkmar richtig in Fahrt „Leider ist daran kein vernünftiger Zweifel möglich. Chaoten und Besserwisser hat es schon immer gegeben. Ich halte deren Störmanöver in diesem Fall für verantwortungslos. Wissenschaftlich sind alle Fakten gesichert und ausnahmslos alle namhaften Wissenschaftler sind sich einig darin, dass ohne Gegenmaßnahmen die Katastrophe unweigerlich eintritt. Jetzt noch Zweifel zu sähen und damit die notwendigen Maßnahmen zu verzögern ist wirklich unverantwortlich. Die Kritiker haben keine wirklichen Argumente und glücklicherweise berücksichtigt die seriöse Presse die auch nicht. Alle verantwortungsvollen Politiker ziehen hier vernünftigerweise an einem Strang.“ „Bist du denn denn auch der Meinung, man sollte andersdenkende Wissenschaftler mit Berufsverboten belegen oder Zweifler einsperren? Irgendein kanadischer Politiker hatte so was – glaube ich – letzte Woche noch gefordert. Und irgendein Professor in Australien hatte, soweit ich mich erinnere, sogar die Todesstrafe erwogen, weil Kritiker Milliarden Menschenleben gefährden würden.“ beharrte Klara. „Soweit würde ich vielleicht nicht gehen und die Kritiker können auch keine seriösen Wissenschaftler sein. Aber verstehen kann ich schon, dass organisierte Bremser und fremdgesteuerte Zweifler, die die notwendigen Maßnahmen verzögern oder gar aus eigennützigen Motiven heraus verhindern wollen, in dieser schicksalhaften Situation bekämpft werden müssen.“

Das entsprach der öffentlichen Diskussion zu dem Thema. Jedes denkbare Opfer der Gemeinschaft war daher zweifelsfrei zu akzeptieren, wenn es der Gefahrenabwehr diente. Filmische Machwerke dazu, teilweise sogar aus öffentlichen Mitteln finanziert, geisterten seit Monaten durch die Massenmedien um die Hysterie zu befeuern. Bedeutende Geldströme wurden bereits umgeleitet in einschlägige Forschungsvorhaben, in Raumfahrt- und Rüstungsprojekte, um der unausweichlichen Gefahr zu begegnen. Der weit überwiegende Teil der Bevölkerung stand hinter den damit verbundenen Entscheidungen und Einschnitten. Wissenschaftler, die sich der Kampagne entgegenstellten und eine tatsächliche Kollision für extrem unwahrscheinlich hielten, wurden medial als Scharlatane, Dilettanten, gewissenlose, bezahlte Schönredner gebrandmarkt und mussten um ihre Karriere fürchten.

Hier konnte Klaus sich nicht mehr zurückhalten. Ohnehin war er immer skeptisch, wenn es um Mehrheitsmeinungen ging. War nicht auch im Mittelalter eine Mehrheit der Bevölkerung mit den Inquisitoren einer Meinung gewesen, dass Missernten, Kälte, Hagel und die damals ungünstige Klimaentwicklung insgesamt von Hexen verursacht wurde und somit deren Denunziation, Folterung und Verbrennung gerechtfertigt sei? Oder gab es bei den Maja etwa eine nennenswerte Opposition, die die Wirksamkeit von Menschenopfern gegen den von den Göttern herbeigeführten Klimawandel in Zweifel zog? Wo alle einer Meinung sind, wurde meistens gelogen. Dann ging es nicht mehr um die Sache oder die besseren Argumente. Dann ging es um Macht, Machterhalt, darum, Recht zu behalten und letztlich um viel Geld. Deshalb neigte Klaus zu Fundamentalopposition und genoss die Rolle des Advocatus Diaboli. Ein allgemeiner Konsens ging ihm schon aus Prinzip gründlich gegen den Strich. Er hatte auch kein Problem damit, eine Meinung, die er gestern noch vehement verteidigt hatte, heute in Frage zu stellen oder ihr genaues Gegenteil zu vertreten. Schließlich hatte fast jede Position ihre Berechtigung. Es war meist eine Frage der Auswahl der Fakten, die man zugrunde legte und welche man unbeachtet ließ, die dann beinahe zwingend die eine oder die andere Wahrheit als die einzig richtige erscheinen ließ. Deshalb war eine allgemein anerkannte Wahrheit immer auch eine Frage der Macht über die bekannte Faktenlage.

So war es nur natürlich, dass er jetzt seiner Nachbarin zur Seite sprang. „Volkmar, du bist doch Lehrer. Da solltest du doch auch etwas vom Wesen der Wissenschaft verstehen. Schließlich hast du doch unter anderem Physik unterrichtet.“ Schon diese Einleitung war pure Provokation. Für Volkmar kam der Angriff aus heiterem Himmel und er spürte unerwartet einen scharfen Gegenwind heraufziehen. „Worauf willst du hinaus?“ fragte er vorsichtig. „Zweifel gehören fundamental zum Wesen der Wissenschaft. Du erinnerst dich vielleicht an den zu seiner Zeit äußerst einflussreichen Physiker Maxwell, der Ende des neunzehnten Jahrhunderts schon verkündete, alle Geheimnisse der Physik seien geklärt und folgende Generationen von Wissenschaftlern würden sich wohl nur noch um die immer genauere Bestimmung der physikalischen Konstanten seiner Theorie beschäftigen. Damit erklärte er den physikalischen Diskurs im Kern für beendet. Das sich das als wirklich großer Irrtum der damals etablierten Wissenschaft herausgestellt hat, wissen wir ja. Er fand eine durchaus große und namhafte Anhängerschaft darin. Vermutlich entsprach das damals der Mehrheitsmeinung. Die Wirkung hätte fatal sein können. Hätten Leute wie Einstein oder Heisenberg sich dem von berufener Stelle ausgesprochenen Denkverbot untergeordnet, gäbe es heute weder Raumfahrt noch GPS.“ „Ja – und?“ Die vorangegangene Kränkung hatte Volkmar noch nicht vergessen und seine Erwiderung fiel lauter aus, als er eigentlich beabsichtigte „Hier geht es aber um die Zukunft der Menschheit und Zweifel gefährden letztlich Milliarden Menschenleben. Das ist nicht vergleichbar. Was hat das eine mit dem anderen zu tun?“ Auch Klaus kam langsam in Fahrt. „Ich will auf folgendes hinaus: Mit Wissenschaft hat die ganze öffentliche Diskussion nicht mehr das Geringste zu tun. Rede- und Denkverbote haben darin keinen Platz und verhindern jeden Fortschritt. Wissenschaft kann nur leben und überleben, indem sie alles jederzeit in Zweifel zieht, ständig neu bewertet und Modelle immer wieder wertfrei an der Wirklichkeit misst. Den angeblichen Konsens aller Wissenschaftler kann es gar nicht geben.“

Volkmar unterdrückte nur noch mit Mühe seine aufkeimende Aggressivität. Er fühlte sich wie jemand, der noch sicher auf einem Seil steht und sieht, wie ein Zuschauer unter ihm beginnt, vollreife Tomaten auszupacken, während alle anderen noch applaudieren. „Ich verstehe immer noch nicht ganz, worauf du hinauswillst. Es geht um Menschenleben und die zu retten muss jedes Mittel recht sein. Wer hier notwendige Maßnahmen verhindert, macht sich letztlich des Massenmords schuldig.“ Auch Klaus wurde nun lauter. Alle Gäste verfolgten inzwischen den heißblütigen Disput. „Du hast behauptet, es gebe einen Konsens der Wissenschaft in der Sache und ich habe dir dargelegt, dass es den nicht geben kann. Woher kommen also die Berichte, die das Gegenteil behaupten? Wer sind denn die Zensoren, die nur noch eine Meinung als zulässig verordnen, wenn es offenbar nicht die Wissenschaftler in ihrer Gesamtheit sind? Ich will nur festhalten, dass der angebliche wissenschaftliche Konsens eine Illusion ist und von Politikern verordnet wurde. Hier geht es nicht darum, ob die Entscheidungen richtig oder falsch sind. Es geht darum, dass diese Entscheidungen ihrer Natur nach politisch sind. Nur Leute ohne jede Ahnung von wissenschaftlicher Arbeit können auf die Idee kommen, den wissenschaftlichen Diskurs in einer Sache für beendet zu erklären. Hier geht es ausschließlich um Politik, mit schon religiösen Zügen. Für mich fühlt sich das ganze Gehabe eher an wie die Vorbereitung auf einen Krieg. Da stirbt bekanntlich auch die Wahrheit zuerst.“ Wenn er in Fahrt kam, hatte Klaus seine Sprache nur unzureichend unter Kontrolle und schoss mit drastischen Vergleichen gerne einmal über das Ziel hinaus. „Zensur hat nichts wissenschaftliches an sich und hat immer ausschließlich politische oder religiöse Ursachen. Jeder Mensch, der noch bei Verstand ist, sollte sich darüber eigentlich klar sein.“ Klara und Karl-Udo nickten heftig bei dem Vortrag, Uwe sagte nichts und Martha überlegte, ob sie ihren Mann besser stoppen sollte, um den Frieden in der Runde zu wahren. Volkmar wirkte fast beleidigt und schwieg. Hatte Klaus ihn gerade als Deppen gebrandmarkt und seinen Verstand in Zweifel gezogen?

Für solche Stimmungslagen war Klaus unempfindlich. Er setzte noch nach „Und wie willst du denn den Asteroiden zerstören?“ „Ich denke, eine nukleare Sprengung, oder viele davon mit einem dutzend Raketen, würde ihn in Stücke reißen können. Das ist es ja auch, wozu die Experten raten.“ äußerte Volkmar unsicher. „Als ehemaliger Physiklehrer kennst du doch den Impulserhaltungssatz – solltest du jedenfalls.“ Klaus wurde allmählich persönlich. „Wenn du das gewaltige Gewicht und die enorme Geschwindigkeit eines zehn Kilometer großen Asteroiden ins Verhältnis setzt zu Gewicht und Geschwindigkeit selbst dutzender Raketen, dann ist doch klar, dass der Himmelkörper durch noch so intensiven Beschuss nicht spürbar von seiner Bahn abzubringen ist. Rechne es einfach einmal selbst durch. Du kriegst das sicher hin. Das Ergebnis dürfte dich überraschen.“ „Der Impuls der Raketen reicht sicher nicht dazu aus.“ bestätigte Volkmar zögernd „Aber dann erfolgen ja die gewaltigen Explosionen der riesigen Nuklearsprengköpfe – tonnenschwere Wasserstoffbomben, jede mit der viel tausendfachen Sprengkraft der Hiroshima-Bombe. Die sind ja gerade in ihrer Entwicklung und die Ingenieure melden wöchentlich neue Rekorde.“ Klaus sah in jetzt fast mitleidig an „Keine noch so starke Explosion verändert den Gesamtimpuls eines solchen weitgehend geschlossenen Systems. Das müsstest du eigentlich wissen.“ belehrte er Volkmar herablassend. Alle anderen Zuhörer hatten hier längst den Faden verloren und verfolgten nur noch interessiert den Ausgang des Zweikampfes. „Anstatt dass uns dann ein Brocken von zehn Kilometern trifft, werden es wohl vielleicht zehn davon mit jeweils mehreren Kilometern Durchmesser sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das besser wäre. Selbst wenn wir den in zentimetergroße Stücke zerreiben könnten – was extrem unwahrscheinlich wäre – , würden uns viele Milliarden davon treffen, in der Atmosphäre verglühen und die auf viele hundert Grad weltweit aufheizen. Außerdem sind die Modelle, die den Einschlag vorhersagen, extrem ungenau. Keines davon kann den bisherigen Bahnverlauf korrekt wiedergeben. Wie kann man dann zu der Behauptung kommen, dass damit die weitere Entwicklung genau zu prognostizieren ist? Es ist nicht unwahrscheinlich, dass erst unsere Manipulationsversuche den Asteroiden auf Kollisionskurs bringen und er ohne die geplanten Eingriffe die Erde um einige tausend Kilometer verfehlen würde. Vielleicht sollten wir besser versuchen, einige tausend Menschen auf den Mars zu evakuieren, um sie vor dem Aussterben zu bewahren. Das wäre zumindest realisierbar, würde nur einen Bruchteil der Kosten verursachen und stände im Einklang mit der Physik.“

Klaus kam noch weiter in Fahrt. Er erinnerte an die gerade erst abflauende Klimahysterie, die sich nur zäh auflöste und immer noch in den Medien und den Köpfen nach schwang. Die letzte Finanzkrise hatte ganze Staaten fast in den Bankrott getrieben und gigantische Subventionsströme vielerorts versiegen lassen. Glücklicherweise weigerten sich danach auch die projizierten Untergangsszenarien einzutreten. Die Klimakatastrophe würde wohl nicht stattfinden. Im Gegenteil häuften sich die Anzeichen dafür, dass die Temperaturen allmählich fielen und auch dieser Klimawandel mit umgekehrtem Vorzeichen war letztlich so wenig zu verhindern wie Erdbeben und Vulkanausbrüche. „Ich bin schon gespannt auf das nächste Katastrophenszenario, dass irgendwelche interessierten Kreis sicher aus dem Hut zaubern, wenn der Asteroid die Erde verfehlt hat. Ich hätte schon einen Vorschlag: Man sollte den gesamten Yellowstone Nationalpark mit einer hundert Meter starken Stahlbetonplatte abdecken. Dabei handelt es sich nämlich um den vermutlich gefährlichsten Supervulkan1 weltweit. Wenn der ausbricht – und das könnte in der Tat bald geschehen, wenn man den Geologen glaubt –, dann würde das eine weltweite Katastrophe auslösen, einen Jahrzehntelangen globalen Winter mit Ernteausfällen, Hungersnöten und Millionen und Milliarden Toten. Dafür dürfte ja wohl kein Opfer zu groß sein, um das zu verhindern. Allerdings gebe ich zu bedenken, dass die Kräfte eines Ausbruchs die Platte wohl einfach zehn Kilometer hoch katapultieren würden und – wenn es gut läuft – die im Pazifik wieder absetzen, oder – wenn es schlecht läuft –, fällt die auf Peking oder Los Angeles.“ Volkmar hatte sich inzwischen abgewandt und suchte unverfänglichere Themen. Klaus dagegen war nicht zu bremsen und verfolgte seinen Faden im verkleinerten Zuhörerkreis weiter.

Er versuchte die Parallelen herauszustellen, die für ihn klar auf der Hand lagen. Er war nachdrücklich der Ansicht, hier handele es sich aktuell wohl eher um eine Kampagne zugunsten bestimmter Industrien und um erfolgreiche Lobby-Arbeit in den Parlamenten. Er zog weitere Parallelen zu früheren Katastrophenszenarien, die Jahrzehnte zurücklagen, erinnerte an die Szenerien vom Waldsterben und dem angeblich folgenden Untergang der Menschheit, an die massenhaft drohende Ausbreitung von Hautkrebs als Folge eines Ozonlochs, an den angeblich unausweichlichen Atomkrieg infolge einer Raketenstationierung, ohne dass seine Argumente wirklich Fuß fassen konnten. Zu radikal widersprachen seine Ansichten dem, was öffentlich verkündet wurde. Bis auf Klara und Karl-Udo sah er nur in ratlose Gesichter, deren Besitzer ihm offenbar nicht glaubten, obwohl eigene Argumente ihnen fehlten.

Schließlich zog er sich aus der Diskussion zurück, akzeptierte schulterzuckend, dass noch so gute Argumente nichts ausrichten konnten gegen den durch breite mediale Kampagnen gesicherten Konsens einer Mehrheit. Mit vermeintlich allen Menschen einig zu sein vermittelte wohl einfach ein zu verführerisch kuscheliges Gefühl. Alles andere wirkte dagegen kalt, herzlos und unbequem. Aber einige seiner Gäste waren nicht mehr ganz so sicher, dass in der öffentlichen Debatte alles mit rechten Dingen zu ging.

Menschen im Allgemeinen waren Klaus ziemlich egal und eigentlich mochte er sie als Spezies auch nicht. Gruppen oder gar menschliche Massen betrachtete Klaus als Bedrohung, keinesfalls als Bereicherung. Einzelne Menschen konnten durchaus intelligente und geistreiche Gesprächspartner sein. Mehrere dieser Art zusammengenommen waren in aller Regel eine dumme Masse, vollkommen auf Nachahmung ausgerichtet, wie Papageien, die nachplappern, was ihnen wieder und wieder vorgetragen wird. Zu tun, zu sagen und zu denken, was alle denken, verachtete Klaus zutiefst, obwohl er durchaus akzeptierte, dass ohne Nachahmung ein vernünftiges Leben, eine funktionierende Gesellschaft gar nicht möglich war. Aber jeden, der seine Gewohnheiten, sein Schubladendenken, sein reflexhaftes Verhalten, seine Autoritäten nicht in Frage stellen konnte oder wollte, empfand er als Zumutung. Es gab keine absoluten Wahrheiten. Jeder Blickwinkel und jede Zeit hatten ihre eigene Wahrheit. Ob ein Gewaltverbrecher als Mörder, Freiheitskämpfer, Aktivist, Extremist, Kriegsverbrecher oder Terrorist bezeichnet wurde, war eine Frage der Perspektive und des Zeitablaufs. Schon diese Erkenntnis stand in krassem Widerspruch zur Auffassung der meisten seiner Zeitgenossen. Danach gab es nur eine zeitlose Wahrheit, die man nur zu finden hatte oder die manch einer schon zu besitzen glaubte – eine absurde Vorstellung.

Klaus verfolgte ohne besonderes Interesse das eine oder andere Gespräch am Tisch. Mittlerweile waren die Frühstücksgedecke abgeräumt und einer „Mitternachtssuppe“ gewichen, einem Eintopf aus Rindsgulasch, geschnittenen Mettwürsten, Kartoffeln und verschiedenen Gemüsen. Ein Heftpflaster am linken Zeigefinger wies darauf hin, dass er Martha bei der Zubereitung geholfen hatte. Schließlich setzte Klaus sich mit einem Glas Pils in der Hand neben Martha an das Tischende, brachte sich mit Fragen und Bemerkungen in die gerade laufende Unterhaltung ein. Er war sicher, dass Martha ihn vor den größten Fallen und Peinlichkeiten solch banaler Gespräche bewahren würde. Meist griff sie rechtzeitig ein, wenn ihm ein Name oder die Zahl der Kinder eines Freundes der Familie nicht einfallen wollte oder er eine Frage noch einmal stellte, die kurz zuvor bereits einmal beantwortet wurde. Wer Klaus nicht schon sehr lange kannte, hätte so manches mal eine beginnende Alzheimer Erkrankung bei dem nicht mehr ganz jungen Mann vermutet, wenn diesem partout ein allgemein gebräuchliches Wort nicht einfallen wollte oder er gar eines seiner eigenen Kinder mit dem falschen Namen ansprach. Wer ihn lange genug kannte, der wusste, dass das schon immer so gewesen war. Darin hatte er sich kaum geändert. Schon als Teenager lief er manchmal in der Stadt durch die Menge, zwar mit offenen Augen, deren Wahrnehmung allerdings nur seine Geh-Reflexe steuerte, ohne aber selbst Klassenkameraden oder gar enge Verwandte zu erkennen, die dicht an ihm vorbei oder direkt auf ihn zukamen. Das hatte schon früh zu erheblichen Irritationen geführt. Viele alte Bekannte hielten ihn für arrogant, andere sogar für verrückt. Anfangs war Klaus darüber erschrocken, glaubte sich ändern zu müssen. Inzwischen hatte er sowohl sein Verhalten als auch die Reaktionen darauf als unabänderlich akzeptiert, so wie er das tägliche Wetter zu akzeptieren hatte, ohne es ändern zu können.

Nach dem dritten Pils griff er nun schon lebhafter in den laufenden Gesprächsfluss ein, fragte, stellte fest, änderte die Richtung und schaffte es diesmal, die üblichen Klippen zu umschiffen. Martha musste nicht eingreifen. Trotzdem langweilte ihn diese Übung bald. Irgendwie kannte er die Geschichten bereits, drehten Argumente sich im Kreis, wurden alte Urteile neu gefällt, wurden fremde Schlussfolgerungen ohne jeden eigenen Sachverstand gezogen, und Meinungen zum Besten gegeben, die andere vorher schon formuliert hatten, nur um sich spontane Zustimmung zu sichern. Eine eigene Meinung musste schließlich mühsam entwickelt und verteidigt werden, die Meinung der Mehrheit niemals.

Als ein Gespräch sich wieder einmal um die Ungerechtigkeit der Welt im Allgemeinen und vorgeblich unerträglichen sozialen Unterschieden im Besonderen drehte, startete er einen neuen Versuch, sich einzubringen. „Die Ideologie von der Gleichheit Aller ist doch schon gründlich gescheitert. So gut wie alle kommunistischen Staaten sind schon vor langer Zeit pleite gegangen, weil niemand mehr Lust hatte, zu arbeiten, wenn alle ohnehin das gleiche verdienen.“ Der unvermittelte Angriff unterbrach die laufende Diskussion für einen kurzen Augenblick. Wieder war es Volkmar, der die Gegenposition einnahm. „Ich bin der Meinung, nicht die Idee des Kommunismus ist gescheitert, sondern die Art seiner Umsetzung. Der Wohlstand der einen wächst immer auf Kosten der Armen. Das ist ja wohl Fakt. Findest du das denn gerecht? Dass du und ich hier in Saus und Braus leben, kann ja nur stattfinden, weil tausende Menschen in den Entwicklungsländern für Hungerlöhne schuften.“ „Da gebe ich dir durchaus recht und ich bin froh, dass es nicht umgekehrt ist.“ Soviel Zynismus machte Volkmar sprachlos. Klaus setzte nach: „Absolute Gleichheit tötet jedes lebendige System, auch jede Gesellschaft. Ungleichheit ist kein Makel, sondern Bedingung für das Funktionieren der Natur. Es ist das herausragende Konstruktionsmerkmal des Universums.“ Die verständnislosen Blicke hätten ihn davor warnen sollen, diesem Pfad weiter zu folgen. Über diesen Punkt war er allerdings schon hinaus. Schließlich versuchte er, mit einer Parabel seinem Argument doch noch Geltung zu verschaffen. „Es ist doch höchst ungerecht, dass Sonnen und Planeten mit ihrer Gravitation es sich in stabilen Verhältnissen gemütlich machen, während Trillionen Kubikkilometer feinster Staub heimatlos zwischen den Galaxien vagabundieren müssen. Die Natur soll dann doch bitte solche Ungleichheiten unterbinden und nur gleichmäßig verteilte Staubwolken im Universum zulassen, keine Sonnen mehr, keine Planeten, keine anderen Symbole einer ungerechten Verteilung der Ressourcen.“ Für Klaus gab es kein Halten mehr. Mit beißendem Spott unterstrich er seine Verachtung für die öffentliche Diskussion und jeden, der ihr kritiklos folgte. „Dazu muss man eigentlich nur durch parlamentarischen Mehrheitsbeschluss das Grundübel der Gravitation per Gesetz abschaffen. Schließlich ist es gängige Praxis, dass sich auch Naturgesetze dem politischen Willen unterzuordnen haben.“ An dieser Stelle trat Martha von hinten an ihn heran und fasste ihn hart an der Schulter „Klaus, entschuldige bitte. Irgend etwas stimmt unten nicht. Ich glaube, da rauscht es – nicht, dass mit dem Wasseranschluss etwas nicht stimmt. Kannst du bitte schnell einmal nachsehen?“

Wirklich niemand hatte verstanden, worauf er mit seinem Vergleich hinauswollte und Volkmar wirkte jetzt nachhaltig verstimmt. Er überlegte, ob er überhaupt noch willkommen war. Klaus nahm ihn offensichtlich nicht für voll und machte sich lustig über seine Ansichten. Das war nicht in Ordnung. Er war kurz davor, die Feier zu verlassen, als Martha neben ihm Platz nahm und sich für ihren Mann entschuldigte.

Klaus war eben Klaus und wohl nicht mehr zu ändern. Für ihn war der Zusammenhang mit dem ursprünglichen Thema naheliegend gewesen. Offenbar war niemand hier fähig, eigenständig zu denken, Bezüge herzustellen und Dinge in Frage zu stellen. Nur Nachplappern, was ohnehin tausendfach in den Medien gesagt wurde, konnten sie. Genau dieses Verhalten war es, das die meisten Menschen lenkte, das sie auf Klaus wie ferngesteuerte Marionetten wirken ließ. Jede ernstliche Unterhaltung, jede Diskussion war der Mühe nicht wert. Marionetten konnte man nicht überzeugen. Es gab nur wenige Menschen, die des eigenständigen Denkens und Schlussfolgerns fähig waren und auch noch gewillt, diesen Aufwand tatsächlich zu treiben.

Am späten Nachmittag verabschiedete Klaus schließlich zusammen mit seiner Frau die letzten beiden Gäste, bedankte sich artig für den Besuch und die Aufmerksamkeiten, Küsschen links, Küsschen rechts, obwohl er körperliche Nähe nur schwer ertrug, und bis demnächst gerne wieder. Das Letztere war durchaus ehrlich gemeint. Tatsächlich freute er sich jedes mal auf solche Treffen, die Martha mehrmals im Jahr aus unterschiedlichen Anlässen organisierte. Irgendwie genoss er die Anwesenheit von Menschen im Haus, auch dann, wenn er sich für einige Minuten irgendwohin zurückzog.

Nachdem das Wohnzimmer aufgeräumt, das Geschirr in der Spülmaschine verstaut war, entspannte er kurz mit Martha bei einem Glas Rotwein. Das Mediencenter hatte er selbst zusammengebaut und eingerichtet, so dass es einen großen Fernseher, dessen Empfangsteil schon lange defekt war, als Bildschirm nutzte. Eigene Fotografien aus vielen Jahrzehnten – Landschaften, Natur, Personen, Urlaubsszenen – wechselten im Minutentakt, untermalt von unterschiedlichsten Musiktiteln bis hin in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts: „Smoke On The Water“, „House Of The Rising Sun“, „Let It Be“, „Who Wants To Live Forever“, bis hin zu „Guter alter Balthasar“ und „Über den Wolken“. Erinnerungen an seine Kindheit, an die vielen gemeinsamen Erlebnisse mit seiner Frau und seinen Kindern, Schulzeit, Studium, Wehrdienst, Beruf zogen in Gedanken vorbei, an Erfolge, Niederlagen, Demütigungen, Siege. Klaus fühlte sich entspannt und wohl in Marthas Armen. Dem ersten Glas Wein folgte ein zweites und ließ ihn in einen entspannten Dämmerzustand hinübergleiten. Er war wieder Kind, stand auf einem zugigen Dachboden vor seinem gerade vom Taschengeld erworbenen Laborstativ. Chlorgas entwich aus einem Reagenzglas und wurde über einen Schlauch in ein Gemisch aus Essigsäure und ein wenig rotem Phosphor geleitet. Fasziniert und neugierig beobachtete er die Reaktion. Es schien zu funktionieren. Dass er dabei auch Chlorgas einatmete, beunruhigte ihn nicht. Mit dem Ergebnis würde er morgen schon die Warze an seinem rechten Ringfinger behandeln. Er erinnerte sich weiter, dass der Finger danach eine Woche lang entzündet und nicht zu gebrauchen war. Aber die Warze war weg und kam nicht wieder. Bombenbasteleien kamen ihm in den Sinn. Mehr als ein halbes Jahrhundert war das her und einzelne Glassplitter hatte er heute noch in den Händen.

Ein aufkeimendes Hochgefühl erhob ihn allmählich über diese Erinnerungen. Aus einer langsam ansteigenden Euphorie, bei der vermutlich auch der genossene Alkohol eine gewisse Rolle spielte, entwickelten seine Gedanken nun wieder einmal ein vollends ungesteuertes Eigenleben. Klaus entglitt langsam in seine Welt, in Visionen weit weg von den Bildern und der Musik, weit weg von der Sitzecke und von Martha. Seine halb geöffneten Augen nahmen die Umgebung nicht mehr wahr, seine Ohren horchten nur noch auf abstrakte Schwingungen in diesem fremden Universum. Fremde Gebilde wirbelten darin langsam umeinander, kommunizierten, änderten Formen und Farben, bildeten komplexe Figuren, die komplexe Entscheidungen trafen. Irgendetwas störte ihn an diesem Bild. Alles war zu eindimensional, zu träge, zu vorhersagbar, zu harmonisch. Die Statik stimmte nicht. Intelligenz und Bewusstsein sollten mit Chaos und immer wieder neu entstehender Ordnung einhergehen, die wieder in Chaos abglitt. Das mühsam erstellte Gebäude war instabil, war in Gefahr in sich zusammenzustürzen – Funkenflug. Plötzlich explodierte etwas in diesem Universum. Ein Funkte entwickelte sich, fand Nahrung, gedieh zu einer Flamme, flackernd zuerst, um sich zu einem Brand auszuweiten. Das Feuer huschte über die Gebilde, die wie ein feiner Staub im Raum schwebten, hinterließ Asche und suchte neue Nahrung: Ordnung und Chaos – eine leuchtende Flamme, sich schnell bewegend, aber klar erkennbar im alles verzehrenden Tumult.

Abrupt löste Klaus sich aus Marthas Umarmung und verließ ohne weitere Erklärung den Raum in Richtung Arbeitszimmer. Eigentlich verstand sie nicht, was in solchen Situationen in ihm vorging, versuchte sein Verhalten nicht persönlich zu nehmen und akzeptierte es nur widerstrebend. Vielleicht suchte er ja nur die Toilette auf und würde gleich zurückkommen. Das wäre verständlich gewesen. Aber Klaus verfolgte eine Idee und verbrachte die folgenden Stunden mit seinen Computermodellen. Erst gegen vier Uhr morgens schlich er leise ins Schlafzimmer. Vor Aufregung schlief er lange nicht ein. Er erwachte erst, als Martha bereits das Haus verlassen hatte.

In den folgenden Wochen verbrachte Klaus mit der Überarbeitung seiner Modelle. Frühere Simulationen hatten bei genauer Analyse kleine Abweichungen in den Statistiken ergeben. Dazu hatte er dutzende Prozessorkerne seines Rechner oft tagelang vollständig ausgelastet. Diese Abweichungen hatten dazu geführt, dass er in seine eigentlich recht einfachen Algorithmen Korrekturglieder einbauen musste, die sehr genau zu justieren waren, um die gewünschten Ergebnisse zu produzieren. Das war höchst beunruhigend. Es war ein Makel, der auch anderen Modellen der Natur anhaftete und für berechtigte Skepsis sorgte. So etwas hatte schon Albert Einstein in seiner Feldgleichung der Allgemeinen Relativitätstheorie um den Schlaf gebracht. Seine kosmologische Konstante hatte er vorübergehend als „größte Eselei meines Lebens“ wieder aus seiner Theorie verbannt, um später aufgrund neuer Beobachtungen wieder eingeführt zu werden. Spätere Studien hatten dann ergeben, dass man in der Tat diese Größe brauchte und zudem unglaublich genau justieren musste. Auch Einstein selbst hatte vermutlich schon erkannt, dass seine Theorie nicht vollständig war, dass er etwas Grundlegendes offenbar noch übersah. Zeit seines Lebens suchte er vergeblich nach der allumfassenden Theorie, die seine Relativitätstheorie mit der fast gleichzeitig entstandenen und nicht minder erfolgreichen Quantenmechanik versöhnen sollte.

Klaus war klar, dass man jedes noch so absurde Modell mit genügend vielen freien Parametern so justieren konnte, dass es beliebig genau zu den Beobachtungen passte. Aber das war die Kunst eines Ingenieurs und hatte mit echter Wissenschaft nichts zu tun. Jedes grundlegende Modell sollte ohne solchen Firlefanz auskommen. Nur dann konnte es Dinge nicht nur beschreiben, sondern auch erklären. Und Klaus suchte vor allem Erklärungen, warum es ein Universum gab, welchen Sinn seine Existenz hatte und warum es Wesen darin gab, die das alles verstehen wollten. In der Tat beschrieben die beiden widersprüchlichen physikalischen Modelle die Natur jeweils für sich genommen absolut präzise. Aber beide taugten nicht für eine Erklärung, warum das Universum so war und nicht anders.

Der Sonntag begann mit einem wunderschönen Sonnenaufgang. Als Klaus die Vorhänge im Schlafzimmer zurückzog, blieb er einige Minuten am Fenster stehen und bewunderte die Landschaft. Die hohen Buchen und Eichen hinter dem Garten leuchteten in dem rötlichen Licht vor einem makellos blauen Himmel. Martha regte an, in einem bekannten Waldrestaurant zu Mittag zu essen. Das Lokal war wunderschön an einem kleinen Fluss gelegen. Nach dem Frühstück gingen sie los. Die Wanderung durch die Aue überwiegend entlang des Flusslaufs würde etwa zweieinhalb Stunden dauern. Die ersten zehn Minuten schmerzte sein rechter Fuß wieder einmal. Trotz der Einlagen in den schweren Wanderschuhen durchzuckten Stiche alle paar Sekunden seinen Fußballen. Danach fühlte sich das Gehen wieder gut an und die Schmerzen waren wie weggeblasen. Die ersten zwei Kilometer führten durch lichten Laubwald hinunter ins Tal. Auf einer Lichtung rechts des Pfads grasten einige schottische Hochlandrinder auf einer steil abfallenden Grasfläche. Martha fragte, ob denn wohl der zwischen die Bäume gespannte Stacheldraht die muskulösen Tiere wirksam aufhalten könne. Außerdem schien der Zaun – wenn man die Eingrenzung so nennen wollte – an mehreren Stellen schadhaft zu sein. Unten angekommen ging es weiter an der alten Papierfabrik vorbei in weite Auwiesen, die eingerahmt von grünen Berghängen ein immer wieder beeindruckendes Panorama boten. Abgesehen vom Zwitschern der Vögel und dem Rauschen des Windes in den Bäumen herrschte hier normalerweise absolute Ruhe.

Deshalb war das Motorengeräusch eines sich nähernden Geländefahrzeugs schon von weitem zu hören. Der Landwirt hielt bei den beiden Wanderern an. „Haben sie zufällig einige freilaufende Kühe gesehen? Ich suche fünf Hochlandrinder, das sind die mit den langen Hörnern und dem braunen Fell. Die sind vermutlich heute Nacht schon aus der Koppel ausgebrochen und müssten hier irgendwo unterwegs sein.“ erklärte er. „Leider nicht, und ich bin auch nicht sicher, ob ich denen begegnen möchte. Aber viel Glück bei der Suche.“ „Sie brauchen keine Angst zu haben. Die Tiere sind harmlos. Die haben mehr Respekt vor ihnen als umgekehrt.“ Klaus und Martha hegten daran so ihre Zweifel. Der Weg entfernte sich nun vom Fluss, stieg kurz an und führte an einem Berghang entlang durch ein Waldstück. Martha entdeckte eine junge Ringelnatter auf dem Weg, die mit ihrer dunklen Färbung kaum zu sehen war. Auf den ersten Blick hätte man sie für einen besonders dicken Regenwurm halten können. Nur die beiden gelben Flecken seitlich am Kopf identifizierten sie eindeutig als Schlange. Klaus bückte sich, um sie aufzuheben und am Wegrand in Sicherheit zu bringen. Schließlich würde das Geländefahrzeug irgendwann zurückkommen. Als er sie greifen wollte, richtete die kleine Schlange sich drohend auf und gab zischende Geräusche von sich. Erschrocken wich er zurück und beförderte sie schließlich sanft mit dem Fuß zu Seite.

Hinter dem Waldstück erstreckten sich wieder die weiten Wiesen, auf denen wenige Pferde und Rinder grasten. Der Weg querte nach einigen Kilometern den Fluss über eine schmale Holzbrücke. Dahinter verlief der Pfad für einige hundert Meter durch morastiges Gelände. Hinter einer scharfen Biegung stießen sie unvermittelt auf die Ausreißer. Die Überraschung bestand wohl beiderseits und versetzte alle Beteiligten in eine kurze Schreckstarre. „Und was jetzt?“ fragte Martha. Klaus war ratlos. Dann nahm er einen Stock auf und fuchtelte unter lauten Rufen damit in der Luft herum. Die beiden vorderen Tiere zuckten erschrocken zurück und senkten dann den Kopf. „Was für eine bekloppte Idee war das denn?“ Martha war ernstlich beunruhigt. „Wohin glaubst du, könnten die Kühe denn hier ausweichen. Jetzt hast du sie in die Enge getrieben. Ich hoffe, es ist kein Bulle darunter.“ Martha hatte natürlich recht. Links begrenzte ein Berghang den Weg vor ihnen, rechts ein Weidezaun. Klaus und Martha hatten großen Respekt von den langen, spitzen, geschwungenen Hörnern der zotteligen Tiere, die bei einer falschen Bewegung leicht einen Menschen durchbohren konnten. Ihr Eigentümer war längst außer Reichweite und ein Telefon hatten sie nicht dabei. Obwohl die Rinder vor ihnen immer noch einen gutmütigen Eindruck hinterließen, beschlossen sie, den Weg zu verlassen, über den Weidezaun zu steigen und sie auf der angrenzenden Wiese zu umgehen. Klaus zerriss seine Jacke am Stacheldraht. „Scheiße!“ schimpfte er über seine Ungeschicklichkeit. Seine Gelenke waren einfach schon zu steif für solche Aktionen.

Als sie schließlich das Lokal erreichten war sein Ärger schon wieder verflogen und Hunger und Durst gewichen. Klaus studierte die Speisekarte, verzog sein Gesicht und brummte unverständlich vor sich hin. „Hast du das hier gesehen? Was ist denn ein Paprikaschnitzel? Das Jägerschnitzel steht jedenfalls noch da. Da wird eine ganze Berufsgruppe dem Kannibalismus preisgegeben. Die sollten unbedingt dagegen protestieren und mit Schrotflinten jedes einzelne Lokal aufsuchen.“ „Bitte ein großes Eifeler Landbier und ein Schnitzel mit südosteuropäischem Migrationshintergrund.“ verlangte Klaus als der Kellner an den Tisch trat. Als er keine weitere Hilfestellung bekam, dachte er kurz nach, und verstand dann, was sein Gast meinte. „Wissen sie, an mir liegt es sicher nicht. Sie kennen doch diese humorfreien Zeitgenossen mit Jutetasche, selbstgestrickter Mütze und Hanfjacke. Vorletzten Monat hat einer von der Sorte mit einer Anzeige wegen Diskriminierung gedroht. Mein Chef wollte keinen Ärger.“ Martha bestellte ein Bier und Forelle Müllerin. Das Schnitzel war gut und schmeckte nicht anders als früher. Als Klaus sich dann anschickte, zum Dessert einen Mohrenkopf zu bestellen, reagierte Martha doch etwas ärgerlich. Schon auf dem Rückweg verlor er sich wieder in seiner eigenen Gedankenwelt und trabte schweigsam mit gesenktem Blick neben seiner Frau her.

Klaus war in seinen Überlegungen zum Ursprung von Intelligenz und Bewusstsein bisher vom Bild eines Schwarms – angelehnt an Fisch- oder Vogelschwärme – ausgegangen. Das war es, was seine Phantasie seit Jahren anregte. In dieser Vorstellung war ein Schwarm eine ziemlich genau bestimmte Ansammlung gleichberechtigter Individuen. Jeder Fisch wusste im Wesentlichen, wohin er zu einem bestimmten Zeitpunkt gehörte. Ein solcher Schwarm veränderte sich im Laufe des simulierten Entscheidungsprozess in einigermaßen bestimmbaren Grenzen. Er konnte wachsen und schrumpfen, Fische konnten sich einem Schwarm anschließen oder ihn verlassen, aber alles in relativ bescheidenem Umfang. Alle bisherigen Überlegungen hatten sich an der Vision eines Schwarms ausgerichtet, an der Idee der Schwarmintelligenz, die auch in der offiziellen KI-Forschung seit langem En Vogue war. Fischschwärme reagierten auf Gefahren, von denen die Individuen nichts ahnten. Ein Gehirn brütete über komplexe Fragestellungen, von denen die Nervenzellen, aus denen es bestand, sicher keinerlei Vorstellung entwickeln konnten.

Insofern folgte Klaus keineswegs naiven Ideen, wie etwa die des Autors eines Buches, dass er vor vielen Jahren einmal gelesen hatte. Dort vereinigten sich kleinere Teilschwärme oder Individuen immer wieder einmal mit dem Hauptschwarm und sollten danach jeweils über dessen gesamtes Wissen verfügen. So etwas war natürlich grober Unfug. Die Intelligenz eines Schwarm lag in den Beziehungen zwischen seinen Individuen, nicht in den Individuen selbst. So verfügte etwa eine Ansammlung von nur hundert Einzelwesen bereits über mehrere tausend unterscheidbare Beziehungen zwischen ihnen, tausend Individuen schon über mehr als eine halbe Million2. Da ging es um simple Kommunikation untereinander, direkte Reaktionen auf Nachbarn, Nachahmung, und die unbedingte Notwendigkeit Fehler zu machen. Letzteres hatte ihn anfangs überrascht. Biologische Studien und Simulationen hatten eindeutig belegt, dass etwa ein Fischschwarm nicht lange überlebt, wenn die Fische sich immer buchstabengetreu an die augenscheinlich geltenden Regeln hielten3. Im Gegenteil ermöglichte erst eine hohe Fehlerrate die Anpassung des Schwarms an unvorhergesehene Ereignisse.

All diese Erkenntnisse waren in sein erstes Modell zu intelligentem Verhalten eingeflossen mit beachtlichem Erfolg. Nur die vorgesehene Fehlerrate schien in den Grenzbereichen ständig zu niedrig zu sein. So trat etwa ein Ereignis, dass theoretisch nur in einem von tausend Fällen vorkommen sollte, tatsächlich im Schnitt zweimal auf, während die Zahlen bei mittleren Wahrscheinlichkeiten zwischen zehn und neunzig Prozent sehr genau stimmten. In absoluten Zahlen erschien die Abweichung nicht groß, war aber aus grundsätzlichen Überlegungen heraus inakzeptabel. Klaus stellte sich vor, dass eine nach seinem Modell geschaffene Intelligenz sich nach außen hin wie ein quantenmechanisches Gebilde verhalten würde, wenn es einer Messung unterworfen wurde. Deshalb mussten die Statistiken wirklich exakt dem physikalischen Vorbild folgen. Sein System würde nach diesen Regeln eine Entscheidung unter einer gegebenen Anzahl von Alternativen treffen, so wie im einfachsten Fall ein Elektron sich während einer Messung für eine von zwei möglichen Ausrichtungen seines Spins entscheidet. Die Zeit dazu war eigentlich irrelevant. Vielleicht würden nur Nanosekunden vergehen, vielleicht Tage, Jahre oder Jahrhunderte. Währenddessen würde im Innern ein ganzes Universum aus reiner Logik geboren, sich explosionsartig ausdehnen, unendliche Vielfalt entwickeln, wieder schrumpfen, sich wieder ausdehnen und vielleicht irgendwann sterben, wenn es keine Herausforderungen mehr gab, alle Ziele erreicht und alle Fragen beantwortet waren.

Das neue Bild einer Flamme änderte seine Auffassung der ablaufenden Prozesse nun radikal. Im Vergleich zu einem Schwarm hatte ein Feuer etwas ungleich Chaotischeres an sich und war noch ungleich schwerer zu verstehen. Ein Flamme konnte durchaus eine feste Gestalt haben, ähnlich einem Schwarm. Allerdings war sie gekennzeichnet durch einen ständigen Durchsatz von Material, nicht etwa durch eine bestimmbare Gruppe von Individuen, die ihr angehörten. Eine Flamme würde ständig neue Nahrung benötigen, die zugehörigen Teilchen mussten ständig ausgetauscht werden. Es war nicht einmal eindeutig abzugrenzen, welche Teilchen denn gerade zu dieser Flamme gehörten und welche nicht. Eine Flamme war eigentlich eher ein Vorgang, als etwas Materielles. Es gab keinerlei scharfe Grenzen mehr – eine echte Herausforderung sowohl für die formale Modellierung, als auch für die notwendige Computersimulation. Klaus erinnerte sich, dass das Bild einer Flamme schon in sehr alten Schriften als Modell für das Leben benutzt wurde. Selbst der menschliche Körper tauschte im Laufe der Zeit fast alle Materie seiner Zellen mehrfach aus, so dass der Teenager tatsächlich aus ganz anderen Atomen bestand, als der selbe gereifte Mensch. Trotzdem behielt der Mensch dabei im Großen und Ganzen seine Form, blieb als solcher erkennbar.

Es dauerte Monate, bis Klaus endlich sicher sein konnte, dass dieser Ansatz tatsächlich taugte und genau die Statistiken erzeugte, die er brauchte. In der Tat erübrigte sich nun jede Feinjustage des Prozesses. Er funktionierte einfach aus sich heraus, auf eine frappierend natürliche Weise. An einen mathematischen Beweis dafür war nicht zu denken. Dazu waren die ablaufenden Vorgänge zu komplex und Klaus verstand eigentlich noch weniger, weshalb das alles so zuverlässig funktionierte. Ganz am Anfang seiner Forschungen war er analytisch an das Problem herangegangen, indem er grundsätzliche Anforderungen an einen solchen Zufallsprozess, wie er ihm vorschwebte, formulierte. Das Ergebnis hatte ihn vorübergehend entmutigt. Es schien danach fast ausgeschlossen, einen solchen Prozess zu konstruieren, ein Ding der Unmöglichkeit. Trotzdem hatte er danach weitergeforscht. Er hatte sich dem Problem dann auf eine sehr intuitive Weise genähert und das scheinbar Unmögliche doch noch zustande gebracht. Jetzt akzeptierte er einfach die eindeutige Sprache der Statistiken.

Wieso war er eigentlich nicht früher auf das Bild der Flamme gekommen? Er ärgerte sich oft über seine eigene Beschränktheit. Sein Verstand sollte doch viel präziser arbeiten. Trotzdem übersah er immer wieder etwas Wesentliches und verlor zu viel Zeit, wie er glaubte. Ihm fehlte ein Sparringspartner, mit dem er sich über seine Ideen austauschen, der ihm kritische Fragen stellen konnte. Vielleicht hatte er sich doch unbewusst von fremden Meinungen leiten lassen, oder er hatte unterschwellig die Schwierigkeiten eines solchen Ansatzes gefürchtet. Inzwischen war er von seiner Richtigkeit überzeugt. Nur so konnte es sein. Bewusstsein und Intelligenz waren natürlich nichts Materielles wie ein Haus. Der Vergleich gefiel ihm. Niemand würde einem Gebäude solche Eigenschaften unterstellen. Trotzdem gab es auf einer abstrakten Ebene Parallelen. Die Intelligenz steckte natürlich nicht im Haus, sondern im Vorgang seiner Planung, der Konstruktion und dem Vorgang des Bauens. Mit der Vollendung des Hauses starb dieser Vorgang. Das Gebäude selbst blieb als tote Erinnerung daran bestehen. Vielleicht war ja alles Materielle, auch ein biologischer Körper, nichts anderes als tote Erinnerung, sobald es vollendet war. Im Idealfall war ja auch ein Haus niemals wirklich fertig Immerzu wurde an- und ausgebaut, verändert und solange lebte auch der Vorgang, lebte quasi das Haus stellvertretend für den intelligenten Prozess, der es gestaltete. Vielleicht würden ja ferne Beobachter aus dem All tatsächlich einmal nur die Gebäude wahrnehmen, ihr Wachsen, ihre sorgfältig geplanten und zielgerichteten Veränderungen und irrtümlich eine Intelligenz und ein Bewusstsein darin vermuten. Und vielleicht war die Unterstellung, ein biologischer Körper enthielte solche Eigenschaften, genauso irreführend und sachlich falsch.

Nach weiteren Monaten der Arbeit an der neuen Computersimulation stellte sich heraus, dass es zur Abarbeitung weit mehr Rechenleistung benötigte als ihm zur Verfügung stand. Sein Feuer brauchte Nahrung, unglaubliche Mengen an abstrakter Nahrung aus kleinen unscheinbaren Datenstrukturen, die er sich immer als kleine bunte Würfel vorstellte, weil sie ähnliche Symmetrien aufwiesen. Seine Würfel würde er auf sehr viel mehr Prozessoren in einem Netzwerk verteilen müssen. Damit kam eine zentrale Steuerung des dem Modell zugrundeliegenden Entscheidungsprozesses nicht mehr in Frage. Die Würfel mussten selbständig laufen lernen, nicht nur passive Datenstrukturen sein, sondern zu kleinen aktiven Programmen werden. Die damit verbundenen Probleme waren immens. Er zog in Betracht, das Projekt an dieser Stelle abzubrechen, soweit er an eine tatsächliche Umsetzung gedacht hatte. Vielleicht würde er sich nur noch theoretisch mit den Schlussfolgerungen aus dem erfolgversprechenden Ansatz beschäftigen.

Für einige Wochen widmete Klaus sich wieder mehr den alltäglichen Aufgaben in Haus und Garten, reparierte den betagten Rasentraktor, der beim letzten Schnitt im Spätherbst seinen Dienst eingestellt hatte, wechselte einen tropfenden Duschkopf aus und begann mit dem Aufräumen seiner Garage. Martha konnte es kaum glauben und überlegte, ob sie sich Sorgen seinetwegen machen müsse. Der letzte Schnee war auch in der Eifel längst geschmolzen und seine Enkel freuten sich auf die Suche nach Ostereiern im Garten bei dann hoffentlich trockenem und warmem Wetter. Martha war recht froh, ihren Mann nun wieder häufiger zu sehen. Sie hatte ihm in den letzten Wochen zunehmend Vorwürfe gemacht, sie selbst und die Kontaktpflege zu Freunden, ihren gemeinsamen Kindern und Enkeln zu vernachlässigen.

Am Ostersonntag waren beide früh auf den Beinen. „Wo hast du denn die Ostersachen hin geräumt?“ fragte Klaus, während er sehnsüchtig nach draußen sah. Der Tag versprach sonnig zu werden. Obwohl am Morgen noch Raureif auf dem Gras lag, sollte gegen Mittag die achtzehn Grad Marke überschritten werden. „Sieh doch mal im Vorratsraum nach. Ich meine, sie noch letzte Woche da auf dem Boden in einer Kiste gesehen zu haben.“ Als Martha keine Anstalten machte, selbst in den Keller zu gehen, schlurfte er brummend die Treppe hinunter. „Wo soll die denn stehen?“ „Du hast doch Augen im Kopf!“ Die Kiste im Arm tauschte er an der Terrassentüre die Haus- gegen ein Paar grüne Gartenschuhe und ging vor die Türe. Einige kleine Kothaufen erinnerten ihn daran, dass schon verschiedene Tiere nachts und am frühen Morgen hier unterwegs gewesen waren. Klaus versteckte einige bunte Eier, Schokoladenosterhasen und andere Süßigkeiten im Garten, während er vernehmlich eine Melodie vor sich hin pfiff. Den leeren Karton faltete er zusammen und steckte ihn zum Altpapier. Zwei seiner Enkel würden am Vormittag noch mit ihren Eltern zu Besuch kommen. Bis dahin würden Katzen, Mäuse oder Marder die Süßigkeiten wohl nicht finden und unangetastet lassen. Klaus und Martha freuten sich schon auf die erwartungsvoll leuchtenden Augen der beiden Kinder.

„Hallo Opa!“ Seine Enkelin stürmte mit ausgebreiteten Armen ins Haus und auf Klaus zu, in der Erwartung hochgehoben und umhergewirbelt zu werden. Eigentlich war sie schon aus dem Alter heraus, aber Klaus erfüllte ihre Erwartung nur zu gern. Ihr Brüderchen blieb ebenso erwartungsvoll in der Türe stehen und folgte dann dem Beispiel seiner großen Schwester. Das waren zweifelsohne solche Momente, für die alleine es sich schon lohnte zu leben. Tochter und Schwiegersohn mussten wohl oder übel solange vor der Türe warten. „Frohe Ostern und alles Gute“ „Ja, ebenso, Frohe Festtage auch euch“. Die Kleinen waren währenddessen nicht zu halten und stürmten über die Terrasse in den Garten. Der Streit war vorprogrammiert, da die Älteste üblicherweise weit erfolgreicher beim Suchen war als ihr Bruder. „Du hast schon ein rotes Ei, das ist jetzt meins.“ „Ich hab's aber gefunden. Such doch selbst.“ Über die Verteilung würden sie noch reden müssen.

Klaus begann wieder zu lesen, tagsüber und abends auf der Couch, während Martha Musik hörte, oder Filme ansah. Klaus mochte durchaus den einen oder anderen Krimi mit Lokalkolorit, interessierte sich aber eher für fantasievolle Kurzgeschichten aus dem SF-Genre oder auch Fantasy mit Bezug zur nordischen Sagenwelt. Als Schüler hatte er sich noch für Perry Rhodan begeistern können, als Student dann die SF-Sammlung mit Kurzgeschichten von Isaac Asimov verschlungen. Für Lesestoff der letzteren Art interessierte sich Martha eher wenig und so fragte sie bald nicht mehr nach, wenn Klaus sein Buch aufklappte und mit wenigen Berührungen des Bildschirms die letzte Leseposition aufrief. Sicher wäre Martha verwundert oder gar beunruhigt gewesen, hätte sie gewusst, dass keineswegs nur ein spannender Krimi ihren Mann so fesselte. Tatsächlich recherchierte er immer intensiver zu Fragen, die ihm während der unterhaltsamen Lektüre durch den Kopf gingen.

Martha schmiegte sich an ihren Klaus und warf einen Blick auf das Buch in seiner Hand. „Was liest du denn da?“ wunderte sie sich. „Mir ist da nur etwas eingefallen, was ich gerne einmal nachlesen will. Es gibt da ein neues Exploit-Kit, mit dem man die Ethernet-Ports von Highend-Servern monitoren und in Realtime die Logs downstreamen kann.“ Martha verstand kein Wort und Klaus hatte wieder seine Ruhe. Ihn interessierten zunehmend Architekturen von Bot-Netzen, Fehler verbreiteter Rechnerkomponenten und deren Exploits, sowie Ablaufmuster bekannter Attacken in Computernetzwerken, deren Aufdeckung und die Gegenmaßnahmen. Begriffe wie Viren, Trojaner, Würmer, Hintertüren regten seine Phantasie an.

Ansonsten nahm das Leben seinen unspektakulären Lauf. Für den Sommer war Urlaub in den Bergen geplant. Neben ihrer Freude an ausgedehnten Wanderungen spielte für Klaus eine entscheidende Rolle, dass dann nicht allzu viele Menschen dort unterwegs waren. Am Meer war das ganz anders. Klaus hasste Massenansammlungen. Schlange stehen im Urlaub oder gar Gedränge waren ihm ein Graus. Deshalb waren Küsten und Seen im Sommer genauso tabu wie Berge im Winter. So freuten beide sich auf Natur, einsame Pfade, abgelegene Bergseen und die totale Erschöpfung am Abend. Klaus beschäftigte sich einige Tage mit Wanderkarten, suchte Rundwege für Wanderungen über sechs bis acht Stunden und speicherte sie vorsorglich auf seinem Navi. Das Anliegen, dass seine Phantasie wieder besonders beschäftigte, vergaß er darüber aber keineswegs.

Ihr Ziel war diesmal das Gebiet der Postalm in Österreich, eine Hochebene, die sie vor vielen Jahren schon mit ihren Kindern zusammen besucht und erwandert hatten. Im Winter war das ein stark frequentiertes Skigebiet, während im Sommer nur wenige Leute hier unterwegs waren. Viele große Hotels hatten sogar geschlossen. Klaus hoffte, dass seine Füße den Strapazen noch standhalten würden. Ein Unterkunft für zwei Wochen fanden sie am Wolfgangsee.

Nach einer erholsamen Städtetour im Herbst war dann irgendwann wieder alles beim Alten: Klaus wirkte geistesabwesend, kümmerte sich kaum noch um häusliche Aufgaben, vergaß seinen Zahnarzttermin, den Müll rechtzeitig an die Straße zu stellen, und verschwand täglich für viele Stunden in seinem Arbeitszimmer.

Bei dem, was er nun ernstlich in Betracht zog, musste er auf Geheimhaltung achten. Denn obwohl er nicht beabsichtigte, irgend jemandem Schaden zuzufügen, war das, was ihm durch den Kopf ging, illegal und erforderte durchaus ein gewisses Maß an krimineller Energie. Zunächst einmal stellte Klaus jede offene Recherche ein und nutze ab sofort ein Anonymisierungsnetzwerk zur weiteren Informationsbeschaffung. Das machte das Surfen im Netz etwas langsamer und manch eine Seite verweigerte gar die Zusammenarbeit, weil der Aufruf scheinbar aus dem Iran oder der inneren Mongolei erfolgte. Nach kurzer Zeit wusste er durch vielfachen Versuch und Irrtum was ging und was nicht. Er schuf mehrere Identitäten, die er jeweils mit E-Mail, Internetadresse und fiktiven persönlichen Daten ausstattete und achtete strikt darauf, keine davon jemals mit seiner eigenen echten Netzadresse zu benutzen. Damit bewegte er sich in diversen einschlägigen Blogs, stellte Fragen, kommentierte. Jede einzelne seiner Identitäten schien ein jeweils anderes, harmloses Interesse zu verfolgen. Das erforderte Konzentration und Disziplin. Ein einziger unscheinbarer Fehler konnte die Tarnung nach Jahren noch auffliegen lassen. Klaus hoffte, dass niemand in der Lage sein würde, diese Identitäten jemals zusammenzuführen und womöglich mit seiner Person zu verbinden. Schon der Zugang zu einem Anonymisierungsnetzwerkes konnte ihn für neugierige Augen interessant machen. Davor schützte ihn nur, dass heutzutage sehr viele Leute so etwas schon aus Prinzip nutzten, ohne unlautere Absichten zu hegen. Er durfte einfach keinen Verdacht aufkommen lassen, der irgendjemanden veranlasste, eine seiner Netzpersönlichkeiten genauer zu untersuchen. Auch später mussten seine Aktivitäten absolut unverdächtig erscheinen. Deshalb schieden verschlüsselte Nachrichten von vorne herein aus. Sie hätten Verdacht erregt und zweifellos Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

Eigentlich erschien dieser ganze Aufwand beim Stand der Dinge vollkommen überdimensioniert. Seine Pläne waren unausgereift und noch stand überhaupt nicht fest, dass etwas Problematisches geschehen würde. Zu diesem Zeitpunkt war es wieder die Lust am Experiment. Klaus wollte planen, konstruieren, ausprobieren. Es war eine Herausforderungen mit einem unwiderstehlichen eigenen Reiz. Nachdem er seine Geheimhaltungsstrategie erdacht hatte, musste er sie unbedingt umsetzen. Es war ihm eigentlich egal, ob und wozu sie später einmal zu gebrauchen war. Für ihn war es genauso, wie er früher schon elektronische Schaltungen mit fraglichem Nutzen entworfen hatte und dann den unbedingten Drang verspürte, die mit Leiterplatten, Fotolack, Ätzbad und Lötkolben zu realisieren. Auch diesmal würde er die Planung eigenständig vorantreiben und seine Methoden perfektionieren, die Grundsätze seiner Geheimhaltungsstrategie sorgfältig dokumentieren und alle Werkzeuge, die dazu entstehen würden, so archivieren, dass er sie bei Bedarf aus der Schublade ziehen konnte. Bis dahin war noch einiges zu tun. Ein dutzend typische Anwendungsfälle hatte er aufgeschrieben, in denen sich das Resultat im Test noch bewähren musste.

Sollte diesmal sein eigentlicher Plan Realität werden, dann war das Risiko allerdings durchaus real und entsprang nicht nur einer Paranoia. Vor vielen Jahren einmal hatte er einem Freund dabei geholfen, verschlüsselte Nachrichten mit dessen Partnerin in Vietnam auszutauschen. Bereits die vierte dieser E-Mails wurde abgefangen und kam nicht mehr bei der Empfängerin an. Glücklicherweise hatte dies für die Dame dort keine weiteren erkennbaren Konsequenzen. Sollte es also später dennoch einmal nötig sein, geheime Botschaften zu verschicken, dann musste er sie verstecken. Er würde beispielsweise auf unverdächtige Urlaubsbilder zurückgreifen, die er auf ein Fotoportal stellen konnte. Nur Eingeweihte würden darin ein leichtes, kaum wahrnehmbares Bildrauschen wahrnehmen, in dem sich die verschlüsselte Botschaft versteckte. Die Software dazu würde er sicherheitshalber selbst schreiben, sobald ein Bedarf dazu entstand.

Der Winter hatte ausnehmend früh eingesetzt und dauerte lange bis in den April, so dass ohnehin wenig Anreiz bestand, das Haus zu verlassen. Lediglich einige wenige Schlittenfahrten mit seinen Enkeln, die ihn vor allem um die Weihnachtszeit herum mit ihren Eltern besuchten, und die Weihnachtsfeiertage brachten eine willkommene Abwechslung. So folgten wieder Monate, die er mit dem Entwurf einer Anwendungsarchitektur und deren Implementierung zubrachte. Immer wieder Tests, Änderungen, Fehlerkorrekturen und wieder Tests, die mit jeder Iteration aufwändiger wurden, kosteten viel Zeit. Seine Bots waren in der Lage, sich auf einem einzelnen Rechner beliebig zu reproduzieren und untereinander und mit Bots auf anderen Rechnern in Kontakt zu treten. Jede der auszutauschenden Nachrichten wurde mit einem neuen Schlüssel chiffriert, so dass es für jeden Virenscanner schwer sein würde, sie zu entdecken. Zumindest würde das hoffentlich solange funktionieren, wie die Signatur der Bots keinem der gängigen Scanner bekannt war. Für den ersten praxisnahen Test nutzte er die im Hause genutzte Prozessorleistung in Form seines eigenen Hochleistungsrechner, dazu diverser, eigentlich schon ausrangierter Hardware, die er reaktivieren konnte, sowie eigener Tablets und das seiner Frau, eBooks, Smartphones und dergleichen. Alle diese Systeme musste er durch physischen Zugriff auf deren Schnittstellen infizieren, indem er präparierte USB-Sticks oder Speicherkarten anschloss.

Martha bemerkte von dem all dem kaum etwas. „Wieso brauchst du mein Passwort?“ wunderte sie sich. „Da sind wieder irgendwelche automatischen Updates gekommen, die auf meinem Rechner Probleme gemacht haben. Ich will nur sicherstellen, dass die bei dir funktionieren und die noch richtig konfigurieren. Sonst musst du dabei stehen bleiben und dich selbst immer wieder anmelden, solange wie ich brauche. Das könnten schlimmstenfalls schon so einige Stunden sein.“ – das Genügte. „Dann mach aber nichts kaputt!“ forderte sie und schrieb ihm ihre Zugangsdaten auf einen Zettel. Die Erstinfektion geschah während ihrer Abwesenheit. Sie wunderte sich ein wenig darüber, dass ihr Mann danach immer wieder Zugang zu ihren Arbeitsgeräten begehrte ohne zu verraten, was er da eigentlich vorhatte. Vielleicht hatte es ja mit den neuerlich auftretenden Problemen zu tun, die sich unterschiedlich äußerten: Fenster gingen nicht auf Anhieb auf, gerade eingegebene Daten verschwanden oder ihr Rechner schaltete plötzlich ab. In Wirklichkeit hatten manche der Vorgänge eben nicht auf Anhieb den gewünschten Erfolg und unerwünschte Nebeneffekte gehabt. Das alles löste Klaus noch in den folgenden Tagen. Danach setzte er sein Werk vollständig in Betrieb.

Die Protokolle zeigten, dass die Bots wie erwartet arbeiteten, sobald sie von außen getriggert wurden, und die Virenscanner schlugen tatsächlich nicht an. Nach außen hin zeigte keines der Systeme starke Auffälligkeiten. Nur mit entsprechenden Werkzeugen hätte man feststellen können, dass die Prozessoren deutlich höher belastet waren als üblich. Allerdings zeigte seine Armbanduhr bei sehr ausdauernder Beobachtung seltene Aussetzer in der Bewegung des Sekundenzeigers. So etwas konnte auch viele andere Ursachen haben und würde später sicher nicht zur Entdeckung der eingeschleusten Fremdkörper führen. Der Beweis der Machbarkeit war damit erfolgreich geführt. Klaus würde die Aktivitäten noch einige Tage überwachen. Danach löschten sich die eingeschleusten Programme einfach selbst ohne Spuren zu hinterlassen, bis auf die Log-Dateien, die er manuell von jedem Gerät abziehen würde.

Die Auswertung der Protokolle zeigten die beabsichtigten Aktivitäten. Jeder Anregung von außen folgte eine Kette selbständig ablaufender Veränderungen, die allerdings schnell erstarben. Das hatte er erwartet. Für ein selbständiges Feuer über längere Zeit fehlte einfach bei Weitem die kritische Masse. Andererseits fand er viele Ungereimtheiten im Ablauf der Prozesse, die er in den folgenden Wochen noch behob. Auch die selbständige Löschung hatte nicht vollständig funktioniert, wie Stichproben in den privaten Systemen zeigten. Aber auch diese Tatsache war leicht zu erklären, da die Bots nur im Zusammenspiel mit einer Anwendung aktiv werden konnten, wie ein Virus eben, das ohne Zelle nur eine tote chemische Verbindung darstellt, wenn auch eine äußerst komplexe. Mit der Zeit würden auch die restlichen Fragmente verschwinden.

„Bitte stell noch den Mülleimer an die Straße“ Klaus antwortete nicht. „Klaus, hast du mich gehört? Hast du den Müll 'rausgestellt?“ rief Martha aus der Küche. Endlich kam eine undeutliche Antwort aus dem Keller. „Ja, mach ich“. Als einige Minuten lang nichts geschah, setzte sie nach: „Hast du mich verstanden? Was habe ich gerade gesagt?“ „Sprichst du mit mir? Worum geht es denn?“ „DEN MÜLL, HAST DU DEN 'RAUSGESTELLT?“ „Welchen Müll?“ „DEN GELBEN“ „Ja, mach ich“. Klaus wirkte äußerst beschäftigt. Sein Rentnerdasein hatte seine Frau sich ganz anders vorgestellt. Sie hatte geglaubt, er würde mehr Zeit mit ihr verbringen, die Familie besuchen, ihre Kinder und Enkel und sich um Haus, Haushalt und Garten kümmern. Aber irgendwie fand er jetzt noch weniger Zeit dazu als während seiner Berufstätigkeit. Selbst auf gemeinsamen Wanderungen, Ausflügen und Urlaubsfahrten war Klaus oft in Gedanken weit weg, nahm weder die wunderschöne Landschaft, noch die atemberaubende Architektur wirklich wahr. Im Geiste bereitete er sich auf den Fortgang seines Projektes vor. Am nächsten morgen noch vor dem Frühstück hastete Klaus im Morgenmantel die Treppe hinunter in die Garage und schob eilig den gelben Eimer vor den herannahenden Müllwagen. Martha schüttelte resignierend den Kopf und sagte nichts.

Um ganz sicher zu gehen, dass der Test erfolgreich gewesen war, widmete er sich intensiv den erzeugten Statistiken. Grundlage seiner Theorie war ja immer gewesen, dass die Häufigkeitsverteilung bestimmter Ereignisse strengen Vorgaben folgte. Eine erste Grobanalyse zeigte jetzt Abweichungen, die er nicht einfach ignorieren konnte. Die Wahrscheinlichkeiten im oberen und unteren Bereich, also für sehr wahrscheinliche oder sehr unwahrscheinliche Ergebnisse, wichen stark von den theoretischen Werten ab. So suchte er alle Protokolle noch einmal zusammen um eine möglichst breite Datenbasis zu gewinnen. Seine Befürchtungen bestätigten sich. Die Abweichungen waren systematisch bedingt und nicht durch zufällige Fluktuationen im System erklärbar. Was war schief gelaufen? Seine früheren Tests waren doch extrem erfolgreich in dieser Hinsicht gewesen? Welchen Fehler hatte er begangen? Zunächst einmal blieb er ratlos.

In den folgenden Tagen wirkte er zerfahren, noch unkonzentrierter als sonst und er schlief schlecht. Immer wieder wälzte er sein Problem. Vielleicht lag der Fehler nicht im System, sondern in seiner Art der Auswertung der Ergebnisse. Das war eine Möglichkeit, der er intensiv nachging. Einen gravierenden Fehler aber konnte er nicht finden. Einige kleinere Irrtümer waren sicher erkennbar, die allesamt aber nicht die systematische Abweichung erklären konnten. Er fühlte sich um Monate zurückgeworfen. Genau dieses Problem hatte sein Modell der Flamme doch gelöst! Denkbar erschien, dass eben diese Annahme ein Irrtum und seine damaligen Tests fehlerhaft gewesen waren. Dabei war er sich so sicher gewesen.

„Morgen Klaus, sieht gut aus, der Garten. Was sagt denn dein Rücken?“ Abwesend erwiderte Klaus noch den Gruß, ohne wirklich zu registrieren, dass Volkmar dort stand und vielleicht einen kleinen Schwatz erwartete. Wie in Trance sah er ihn an und durch ihn hindurch. Plötzlich war ihm die Lösung seines ganz anderen Problems erschienen. Schon vorher hatte er tief in Gedanken Unkraut gejätet. Jetzt ließ er plötzlich die Geräte und Volkmar stehen, streifte seine Handschuhe ab, warf sie auf den Boden zwischen die Pflanzen und lief mit seinen erdverkrusteten Gartenschuhen ins Haus. Sein Nachbar schüttelte verwundert den Kopf. „Ein merkwürdiger Vogel“ dachte er und bemühte sich, auch diesen Vorfall nicht persönlich zu nehmen.

Alles war doch so klar. Wieso hatte Klaus das vergessen können? Es war der Zufall, die wichtigste Ingredienz seines Modells. Zufall war nicht gleich Zufall. Es gab die Sorte, die auf Unwissen beruhte, aber prinzipiell berechenbar war. Und es gab den echten, ursächlichen Zufall, der sich prinzipiell jeder Vorhersage entzog. Es handelte sich um eines der fundamentalsten Grundprobleme der Physik. Die Anhänger Newtons und Einsteins lehnten jede echte Zufälligkeit ab. „Gott würfelt nicht!“ hatte schon Albert Einstein formuliert. Danach konnte Zufall nur das Ergebnis von Nichtwissen sein. Im Prinzip war alles berechenbar – ohne Ausnahme. Schon Leibniz hatte gegen diese Folgerung aus den Newton‘schen Modellen protestiert und genauso widersprachen die Anhänger Heisenbergs und Schrödingers, die den echten Zufall in den quantenmechanischen Prozessen entdeckt hatten. Klaus hatte den Fehler begangen, die Generatoren der benutzten Computer zu verwenden. Die aber erzeugten keine echten Zufälle, sondern berechneten zufällig aussehende Zahlenreihen, wie beispielsweise die des Fibonacci Algorithmus. Das hatte mit echtem Zufall nichts zu tun, obwohl die erzeugten Häufigkeiten und statistischen Größen nichts davon verrieten. Klaus war sicher, dass eine entsprechende Überarbeitung seiner Programme sein Problem lösen würde.

Aber wie sollte er vorgehen? Ein Computer war eine streng deterministische Maschine. Nichts darin war echter Zufall, ja durfte es nicht einmal sein. Der Zerfall eines Atoms war dagegen wirklich zufällig. Es gab kein Mittel, den Zeitpunkt genau vorherzusagen, nur eine unveränderliche Wahrscheinlichkeit dafür, dass es innerhalb der nächsten Sekunde zerfiel. Selbstverständlich konnte Klaus keinen Atomreaktor in sein System einbauen oder auch nur ein radioaktives Präparat, dessen Zerfall er beobachten konnte. Das überstieg bei Weitem seine Möglichkeiten. Vielleicht würden in Zukunft einmal Quantencomputer neue Wege eröffnen. Schließlich entschied er sich dafür, die Zufallsgeneratoren bei jeder Verwendung neu zu initialisieren mit der jeweiligen Nano-Systemzeit des Rechners. Dabei spielten in der Tat Umwelteinflüsse eine wesentliche Rolle und die sonstige Auslastung des Systems. Die entstehenden Zahlen sollten dann hinreichend genau einen echten Zufall simulieren können.

Die Änderungen gingen schnell von der Hand. Wie er gehofft hatte, stimmten die Statistiken jetzt wieder. Allerdings litt die Effizienz spürbar. Der Vorgang war aufwändiger und machte sein System langsamer. Ein Kompromiss musste her, der schließlich darin bestand, dass er den Generator nur für jede tausendste Zufallszahl neu initialisierte. Für den abschließenden Test ließ er sich mehrere Tage Zeit und wiederholte ihn sicherheitshalber dreimal. Es blieb dabei: die Statistik war wieder in Ordnung und das blieb so.

Interessiert stellte er sich die Frage, wieso eigentlich sein System so empfindlich zwischen berechneten und echten Zufällen unterscheiden konnte. Das war kaum zu verstehen. Irgendwie schien es jede Systematik in den Wahrscheinlichkeiten, jeden noch so versteckten Zusammenhang zwischen scheinbar unabhängigen Ereignissen zu erkennen und zu verstärken, so dass sie schließlich unübersehbar in den Vordergrund traten. Das war vielleicht eine Eigenschaft, die man noch für ganz andere Zwecke einmal nutzen konnte.

Der jetzt folgende Schritt war kritisch: Es ging um die Pilotierung – wie man im IT-Jargon die erste praxisnahe Installation eines Programmpaketes in einem überschaubaren Rahmen nannte. Die Bots mussten dazu in sehr viel größerer Zahl auf sehr viel mehr Prozessoren verteilt werden als ihm persönlich zur Verfügung standen. Nur so bestand die Aussicht, dass sie nach einer kurzen Initialisierung auch selbständig – ohne weiteren äußeren Anlass – in der Lage waren zu agieren. Außerdem war die Gefahr der Entdeckung doch zu groß, wie detaillierte Nachuntersuchungen der Logs gezeigt hatten. Ein einzelner Virenscanner ausgerechnet seiner Armbanduhr hatte danach doch eine verdächtige Signatur dokumentiert und als einfache Information eingestuft. Eine Klassifizierung als Warnung oder Bedrohung hätte unweigerlich einen Alarm, verbunden mit Gegenmaßnahmen, ausgelöst. Und diese dokumentierte Signatur gehörte tatsächlich zu den eingeschleusten Bots. Klaus musste dafür sorgen, dass diese Programme nun ständig ihre Charakteristik änderten. Natürlich konnte er selbst sie damit nicht mehr eindeutig auffinden um sie nötigenfalls vollständig zu entfernen. Dazu brauchte es nun andere, aufwändigere Mechanismen. Eine Selbstzerstörung war für einen Feldversuch nicht mehr ausreichend, weil nicht sicherzustellen war, dass die Löschung wirklich vollständig war. Es konnten immer noch sehr viele Bots in Datenstrukturen und Programmen überwintern, die lange Zeit – auch über Jahre nach der Infektion – nicht mehr aufgerufen wurden. Die Lösung des Problems war durchaus aufwändig. Jeder Bot musste die Positionen einiger seiner Artgenossen kennen. Klaus ersann einen Code, der die jeweils aktiven Bots veranlasste, sich durch eine bestimmte Aktivität zu erkennen zu geben und neben dessen eigenen auch die benachbarten Positionen preiszugeben. Auf diese Weise war er sicher, bei Bedarf sehr schnell so gut wie alle Spuren bis auf unverdächtige Reste beseitigen zu können.

Inzwischen hatte Martha jedes Verständnis für die Freizeitbeschäftigung ihres Gatten verloren. Zudem machte ihr der berufliche Ausstieg im Sommer Sorgen. Sie hatte ihn in den vergangenen Monaten immer wieder gefragt, ob er überhaupt noch Interesse an ihr habe. Er wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Zu viele andere Dinge hatten ihn beschäftigt. Auch seine Kinder reagierten zunehmend irritiert über seine fehlende Anteilnahme an ihren durchaus ernstzunehmenden Sorgen, ihre beruflichen Probleme, Wohnungssuche und Krankheit der Enkel, Geburtstage und Familienfeiern. Martha drohte mit Auszug oder zumindest getrennten Schlafzimmern. Nach all den Jahrzehnten gemeinsamen Lebens schien seine Ehe, die er immer als glücklich empfunden hatte, ernstlich in Gefahr zu geraten. Klaus musste Martha in seine Absichten einweihen. Auf Verständnis konnte er nur hoffen, wenn er vollständig und aufrichtig alle seine Beweggründe offenlegte.

Vorübergehend stellte Klaus sein Projekt zurück. Im war klar geworden, dass Martha jetzt seine Unterstützung und Fürsorge brauchte. Das unausweichliche Ende ihrer beruflichen Laufbahn machte ihr zu schaffen. Damit durfte er sie nicht alleine lassen. Ehe und Familie waren ihm doch letztlich wichtiger als alles andere. Er packte alle Dokumente weg, archivierte Programme und Daten und räumte sein Arbeitszimmer auf. Das half ihm dabei, abzuschalten und sich wieder auf alltägliche Dinge zu konzentrieren und seine Umgebung überhaupt wahrzunehmen. Er begann wieder zu fotografieren, stellte Filmaufnahmen seiner Enkel zusammen, die schon seit Monaten oder sogar Jahren auf seinen Datenträgern unbesehen lagerten. Und er begann damit, einen Gartenweg anzulegen, der schon seit zwanzig Jahren geplant und nie realisiert worden war.

„Liebling, ich würde dir gerne etwas erklären. Nicht erschrecken, es ist nichts Schlimmes – nur was ich die ganze Zeit so mache.“ Martha sah verwirrt zu ihm hin. Schon die Tatsache war unglaublich, dass er hier mit ihr im Wohnzimmer saß und den Film gemeinsam mit ihr ansah. Klaus sah sie ernst an. „Es wird sicher ein längeres Gespräch.“ Martha stoppte die Aufzeichnung und schaltete das Mediencenter aus. „Worum geht es denn? Vielleicht darum, weshalb du mich vernachlässigst? Dir ist ja offensichtlich alles andere wichtiger.“ Klaus zögerte. Wie sollte er anfangen. „Ich möchte, dass du verstehst, was ich tue und weshalb. Sieh mal, wir alle sind doch unzufrieden mit unserer Situation. Wir werden ständig gegängelt, bevormundet, kontrolliert, belogen. Mich beschäftigt das genauso wie dich und ich glaube, ich könnte etwas ändern. Deshalb war ich so beschäftigt. Nur wollte ich darüber nicht reden, bevor ich nicht wirklich etwas in der Hand habe.“ „Wie stellst du dir das denn vor? Willst du Bomben schmeißen? Dabei kommst du doch allenfalls selbst zu Schaden.“ fragte Martha ungläubig zurück.

Martha und er teilten viele Ansichten, manche stärker und extremer ausgeprägt als allgemein üblich. Insgesamt war in der Bevölkerung ein hohes Maß an Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen zu beobachten. Ständig zunehmende Regulierung, Gängelung aller Art, Bevormundung, die allgegenwärtige Kontrolle und Überwachung durch staatliche und nicht-staatliche Organisationen sorgten bei vielen Menschen für Unbehagen.

„Wenn du nicht erwartest, dass es knallt, dann könnte es sich schon um eine Art Bombe handeln, die mir vorschwebt. Die Wirkung könnte letztendlich sogar noch viel größer sein.“ „Du spinnst doch.“ bemerkte Martha. „Das Problem sind ja wohl Politik und Medien, die gemeinsame Sache machen. Was sollte dagegen helfen, außer ein verlorener Krieg oder eine Revolution von französischen oder russischen Ausmaßen.“ „Was wir uns beide wohl nicht wünschen sollten. Aber Schimpfen und Fluchen alleine helfen schon gar nicht. Und wenn alles so weiterläuft, entziehen die uns irgendwann die Lebensgrundlage. Sind wir dann noch älter, werden wir uns nicht mehr dagegen wehren können. Du erinnerst dich doch noch gut daran, was die Öko-Fuzzis hier veranstaltet haben, als angeblich ein Paar Raubwürger in unserem Garten brüteten. Wir können von Glück reden, dass sich das dann noch rechtzeitig als Falschmeldung herausgestellt hat, sonst hätten die einen drei Meter hohen Zaun gezogen und uns verboten, die Terrasse zu betreten.“ Er erinnerte sie noch an frühere ökologisch begründete Auflagen, die sie beide als durchaus existenzbedrohend empfunden hatten, bevor heftige Proteste aus der Bevölkerung die offenbar von Lobby-Verbänden initiierten politischen Absichten wieder kippten. Klaus empfand danach Politik durchaus als Waffe, die gegen ihn und seine Familie gerichtet war und ihn letztlich mit dem Verlust seiner Existenz bedrohte.

Aus dieser Gemengelage heraus erklärte er Martha seine Gedanken. „Du weißt doch, dass ich mich seit Jahren mit dem Wesen von Intelligenz und Bewusstsein befasse. Stell dir einmal vor, es gelänge jemandem, eine echte, eigenständige Intelligenz zu schaffen und ins Netz zu stellen. Die Auswirkungen wären unvorstellbar. Sie würde sich unaufhaltsam ausbreiten und könnte alle Lebensbereiche beeinflussen. Sie wäre wirklich eigenständig. Nur ich könnte sie mit meinem Wissen beeinflussen und sie würde vielleicht diesen ganzen politischen Laienschauspielern, die sich Führungselite nennen, irgendwann einmal die Macht aus den Händen nehmen. Ich denke, ich weiß jetzt, wie es funktionieren könnte, was das Wesen von intelligentem Handeln ist und wie ein Bewusstsein zu schaffen ist. Das alles ist sicher noch nicht ausgereift, aber den Weg sehe ich schon jetzt vor mir. Bis dahin ist allerdings noch viel zu tun und ich brauche Zeit. Ganz risikolos ist das auch nicht, aber es gibt Wege, die Gefahren zu beherrschen.“ Er erläuterte auch seine Sicherheitsvorkehrungen, mit denen er glaubte, alles unter Kontrolle zu halten.

Martha hatte schweigend zugehört. Sie war unschlüssig, ob sie das Ganze ernst nehmen sollte. „Du spinnst doch!“ wiederholte sie. „Das ist doch völlig verrückt“. Irgendwie hatte Klaus erwartet, dass seine Frau ihm das alles ohne weiteres abnahm. Für ihn selbst waren solche Gedanken schon selbstverständlich. „Kommst du bitte mit 'runter in mein Arbeitszimmer. Ich möchte dir dort etwas zeigen.“ Zögernd folgte Martha ihm in den Keller. Eigentlich hatte sie sich den Abend mit ihrem Mann anders vorgestellt.

Als Klaus ihr ruhig und entschieden weitere Einzelheiten und Beschreibungen lieferte, ihr Dokumente und Statistiken zeigte, von seinem heimlich durchgeführten Test berichtete, begann sie allmählich zu verstehen, dass es sich dabei nicht bloß um realitätsferne Phantastereien handelte. Nun reagierte sie entsetzt. „Du spinnst ja wohl!“ wiederholte sie sich schon wieder. „Eigenständig bedeutet ja wohl das Gleiche wie nicht kontrollierbar.“ versetzte sie. „Glaubst du etwa, die Explosion einer Bombe nach der Zündung noch kontrollieren zu können? Du weißt ja nicht einmal, wie viel Sprengstoff darin enthalten ist. Ehrlich gesagt, hatte ich keine Ahnung, was du hier in deiner Bude so treibst. Was du vorhast, ist illegal und du lässt das gefälligst sein!“ Klaus setzte offenbar nicht nur ihre, sondern auch die Zukunft ihrer Kinder aufs Spiel. Das musste aufhören, bevor es überhaupt richtig anfangen konnte.

An den folgenden Tagen diskutierten beide oft bis in die Nacht hinein. Dabei ging es um hehre Ziele und angemessene Mittel zu deren Erreichung, um den Unterschied zwischen legitim und legal. „Stell dir vor, ein Unbekannter verfolgt dich, gefährdet dich, deine Kinder und deine Enkel, bringt dich nach und nach um deinen Verstand. Du wirst krank darüber, niemand hilft dir, der Polizei sind die Hände gebunden, deine gesamte Existenz hängt schließlich davon ab, ob dieser Mensch seine Aktivitäten einstellt oder weitermacht. Ich halte es für legitim, diesen Menschen zu verfolgen und zu töten. Aber es ist sicher nicht legal und ich würde möglicherweise wegen Mordes verurteilt. Und das ist vielleicht sogar richtig, weil andernfalls das Morden wohl kein Ende nehmen würde angesichts der unvermeidbaren Subjektivität des Anlasses.“ Klaus argumentierte, es sei legitim, wenn ein Mann jedes erdenkliche Mittel gegen Jemanden einsetzte, der die Existenz seiner Familie unmittelbar bedrohte, und es sei genauso legitim, wenn der Staat diese Tat hart ahndete. Es sei schlicht eine Frage des Standpunktes und beide seien im Recht.

Diese drastischen Beispiele entsetzten Martha nur noch mehr. So etwas Absurdes hatte sie lange nicht gehört. Wollte ihr Mann etwa über Leichen gehen? Klaus versicherte, niemandem mit seinen Plänen wirklich schaden zu wollen und dass vorläufig auch niemand überhaupt etwas davon bemerken würde. Er bedauerte die Wahl seiner Beispiele. Nur mit Mühe konnte er Martha schließlich beruhigen. Er habe alle notwendigen Sicherheitsvorkehrungen getroffen und werde in jedem Fall sehr sorgfältig und behutsam vorgehen, versicherte er. Obwohl sie langsam ihre Fassung wieder gewann, sah sie immer noch Regelverstöße, die durchaus harte juristische Folgen haben konnten, auch wenn niemand zu Schaden kam. Klaus machte ihr eine einfache Rechnung auf: „Sieh mal, ich habe einmal recherchiert. Danach gibt es mindestens eine halbe Million Gesetze, Rechtsnormen, Vorschriften, die vom Staat, vom Land, von den Kommunen erlassen worden sind. Die meisten Menschen wären schon froh, die zehn Gebote des alten Testaments aufzählen zu können.“ Martha überlegte kurz und stellte fest, dass sie selbst die wohl nicht zusammenbekommen würde, ohne eine Bibel aufzuschlagen. „Selbst wenn nur jede hundertste dieser Regeln für dein eigenes Handeln zu beachten ist, sind das immer noch fünf tausend Vorschriften, von denen selbst ausgewiesene Fachleute nur einen kleinen Bruchteil überhaupt kennen, geschweige denn verstehen. Darin liegt die eigentliche Willkür des Systems. Wenn man keinerlei Chance hat, die Regeln, nach denen man zu leben hat, zu kennen oder zu verstehen, dann ist doch deren Anwendung oder Nichtanwendung durch staatliche Organe in vielen Fällen nur als Willkür zu bezeichnen. Deshalb verletzt du, so wie alle anderen, ständig unwissentlich Regeln. Die Behörden machen keinen Unterschied, ob du das bewusst oder versehentlich machst. Bestraft wird beides gleich.“ Es konnte also gar nicht so verwerflich sein, schloss er, dies das eine oder andere mal auch wissentlich zu tun. Martha sah durchaus, dass es hier ein moralisches Problem gab. Nur die Schwelle erschien jetzt überschreitbar.

Um das Eis weiter zu brechen zählte Klaus einige Regelverstöße auf, für die Martha nicht zur Rechenschaft gezogen worden war, etwa die mehrfache Überziehung der Parkzeit bei einem Einkaufszentrum oder zu schnelles Fahren auf einer städtischen Ausfallstraße. Stattdessen war sie vor Jahren ziemlich hart belangt worden, weil sie angeblich einer Frau nicht die Überquerung der Fahrbahn ermöglicht hatte. Martha war sich sicher gewesen, dass die Frau keinerlei Absicht dazu hegte und sich stattdessen mit einer anderen Passantin am Straßenrand zum fraglichen Zeitpunkt unterhielt. An ihren tagelangen Ärger und ihre Wut konnten sich beide noch gut erinnern. Ungerechtigkeit konnte Martha viel weniger ertragen als Klaus. Im übrigen sei es unter strenger Beachtung aller Vorschriften noch nie gelungen, wesentliche Veränderungen zu erreichen. Regeln seien schon immer mit der Absicht gemacht worden, bestehende gesellschaftliche Umstände und Machtverhältnisse zu zementieren.

„Mir ist trotzdem nicht Wohl bei der Sache. Du behauptest doch immer, es könne nichts geschehen und es passiert dann trotzdem immer wieder etwas. Erinnerst du dich noch an den Stromausfall vorletzte Woche. Da hattest du auch felsenfest behauptet, zum Wechseln der Lampe brauchtest du die Sicherung nicht auszuschalten. Und dann knallte es, du bist fast von der Leiter gefallen und es war plötzlich im ganzen Haus dunkel.“ Klaus verstand durchaus, was seine Frau meinte. Er war in seinem Leben schon so manches, eigentlich unnötige Risiko eingegangen – aus reiner Bequemlichkeit. Echte Katastrophen mit Langzeitfolgen waren glücklicherweise dabei ausgeblieben. „Pass diesmal wirklich auf und überlege, was du tust. Nicht nur du wirst die Folgen gegebenenfalls zu tragen haben. Und in unserem Haus will ich keine Spuren davon finden, sobald irgendetwas kritisch wird und aus dem Ruder laufen könnte, selbst wenn das extrem unwahrscheinlich ist.“ Klaus versprach's hoch und heilig.

Der Sommer kam und Martha war wieder guter Stimmung. Sie hatte die Genehmigung bekommen, ihren Ruhestand noch um ein Jahr hinauszuzögern und einen entsprechenden Zeitvertrag unterschrieben. Weitere Verlängerungen erschienen möglich. Mit ihrem ausdrücklichen Einverständnis konnte Klaus sich nun wieder verstärkt seinem Projekt widmen. Zudem klagte er über starke Rückenschmerzen, die jede körperliche Arbeit stark einschränkten. An diesem Zustand war er allerdings nicht ganz unschuldig. Tagelang hatte er mit Hacke und Schaufel Erde bewegt, Kies eingefahren und Pflastersteine verlegt. Dass sein Rücken das nicht gutheißen würde, wusste er eigentlich. Alle Anzeichen hatte er tapfer ignoriert oder mit Schmerzmitteln behandelt.

Nach einer warmen Dusche beschloss er, das Erdgeschoss zu saugen, bevor Martha von der Arbeit kam. Schon im Schlafanzug rückte er Möbel zurecht, klappte den Teppich zurück, saugte jede Ecke. Als er fertig war, zog er den Stecker und betätigte die Taste, die das Kabel in das Gerät zurückschnellen ließ. Ein fürchterlicher Schmerz durchzuckte seine Lendenwirbel, als er dem peitschenden Stecker abrupt auswich. „Ah, Au, Au, Au, verdammter Mist!“ Mit einem Aufschrei ließ er sich nur noch fallen und blieb nahezu bewegungsunfähig auf dem Boden liegen. „Na super“ dachte er, „So was hatte ich ja schon lange nicht mehr.“

Exakt in der Lage fand Martha ihn ein halbe Stunde später. Trotz seiner Schmerzen grinste Klaus sie schuldbewusst an. „Kannst du mir bitte aufhelfen. Ich sollte wohl besser ins Bett. Es ist nichts Schlimmes, wirklich nicht – nur ein Hexenschuss vom Staubsaugen und Plattenlegen. Das geht auch wieder vorbei.“ Seine erbärmlich Lage widersprach seinem Optimismus allerdings. „Warum machst du so was? Du weißt doch, dass dein Rücken das nicht verträgt. Jedes mal das Selbe. Das Ergebnis war doch abzusehen.“ Die Vorwürfe konnte er Martha nicht verdenken. Sie hatte ja Recht damit. Irgendwie schaffte sie es, ihn unter Ächzen und diversen Schmerzrufen nach oben ins Bett zu bugsieren, wo er vorläufig auch blieb. Halb sitzend mit seinem Laptop auf den Knien, ließ sich in den Tagen danach zeitweise von Martha umsorgen. Jede andere Position verursachte ihm unerträgliche Schmerzen. Trotzdem war der Weg noch nicht fertig geworden und er hatte eine Baustelle im Garten hinterlassen, die er vermutlich erst in einigen Wochen wieder in Betrieb nehmen konnte.

Bis jetzt war noch nichts passiert, was rechtlich problematisch hätte sein können. Im nächsten Schritt würde sich dies allerdings wohl ändern müssen. Klaus brauchte für einen ersten echten Feldtest Rechenkapazitäten, die ihm schlicht nicht zur Verfügung standen. Entsprechende Ressourcen zu mieten verbot sich von selbst. Zum einen hätte dies hohe Kosten verursacht, die er nicht bereit oder in der Lage war, zu tragen. Außerdem hätte er dann genau dokumentieren müssen, was er denn testen wollte und welche Ressourcen er brauchte. Schon letzteres war unmöglich vorauszusehen. Er brauchte einfach unbeschränkten Zugang zu allem was greifbar war. Jetzt kam es wirklich auf schiere Masse an.

An dieser Stelle war Klaus zunächst einmal an einem toten Punkt angelangt. Er überlegte immer wieder, wie er es anstellen konnte. Die benötigten Rechenkapazitäten gab es nur in Landes- oder Bundesbehörden, Forschungseinrichtungen oder großen Firmenzentralen. Kommerzielle Anbieter von Cloud-Diensten boten sich nur auf den ersten Blick an. Da letztere ständig irgendwelchen Cyber-Angriffen ausgesetzt waren, erwartete er gerade dort unüberwindliche Sicherheitshürden. Von außen, ohne auf Insider zurück zu greifen, würde er dort nicht mit seinen Bots eindringen können. Zudem brauchte er immer noch den physischen Zugriff auf die zu infizierenden Systeme, zumindest auf jeweils einen Rechner hinter der Firewall einer solchen Einrichtung. In jüngeren Jahren hätte er vielleicht als Mitarbeiter anheuern können mit der Aussicht, nach einigen Monaten die notwendigen Zugriffsrechte selbst zu besitzen.

Notgedrungen würde er wohl auf weitere Fortschritte verzichten. Abfinden konnte Klaus sich allerdings nicht damit. Zu sehr drängte es ihn zu beweisen, dass sein Modell tatsächlich eine Intelligenz ins Leben rufen konnte. Bis jetzt durfte er da keineswegs sicher sein. Es war nur eine These, dass intelligentes Verhalten und Bewusstsein ein rein quantenmechanischer Effekt waren und sein System die tieferen Ursachen dafür korrekt beschrieb. Das war Klaus durchaus klar. Bisher hatte er nur gezeigt, dass es auf einer mechanistischen Ebene im Kleinen funktionierte. Dass daraus mehr als das anhaltende Ticken eines Uhrwerks werden konnte, war bis jetzt reine Spekulation und entsprang ausschließlich seinem Wunschdenken.

„Deine Laune möchte ich haben. Habe ich etwas falsch gemacht?“ „Nein, es hat nichts mit dir zu tun. Entschuldige bitte. Ich komme nur mit meinem Dauerprojekt nicht aus den Puschen. Ich überlege die ganze Zeit, wie ich mein Modell ausprobieren kann und komme zu keinem Ergebnis. Alles war mir bis jetzt einfällt dazu, ist zu riskant. Und ich hab dir ja versprochen, nicht Gefährliches zu unternehmen.“ Martha wirkte etwas alarmiert. Sie kannte ihren Mann und seine grundsätzliche Risikobereitschaft, wenn es um seine Ideen ging. „Was hast du denn vor? Wieso kommst du nicht weiter?“ „Ich brauche jetzt viel mehr Rechner, als wir hier im Haus haben oder ich anschaffen oder mieten könnte. Dazu fällt mir einfach keine Lösung ein.“ Martha meinte nur „Kommt Zeit, kommt Rat. Warte erst mal ab. Vielleicht fällt dir ja noch was ein. Kannst du nicht einfach hochoffiziell ein Forschungsvorhaben bei einem Hochschulinstitut anmelden?“ „Ich glaube, die würden mich herzhaft auslachen. Nein, so etwas ist illusorisch. Das brauche ich gar nicht erst zu versuchen. Niemand würde mich ernst nehmen, weder mein Thema, noch mich als Person – einen alten Knaben mit Flausen im Kopf. Das ist leider kein erfolgversprechender Weg.“ Martha blieb beunruhigt. Ihr Mann würde so etwas nicht einfach auf sich beruhen lassen, das wusste sie.

Hier bot ihm einige Wochen später der Zufall eine Chance. Bei einem der Treffen mit Freunden erzählte ein Gast von einer Familie, die mit zwei Kindern vor einigen Jahren in die Nachbarschaft gezogen war. Das Gespräch drehte sich um Klaus' früheren Beruf und darum, dass dieser Mann auch in der Branche arbeitete. „Den Mann kennst du bestimmt – Jan Gatzen. Er hat den gleichen Beruf wie du.“ meinte Karl-Udo, der ehemalige Zimmermann. Klaus schätzte ihn weniger wegen seiner Bildung, als wegen seiner Geradlinigkeit. Karl-Udo war einfach unkompliziert, sagte, was er dachte und hielt sich zuverlässig an sein gegebenes Wort – ein rundum sympathischer Mensch eben, der auch nicht einfach nachplapperte, was ihm vorgesetzt wurde. Diese Eigenschaften waren selten geworden. Intelligenz hatte nichts mit Bildung zu tun. Leider wurde das allzu oft verwechselt.

„Was genau macht der denn?“ fragte Klaus noch mit gespieltem Interesse. „Der hat mir erzählt, er arbeitet an einem Superrechner in einem Forschungsinstitut nicht weit von hier. Der scheint der wichtigste Mann dort zu sein.“ Karl-Udo übertrieb sicher, wie immer. Aber schon diese vage Antwort machte Klaus hellhörig. Er wusste ungefähr, worum es sich handelte. Es war einer der schnellsten Prozessor-Cluster weltweit, der von Forschergruppen aus der ganzen Welt vor allem angemietet wurde, um komplexe Simulationen über Tage zu rechnen. Das war genau das, was Klaus für seine Zwecke eigentlich brauchte. „Was genau macht der denn da?“ hakte er nach. Weil Karl-Udo sich jetzt keine Blöße geben wollte, erzählte er einigen Unsinn, der so nicht stimmen konnte. Klaus hörte trotzdem sehr aufmerksam zu und ermutigte Karl-Udo damit, weitere Details zu verraten und noch mehr zu erfinden. „Der Jan ist morgens immer als Erster da und schaltet die Rechner ein. Abends geht er immer als letzter und macht sie wieder aus. Jeder der mit den Computern arbeiten will, muss ihn um Erlaubnis fragen. Der ist der Chef da.“ meinte er unter anderem. Aus den wirren Schilderungen schloss Klaus, dass dieser Mann als Administrator angestellt war. Vermutlich hatte er dazu sehr großzügig bemessene Zugriffsrechte auf diesen Cluster und selbstverständlich wurden die Rechner nicht an- und ausgeschaltet, wie Karl-Udo annahm. „Aber der ist im Moment ziemlich stinkig – zu viel Arbeit und zu wenig Geld. Der schlägt sich manchmal die Nächte und die Wochenenden um die Ohren und sieht seine Familie kaum. Aber das mit dem Geld kann nicht stimmen. Finanziell sind die ziemlich gut drauf.“ Klaus glaubte, dessen Situation einschätzen zu können. Hervorragende Spezialisten wurden schon lange eher missachtet und ihre Förderung chronisch vernachlässigt. Wer über herausragendes Fachwissen verfügte, ohne sich selbst eloquent verkaufen zu können und immer wieder in den Vordergrund zu schieben, befand sich in Sachen Karriere ständig auf der Standspur. Er musste zusehen, wie Dampfplauderer und Ellbogenhünen mit weit weniger fachlichem Können in atemberaubendem Tempo vorbeizogen.

In den Tagen danach reifte ein Plan. Klaus war nicht unbedingt kontaktfreudig. Hier war nun Martha bereit auszuhelfen. Sie glaubte zu wissen, wer dieser Mann war und dass sie ihn gelegentlich Samstagmorgens beim Bäcker gesehen hatte, wo er, genauso wie sie selbst, frische Brötchen kaufte. Von nun an gab es die nicht nur Samstags. Nach und nach kam Martha mit diesem Jan Gatzen ins Gespräch, zunächst ein Gruß, dann allgemeiner Smalltalk übers Wetter und schließlich über die allgemeine Ungerechtigkeit der Welt. Kaum vier Wochen später lud Martha ihn mit seiner Frau zum nächsten Nachbarschaftstreffen ins Haus ein. Als Anlass schob sie ein Fass Bier vor, dass von der letzten Feier übriggeblieben war und dringend Abnehmer suchte.

Bei starkem Schneetreiben waren am Abend nur die Freunde aus der Nachbarschaft nach und nach eingetroffen. Darunter auch einige, die eigentlich wegen auswärtiger Termine abgesagt hatten. Am Morgen hatte es noch geregnet. Mittags hatten dann Minusgrade Bäume und Sträucher mit einer wunderschön anzuschauenden Glasur versehen, bevor am Nachmittag dann heftiger Schneefall die spiegelglatten Straßen überzog. Den Meisten erschien unter diesen Umständen eine Autofahrt zu riskant. Sich nur einige Meter in der Nachbarschaft zu bewegen, war da gerade noch akzeptabel. Klaus hatte sich schon mittags eine Hand verstaucht, als er mit seiner Spiegelreflex draußen einige Fotos schießen wollte.

Es war eine gemütliche Runde. Martha hatte bei gedämpftem Licht Kerzen angezündet. Im Kaminofen brannten einige Scheite Holz. Neben Fingerfood und Salzgebäck gab es das versprochene Fass Bier, und im Laufe des Abends auch andere Alkoholika. Die Gespräche drehten sich um Klatsch und Tratsch in der Nachbarschaft, Vorhaben der Verwaltung, die politische Situation und die vieldiskutierte Bedrohungslage aus dem All. Wie üblich, beteiligte sich Klaus eher uninteressiert daran mit gelegentlichen spöttischen Bemerkungen und Nachfragen.

Schließlich ließ er sich mit einer Flasche Pils in der Hand – das Fass war inzwischen leer – neben Martha auf einem gerade freigewordenen Stuhl nieder und verfolgte wirklich interessiert die Unterhaltung mit den neuen Gästen. Martha hatte bereits das „Du“ angeboten und Klaus schloss sich dem gerne an. Jan und Riekje Gatzen machten einen durchaus sympathischen Eindruck. Sei waren die Jüngsten in der Runde. Die beiden Kinder besuchten wohl die örtliche Realschule und waren an diesem Abend zu Hause geblieben, um sich in Ruhe einige Filme anzusehen. Klaus präsentierte sein bandagiertes Handgelenk und bemerkte lachend. „Die Klimakatastrophe hat genau heute stattgefunden und ich war um 12:41 ihr erstes Opfer.“ Jan schmunzelte bei der scherzhaften Bemerkung und alberte weiter „Sei froh, dass nicht auch noch die Vorhut des Asteroiden neben dir eingeschlagen ist.“ Es stellte sich schnell heraus, dass Klaus und Jan in vielen Fragen ähnliche Meinungen vertraten. „Wie kannst du bei dem Ernst der Lage noch Witze machen?“ fragte Klaus spöttisch. „Nicht wirklich ernst, aber hoffnungslos.“ ergänzte Jan. „Wenn es stimmt, lässt sich vermutlich nichts daran ändern und wir alle sollten unser Leben genießen, solange es noch geht. Wenn es nicht stimmt, sollte man sich erst recht nicht um seinen Schlaf bringen lassen. Außerdem gibt es genug andere Probleme, um die man sich kümmern sollte, und die sind viel konkreter. Das ist das eigentlich Schlimme an der Geschichte. Wirklich dringende Aufgaben bleiben liegen und niemand kümmert sich mehr darum. Wir sollten lieber Brunnen bauen in Afrika oder die Wirtschaft der Entwicklungsländer ankurbeln. Mit nur einem Bruchteil der jetzt an dieses Hirngespinst verschwendeten Mittel ließe sich dort eine Menge bewegen. Die ganze Panik ist doch nur konstruiert, um den Menschen Angst zu machen und sie manipulieren zu können. Da sind richtig große wirtschaftliche Interessen im Spiel.“ Er brachte ähnliche Beispiele aus früheren Jahren, die sich im Nachhinein als völlig haltlos erwiesen und bei denen sich genau diese Absichten herausgestellt hatten. Es ging dabei offensichtlich immer wieder nur darum, den Leuten Geld aus der Tasche zu ziehen. „Wusstest du eigentlich, dass unser ehemaliger Außenminister und frühere Parteivorsitzende der Ökos einmal gesagt hat, man muss den Leuten nur fortwährend Angst einflößen, dann kann man ihnen praktisch immer mehr Steuern und Abgaben aus der Tasche ziehen ?”. Klaus musste spontan lachen. „Interessant, die Aussage kannte ich bisher noch nicht. Mir ist aber durchaus klar, dass das der einzige Grund für die Panikmache ist. Früher reichte es, jedem Fegefeuer und Hölle zu prophezeien, der nicht das geforderte Wohlverhalten an den Tag legte. Jetzt ist das schwieriger, weil die Begriffe ein Verfalldatum aufweisen. Jetzt muss man alle paar Jahre die eine Hölle gegen eine neue austauschen. Es ist sicher anstrengender und erfordert Phantasie. Da ziehen doch Wirtschaft, Politik und Kirchen an einem Strang. Wer hätte gedacht, dass eine solche Allianz jemals zustande käme.“ Jan führte den Gedanken weiter: „und wir Doofen sitzen auf der anderen Seite und merken nicht, wer uns da über den Tisch zieht. Aber ich glaube du irrst dich, wenn du diese Koalition für neu hältst. Im Mittelalter war das doch schon genauso und die Dummen waren schon immer die einfachen Menschen, die einfach glauben mussten. Wer Fragen stellte, wurde als Ketzer verbrannt.“ „Zumindest da sind wir heute besser dran. Verbrennen geht gar nicht, schon wegen der Luftverschmutzung. Da werden zu viele Grenzwerte überschritten, zum Beispiel Feinstaub oder so.“ „Na ja, die modernen Mittel sind aber auch sehr wirkungsvoll. Weil wir heute viel mehr zu verlieren haben als die damals, kann man unsereins auch viel mehr wegnehmen, bevor es ans Verbrennen geht.“

Mit Unterstützung einiger Flaschen Bier kam in diesem Sinne eine recht lebhafte und streckenweise alberne Diskussion zwischen Jan und Klaus zustande. Irgendwann am späten Abend waren beide dann nicht mehr ganz nüchtern, aber einig in ihrer Verachtung der Politiker im Allgemeinen und der willfährigen Medien im Besonderen, die kritiklos jede Sau durch Dorf trieben, die ihnen vorgesetzt wurde. Inzwischen zupfte Riekje ihren Jan immer heftiger am Ärmel, offenbar um ihn zum Aufbruch zu bewegen. Ihr war der Auftritt ihres Gatten scheinbar peinlich, obwohl Klaus nicht minder betrunken wirkte.

In den folgenden Wochen sahen sich beide nur selten. Klaus experimentierte zu Hause mit Methoden für Cyber-Attacken, Viren, Trojanern, Würmern. Jan Gatzen ging seinem Beruf nach, der ihn von früh morgens bis manchmal in die Nacht hinein ausfüllte. Aus einer Randbemerkung hatte Klaus entnommen, welche Betriebsumgebung in dem von ihm betreuten Cluster verwendet wurde. Er hatte eine entsprechende Testumgebung aufgebaut und suchte mit selbst entwickelten Werkzeugen nach noch unbekannten Schwachstellen. Solche Zero-Day-Exploits hoffte er für seine Zwecke nutzen zu können. Dieser anfangs vielversprechende Weg endete in einer Sackgasse. Zwar fand Klaus diverse Schwachstellen, aber keine war zur Einschleusung irgendwelcher Software brauchbar. Allenfalls unbedeutende Daten hätte er vielleicht darüber absaugen können. Außerdem kannte er keine Details zu dem verwendeten Software-Stack, die Versionen und Patch-Level. Vielleicht hätte er solche Exploits bei dubiosen Anbietern kaufen können. Nur war das extrem teuer. Die Ausgaben konnten leicht den Preis eines Mittelklassewagens, Zero-Day-Exploits sogar den eines Einfamilienhauses erreichen. Er informierte sich über Exploit-Kits – vorgefertigte Baukästen, die das Aufspüren und Ausnutzen bekannter Sicherheitslücken automatisieren konnten. Aber auch das war teuer. Die Programme wurden zudem üblicherweise nur noch als Dienstleistung aus dem Netz heraus zur Verfügung gestellt. Es hätte bedeutet, seine Software zunächst an eine wenig vertrauenswürdige Stelle transferieren zu müssen, wo Kriminelle uneingeschränkten Zugriff erhalten hätten.

Alles in Allem waren das schlechte Voraussetzungen für einen Angriff, wie er ihm vorschwebte. Seinen neuen Bekannten konnte er schlecht ausfragen, ohne dass er Verdacht geschöpft hätte. Klaus musste einen anderen Weg finden. Er dachte nur flüchtig daran, ihn in seine Absichten einzuweihen. Da er Jan nur kurz kannte, wäre das viel zu riskant gewesen.

So hatte Klaus wieder Zeit für andere Dinge. Die Baustelle im Garten war immer noch vorhanden. Nur die Werkzeuge hatte er inzwischen in die Garage geholt. Natürlich hatte er sie im Herbst dort vergessen und sie waren inzwischen stark angerostet. Und genauso natürlich machte Martha ihm Vorwürfe deswegen. Aber ändern konnte sie ihn damit sicher nicht. Dergleichen würde immer wieder passieren.

Zwei Monate nach dem ersten Treffen kam die Gegeneinladung für einen Samstag Abend kurz vor Karneval. Es war eine überschaubare Runde mit einigen bekannten Gesichtern und wenigen neuen. Klaus begann einige Gespräche, die ihn nach kurzer Zeit langweilten. Er hatte seine Kamera mitgebracht und ging immer wieder einmal durch die Reihen um Schnappschüsse der Gäste zu machen. Als er schließlich mit Jan ins Gespräch kam, hatten beide schon einige Flaschen Bier getrunken. „Na Jan, was hast du Neues aus deinem Leben zu berichten?“ eröffnete Klaus. „Alles beim Alten, viel Arbeit, wenig Geld, alles wie immer – und bei dir. Was macht das Rentnerdasein?“ „Schlafen, essen, und saufen – so wie jetzt. Bei mir passiert sowieso nichts Aufregendes mehr. Nur die Kinder und Enkel sorgen immer für Abwechslung. Aber das ist ja richtig so. Die haben eine Zukunft, unsereins hat dafür eine Vergangenheit.“ Klaus überlegte kurz, ob er von seinem beherrschenden Hobby erzählen sollte, unterließ es dann aber. Stattdessen sprach er lebhaft von seinem Misstrauen gegen den Wahn, ständig online sein zu müssen und überhaupt gegen die moderne Kommunikationstechnik. „Meine Kamera hier zum Beispiel ist noch ein zuverlässiges Stück Hardware, das nicht ständig alle meine Geheimnisse ins Netz meldet. Die ist treu und verschwiegen. Sonst müsste ich eingreifen, so wie bei meinem Mediencenter. Die da eingebaute Kamera habe ich mit schwarzem Isolierband überklebt. Bei den Mikrofonen für die Sprachsteuerung war das schon schwieriger. Dazu habe ich das Gehäuse geöffnet und die Kabel abgezogen, dasselbe mit dem Funknetzwerk. Seitdem ist auch das Gerät verschwiegen wie eine Auster. Das verrät nichts mehr ohne mein Einverständnis. Man weiß ja nie, was sonst so an Geheimnissen an irgendwelche Außenstehende gelangt. Meine eigenen Daten gehören in meine Hände und sonst nirgendwo hin.“ Jan schaute ihn ungläubig an. „Du treibst ja einen ganz schönen Aufwand. Hast du denn schon einmal etwas im Netz gefunden, was da nicht hingehörte? Das hört sich ja nach einer veritablen Paranoia an.“ Klaus erzählte von seinem früheren Beruf und seinen Erfahrungen mit der Sicherheit. „Das will nichts heißen. Auch wenn ich selbst nichts Kompromittierendes von mir vorfinde, heißt das noch lange nicht, dass nicht doch jemand über private Informationen verfügt und sie subtil missbraucht. Es ist immer das Gleiche mit der Sicherheit: Das schwächste Glied ist immer der Mensch.“ Er prahlte bald damit, dass er den alten Generalschlüssel für die Berechnung der EC-Karten PINs besessen habe. Eigentlich sei das System der Geheimhaltung technisch ausgefeilt und sicher gewesen. Nur der Faktor „Mensch“ hatte die Sache löchrig gemacht wie einen Schweizer Käse. Jan begann nun seinerseits aus seinem Job zu erzählen. „Da kann ich auch ein Lied von singen.“ Er war Spezialist, ein absoluter Experte auf seinem Gebiet. Klaus wusste aus eigener Erfahrung, dass solche Leute sehr redselig werden konnten, wenn man ihnen eine Bühne zur Selbstdarstellung bot. Und dafür sorgte er. „Du weißt ja sicher schon, dass ich verantwortlich bin für den Forschungscluster oben in Korschenfeld. Das ist eine der größten Anlagen weltweit und sicher die leistungsfähigste. Das glaubt man kaum, wenn man die unscheinbare Gegend sieht und die tristen Gebäude dort. Aber man kennt den Namen in der ganzen Welt. Ich bin seit Anfang letzten Jahres der Hauptverantwortliche für den Betrieb und dabei vor allem für die Sicherheit der Systeme verantwortlich. Das ganze Konzept ist von mir und ich halte Vorträge darüber in den USA, genauso wie in Australien oder China. Ich komme ganz schön 'rum in letzter Zeit.“ „Glückwunsch – nachträglich. Du hast ja richtig Karriere gemacht.“ „Ja – wenn ich dann auch noch bekommen würde, was ich verdiene, dann wäre alles in Ordnung. Die Verantwortung ist schon manchmal drückend. Ich muss ständig erreichbar sein, denn das alles muss zuverlässig vierundzwanzig Stunden am Tag und sieben Tage die Woche laufen. Jeder Ausfall kostet zehntausende Euro je Stunde. Ich muss eine Verfügbarkeit von 99,999% aufs Jahr gerechnet sicherstellen. Wenn ich das mit meinem Team nicht schaffe, bekomme ich richtig Ärger und riskiere meinen Job. Das sind weniger als neun Stunden Stillstand im Jahr und die brauche ich für geplante Wartungsarbeiten.“ Weiter angestachelt durch gezielte Prahlereien aus seinem eigenen Berufsleben erfuhr Klaus erstaunliche Einzelheiten über die Betriebsumgebung des Superrechner-Clusters, über Sicherheitseinrichtungen und Möglichkeiten, diese zu umgehen. Und Jan vergaß nicht zu erzählen, dass all die ausgefeilten Sicherheitskonzepte nur mit seiner Hilfe funktionieren konnten. Wie Klaus erwartet hatte, besaß er persönlich alle erforderlichen Zugriffsrechte für alle denkbaren Funktionen. Zu keiner Zeit konnte Jan den Eindruck haben, gezielt ausgefragt zu werden. Klaus stellte keine direkte Frage. Er provozierte einfach und erhielt nebenbei die Informationen, die er brauchte. Danach wechselte er bewusst das Thema wieder zu allgemeineren Dingen. Jan sollte auch im Nachhinein auf keinen Fall den Eindruck gewinnen, er habe ein besonderes Interesse an seiner Tätigkeit.

Im Übrigen wartete der Gartenweg auf seine Vollendung. Klaus' Rücken war wieder kuriert und er machte sich vorsichtiger als im vorangegangenen Jahr ans Werk. Er ließ sich einfach mehr Zeit. Der Rasen war im Herbst mangels Pflege noch in die Höhe geschossen. Das erschwerte die Arbeit. Er musste Gummistiefel tragen, um im bis zu kniehohen Gras keine nassen Füße zu bekommen. Eine Maht kam wegen der Feuchte noch nicht in Frage. Und vor dem ersten Schnitt wollte er den Weg fertigstellen.

Der Zugang zum Cluster bot sich nach einigen Wochen, indem Jan ihn nach Fotos vom letzten Treffen fragte. Klaus versprach, ihm die auf einem Speicherstick zusammenzustellen und ihm den in den nächsten Tagen zu bringen. Jan wunderte sich über diese altertümliche Methode, Daten zu übermitteln. Er erinnerte sich dann aber an die etwas verschrobenen Ansichten seines Nachbarn zur Sicherheit von Daten im Netz und stimmte zu.

Im Rahmen seiner technischen Experimente hatte Klaus gelernt, wie solche Speichermedien zu manipulieren waren, so dass sie im Verborgenen etwas auslösten, von dem der Benutzer nichts ahnte. Klaus war zum ersten mal wirklich nervös, als er daran ging, einen seiner alten Speichersticks vorzubereiten. Er wusste, dass er nun eine Grenze überschreiten musste, dass das, was er jetzt vor hatte, wirklich illegal sein würde. Klaus hatte seine Bots so präpariert, dass sie sich auf einem infizierten System ausbreiten würden, nicht jedoch über ein öffentliches Netzwerk auf andere Rechner. So konnte er die Folgen seines Experimentes begrenzen und würde noch in der Lage sein, seine Spuren hernach zu vernichten. Er schrieb ein Programm in den Speicherstick, das sich aktivierte, sobald er in einen passenden Port eingesteckt wurde. Dabei genügte es ihm zu wissen, welches Betriebssystem der Zielrechner ausführte. Diese Routine sorgte dann für die Erstinfektion des Clusters und für einen sicheren Kommunikationskanal nach draußen. Die Infektion würde sich im weiteren Betrieb des Zielsystems sehr schnell ausbreiten. Zum Schluss lud er noch die gewünschten Bilder, verpackt in eine Archivdatei, auf das Medium und machte sich auf den Weg zu den Nachbarn.

Das Herz schlug ihm bis zum Hals, als er die Türklingel betätigte. Obwohl es an den Eisheiligen noch einmal ziemlich kalt geworden war, standen ihm Schweißtropfen auf der Stirn. „Hallo Riekje, dein Mann ist ja vermutlich nicht da. Ich hatte ihm noch die Bilder vom letzten Treffen versprochen. Kannst Du ihm das hier bitte geben.“ „Komm gerne kurz rein. Ich habe gerade Kaffee gemacht.“ „Danke – lieber nicht. Ich fühle mich nicht gut – bei mir bahnt sich eine Erkältung an und ich will dich nicht anstecken.“

Klaus' Hoffnung war, dass Jan die Fotos mit zur Arbeit nahm und dort ansah, während er unter seiner Administrator-ID am Cluster angemeldet war. Das war formal meist streng verboten aber trotzdem durchaus nicht ungewöhnlich. Klaus wusste, dass die meisten Administratoren kein allzu ausgeprägtes Problembewusstsein diesbezüglich an den Tag legten. Um diese „Unvorsichtigkeit“ zu begünstigen hatte er die Bilder in einem selten verwendeten Format gespeichert4, das übliche, privat genutzte Geräte normalerweise nicht anzeigen konnten.

Es dauerte einige Tage, bis Jan anrief und ihn bat, die Fotos doch in eines der gängigen Formate umzuwandeln. Klaus entschuldigte sich artig für das „Versehen“ und versprach umgehend Abhilfe.

Bei warmem sonnigem Wetter hatten sich Kinder und Enkel angekündigt, um den neuen Gartenweg zu begutachten und zu nutzen. Das Mähen hatte sich zuvor über drei Tage hingestreckt. Zuerst war der Keilriemen für das Mähwerk den Belastungen mit dem noch feuchten, hohen Gras nicht gewachsen. Glücklicherweise hatte er sich mit den wichtigsten Ersatzteilen bei der vorangegangenen Reparatur schon versorgt. Kaum hatte er den ausgetauscht, riss der Riemen für den Fahrantrieb des Rasentraktors. So lag er zusammen mit einer Reparaturanleitung viel länger unter und vor dem Gerät, als dass er damit arbeitete. Wie bei solchen Gelegenheiten üblich, waren seine Flüche kaum zu überhören. Das gehörte einfach dazu. Konkret schimpfte er über die schlecht passenden Schlüssel. Das Gerät war überwiegend mit Schrauben in Zollmaßen ausgestattet und sein metrisches Werkzeug daher nur bedingt geeignet. Danach kostete es ihn fast einen ganzen Tag und dreimaliges Mähen, bis das Schnittbild einigermaßen akzeptabel gewesen war.

Klaus erklärte schließlich in den grellsten Farben, welche Mühen, Blut und Schweiß die Anlage des Weges ihn gekostet hatten und er dabei nur knapp einem Leben im Rollstuhl entgangen war. So ganz ernst nahm ihn wohl niemand damit. Trotzdem ermahnte sein Sohn ihn, besser auf sich aufzupassen. Irgendwann würde so etwas sicher einmal schiefgehen. Währenddessen spielten die beiden Enkel im Garten Fußball. Ihr Opa wirkte ausnehmend entspannt, fast ausgelassen, kümmerte sich rührend und unterließ es diesmal, zwischenzeitlich einfach für Stunden zu verschwinden. Für den Abend war ein Lagerfeuer versprochen bei Würstchen und Brot. Letzteres wurde nach Protesten der beiden Jüngsten durch Pommes Frites ergänzt.

Zwei Wochen später traf Martha ihre Nachbarin auf der Straße. Die Frauen sprachen über dies und das und schließlich erwähnte Riekje, dass Klaus ihrem Mann eigentlich ja noch Bilder versprochen hatte. „Das ist wieder typisch.“ meinte Martha peinlich berührt. „Der vergisst noch seinen Kopf, wenn ich ihn nicht jeden morgen daran erinnere, ihn aufzusetzen. Aber den ändere ich nicht mehr. Mein Mann hat immer alles mögliche im Kopf, nur nicht das, was er machen soll. Entschuldige bitte. Ich werde ihn sofort daran erinnern.“ Riekje wiegelte sofort ab „Ja – meiner hat auch seinen Kopf immer wo anders, wenn er überhaupt einmal zu Hause ist. Aber das Problem hat er inzwischen selbst schon gelöst. Die Fotos sind toll. Richte Klaus bitte unseren herzlichsten Dank aus.“

Als Martha ihrem Mann deswegen Vorwürfe machte, fand sie seine Reaktion darauf mehr als merkwürdig. Klaus schien sie überhaupt nicht ernst zu nehmen. Hatte er sie überhaupt verstanden? Mit einem kurzen „OK“ und einem geheimnisvollen Leuchten in den Augen verschwand er ohne weitere Worte für mehrere Stunden in seinem Arbeitszimmer. Martha überlegte, ob sie ihren Mann etwa ernstlich gekränkt hatte, verwarf den Gedanken aber sofort. Das war überhaupt nicht seine Art. Als sie ihn später fragte, was denn los sein, erhielt sie keine Antwort. Er schien einfach tief in Gedanken versunken und war kaum ansprechbar.

Das blieb auch so für die nächsten Tage. Klaus stand früh morgens zusammen mit seiner Frau auf, wenn diese zur Arbeit ging. Mittag- und Abendessen ließ er ausfallen und schlief die eine oder andere Nacht sogar auf seiner Couch im Arbeitszimmer. Die Spannungen mit Martha ließen nicht lange auf sich warten, zumal Klaus sie noch nicht in seine Handlungen einweihen wollte. Vom Morgen bis in die Nacht beobachtete er auf seinem Monitor, was in den Rechnern des Forschungsinstitutes vorging. Seine Bots hatten sich wie erwartet vermehrt und den gesamten Cluster infiziert. Nur machten sie ansonsten einfach nichts. Sie entfalteten keinerlei selbständige Aktivitäten, kommunizierten nicht miteinander, bildeten keinerlei erkennbare Strukturen. Klaus dachte an eine Art Zündung, ohne eine genaue Vorstellung davon zu haben, wie die aussehen sollte. Eine Flamme musste man vermutlich erst einmal in Gang setzen, bevor ein Feuer sich ausbreiten konnte. Auf eine Selbstentzündung konnte er augenscheinlich nicht rechnen. Danach sollte es nur noch ein Frage der verfügbaren Nahrung sein und für deren Nachschub war gesorgt. Er versuchte einzelne Bots zu triggern, dann viele Bots gemeinsam anzustoßen. Immer reagierten sie auf den unmittelbaren Impuls, lösten ein Welle von Aktivitäten aus, die schnell verebbte. Aber niemals begannen sie danach anhaltend selbständig zu agieren. Es blieb bei kurzen Strohfeuern und alles blieb unglaublich passiv.

Klaus' Stimmung wurde immer schlechter. Martha befürchtete schon, er würde in eine Depression verfallen. Das ununterbrochene Monitoring des Clusters förderte auch nach Tagen nicht das erwartete Verhalten zutage. Wo lag der Fehler? Klaus war sicher, dass sein Modell im Prinzip funktionieren musste. Hatte er etwas übersehen? Die Details waren wichtig. Wieder und wieder ging er den Prozess durch, der letztlich echte intelligente Leistungen hervorbringen sollte. Er überprüfte die Zufallsgeneratoren. Er fand keinen Fehler in seinen Überlegungen, es sei denn, die Grundlagen all seiner jahrelangen Forschung waren einfach unsinnig, entsprangen seinem Wunschdenken statt nüchterner wissenschaftlicher Analyse.

In den folgenden Tagen wirkte er unausgeglichen, manchmal aggressiv. Mehrfach entschuldigte er sich bei seiner Frau und versicherte ihr, es habe nichts mit ihr zu tun. Ihm ginge es einfach schlecht, sei angespannt und nervös. Zu den Ursachen äußerste er sich nur nebulös, machte mal seinen Magen, ein andermal seinen Rücken oder schmerzenden Füße dafür verantwortlich. Auch klagte er über ein Pfeifen in den Ohren und Schwindelgefühle. Aber das würde sich sicher von selbst wieder legen. Und auch Martha wurde zunehmend reizbarer. Der Haussegen hing nachhaltig schief.

Nach zwei Wochen brach Klaus das Experiment tief enttäuscht ab. Er startete eine vorbereitete Löschroutine, die jeden aktiven Bot hervorlockte und veranlasste, seine eigene Position und die seiner Nachbarn zu verraten. Der Vorgang dauerte erheblich länger, als Klaus erwartet hatte. Seinen Berechnungen zufolge hätten alle Spuren nach wenigen Minuten bereits verschwunden sein müssen. Klaus vermutete, dass unbekannte Sicherheitsmechanismen des Clusters Widerstand leisteten und für die unerwartete Verzögerung verantwortlich waren. Klaus wurde zunehmend nervös. Was würde geschehen, wenn die Löschung nicht gelang? Irgendwann würde die Infektion auffallen und nach den Ursachen geforscht. Es war durchaus möglich, die Spur zu Jan und letztlich zu ihm selbst zu finden. An die Folgen mochte Klaus gar nicht denken. Er hatte gegen Strafgesetze verstoßen, auch wenn kein Schaden entstanden war, und einen guten Bekannten hintergangen, der ihn offenbar mochte und irgendwann vielleicht sogar ein Freund werden konnte. Letztlich dauerte es eine unglaublich schweißtreibende dreiviertel Stunde, bis sein Monitorprogramm endlich Vollzug meldete, die letzten Log-Dateien auf seinen Rechner übertrug und sich selbst eliminierte. Er atmete tief durch. Die Spuren waren beseitigt. Daran bestand kein Zweifel mehr. Unglaublich erleichtert duschte Klaus erst einmal und kroch dann zu Martha unter die Bettdecke. Am Morgen würde er ihr einiges erklären müssen. Und er musste unbedingt daran denken, sich den Stick wieder aushändigen zu lassen.

1Die Explosion eines Supervulkans wird begleitet von Erdbeben und Flutwellen. Wie genau ein Ausbruch verläuft, ist nicht vorhersagbar, da noch nie ein solcher beobachtet wurde. Neben den unmittelbaren Schäden kommt es zu einer globalen Klimakatastrophe, zu einem Vulkanischen Winter, bei welchem die Temperaturen auf der ganzen Welt sinken. Pflanzen und Tiere sterben in der Folge massenhaft und bewirken eine jahrelange Hungersnot. Die Zahl der Opfer dürfte immens sein. In einem Umkreis von 100 km wird jedes Leben durch den Ausbruch sofort vernichtet. Darüber hinaus ist der dann weltweit verteilte Vulkanstaub sehr fein und dringt in jede Spalte. In Verbindung mit Wasser wird er zu einer zementartigen harten Masse, woran eine Unzahl von Lebewesen auch bei genügender Luftaufnahme erstickt, da die Lungen durch das Einatmen des Staubes funktionsunfähig werden. Ohne Atemschutz hat man nur geringe Überlebenschancen. Werden Pflanzen von diesem Staub dicht bedeckt, wird die Photosynthese verhindert, sodass diese Pflanzen sterben. Regen verschlimmert diese Situation noch. Supervulkane waren bei den bekannten Ausbrüchen vermutlich jeweils für ein umfassendes Artensterben verantwortlich. Nach der umstrittenen Toba-Katastrophentheorie wurde die Menschheit auf einige tausend Menschen reduziert, als vor 75.000 Jahren der Toba-Vulkan auf Sumatra ausbrach.

2Eine Gruppe von N Individuen kann bis zu ½(N2 - N) Beziehungen untereinander aufbauen und darüber Informationen kodieren. Schon tausend Nervenzellen können danach bis zu 499.500 Beziehungen aufbauen, wie man leicht nachrechnet.

3Couzin, ID; Krause, J; James, R; Ruxton, GD; Franks, NR, Collective memory and spatial sorting in animal groups, Journal of Theoretical Biology 2002

4Beispielsweise sind Archivformate durchaus unterschiedlich verbreitet. Während die üblichen privaten genutzten Systeme vor allem ZIP-Archive kennen, benutzen professionelle Unix-Rechner meist mit GZIP komprimierte TAR-Archive.

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