Irritationen

Leises Vogelgezwitscher führte Sajala sanft aus ihren Träumen. Ihr Zimmer war noch in das rötliche Licht eines Sonnenaufgangs getaucht, dass langsam in gelbe Töne und nach einigen Minuten in die taghelle Beleuchtung eines Frühlingsmorgens überging. Es roch nach Tau und feuchtem Gras. Das alles entsprach ihrer durchaus gelösten Stimmung. Sonst hätte Matar sich anders verhalten, andere Geräusche eingespielt, andere Lichtverhältnisse gewählt, andere Gerüche. Die ganze Nacht hatte Matar über sie gewacht, hatte ihre Atmung verfolgt, ihre Bewegungen, die Geräusche, Herzschlag, Augenbewegung. Matar wusste immer, wie es ihr gerade ging und stellte sich darauf ein. Sie nahm ihre Stimmungen auf, bestätigte und verstärkte sie, oder lenkte sie in eine andere Richtung, wenn es nötig erschien. Matar zeigte Anteilnahme und versuchte alles, ihr größtmögliches Wohlbefinden zu verschaffen.

Sajala Mukherjee bewohnte die kleine Zweizimmerwohnung alleine. Sie war sich bewusst, dass sie in einer privilegierten Situation lebte. Sie hatte ein technisches Studium absolviert. Das war viele Jahre her. Seither arbeitete sie als Informatikerin am TISS, dem Theoretischen Institut für Schwachstellenanalyse und Systemsicherheit. Naturwissenschaftler, Techniker, Mathematiker, Ökonomen genossen ein besonderes Ansehen und viele Vorteile in der Union. Wenn Sajala eine Zielvorgabe aus fachlichen Erwägungen heraus für nicht erreichbar hielt, hatte ihre Einschätzung Gewicht und konnte Entscheidungen auf höheren Ebenen durchaus ändern. Leute wie sie waren wichtig für das Funktionieren des Systems und damit der Gesellschaft insgesamt.

 

Das war eigentlich schon immer so gewesen, aber die Wertschätzung für Spezialisten war in der Vergangenheit wohl nicht immer so selbstverständlich. Ihre Eltern hatten erzählt, dass technische und ökonomische Kompetenzen früher eher ein Hindernis waren für jede Karriere. Soziale Fähigkeiten waren damals gefragt, Netzwerke zu bilden, die Fähigkeit zu Führen, den eigenen Willen durchzusetzen, Probleme zu diskutieren und Fakten mit überragender Dialektik in ihr Gegenteil zu verkehren. Hinzu kam eine unausgesprochene, aber äußerst effektive Umerziehung der Wissenschaften. Das hatte über die Jahre zu einer vollkommenen Beratungsresistenz der staatstragenden Eliten geführt und zu einer Missachtung all derjenigen, die noch harte Fakten anerkannten und gesetzmäßige Zusammenhänge verstanden.

Etwas steif in den Gelenken richtete sie sich auf. Das Panoramafenster ihres Schlafraums ließ die nebelgraue Parklandschaft draußen in einem freundlichen Licht erscheinen. Sie hatte geträumt und versuchte sich zu erinnern. Sie träumte nicht oft, soweit sie wusste. Aber da konnte sie sich nicht sicher sein. Vermutlich erinnerte sie sich normalerweise einfach nicht daran. Nur wenige unzusammenhängende Fetzen tauchten jetzt in ihrem Kopf auf. Das war schade. Nur ein glückliches und euphorisches Gefühl war geblieben, das nun langsam verblasste. Gerne hätte sie gewusst, was diese Stimmung ausgelöst hatte. Seufzend erhob sie sich und begann gedankenverloren ihre Morgentoilette.

Eigentlich konnte sie sich glücklich schätzen. Aber da war eine unterschwellige Unruhe, die sie selbst kaum erklären konnte. Manchmal fühlte sie sich getrieben, ohne zu wissen von wem und wohin. Dabei war sie hochgeachtet. Kollegen und Vorgesetzte am TISS suchten ihren Rat und zogen sie hinzu, wenn sie selbst in einem Projekt nicht so recht von der Stelle kamen. Sie dachte wieder an die Erzählungen ihrer Eltern. Damals hätte niemand sie gefragt. Sie wäre mit ihren Fähigkeiten allenfalls belächelt worden und hätte vielleicht eine Existenz am Rande geführt. Damals wurden selbst Warnungen ernstzunehmender Wissenschaftler, dass der politische Wille alleine keine Naturgesetze außer Kraft setzen könne, ignoriert, oder, wenn das nicht möglich erschien, die Urheber solcher Nachrichten ins Abseits gestellt. Im übrigen fanden sich damals immer willfährige Wissenschaftler jeder Fachrichtung, die gegen Geld jede beliebige Studie in die Welt setzten, die notfalls sogar bestätigten, dass der Apfel auch nach oben fallen kann. So manche vielversprechende wissenschaftliche Karriere wurde jäh beendet, bis die Kritiker verstummten und nur noch hinter vorgehaltener Hand wagten, ihre Einwände zu äußern.

Jetzt war das alles längst vergessen. Es erschien ihr unwirklich, wie sich Wertmaßstäbe derartig verschieben konnten. Irgendwie schien sie noch immer nicht ganz wach zu sein. Matar hatte sie noch rechtzeitig gewarnt, als sie gerade den Zahnreiniger in ihr rechtes Ohr einführen wollte. Es schien nicht ihr Tag zu werden. Wieder dachte sie daran, in welch beneidenswerter Position sie heute war. Sicher hätte ihre Karriere angesichts ihrer anerkannten Fähigkeiten noch viel erfolgreicher sein können. Aber sie hatte zu wenig Bereitschaft erkennen lassen, sich anzupassen. Stattdessen wollte sie immer wieder einmal mit dem Kopf durch die Wand. Was sie tat, war wichtig für die Systeme, die die Welt am Leben erhielten. Heute verstand das jeder. Von den Systemen hingen Wohlstand und Überleben der Gesellschaft ab. Ohne sie ging nichts. Es war nur logisch, all diejenigen, die sie betreiben und weiterentwickeln konnten, nach Kräften zu fördern. Auch das war den Erzählungen zufolge für lange Zeit einmal anders gewesen.

In ihrer Schulzeit hatte sie erfahren, dass die politischen Eliten über Jahrzehnte hinweg all die komplexe Infrastruktur, die Maschinen und Steuerungsprozesse, die ihre Welt am Leben erhielten, als selbstverständlich hingenommen hatten und übersahen, dass es sehr viele hochmotivierte technische Spezialisten brauchte, um sie instand zu setzen und fort zu entwickeln. Politik und Medien hatten sich immer weiter von den wirklichen Problemen entfernt, diskutierten abgehoben über humanistische Ideale, eine ideale Welt im Einklang mit der Natur, ohne schmutzige Technik, Industrie und Energiegewinnung. Allein der politische Wille sollte dieses Ideal Wirklichkeit werden lassen. Dass all das technisch nicht realisierbar und finanziell nicht zu stemmen war, wollte niemand hören, wurde ins Gegenteil verkehrt oder mit Totschlagargumenten bekämpft. Die Gegner waren danach Ewiggestrige, intellektuell nicht in der Lage, innovativ zu denken. Massenmedien und der überwiegende Teil der Bevölkerung folgte den schönen Bildern nur zu bereitwillig. Als dann die ersten Blackouts Städte für Tage ins Chaos stürzten, übte man sich im üblichen Zeremoniell gegenseitiger Schuldzuweisungen zwischen den politischen Lagern, ohne die wahren Ursachen zu benennen. Eigentlich hätte man erwarten dürfen, dass die Menschen sich gegen das System insgesamt erhoben hätten. Aber das war nicht geschehen. Niemand war aufgestanden und hatte vernehmlich auf die wahren Missstände hingewiesen, darauf, dass nicht die eine oder andere Partei das Problem war, sondern das System an sich. Auch die sich ausbreitenden Aufstände folgten politischem Lagerdenken, nicht zuletzt deswegen, weil die Massenmedien das politische System an sich nicht in Frage stellten. Es sah danach aus, als würde die Welt mit wachsender Geschwindigkeit ins Chaos abgleiten.

Das lernten die Kinder auch heute noch so in der Schule. Sajala hegte ihre Zweifel daran, dass diese Darstellung vollständig der Wahrheit entsprach. Aber was war schon Wahrheit? Da hatte doch jeder seine eigene Version und niemand konnte abschließend behaupten, eine davon sei verlässlicher als die andere. Zweifellos war die gelehrte Wahrheit wohl die derzeit zweckmäßigste.

Irgendwie kam sie heute morgen nicht so recht voran. Vielleicht sollte sie einfach einen Tag freinehmen. Aber da gab es noch den Auftrag, den sie abschließen musste. Danach konnte sie es vermutlich wieder ruhiger angehen. Trotzdem legte sie sich noch einmal auf die Bettdecke und schloss die Augen. Matar würde sie schon wecken, wenn sie wieder einschlafen sollte.

Wenige Jahre vor Sajalas Geburt hatte sich unerwartet das gesellschaftliche Klima verändert. Ihr Vater bekleidete damals als Politologe einen wichtigen Posten im Energieministerium, als die weltweiten Finanzsysteme plötzlich ohne erkennbare Ursache kollabierten. Er hatte später erzählt, dass man die kommende Krise spüren konnte. Die Anspannung verursachte beinahe physische Schmerzen bei all denen, die noch ihre Sinne beisammen hatten. Aber die meisten ignorierten stoisch die Zeichen, das bedrohliche Knistern der Atmosphäre wie aus tausenden statischen Entladungen. Frühere Krisen hatte es immer wieder gegeben. Die Ursachen erschienen oft banal. Sie hatten tiefe Spuren hinterlassen, waren letztlich aber von den Staaten aufgefangen worden durch immer neue Schulden und sehr viel frisches Geld, dass in die Märkte gepumpt wurde. All das schien nun nicht mehr möglich. Jedes Vertrauen war durch jahrelange Lügen und Misswirtschaft untergraben und dahin.

Nach allem, was man heute darüber nachlesen konnte, war eine eigentlich weniger wichtige Börse in Asien zusammengebrochen. Es war ohne ersichtlichen Grund geschehen. Vermutlich hatte eines der elektronischen Handelssysteme ein Signal missinterpretiert und große Verkäufe von Wertpapieren ausgelöst. Genauso unerklärlich war, dass alle Schutzmechanismen der Finanzmärkte danach versagten. Andere Systeme hatten in Millisekunden automatisch auf die neuen Signale reagiert. Es hatte eine Kettenreaktion in Gang gesetzt. Auf der ganzen Welt hatten computergestützte Handelssysteme in gleicher Weise gehandelt und sämtliche Indizes auf steile Talfahrt geschickt. Eigentlich hätten die Sicherungen die Lawine automatisch aufhalten oder verzögern müssen. Aber die üblichen Maßnahmen verschlimmerten die Misere noch. Spezialisten, die noch wirklich verstanden, wie und weshalb die Computer so handelten, wie sie es taten, gab es nicht, oder sie waren nicht verfügbar, oder wollten schlicht nicht helfen, weil sie den Zusammenbruch insgeheim herbeisehnten. In diesem Moment hielten sie endlich die Macht in ihren Händen, das Schicksal der Menschheit in die eine oder andere Richtung zu lenken.

Sajala war wieder in einen leichten Schlaf abgeglitten, während ihre Gedanken vagabundierten. Sie konnte nachempfinden, was Macht bedeutete, wenn man etwas verändern wollte. Es war bestimmt in Ordnung gewesen, den Zusammenbruch nicht aufzuhalten. Manchmal war ein harter Einschnitt nötig. Niemand zog heutzutage in Zweifel, dass der Neuanfang damals das Beste für die Menschheit gewesen war.

Sajala erinnerte sich weiter daran, was sie gelernt und gelesen hatte, oder aus Erzählungen kannte. Die Welt hatte hilflos zugesehen, wie eine nach der anderen Börse kurz nach dem jeweiligen Handelsbeginn kollabierte. Alle Marktteilnehmer weltweit versuchten nur noch zu retten, was zu retten war und verstärkten den weltweiten Verkaufsdruck. Nach nur 24 Stunden war das Desaster perfekt. Pensionsfonds, Versicherungen, Banken versanken im Strudel und ganze Staaten folgten in den finanziellen Kollaps. All die hochfliegenden Projekte, die eine ideale Märchenwelt erzwingen wollten, stürzten in sich zusammen und mit ihnen die Pläne und Träume der herrschenden Eliten. Geld war eine Sache des Vertrauens in die Institution, die Geld herausgab. Dieses Vertrauen war nachhaltig dahin. Jede Form von Geld hatte danach letztendlich für die Menschen nicht einmal mehr den Wert des Materials, auf dem es gedruckt war.

„Sajala, guten Morgen noch einmal. Du hast Termine heute, die du nicht versäumen solltest.“ Matar kannte keine Gnade. Sie war einfach unmenschlich. Immer noch gähnend blickte Sajala hinaus auf den Park. Sie streckte sich ausgiebig und das eine oder andere Gelenk knackte hörbar bei dieser Übung. Es war eine schöne Gegend, in der sie wohnte. Das Haus war umsäumt von natürlichen Parks. Zum Institut waren es kaum zwanzig Minuten zu Fuß. Sie liebte die morgendlichen Spaziergänge. Ihre Stimmung hatte sich etwas eingetrübt. Was hatte sich gegenüber früher eigentlich verändert? Was hatte die Menschen geändert? Die Bedingungen hatten sich radikal verschoben. Daran bestand kein Zweifel. Aber was hatte die Veränderung ermöglicht? Darauf hatte sie keine befriedigende Antwort finden können. Sie hatte darüber nachgedacht. Die Menschen selbst hatten sicherlich nicht über Nacht einen anderen Charakter erworben, innerhalb kurzer Zeit etwas erreicht, dass Millionen Jahre der Evolution nicht hervorgebracht hatten. Vielleicht war dieser Gedanke eine Ursache ihrer Unruhe, die sich immer wieder einmal ihrer bemächtigte.

Die Bedingungen des Wechsels damals blieben ihr ein Rätsel. Damals taugte offenbar keines der alten Rezepte mehr, die Krise zu bewältigen. Vieles kannte sie aus ihrer Schulzeit, anderes hatte sie selbst recherchiert. Die realitätsfernen Eliten, gestützt auf eine ganze Generation herangezogener Scholastiker als pseudowissenschaftlich beratendem Placebo, waren mit der Situation vollkommen überfordert. Wenige begabte Technokraten übernahmen das Ruder und zogen alle Hoffnungen der Bevölkerung auf sich. Der radikale Umbau des weltweiten Finanzsystems war bereits nach zehn Monaten abgeschlossen. Politische Widerstände gab es nicht. Den Instituten wurde nicht mehr gestattet, durch Kreditvergabe und komplexe Derivate eigenes Geld zu schöpfen. Ausgeliehen werden durfte nur noch das, was an Eigenkapital der Gesellschafter und an Einlagen der Bürger in der Kasse war1. Niemand hätte eine solch drastische Maßnahme vor Ausbruch der Krise auch nur laut zu denken gewagt. Die Wirkung setzte schnell ein. Neues Geld gewann wieder Vertrauen, Banken bemühten sich aktiv mit attraktiven Zinsen um Spareinlagen und vergaben daraus wieder Kredite. Zum ersten Mal seit hundert Jahren standen Geld und Sachwerte wieder in einem vernünftigen Gleichgewicht. Genauso folgenreich war die Neubewertung menschlicher Arbeit. Vor der Krise war es für Investoren einfacher gewesen, durch den Einsatz von Geld sehr viel mehr neues Geld zu erwirtschaften, als Menschen für die Produktion irgendwelcher Güter oder Dienstleistungen zu bezahlen. Die Situation war nun eine vollkommen andere. Wertschöpfung konnte letztlich nur noch durch Produktion erzielt werden und dazu waren immer noch Menschen notwendig. Genauso mysteriös erschien ihr die weitere Entwicklung danach.

Sajala beendete ihre Morgentoilette und zog sich an. Mechanisch griff sie in ein Regal, ohne wirklich darauf zu achten, was sie tat. Auf einen Blick in den Spiegel verzichtete sie. Matar würde sie schon warnen, wenn etwas an ihrer Kleidung nicht stimmte, geschmacklos oder unangemessen für den kommenden Tag war. Sie steckte weiter tief in ihren Gedanken. Sajala dachte, dass sie gerade noch von etwas Monströsem geträumt hatte, das damit in irgendeinem Zusammenhang stand. Konkret konnte sie sich allerdings nicht mehr erinnern. Alle Details darin waren inzwischen entschwunden. Aber irgendwie hatte der Traum wohl ein Happyend gehabt.

Tatsache war, dass vergleichbare Revolutionen in Jahrhunderten zuvor völlig anders verlaufen waren, ungleich chaotischer und länger gedauert hatten. Soweit sie wusste, hatten nach zwei Jahren die Wirtschaften wieder Fuß gefasst. Damit hätte eigentlich die Zeit der Technokraten vorbei sein müssen. Keiner dieser Frauen und Männer hatten politisches Gespür oder weiterführende Visionen, die über die Heilung der akuten Schäden hinausgingen. Die neue funktionale Organisation der Gesellschaften war ihr nun weitgehend abgeschlossenes Werk.

Sajalas Vater hatte es merkwürdig gefunden, dass nicht – so wie in vergleichbaren historischen Situationen – Teile der alten Eliten wieder das Ruder übernahmen. Nach allem, was er gelernt hatte und wovon er überzeugt war, hätte kein Staat ohne vorausschauende politische Führung lange überleben dürfen. An der Spitze gab es ein Machtvakuum, aber niemand empfand das so und niemand vermisste dort etwas. Die neugebildeten Institutionen, darunter auch demokratisch legitimierte, funktionierten offenbar auch ohne diese Führung. Sajalas Vater wusste, dass das nicht so sein konnte. Jahre später erst ahnte er, dass etwas anderes dieses Vakuum ausgefüllt haben musste. Sie selbst war noch zu jung und hatte nicht verstanden, was er damit meinte. Bald darauf verschwand er spurlos aus ihrem Leben. Es schmerzte Sajala immer noch. Ihre Mutter war nach dem wirtschaftlichen Zusammenbruch nie mehr die alte gewesen. Sie hatte Überzeugungen gehabt, hatte danach gehandelt, um schließlich zu erfahren, dass nichts davon Substanz gehabt, dass alles falsch war, wonach sie gelebt hatte. Sajala litt unter ihren manisch-depressiven Stimmungsschwankungen und war so früh wie möglich in die Selbständigkeit geflohen.

In der Erinnerung hatte sich ihre Stimmung weiter verdüstert. Ihre anfängliche Euphorie war vollständig verflogen. Matar steuerte mit Bildern von fröhlich spielenden Katzen dagegen, ermittelte während dessen die vorhandenen Vorräte und schlug eine Zusammenstellung für ein leichtes Frühstück vor. Sajala war dankbar für die Ablenkung. Während sie aß, rief sie noch die neuesten Nachrichten ab. Einige Regelungen waren wohl entfallen, nachdem die turnusmäßige Nutzen-Kosten-Bewertung negativ verlaufen war. Daneben wurde für verschiedene technische Implantate geworben. Bis auf das Gehirn war heutzutage fast jeder Teil eines biologischen Körpers ersetzbar durch ungleich leistungsfähigere Elektroniken und Servo-Einheiten. Nichts davon interessierte sie und so verinnerlichte sie nur den aktuellen Wetterbericht für die nächsten Tage.

Direkt danach suchte sie ihre nahegelegene Arbeitsstelle auf. Sie ging zu Fuß entlang eines Bachlaufs in der parkähnlichen Landschaft. Es war neblig so früh im März. Schneereste lagen noch in den Senken. Sajala mochte es, alleine zu gehen, ihren Gedanken zu folgen, ohne äußere Störungen. Sie hatte keine Angst vor ihren Phantasien. Jede noch so abstruse Spinnerei konnte sie durchaus in aller Stille genießen. Nur dabei fühlte sie sich vollkommen frei und unbeobachtet. Später in ihrem Arbeitsumfeld würden Kollegen sein, sie ansprechen, sie vielleicht beobachten. Selbst zu Hause fühlte sie oft ein Unbehagen, fühlte sich kontrolliert, obwohl es dafür keinen konkreten Anhaltspunkt gab. Matar fragte sie nie direkt danach, wo sie gewesen war und was sie gemacht hatte. Trotzdem hatte Sajala manchmal den Eindruck, dass sie sie provozierte um genau das zu erfahren. Hier im Freien hinterließ sie keine verfolgbaren Spuren in den digitalen Systemen. Für die meisten Menschen in dieser Welt galt das keineswegs. Sajala hatte das Implantat immer abgelehnt und es wurde nicht erzwungen. Es hätte ihrem Wohl dienen, ihre Körperfunktionen ständig überwachen und im Notfall schnell die richtige Hilfe an den richtigen Ort holen sollen. Als sie die Wahl hatte, konnte Sajala ihr Unbehagen nicht verbergen und lehnte den kleinen Eingriff ab. Sie musste ein langes Dokument unterschreiben, in dem sie über die Risiken für ihr Leib und Leben informiert wurde und sie diese ausdrücklich akzeptierte. Und sie trug keines dieser vielen nützlichen Dinge mit sich herum, die Signale aussenden konnten und Spuren im digitalen Netz hinterlassen würden.

Zunächst hatte diese Entscheidung keine erkennbaren Nachteile für sie gebracht. Erst später zeigten sich die Konsequenzen. Sie hatte bereits mehr als zehn Jahre als Privatdozentin für Sicherheitsfragen gearbeitet und niemand konnte ihre fachliche Qualifikation für eine freiwerdende Professorenstelle ernstlich anzweifeln. Trotzdem wurde ihr damals jemand vorgezogen, der bei Weitem nicht ihrer Erfahrung und ihrer internationalen Reputation nahe kam. Auf hartnäckige Nachfragen hatte man ihr unter vier Augen unmissverständlich bedeutet, man hielte sie nicht für zuverlässig und zog ihre Loyalität in Zweifel. Den Zusammenhang mit ihrer frühen Entscheidung und anderen Eigenwilligkeiten stellte Sajala schnell her. Danach zog sie sich noch weiter in ihre Arbeit zurück. Sie war ohnehin nie ein geselliger Mensch gewesen. Und da ihre Karriere offenbar bereits zu Ende war, bevor sie richtig begonnen hatte, erlaubte sie sich durchaus, ihre Arbeitsaufträge sehr weit auszulegen, um ihre weitergehende Neugierde zu befriedigen und eigene Interessen dabei mit zu verfolgen.

Eine halbe Stunde später betrat sie das nüchterne, viergeschossige Gebäude. Das Sicherheitssystem begrüßte sie freundlich „Guten Morgen Frau Dr. Mukherjee, wie geht es Ihnen?“. Die Frage klang ernst gemeint. In Sajala kam der Verdacht auf, es könne von ihrer leichten Verstimmung nach dem Aufstehen bereits wissen. Der Aufzug brachte sie direkt zu ihrem Arbeitsplatz. Als Sicherheitsexpertin war sie unter anderem mit besonders perfiden Einbrüchen in die Steuerungssysteme mehrerer Energiezentren befasst. Jeder einzelne echte Angriff, der nicht automatisch von den Systemen erkannt und abgewehrt wurde, war ein individuell einzigartiges Ereignis und offenbarte regelmäßig einen genialen Geist dahinter. Die damit verbundene Detektivarbeit faszinierte Sajala jedes mal aufs Neue und sie liebte die Herausforderung abseits ihrer hauptberuflichen Lehrtätigkeit am Institut.

Sajala kramte ihre Brille aus dem Fach unter ihrem Schreibtisch hervor. Sie glich eine leichte Sehschwäche auf dem linken Auge aus und erleichterte ihr das Lesen, das ihr mit zunehmendem Alter immer schwerer fiel. Trotzdem nahm sie das Gerät niemals mit nach Hause. Der Weg von und zur Arbeit war ihre Privatsache und sollte es bleiben. Nach Aktivierung des Gerätes füllte sich ihr Arbeitsplatz augenblicklich mit virtuellen Analysen, Dokumenten, Informationen, Bildern an den Wänden, persönlichen Utensilien und archaisch anmutenden Möbelstücken. Sajala lehnte die üblichen Implantate ab. Das machte das Leben durchaus umständlich. Dafür waren ihre Augen noch die natürlichen, ihre Ohren noch rein biologische Konstrukte und auch ihr Großhirn kam gut ohne Photorezeptoren und implantierte Opto-Emitter aus. Eine kurze Geste schuf einen antiquiert anmutenden Monitor auf ihrem Schreibtisch mit voluminöser Tastatur davor. Ein solches Gerät hatte sie einmal auf sehr alten Fotografien gesehen und schnell festgestellt, dass man damit tatsächlich – die notwendigen Kenntnisse und Übung vorausgesetzt – sehr schnell und effizient arbeiten konnte. Weitere Gesten und Blicke stellten die Verbindung zu den zu untersuchenden Systemen und Netzen her.

Die meisten solcher Fälle, die Sajala zur Analyse zugeteilt wurden, stellten sich als Fehlalarme heraus, als Ergebnis zufälliger Fluktuationen im Netz, ohne dass eine besondere Absicht sie steuerte. Den vorliegenden Angriff an sich konnte Sajala schnell aufklären und bis auf die Urheber zurückverfolgen. Energie war zwar grundsätzlich verfügbar, für dubiose Zwecke aber schwierig abzuzweigen und dann kostbar. Immer wieder zogen die Zentren Kriminelle an, die mit der illegalen Beschaffung einen lukrativen Handel trieben. Sajala hatte eine besondere Gabe, in den verworrendsten Fällen Regelmäßigkeiten und Muster zu erkennen. Es war immer nicht das alleinige Resultat einer strukturierten Herangehensweise und Analyse. Sajala betrachtete den ganzen Fall, beleuchtete ihn aus allen ihr denkbaren Perspektiven. Das alles erklärende Bild dazu entstand dann plötzlich und unvermittelt vor ihrem geistigen Auge, nachts, während der Morgentoilette oder während eines uninteressanten Gesprächs. Wenn sie zu der Überzeugung gelangt war, dass tatsächlich ein Angriff vorlag, meldete sie ihre Schlussfolgerungen unverzüglich an die ermittelnden Behörden, um weiteren Schaden abzuwenden.

Sobald Sajala aber einen Auftrag als Fehlalarm erkannte, gab es keinen Grund mehr zur Eile. Sie konnte ein solches Projekt etwas in die Länge ziehen, konnte behaupten, sie müsse abschließend sicher sein in ihrem Urteil und ihre Auftraggeber hatten natürlich volles Verständnis für ihre Gründlichkeit. So gewann sie Zeit, ihren eigenen Interessen nach zu gehen. Bei der Analyse potentieller Angriffsmuster war sie auf etwas gestoßen, das ihre besondere Aufmerksamkeit auf sich zog. Es waren zufällige Muster ohne erkennbare Regelmäßigkeiten, die vermutlich durch wiederholte Fehler in millionenfachen Übertragungen über viele Jahrzehnte hinweg in den Datenstrukturen entstanden waren. Nachdem sie einmal darauf gestoßen war, fand sie solche Muster überall in jedem zu untersuchenden System in unglaublicher Zahl. So wie Kinder bunte Kieselsteine auflesen, sammelte sie diese jeweils recht kleinen Datenfragmente und experimentierte mit ihnen. Sie zeichnete sie auf, hinterlegte sie mit Farben und Tönen, ordnete sie in einer oder in mehreren Dimensionen an. So offenbarte eine dreidimensional farbenfrohe Darstellung eine besondere, versteckte Schönheit. Sajala war fasziniert von der Tiefe und Vielfalt dieser Strukturen, die in sich ähnlich waren, sich auf allen Größenskalen zu wiederholen schienen, dabei aber niemals wirklich identisch waren. Es war Chaos und Ordnung zugleich, dass auch nach den wenigen Jahren des Sammelns niemals langweilig wurde. Für Sajala war es ein abstraktes Bild, das sie vervollständigen und interpretieren wollte, um darin eine Sinn, die Absicht eines Malers zu erkennen, die dieser womöglich niemals gehabt hatte. Sie sah es als Spiel an, vielleicht als Herausforderung, um ihren Geist und ihre Abstraktionsfähigkeit zu prüfen und zu schulen. So wie Kinder in den Wolken am Himmel immer wieder neue Figuren, Tiere, Personen, Landschaften erkennen und in ihrer Phantasie Abenteuer darin erleben, tauchte sie ein in diese Muster, und irgendwie fühlte sie, dass die Bilder tief im Verborgenen vielleicht einen Sinn ergaben.

Nur im Rahmen dieser Sicherheitsrecherchen konnte Sajala ihrer Sammelleidenschaft nachgehen. Nur für die Dauer eines Auftrags erhielt sie die dazu notwendigen unbeschränkten Zugriffsrechte auf Systeme und Netze. Und nur im Rahmen dieser Arbeiten würde niemand Verdacht schöpfen, dass sie mit ihren Abfragen vielleicht noch andere Ziele verfolgte als die ihr zugedachten. So wuchs dieses Bild, das nur für sie alleine existierte und das sie sorgfältig hütete und verbarg. Nur dieses Bild hätte ihre heimlichen und sicherlich unerlaubten Recherchen verraten können. Eine Abmahnung wäre noch die mildeste Strafe gewesen, die sie erwartete, der Verlust der ihr liebgewordenen Sonderaufträge wäre fast sicher gewesen bis hin zum Verlust ihres Jobs am Institut. Dass ihre Karriere schon lange beendet war, hatte sie akzeptiert. Ihren Beruf aber, das, was sie Tag für Tag tat, was ihre Tage ausfüllte, das liebte sie.

Dabei war sie nicht einmal ganz sicher, dass ihr Tun illegal war. Es gab sicher keine ausdrückliche Regel, die genau das verbot. Dazu gab es zu wenige davon. Die zweiundvierzig Hauptregeln, nach denen die Bürger der Union zu leben hatten, waren einleuchtend und leicht merkbar2. Zu ihrem Verständnis brauchte es keine Experten. Sie klangen wie ein knapper Extrakt aus sehr alten Regelwerken, angefangen von den zehn Geboten des alten jüdischen Testaments bis hin zu den Regeln des Buddhismus. Sie waren nachvollziehbar darauf ausgerichtet, den sozialen Frieden zu wahren und Schaden von der Gemeinschaft abzuwenden. Deshalb wurden sie gerne akzeptiert. Nur auf diese sehr allgemeinen Regeln konnte sich jeder mit seinen Handlungen strafrechtlich berufen. Was dahinter sonst noch in den Systemen vorging, war sicher weit komplexer, blieb aber vollständig verborgen. Vermutlich existierte dahinter ein umfassendes und detailliertes Regelwerk. Die Gerichtsbarkeit lag nicht in der Hand von Menschen, um jeder Subjektivität oder gar Interessenkonflikten von vorneherein einen Riegel vorzuschieben. Urteile wurden niemals schriftlich dokumentiert und nur mündlich verkündet. Sie hätten ansonsten das einfache und verständliche Regelwerk schnell ad absurdum geführt. Was darüber hinaus vorzuschreiben war, hatte eher den Charakter von Handlungsempfehlungen, deren Nichtbeachtung nur von Fall zu Fall einmal Folgen haben konnte, etwa, wenn es darüber zum Streit kam oder der Gemeinschaft tatsächlich Schaden entstanden war. Eine überragende Bedeutung für Entscheidungen des Systems hatte im Übrigen offenbar das jeweilige ungeschriebene Gewohnheitsrecht. Möglicherweise hatte Sajala mit ihren Handlungen genau dagegen verstoßen, vielleicht aber auch nicht.

Etwas gelangweilt lehnte Sajala sich in ihrem Sitz zurück und drehte sich mehrfach um ihre Achse. Sie lupfte die Brille etwas, um darunter hindurch zu sehen. Der Raum war kahl, einfarbig. Ein nüchternes kaltes Licht erfüllte jeden Winkel. Schnell rückte sie die Brille wieder zurecht. Jetzt war die persönliche Einrichtung wieder vorhanden. Sie empfand die Veränderung immer noch als unheimlich. Sie machte ihr deutlich, wie sehr die Realität von ihrer Wahrnehmung abhing. „Unser Ich ist in seiner eigenen Wahrnehmung gefangen. Kein Entrinnen ist möglich, kein Ausbruch aus den Schatten unserer Wahrnehmung, die unser Ich wie in ein Gefängnis einmauern.“3 – Von wem das uralte Zitat stammte, hatte sie vergessen. Den meisten ihrer Kollegen war gar nicht bewusst, dass sie eigentlich in einer trostlosen Einöde arbeiteten. Bei ihnen gab es keine Sehhilfe, die sie absetzen oder ausschalten konnten, um die andere Wirklichkeit wahrzunehmen. Normal war heutzutage, dass die Augen und Ohren wahre Wunderwerke der Technik darstellten, die ständig mit den umgebenden Systemen kommunizierten, Bilder kommentierten, mit Daten und Hinweisen ergänzten und natürlich jede Wahrnehmung mit einer virtuellen Realität überzogen. Die Umwelt dahinter war dann nur noch der Rohstoff, der bis zur Unkenntlichkeit veredelt und geformt wurde. Sajala hatte dergleichen abgelehnt und so mit fortschreitendem Alter die Unzulänglichkeit ihrer biologischen Systeme zu akzeptieren.

Anfangs hatte sich noch darüber nachgedacht, ihre Erkenntnisse über diese Datenschnipsel zu teilen. Immerhin belastete die unglaubliche Zahl dieser nutzlosen Fragmente alle bekannten Systeme nicht unerheblich. Sie hätte eine Bereinigung vorschlagen, den immensen Nutzen bewerten und daran partizipieren können. Für derartige Vorschläge wurden durchaus attraktive Preise ausgelobt. Aber was hätte es ihr wirklich genutzt? An Geld war sie nur mäßig interessiert und ihre Karriere hätte das Ganze auch nicht wiederbelebt. Im Gegenteil hätte sie sich vermutlich unangenehme Fragen gefallen lassen müssen, erklären müssen, wie sie denn zu ihren Erkenntnissen gelangt sei. Sajala fehlte einfach jedes Vertrauen in eine angemessene Wertschätzung dieser Ergebnisse. So blieb sie lieber in der Deckung. Und was ging es sie auch eigentlich an? Es gehörte nicht zu ihrer Arbeit. Sollten doch andere später einmal auf diesen Datenmüll stoßen und ihn entsorgen. Sie würde bis dahin weiter ihre bunten Kieselsteine sammeln.

Die Aufklärung des vorliegenden Falls war eher Routine gewesen, so wie Sajala fast jeden echten Angriff klären konnte. Sie zeigte den Vorfall ordnungsgemäß an, schlug Gegenmaßnahmen vor und beschloss, sich etwas Zeit mit der Beweissicherung und Identifikation der Verursacher zu lassen. Sie nahm ihre Brille ab und steckte sie ein. Ihr Büro wirkte augenblicklich so leer und unbenutzt wie am Morgen bei ihrer Ankunft. Die meisten ihrer Kollegen waren schon auf dem Weg in die Kantine. Sajala schloss sich einigen Nachzüglern an, die so wie sie auf den Fahrstuhl verzichteten. In den Pausen über die Arbeit zu sprechen war verpönt und so kam kaum ein echtes Gespräch zustande. Sie setzte währenddessen ihre Brille wieder auf um zu erfahren, welche Menüs angeboten wurden und ihre Wahl zu treffen. Sajala hatte den Eindruck, dass sich diesmal mehr Blicke als gewöhnlich auf sie richteten, nicht nur wegen ihres unüblichen Sehgerätes auf der Nase. Beim Hinausgehen offenbarte ihr Spiegelbild in einer Glaswand, dass irgendwie das bunte Muster ihres Umhangs überhaupt nicht zu den Farben ihrer weiten Hosen passen wollte. Die Brille blendete auch sofort einen dezenten Hinweis ein auf das offensichtliche Missverhältnis. Natürlich hätte auch Matar das auffallen und sie warnen müssen. Weshalb hatte sie es nicht getan? Sicher war es kein Versehen und nicht einfach nur Unaufmerksamkeit. Dazu war Matar nicht fähig. Es steckte eine Absicht dahinter, vielleicht ein Tadel, dass fühlte Sajala.

Nach dem Essen verließ sie das Gebäude und wanderte ziellos durch den Park des Instituts. Die Nebelschwaden vom Morgen hatten sich längst aufgelöst, die Sonne wärmte den kalten Boden und die weißen Reste des Winters schmolzen sichtlich dahin. Sajala war für eine Frau sehr groß. Mittellange schwarze Haare umrahmten ein helles, leicht gebräuntes Gesicht. Die sich deutlich abzeichnenden Falten um Mund- und Augenwinkel verliehen ihm einen freundlichen Ausdruck. Viele Menschen würden sie als durchaus hübsche Frau bezeichnen. Trotzdem lebte sie alleine, war aber keineswegs verbittert deswegen. Dabei war Sajala durchaus kontaktfreudig, aber noch nie in der Lage gewesen, Kontakte wirklich zu pflegen oder gar in Freundschaften fort zu entwickeln. So gab es aus ihrer Sicht nur einfache Bekannte und gute Bekannte – und solche, die Sajala offenbar sehr zugetan und insgeheim auf mehr hofften. Sajala spürte das, zog sich dann bewusst zurück, weil sie sich vor den Konsequenzen fürchtete. Freundschaften hatte sie letztlich immer enttäuscht, war nie in der Lage gewesen, sich darauf einzulassen. Sie brauchte die bedingungslose Freiheit, sich zurückzuziehen, wann immer sie wollte und solange sie wollte. So etwas konnte niemand nachvollziehen, der Freundschaft mit ihr suchte.

Sie war in Gedanken versunken, als jemand sie von hinten ansprach „Verkraftest du gerade etwas Begleitung oder möchtest du weiter nachdenken?“ Ghotam zählte zu ihren guten Bekannten. Sajala mochte ihn und er mochte sie. „Hallo Ghotam, ich freue mich doch immer, dich zu sehen. Und das Denken muss ich ja nicht einstellen, wenn ich mit dir spreche.“ „Du solltest unbedingt deinen Modeberater wechseln.“ meinte er mit breitem Grinsen. Er wusste, dass sie ihm das nicht übel nehmen würde. „Matar hat sich merkwürdig verhalten heute morgen. Normalerweise hätte sie mich warnen müssen. Wahrscheinlich war das die Rache dafür, dass ich ihre Neugierde wieder nicht befriedigen wollte. Immer will sie wissen, was ich gerade gemacht habe und was ich vorhabe. Ein neugieriges Luder. Sie muss ja schließlich nicht alles wissen.“ Ghotam lächelte bei dem Namen, den sie dem Steuerungssystem ihres Zuhauses gegeben hatte. Sajala betrachtete es wie eine Mutter, die sich kümmerte und einmischte, und insgeheim immer alles besser wusste. Und genauso wie ein pubertierender Teenager unternahm sie alles, um deren liebevoller Kontrolle wo immer möglich zu entkommen. Sajala vertraute Ghotam. So wie sie selbst trug er kein Implantat und auch er hatte nach Jahren Nachteile erfahren, die er unter anderem auf diese Entscheidung zurückführte. „Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass Matar mich stärker als sonst überwacht und dann auch noch private Sachen ausplaudert. Ich hatte schlecht geträumt heute morgen. Davon wusste nur Matar. Und dann fragte unser Sicherheitssystem ganz eigenartig nach meinem Befinden. Bestimmt hatte das eine mit dem anderen zu tun.“ Eigentlich konnte das nicht sein. Solche System waren streng voneinander abgeschottet, gesichert durch ausgefeilte Kryptografie, die nach allem was sie wusste unüberwindbar sein sollte. Nur sie selbst konnte persönliche Informationen mit ihrer Biometrie freischalten. Ghotam legte seine hohe Stirn in Falten „Unmöglich, das bildest du dir ein.“ „Vermutlich hast du recht, das ist eigentlich tatsächlich unmöglich.“ Die Einschränkung nahm er durchaus zur Kenntnis. So war sie eben. Begriffe wie „zweifellos“ oder „absolut sicher“ waren ihr fremd.

Weiter sprach sie begeistert über die Fortschritte in ihrem persönlichen Kunstwerk. Nur Ghotam hatte sie ihr Bild anvertraut, nicht die Details seiner Herkunft, aber das ständig fortentwickelte Resultat, eine Kollage, die sie immer wieder neu anordnete. Mit leuchtenden Augen berichtete sie über neue Welten, die sie im Verborgenen darin entdeckt hatte. Sie hatte ihn schon mehrfach zum Essen in ihr Zuhause eingeladen. Matar machte hervorragende Rezeptvorschläge und kümmerte sich um die Zutaten. Danach hatte sie Matar gebeten, ihr Kunstwerk zu präsentieren, es zu drehen, darin einzutauchen. Decken und Wände verwandelten sich in ein buntes, faszinierendes Feuerwerk aus Farben und Strukturen. Muster erschienen, würden größer, offenbarten feinere Strukturen und immer wieder ähnliche Muster, die unvermittelt aus vorübergehender Schwärze auftauchten. Mit der Zeit hatte Sajala Töne und Gerüche gefunden, die das Erlebnis der virtuellen Reise verstärkten und zu einem unvergesslichen Erlebnis machten. Und mitten darin stand hoch aufgerichtet Sajala mit ihren Gesten und Blicken als eine Art Reiseleiterin durch ihr eigenes Universum. Mehr noch als die Präsentation selbst faszinierte Ghotam dann dieser Anblick, Sajalas Bewegungen im Zentrum der Vorführung und ihre Begeisterung.

Nach über einer Stunde betrat sie wieder das Institut. Das Sicherheitssystem erkannte sie am Eingang, informierte sie im Vorbeigehen über einige wichtige Nachrichten und wünschte ihr einen weiterhin erfolgreichen Arbeitstag. Ihren Fall schloss sie nun zügig ab und verließ das Institut wieder. Die Vorlesung des folgenden Tages wollte sie in aller Ruhe zu Hause vorbereiten.

Matar empfing sie an der Wohnungstüre mit ihrer warmen weiblichen Stimme und ließ sie ein. Den Wohnbereich hatte sie in ein frühlingshaftes Blütenmeer verwandelt. Etwas früh für die Jahreszeit, dachte Sajala. Dazu weit entferntes Vogelgezwitscher, kaum wahrnehmbare Windgeräusche und der dezente Geruch nach Sonnenschein auf feuchter Wiese. An der Decke segelten einige Wolken vor einem makellos blauen Himmel. Matar fragte nach ihrem Wohlbefinden und konnte den darin liegenden Vorwurf kaum verbergen, dass Sajala die übliche Erfassung ihrer Körperfunktionen nicht zuließ. Matar war auf ihre äußeren Wahrnehmungen angewiesen, Sajalas Körperhaltung, Gesichtsausdruck, Gestik, Stimme, die Dynamik ihrer Bewegungen. Nur nachts konnte Matar darüber hinaus ihren Herzschlag wahrnehmen, ihre Atmung, Körpertemperatur, die Feuchte ihrer Haut und ihre Schlussfolgerungen ziehen. Mehr als einmal hatte sie Sajala daran erinnert, dass im Notfall, gerade wenn sie draußen unter freiem Himmel unterwegs war, niemand schnell genug zu Hilfe kommen könnte um unverzüglich die vielleicht lebensrettenden Maßnahmen einzuleiten. Sajala dachte daran, dass früher Menschen in ihrer Welt ohne solche Mittel überlebt hatten und empfand die Unverhältnismäßigkeit darin, ihre Freiheit und ihre unbeobachteten Momente gegen ein wenig mehr Sicherheit einzutauschen. Manchmal glaubte sie Zeichen persönlicher Kränkung in Matars Reaktionen wahrzunehmen, wenn sie besonders lange im Freien unterwegs gewesen war und hernach keinerlei Neigung zeigte, von ihrer Wanderung zu berichten. Dabei war Sajala überzeugt, dass sie es nur gut mit ihr meinte und ausschließlich um ihr Wohlergehen besorgt war.

Einige Wochen später besuchte Ghotam ihre Vorlesung zu „Moderne Kryptografie als Angriffsziel“. Er selbst war Finanzfachmann und hatte mit solchen Themen eher wenig zu tun. Am Ausgang fing er sie ab und lud sie zu einem Spaziergang ein. Sajala hatte drei Stunden Zeit bis zu ihrem nächsten Seminar und stimmte gerne zu. Das Wetter war erfreulich warm, der Weg trocken. Nur wenige Menschen waren unterwegs, so dass sie ungestört reden konnten. „Ich würde dich gerne um deine Einschätzung bitten zu einem Vorfall, den ich gerade untersuche. Du bist schließlich Fachmann in solchen Fragen.“ „Gerne, wenn ich dir irgendwie helfen kann.“ „Es geht um eine Firma, die kürzlich in Konkurs gegangen ist. Eigentlich nichts Ungewöhnliches, sollte man meinen. Die Ursache war aber in diesem Fall nicht unbedingt Managementfehler, sondern einige merkwürdige Finanztransaktionen, die die Banken veranlasst haben, ihre Kredite zu kündigen, weil sie Zweifel an der Seriosität dieser Firma hatten. Es sah so aus, als hätte sie Rechnungen nicht oder verspätet beglichen. Es gab andererseits extrem hohe Überweisungen an unbekannte Konten, die weder der Firma noch einem ihrer Lieferanten zuzuordnen waren. Sie waren korrekt legitimiert, obwohl die Firma bestritt, die jemals beauftragt zu haben. Eine Anzeige lief ins Leere, weil die Behörden der Firmenleitung schlicht nicht glaubten. Stattdessen wurden Ermittlungen gegen das Unternehmen selbst eingeleitet. Vortäuschung einer Straftat oder Geldwäsche standen im Raum. Erst nach dem Konkurs wurden die Vorwürfe fallengelassen.“ Sajala hatte den Kopf schräg gelegt und massierte ihr Ohrläppchen „Interessant – und wo komme ich da ins Spiel?“ „Habe bitte noch etwas Geduld. Das Wesentliche kommt noch. Diese Transaktionen fand ich verdächtig. Ich kenne die Firma und konnte mir nicht erklären, was dieses Desaster ausgelöst haben könnte. Deshalb habe ich den Vorgang genauer untersucht als üblich. Die Transaktionen sind innerhalb kurzer Zeit erfolgt, mit allen notwendigen Signaturen. Insofern hatte ich keinen Grund, an ihrer Rechtmäßigkeit zu zweifeln. Aber sie waren meines Erachtens wohl koordiniert und hatten unverkennbar das Ziel, den Zusammenbruch des Unternehmens einzuleiten. Dieser Sachverhalt wird erst erkennbar, wenn man das gesamte Bild zusammensetzt.“ „Ach so“ unterbrach Sajala. „Und hier komme ich dann ins Spiel. Es handelt sich also darum, dass jemand es geschafft haben könnte, alle Sicherheitseinrichtungen zu unterlaufen. Das halte ich für ungefähr so wahrscheinlich, wie dass Matar meine Privatsachen ausplaudert. Du hast selbst gesagt, dass sei unmöglich.“ „Aber diesmal ist genau das meine Vermutung, die ich dir belegen kann. Ich habe dann versucht, den oder die Urheber ausfindig zu machen. Normalerweise ist das keine große Sache. Ich habe eigentlich erwartet, dabei auf einen Konkurrenten zu stoßen. Aber die Annahme war falsch. Die Quellen scheinen sehr unterschiedlich zu sein. Jede einzelne Transaktionskette habe ich daraufhin untersucht, so wie ich es schon tausendmal in anderen Fällen gemacht habe. Ich habe Routine in so etwas. Aber in diesem Fall sind meine Bemühungen ins Leere gelaufen. Jede der Spuren führt an einem Punkt in sich selbst zurück und meine weitere Suche dreht sich sprichwörtlich im Kreis. Eigentlich ist das nicht möglich. Jede noch so gut verschleierte Transaktionskette muss einen klar erkennbaren Anfang haben, eine echte Ursache und einen Urheber. Das kann im Einzelfall eine juristische Person sein oder ein autorisiertes System. Nichts von alldem kann ich hier identifizieren. Sogar die kryptografisch abgesicherten Signaturketten sind intakt – eine weitere Unmöglichkeit.“

Sajala schüttelte ungläubig den Kopf „Das klingt nun wirklich ziemlich irre. Bist du dir absolut sicher, dass das die Fakten sind?“ „Darauf kannst du dich verlassen. Ich bin kein Idiot und weiß normalerweise genau, wovon ich rede. Und ich hätte dich nicht damit belästigt, wenn ich mir nicht sicher wäre.“ Sajala war durchaus alarmiert. Vor allem die Frage der Signaturketten verwirrte sie. Sie kannte niemanden, der zu so einer Manipulation fähig gewesen wäre. Aus mathematischer Sicht war die Existenz einer solchen Verfälschung eine unwiderlegbare Möglichkeit. Nur gab es ihres Wissens nach keinen einzigen Algorithmus, nicht einmal Ideen dazu, wie man so etwas mit begrenztem Aufwand hinbekommen konnte. So etwas zu erreichen war nur durch Versuch und Irrtum zu bewerkstelligen und das würde selbst bei den heute verfügbaren Systemen im Schnitt Monate, wenn nicht Jahre dauern4. Das Problem hatte mit Selbstbezug über semantische Ebenen hinweg zu tun, bei dem Daten und Schlüssel ständig die Rollen tauschten und schließlich das Ende der Kette mit ihrem Anfang zusammenpassen musste. Das war faszinierend und grenzte in der Praxis an Zauberei. Sie dachte an Zeitschleifen, die in so manchem billigen Sciencefiction-Roman vorkamen. So etwas war genauso unmöglich. Es würde bedeuten, dass Ursache und Wirkung, Vergangenheit und Zukunft, plötzlich ihre Rollen tauschten und miteinander verschmolzen. Jede Gegenwart würde augenblicklich aufhören zu existieren, weil ihre Existenz in dem Moment unlogisch wurde5.

Ohne offiziellen Auftrag waren Sajala die Hände gebunden. Sie konnte keinerlei eigene Recherche aufnehmen ohne die notwendigen Berechtigungen. Eigentlich hätten die beteiligten Systeme diese offensichtliche Unregelmäßigkeit selbst erkennen müssen und entweder die Ursache abstellen, oder einen entsprechenden Untersuchungsauftrag an ihr Institut stellen müssen. Es gab nicht viele so wie das TISS, und keine Einrichtung mit einem so ausgezeichneten Ruf. Nichts davon war ihr bekannt und von so einem Fall hätte sie wissen müssen. So blieb streng genommen nur der Zweifel an Ghotams Kompetenz, die sie selbst nicht wirklich einschätzen konnte, oder an der Unfehlbarkeit der Systeme. Da sie Ghotam sehr schätzte, zog sie letztere Schlussfolgerung vor.

Irgendetwas daran brachte sie in Zusammenhang mit ihren Träumen, in denen eine unheimliche, dunkle Macht am Rande ihrer Wahrnehmung lauerte und ihr Angst machte. Aber auch jetzt konnte sie den Grund nicht mit Händen greifen. Es blieb nur die Unruhe, ein ungutes Gefühl bei der Sache, und meistens lag sie damit richtig.

Nach dem Gespräch zeigte Ghotam den Vorfall zusammen mit Sajalas oberflächlicher Bewertung an – mit ihrem Einverständnis und ohne ihren Namen zu nennen. Es brachte ihm Anerkennung und ein ansehnliches Preisgeld dazu. Man sagte ihm, auf seinen Hinweis hin sei ein krimineller Angriff erfolgreich aufgeklärt und weitere abgewehrt worden. Der betroffenen Firma nutzte die späte Einsicht allerdings nichts mehr. Sein Engagement wurde in den täglich verbreiteten Neuigkeiten zusammen mit seinem Bild veröffentlicht und als Beispiel für andere hoch gelobt.

Und dann waren da noch die Artikel der folgenden Tage in einigen Massenmedien mit lobenden Nachrichten zu Ghotams Anzeige, zu Razzien und Verhaftungen in diesem Zusammenhang. Es gab umfassende Darstellungen zum Ablauf der kriminellen Attacken. Sajala wusste, dass die dort getroffenen Behauptungen nicht richtig sein konnten. Sie versuchte heraus zu bekommen, wer denn die zugehörigen Meldungen in den Pressagenturen geschrieben hatte, die andere Medien dann meist übernahmen, allenfalls umformulierten und mit eigenen Rechercheergebnissen ausschmückten. Normalerweise war das mit Hilfe ihrer besonderen Quellen und den Autorenkürzeln keine schwere Aufgabe. In diesem Fall aber war auch das anders. Sajala konnte den Ursprung dieser Meldungen nicht nachzuvollziehen, weder die Autoren noch deren Quellen schienen zu existieren. Zum ersten Mal war sie wirklich alarmiert. Eigentlich glaubte sie prinzipiell nicht an Verschwörungen, Sie tat so etwas als Hirngespinst ab, wenn ihr eine derartige Vermutung nahegelegt wurde. Jetzt bekam ihre Einstellung dazu Risse. Was wäre, wenn in diesem Fall tatsächlich eine Gruppe im Verborgenen agierte? Vielleicht ging es „nur“ darum, sich selbst zu bereichern oder vielleicht waren die Fundamente ihrer Welt in Gefahr. Sajala war überzeugt, dass sowohl der Eingriff in die Finanzsysteme, als auch in die veröffentlichte Meinung aus einer gemeinsamen Quelle stammte. Aber wer konnte dahinter stecken? Wer hatte ein vitales Interesse an derartigen Aktionen? „Cui bono?“ – das war die Schlüsselfrage.

Sajala saß aufrecht in ihrem Bett. Urplötzlich war sie hellwach. Eine große Unruhe hatte sie erfasst und ließ sie nicht wieder einschlafen. Was war geschehen? Sie musste wohl geträumt haben, ein Monster, das ihr Angst machte und doch auch irgendwie vertraut wirkte. Während sie versuchte, ihren Traum zu fassen, entwand sich ein Bild nach dem anderen ihrem Zugriff. Was blieb, war wieder nur die Unruhe.

Das Frühjahr war weit fortgeschritten. In ihrer freien Zeit wanderte Sajala alleine manchmal mehr als zwanzig Kilometer weit durch die hügelige Parklandschaft. Die Union war nicht sehr dicht besiedelt. Zwischen den Städten und Ansiedlungen lagen oft viele Kilometer ohne jede sichtbare Bebauung. Trotzdem wurde die Landschaft allenthalben gepflegt und hergerichtet. Selbst die Ruinen, die manchmal am Wegesrand auftauchten, passten in das Umfeld und wirkten wie gemalt. Manchmal erinnerte die Umgebung sie an kitschige Märchenwelten, so wie sie in alten Büchern beschrieben und dargestellt waren. Sie strahlte Sauberkeit und pures Wohlbefinden aus. Sajala hatte sich schon oft überlegt, weshalb das so war. Es war nicht natürlichen Ursprungs, das schien ihr klar. Ein halb zahmes Reh auf einer Lichtung anzutreffen hatte sicher nichts mit unberührter Wildheit zu tun. Natur hätte bedeutet, auch etwas so Verstörendes wie den Kadaver eines von Raubtieren angefressenen Hasen zu finden. Offenbar durfte so etwas hier nicht sein. So wie hier stellten sich Kinder die Natur als eine vollständig heile Welt vor, in der das Gute dem Bösen keinen Raum gibt.

Trotzdem liebte sie die Wanderungen. Als Kind hatte sie dabei kleine Tiere gefangen und mit nach Hause gebracht. Eidechsen in der Sonne und Mäuse im Wald waren eine besondere Herausforderung. Sie erforderten Geduld, ein gutes Auge und blitzschnelle Bewegungen. Schlangen und Blindschleichen fanden da schon einfacher den Weg in die Sammeldose. Da bestand die Kunst eher darin, sie überhaupt zu sehen, wenn sie gut getarnt vor ihr lagen. Sie hatte sie dann auf den Grünflächen in der Nähe der elterlichen Wohnung wieder ausgesetzt und täglich geprüft, ob sie noch da waren. Von so etwas nahm sie jetzt natürlich Abstand. Es reichte ihr, sie zu beobachten. Dann lag sie manchmal stundenlang im Gras und sah nur zu, was dort um sie herum vorging. Nur im Kleinen herrschten noch die Gesetze unberührter Natur. Hier wurde noch gelebt, gestorben, gekämpft und der Eine fraß den Anderen einfach auf.

Bald nach den vorangegangenen Ereignissen erhielt Ghotam einen neuen, seinen Verdiensten angemessenen Verantwortungsbereich. Obwohl er sich über den unerwarteten Schritt auf seiner Karriereleiter freute, hinterließ die Sache einen schalen Beigeschmack. Jetzt hatte er nicht mehr unmittelbar mit Untersuchungen zu tun, sondern führte eine Gruppe von Spezialisten, die nun seine frühere Arbeit machten. Irgendwie waren die Reaktionen auf seine Offenbarung nicht ganz stimmig. Auch Sajala fand die Randbedingungen mindestens merkwürdig. Der Fall hätte spätestens nach der Anzeige bei ihrem Institut aufschlagen müssen. Sie hatte dieser faszinierenden Aufgabe über Tage entgegen gefiebert. Wieso sollte das System plötzlich selbständig in der Lage gewesen sein, einen solchen Fall vollständig zu lösen? Das Ganze war und blieb ungewöhnlich. Inzwischen glaubte sie schon an eine Verschwörung, eine mächtige Gruppe im Hintergrund, die totale Kontrolle praktizieren konnte und in der Lage war, alles und jeden nach ihrem Gutdünken zu manipulieren. Dann wieder hielt sie die Vorstellung für lächerlich.

Sajala hatte sich einige Tage frei genommen. Vorlesungen und Seminare standen ohnehin nicht an, genauso wenig wie unaufschiebbare Untersuchungen. Der Sommer stand vor der Türe und die Natur lud zum Verweilen ein. Sie wollte einen Freizeitpark besuchen, eine weitläufige Anlage mit vielen Attraktionen in einer wunderschön gepflegten Landschaft, wie es sie kaum noch gab. Natürlich hätte sie einfach eine virtuelle Erlebnisreise bei sich zu Hause in Anspruch nehmen können. Auch die waren äußerst realistisch, wenn man die volle Fremdbestimmung der eigenen Sensorik zuließ. Die Technik dazu war ausgereift und vollkommen risikolos. Zumindest die körperliche Unversehrtheit war garantiert. Sie hätte nicht einmal ihre Wohnung verlassen müssen. Trotzdem war Realität etwas anderes. Bei atemberaubenden Fahrten spürte sie ein echtes Risiko, wenn es auch noch so klein war. Ein Unfall war nie ganz auszuschließen und würde sie sicherlich in Mitleidenschaft ziehen bis hin zu Verstümmelung und Tod. Alleine dieses aufregende Bewusstsein machte den entscheidenden Unterschied aus und so zog sie reale Abenteuer meist den virtuellen vor.

Beiläufig machte sie sich Gedanken darüber, wie wohl der enorme Energiehunger der Anlagen gestillt wurde. Nicht dass daran Mangel herrschte. Trotzdem war die Schonung natürlicher Ressourcen eines der wichtigsten Kriterien, nach denen die Union ihre Entscheidungen traf. Deshalb war es erstaunlich, dass solche Parks noch aufrecht erhalten wurden. Aber vielleicht ging es vielen so wie ihr: Sie brauchten reale, aufregende Erlebnisse, das Spiel mit echten Zufall und Risiko, um ihr Seelenheil zu erhalten oder wiederherzustellen. Insgesamt fiel der zusätzliche Verbrauch vermutlich nicht ins Gewicht.

Sajala hatte sich früher schon gefragt, über welche Stellschrauben die Union die Nutzung der natürlichen Ressourcen begrenzte. Offiziell hieß es dazu, dass immer effizientere Technik den Verbrauch ständig weiter reduzierte. Aber das war ihrer Meinung nach schon lange nicht mehr stichhaltig. Die Technik war längst ausgereizt. Es gab keine nennenswerten Fortschritte in dieser Hinsicht. Was blieb, war der direkte Zusammenhang zwischen Ressourcenverbrauch und der Anzahl der hier lebenden Menschen. Sajala war nicht dumm. Sie verstand durchaus, dass entgegen öffentlichen Bekundungen offenbar die Anzahl der Menschen einer strengen Regulierung unterlag. Für diese Annahme sprachen die stabilen Bevölkerungsstatistiken, die durchaus zugänglich waren, auch wenn sie in der öffentlichen Diskussion kaum einmal erwähnt wurden. Die Altersstruktur entsprach dauerhaft in etwa der Form eines Bienenstocks, die sich im hohen Alter abrupt zusammenzog. Das bedeutete eine konstante Geburtenrate von etwas mehr als zwei Kindern pro Frau und eine im Alter einsetzende hohe Sterblichkeit. In den früheren Zeiten galt sie als das Ideal für eine langfristig stabile Bevölkerung, das in der Praxis aber nie erreicht wurde. Die Frage drängte sich förmlich auf, wer denn über die Macht verfügte, so etwas zu planen und durchzusetzen?

Sajala war jetzt entschlossen die Spur aufzunehmen. Nach ihrer Rückkehr veranlasste sie Matar, eine direkte Verbindung mit Ghotam aufzubauen. Nach wenigen Sekunden erschien sein Gesicht auf der ihr gegenüberliegenden Wand inmitten eines wundervollen Sonnenuntergangs. Ihr missbilligender Gesichtsausdruck veranlasste Matar, zu einem neutraleren Hintergrund zu wechseln. Sie holte tief Luft in der Absicht, ihre Befürchtungen rundheraus mit ihm zu besprechen, besann sich dann aber. Konnte sie ihrem Zuhause wirklich trauen? Sie erinnerte sich an ihren Verdacht, dass da eine heimliche Beziehung zwischen Matar und dem Sicherheitssystem des TISS bestand. Das war eigentlich genauso unmöglich wie dieser Fall. Und doch war er geschehen. Ghotam war zunächst irritiert über den banalen Verlauf, den ihr Gespräch nahm. Smalltalk war so gar nicht ihre Art. Deshalb hätte sie ihn sicher nicht gerufen. Schließlich beendete Sajala die Verbindung, indem sie meinte, man würde sich ja ohnehin irgendwann einmal wieder im Park zum Plaudern treffen. Ghotam verstand sofort: „Irgendwann“ hieß zweifellos morgen gegen Mittag, zur üblichen Zeit.

Sajala glaubte, dass sie sehr vorsichtig sein sollte. Bevor sie sprach, prüfte sie Ghotam mit den Augen sorgfältig auf irgendwelche unbedacht mitgeführten Gerätschaften. Bei seiner leichten Sommerbekleidung gestaltete sich das nicht allzu schwer. „Wie darf ich denn deine Blicke deuten?“ Sajala errötete leicht. „Ich will nur sichergehen, dass wir alleine sind.“ „Schade – wurdest du verfolgt?“ Er wirkte belustigt über ihre Paranoia, wie er glaubte. Trotzdem wollte er eine Gefahr letztlich nicht ausschließen. Wenn etwas an Sajalas Befürchtungen war, dann wäre eine gewisse Vorsicht sicher angebracht. So beruhigte er sie in dieser Hinsicht und bestätigte, dass sie wirklich alleine seien und reden konnten. „Ich halte die ganze Sache für sehr ernst. Möglicherweise stören wir mit Recherchen Leute auf, die uns viel mehr schaden könnten als umgekehrt. Die Art des Angriffs – wenn es denn einer war – , und seine Professionalität deuten meines Erachtens darauf hin. Ich möchte unbedingt mehr darüber erfahren. Siehst du eine Möglichkeit, mit einem früheren Mitarbeiter der Firma in Kontakt zu treten? Ich denke, wir können nur über das von dem Angriff betroffene Unternehmen eine Spur aufnehmen. Eine andere Chance sehe ich nicht. Alle anderen Möglichkeiten, mehr Klarheit in die Angelegenheit zu bringen, halte ich für ausgeschöpft.“ Ghotam überlegte eine Weile. „Vermutlich hast du recht. Ich freue mich übrigens, dass du dich des Falls annimmst und auf die Zusammenarbeit mit dir.“ „Das geht mir auch so. Ich denke, die Sache wird noch richtig spannend.“ Ghotam fuhr fort. „Ich kenne zumindest einen der Mitarbeiter. Ich habe ihn einmal im Rahmen einer Fortbildung kennengelernt – ein Sicherheitsexperte. Ihr würdet euch sicher verstehen. An den Namen erinnere ich mich im Augenblick nicht. Ich müsste aber noch Unterlagen haben und vielleicht eine Teilnehmerliste mit den Kontaktdaten. Ich suche die für dich heraus.“ „Weißt du denn noch, womit sich die Firma beschäftigte?“ „Nur oberflächlich – da ging es wohl um verschiedene Dienstleistungen und Software-Werkzeuge, die die im Angebot hatten. Dieser Mitarbeiter war stolz auf seinen Betrieb und hat einiges darüber berichtet. Vor allem eine Software hat er beschrieben. Daran erinnere ich mich noch gut. Die sollte in der Lage gewesen sein, selbst die ausgefeiltesten Cyber-Attacken zu erkennen und zu dokumentieren. Er hatte behauptet, das Tool verfüge dazu über echte Intelligenz, was auch immer er damit meinte. Die Firma hatte sich alle Rechte an dieser Erfindung sichern lassen. Das Programm war aber trotz seiner augenscheinlichen Leistungsfähigkeit kaum bekannt und hatte dem Unternehmen bis dato nur Verluste beschert. Ansonsten erinnere ich mich aus den Erzählungen heraus an nichts Herausragendes im Angebotsportfolio. Welcher Wettbewerber hätte also ein Interesse am Zusammenbruch der Firma haben können? Der Anlass hätte außerdem extrem schwerwiegend sein müssen, wenn der Angreifer solche Waffen aufbietet.“ Sajala musste unbedingt mit diesem Mitarbeiter sprechen.

Ghotam mochte Sajala sehr und versprach, alles in seiner Macht stehende zu tun, um das Gespräch zu ermöglichen. Früher hätte sie eine Beziehung mit ihm sicher in Erwägung gezogen. Keine Partnerschaft hatte bei ihr länger als vier Jahre gehalten. Sie hatte nie eine präzise Vorstellung ihres Traummannes gehabt. Mit kaum zwanzig war sie eine Weile mit einem echten Macho zusammen gewesen. Sie sah sehr gut aus damals und an Bewerbern mangelte es nicht. Sie hatte ihn bewundert, wegen seiner Stärke, seiner Entschiedenheit. Eigentlich war klar, dass das nicht gut gehen konnte. Dazu war sie viel zu selbstbewusst. Es hatte nur Zoff zwischen ihnen gegeben, Meinungen prallten kompromisslos aufeinander. Danach hatte sie es mit einem eher weichen Mann versucht, der ihr sehr viel Verständnis entgegenbrachte. Als problematisch stellte sich für sie heraus, dass er anscheinend keine eigene Meinung besaß. Immer stimmte er ihr zu, niemals verteidigte er seine Ansicht und trug den Konflikt mit ihr aus. Er umschwärmte sie, machte ihr Geschenke, schrieb ihr Gedichte, las ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Es hatte ihr sehr weh getan, die Beziehung schließlich beenden zu müssen. Aber sie hatte ihre Achtung vor ihm verloren. Monatelang hatte er unter der Trennung gelitten. Einige Zeit danach glaubte sie, die richtige Mischung gefunden zu haben. Doch der Mann entpuppte sich als ignorant und selbstverliebt. Er hatte sie schon nach wenigen Wochen kaum noch beachtet und ihre Ansichten waren ihm egal gewesen. Sie hatten zusammen gelebt. Als sie ihn vor die Wahl stellte, sich endlich auf sie einzulassen oder auszuziehen, hatte er einfach o.k. gesagt und seine Sachen gepackt. Diesmal hatte sie selbst lange gelitten, hatte sich hintergangen und missbraucht gefühlt als bloße Staffage, um ihn in Gesellschaft noch besser aussehen zu lassen.

Die Kontaktaufnahme mit dem Mitarbeiter der von Ghotam genannten Firma gestaltete sich schwierig. Er hieß Elmer Holgersson und begegnete dem Anrufer zunächst eher misstrauisch. Ghotam erinnerte an das gemeinsam besuchte Seminar und knüpfte an ein Fachgespräch an, das beide damals begonnen hatten. Ghotam lud ihn schließlich zu einem unverbindlichen Beisammensein mit anderen Freuden in ein Speiselokal ein, mit dem augenzwinkernden Versprechen, ihn mit einer aufregenden Frau bekannt zu machen. Zu dem Treffen brachte Ghotam noch zwei seiner Freunde mit. Wie nicht anders zu erwarten war, kam Sajala schnell mit Elmer ins Gespräch. Er hatte als Sicherheitsspezialist gearbeitet und eigene Anteile an dem untergegangenen Unternehmen gehalten, war also doppelt betroffen von diesem denkwürdigen Angriff. Sajala machte mehr durch Gesten als mit Worten deutlich, dass sie ihn unter vier Augen sprechen wolle. Bereitwillig folgte er ihr nach draußen. Unterweg raunte sie ihm zu, er solle sich nicht wundern über ihr Verhalten und sie wolle sich unverdächtig mit ihm in beiderseitigem Interesse über sicherheitsrelevante Fragen unterhalten. Elmer wirkte belustigt angesichts ihrer in seinen Augen absurden Geheimniskrämerei. Schließlich kannte er die Frau kaum. Außerhalb des Gebäudes würde ein unvoreingenommener Beobachter wohl ein Liebespaar vermutet haben. Sajala fasste Elmers Hand und legte ihren Kopf leicht schräg in seine Richtung.

Er verstand sofort, dass das Gespräch sich um höchst sensible Angelegenheiten drehen würde. Trotzdem genoss er offensichtlich die Situation. Indem Sajala ihre Erkenntnisse vortrug, gab sie ihm einen enormen Vertrauensvorschuss. Sie konnte nicht sicher sein, dass er das, was sie zu sagen hatte, für sich behalten würde. Dann erzählte sie von den Details des Angriffs auf seine Firma, den sie gesehen hatte, von den Implikationen aus der ungewöhnlichen Methode. Die Details waren neu für ihn, nicht aber einige der Schlussfolgerungen. Auch er hatte damals recherchiert, um die Urheber ausfindig zu machen. Auch er selbst war als Mathematiker Fachmann auf dem Gebiet der Sicherheitsarchitekturen und ebenso wie Sajala letztlich ins Leere gelaufen mit seinen Bemühungen. Elmer bestätigte Sajalas Einschätzung, dass vermutlich kein Wettbewerber hinter dem Angriff gestanden hatte. Eine Einzelperson kam aufgrund der Professionalität kaum in Frage, so dass beide sich einig waren in der Erwartung, eine einflussreiche Organisation müsse zumindest daran beteiligt sein. Sie fragte ihn nach seinen Projekten in den Monaten vor dem finanziellen Zusammenbruch seiner Firma. Das meiste klang wenig aufregend. Die Firma schien unter anderem eine Art Detektei unterhalten zu haben. Mit ihren selbst entwickelten Werkzeugen betrieb sie zuletzt eher Standarduntersuchungen zu banalen Fehlern in diesen recht kleinteiligen elektronischen Systemen, die heutzutage jeder mit sich herum trug.

Hellhörig wurde Sajala erst, als er von einem Projekt berichtete, das nicht mehr abgeschlossen werden konnte. Insofern kannte er nur einen Zwischenstand. Darüber vergaß sie sogar die herbstliche Kälte, die langsam ihre Glieder hinaufkroch und sie unmerklich zittern ließ. Bei dem Projekt ging es um ein Zuhause-System, wie Matar eines war. Ein wohlhabender Privatmann hatte viel Geld in Aussicht gestellt für die Untersuchung eines Vorfalls, bei dem Informationen in ein öffentliches System gelangt waren, die zweifelsfrei nur aus seinem Heim stammen konnten. Er hatte der Firma uneingeschränkten Zugriff auf alle seine persönlichen Systeme eingeräumt, auch die, die er ständig mit sich trug. Selbstverständlich hatte man ihm schriftlich absolute Vertraulichkeit garantiert. Darüber setzte Elmer sich nun teilweise hinweg, indem er weitere Einzelheiten berichtete, soweit sie ihm bekannt waren. Ein Kollege hatte den Fall bearbeitet. Elmer erinnerte sich, dass dieser ziemlich aufgeregt während einer Projektbesprechung von unglaublichen Spuren einer Manipulation gesprochen hatte. Und diese Spuren hatte er offensichtlich ausnahmslos in allen vom Auftraggeber zur Verfügung gestellten Systemen gefunden, selbst den in seiner Kleidung eingewebten. Sogar seine visuellen und akustischen Implantate waren vermutlich betroffen. Über deren Natur und Ursprung war sich der Kollege allerdings bis zuletzt im Unklaren und die weitere Untersuchung endete dann abrupt mit dem Ende der Firma.

Sajala spürte, dass hier die gesuchte Spur vor ihr lag. Etwas in ihr resonierte mit dieser groben Beschreibung, ein Déjà-vu, das sie wieder nicht fassen konnte. Sajala hätte gerne die Projektunterlagen gesehen oder den Auftraggeber gesprochen. Hier konnte oder wollte Elmer dann allerdings nicht weiter helfen. Beide hatten beschlossen, sich gegenseitig zu trauen und verabredeten sich zu weiteren vertraulichen Treffen in unverdächtigem Rahmen.

Sajala war erst spät zu Hause. Matar ließ sie ein „Willkommen zu Hause. Wie war der Tag? Welches Abendessen darf ich für dich zubereiten?“ Sie hatte Vorräte aufgefüllt und machte einen Vorschlag, den Sajala normalerweise gerne angenommen hätte. „Danke, ich habe schon mit Freunden gegessen.“ Offenbar erwartete Matar, dass sie mehr darüber erzählen würde. Sajala wurde das Gefühl nicht los, dass dies der einzige Grund für ihren verführerischen Vorschlag gewesen war. So gab sie sich zugeknöpft und hoffte, diese Nacht nicht im Schlaf zu sprechen. Aber das tat sie eigentlich nie, soviel sie wusste. Sie zog sich um, schloss ihre Körperpflege ab und ging zu Bett. Sie liebte diese leise getragene Melodie, die sie in den Schlaf wiegen sollte. Nur war in dieser Nacht an Schlaf nicht zu denken.

Wirre Vorstellungen und Erinnerungen fluteten durch ihre Gedanken. Manchmal döste sie ein für kurze Zeit und Träume erstanden aus dem Nichts, zusammenhanglos, die sie beunruhigten. Etwas Monströses lauerte dort, drohend, mächtig, unsichtbar und doch sehr präsent. In den Wachphasen dachte sie an ihre Kindheit zurück. Sie erinnerte sich an Bestattungen, Urnen, Trauerfeiern, verstreute Asche. Sie war einige Jahre nach dem großen Zusammenbruch zur Welt gekommen. Als ihre bewusste Erinnerung einsetzte, war die alte Ordnung längst verschwunden und die neue etablierte sich in großen Schritten. Eigentlich war alles sehr ordentlich, geregelt, von Chaos keine Spur mehr. Es gab Wohlstand. Sie konnte sich nicht an Mangel irgendwelcher Art erinnern. Sie wohnten gut, aßen gut, es hatte ihr materiell an nichts gefehlt. Aber woher kamen all die Toten? Es gab keine Aufstände, keine Todesschwadronen, keine Massensäuberungen. Später hatte sie erfahren, dass viele Menschen ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt hatten. Suizid war auch jetzt durchaus akzeptiert. Medikamente für ein humanes Ableben, ein schmerzloses Hinübergleiten in den Tod, begleitet von schönen Träumen, konnte jeder Erwachsene sich jederzeit beschaffen. Die Toten machten ausnahmslos einen friedlichen Eindruck, manche trugen sogar noch ein Lächeln auf den Lippen. Alte und Kranke machten regen Gebrauch von dieser Möglichkeit. Es waren intelligente, personalisierte Medikamente, die nur denjenigen töteten, der sie für sich beschafft hatte und selbst einnahm. Missbrauch war damit fast ausgeschlossen. In fremden Händen entfalteten sie nur eine anregende Wirkung ohne zu schaden. Damals musste Suizid wohl ein ungleich breiteres Massenphänomen gewesen sein als heute – aber weshalb?

Am nächsten Tag bat Sajala Matar darum, sie im Institut als krank zu melden. Sie fühlte sich müde und zerschlagen. Die beiden Fälle gingen ihr nicht mehr aus dem Sinn. Sie versuchte sich vorzustellen, wie denn eine Organisation oder Gruppe von Menschen beschaffen sein musste, um solch perfide Angriffe zu planen und umzusetzen. Sie vermutete, dass beide Vorkommnisse – der Angriff auf die Firma und der Eingriff in die Privatsphäre des ihr unbekannten Privatiers – miteinander zusammen hingen. Offenbar sollte der eine Fall die Aufklärung des anderen verhindern. Sie glaubte nicht, dass das Opfer des Eingriffs etwas zu verbergen hatte. Ansonsten hätte es keine Detektei eingeschaltet und hätte den Urheber vermutlich gekannt. Vielleicht dachte sie einfach zu eng und es ging gar nicht um diesen Privatmann. Vielleicht war das Problem sehr viel weiter zu fassen. Was, wenn die Manipulationen sehr viel mehr Menschen betrafen. Das würde einen Sinn ergeben. Die Aufdeckung eines Falles hätte dann sehr viel weitere Kreise gezogen und musste unter allen Umständen verhindert werden. Sajala dachte flüchtig an einen Geheimdienst, der flächendeckend alles und jeden ins Visier nahm und abhörte. Was hatte Elmers Kollege nun tatsächlich entdeckt? Die Angriffe schienen mit Leichtigkeit alle Schutzwälle in allen Systemen zu unterlaufen. Irgendwie musste sie herausfinden, was vorging.

Das alles war höchst spannend. Sajala fühlte sich als Hauptdarstellerin in einem Kriminalroman, der sich zum Action-Thriller entwickelte. Ein ausgezeichnetes Drehbuch war das Mindeste, was man aus diesen mysteriösen Vorgängen entwickeln konnte, selbst wenn sich alle Vermutungen als haltloses Produkt einer voll entwickelten Paranoia herausstellten. Der Gedanke reizte sie. Vielleicht würde sie tatsächlich einmal ein Buch darüber schreiben. Schließlich brauchte sie auch für ihren Ruhestand noch eine sinnvolle Beschäftigung. Aber vielleicht reichte dann die Zeit nicht mehr aus. Sajala kannte nicht viele wirklich alte Menschen, also solche, die schon lange nicht mehr arbeiteten. Auch das war irgendwie beunruhigend. Andererseits gab es keine Altersgrenze für Berufe. Es gab Dozenten, die noch mit neunzig Jahren hinreißende Vorlesungen hielten und Schriftsteller oder Künstler, die im hohen Alter noch enorm produktiv waren. Das erklärte vieles, aber doch nicht alles, was sie beobachtete. Nur kurz flammte der Gedanke in ihr auf, dass einfach alles Nutzlose und Störendes generell nicht erwünscht war, so wie Tierkadaver in Parklandschaften.

Wochen später trat sie immer noch auf der Stelle. Elmer hatte den Namen des Auftraggebers nicht genannt und die Projektdokumentationen waren in der Insolvenzmasse nicht mehr auffindbar, genauso wie Elmers Kollege, der offenbar von der Bildfläche verschwunden war. Die aufgenommene Spur hatte damit ein Ende und Sajala zwei Freunde gewonnen, denen sie wirklich vertrauen konnte. Sie trafen sich regelmäßig in wöchentlichem Rhythmus, auch bei dem einen oder anderen zu Hause, besprachen die allgemeine Weltlage und diverse fachliche Themen. Jetzt im Winter war jede Abwechslung nach Feierabend willkommen, die nicht im Freien stattfinden musste. Sajala führte Elmer ihr Kunstwerk vor und erklärte ihm auf seine interessierten Nachfragen detailliert, wie es zustande kam, welche Projektionen sie dazu nutzte und wie sie Farben, Geräusche und Gerüche zugeordnete hatte. Sie diskutierten über die Dimensionalität der Darstellung und Elmer versprach, sich dazu einmal eigene Gedanken zu machen.

Anfang März trafen sie sich wieder einmal. Sajala hatte einige Schalen mit farbigen Pulvern aus zerriebenen Blüten und Kräutern bereitgestellt. Sie hatte sie selbst gesammelt, getrocknet und zermahlen. Eigentlich wusste sie wenig zur eigentlichen Bedeutung des Holi-Festes. Es hatte mit dem Ende des Winters zu tun und mit Liebe, Freundschaft und mit dem Sieg über das Böse. Einige der alten Bräuche mochte sie einfach wegen ihrer Begleitumstände, nicht wegen ihrer uralten religiösen Bedeutung. Als Sajala ihm etwas von den Pulvern ins Gesicht und auf seine Hände strich, schmunzelte Ghotam nur über ihre romantische Anwandlung, während Elmer neugierig nach den Hintergründen fragte. Sajala erklärte, was sie darüber wusste und versicherte, auf das Verbrennen einer Strohpuppe zu verzichten. Es handelte sich um eines der ältesten Feste Indiens. Dieses alte Land gehörte jetzt teilweise zu einem der entwickelten Gebiete, ähnlich der Union. Jedes Jahr rechnete sie den Beginn nach. Das war nicht ganz einfach, da die Zeitrechnung noch auf einem hinduistischen Mondkalender beruhte.

Bald kam Elmer auf ihr Kunstwerk zu sprechen. „Ich habe mich inzwischen etwas intensiver mit deiner Sammlung auseinandergesetzt. Das ganze ist schon verwirrend und es ist gar nicht so leicht, darin irgendwelche Strukturen zu finden. Meine Hochachtung, dass dir das auf deine Art so wundervoll gelungen ist.“ „Danke, ich bin auch ziemlich stolz auf das Ergebnis. Die Strukturen darin liegen schließlich nicht offen zu Tage.“ „Ich habe mir erlaubt, deine Darstellung zu übernehmen und damit zu experimentieren. Ich hoffe, dass ist o.k. und in deinem Sinne. Dabei ist mir die eine oder andere Idee gekommen, wie man die Projektionen noch sinnvoll abwandeln kann. Darf ich euch das Ergebnis einmal zeigen. Ich halte es zumindest für interessant.“ Matar übernahm bereitwillig die Daten und erzeugte die Bilder dazu. Elmer hatte nach einigen Experimenten besondere dreidimensionale Schnitte in einer vierdimensionalen Anordnung gefunden, die in einer zeitlichen Abfolge einige zusammenhängende Bewegungen erzeugten. „Ohne dir zu nahe treten zu wollen: Sajalas Bilder gefielen mir besser.“ merkte Ghotam sofort an. Das Ergebnis war in der Tat optisch enttäuschend. Filigrane Muster waren einer Art Klötzchen-Universum gewichen. Sajalas Gesichtsausdruck verriet eindeutig ihre ersten Gedanken bei dem Anblick. Mit Schönheit oder Kunst hatte das nur noch wenig zu tun. Elmer registrierte natürlich ihre Ablehnung „Ihr habt ja recht. Für mich ist daran wesentlich, dass jetzt einige zusammenhängende Bewegungen erkennbar sind. Sajala, du hast immer von ziemlich zufälligen Datenschnipseln gesprochen. Einmal abgesehen von der Ästhetik der Darstellung, liegt diese Vermutung für mich nicht mehr nahe. Es handelt sich meiner Meinung nach hier keinesfalls um rein zufällige Ereignisse. Die zugrundeliegenden Strukturen müssen in einem Zusammenhang stehen, die meine Projektion jetzt in ersten groben Zügen aufdecken kann. Es ist wie immer eine Frage des Blickwinkels.“ Sajala verstand, was er damit sagen wollte. „Ein Zusammenhang kann vieles bedeuten. Und außerdem ist nichts im Universum wirklich unabhängig. Die Frage ist deshalb, ob hier vielleicht doch etwas über so allgemeine Beziehungen hinausgeht.“ Sajala verstummte unvermittelt. Was hatte sie noch sagen wollen? Sie hatte es vergessen. Dann erfasste sie Schwindel und sie musste sich setzen. Wieder hatte sie ein Déjà-vu, stärker als zuvor. Und immer noch konnte sie nicht fassen worin es bestand. „Was ist los?“ fragten Ghotam und Elmer fast gleichzeitig. „Nichts, mir war nur kurz schwindlig – vielleicht der Kreislauf. Es ist schon vorbei.“ Die beiden Freunde wirkten besorgt wegen ihrer plötzlichen Schwäche. Als sie sich trennten, erwähnte niemand mehr den Vorfall.

Sajala hatte sich wieder einige Tage frei von ihrer Arbeit gemacht. Sie brauchte einfach etwas Entspannung nach einigen besonders anstrengenden Wochen. Das Wetter lud noch nicht zu längeren Spaziergängen ein. Deshalb hatte Matar ausgeholfen und ihr eine phantasievolle Realität zu Hause geschaffen. Ausnahmsweise hatte Sajala ihr erlaubt, dazu auch holographische Projektionen zu verwenden. Diesmal konnte sie auch das genießen, weil es die Illusion fast perfekt machte, auch ohne direkt ihre Sensorik und ihre Hirnfunktionen zu manipulieren.

Beim Rauschen fremdartiger Bäume lag Sajala bäuchlings auf einem weichen Polster aus rötlichen, moosartigen Pflanzen. Ihr Kinn hatte sie auf ihre übereinanderliegenden Hände gestützt. Kleines Getier aller möglichen Arten wimmelte respektvoll um sie herum. Interessiert sah sie ihrem Treiben zu. Sie waren überall, soweit sie sehen konnte, und einige schienen sich mit anderen zu unterhalten. Andere wirkten passiv und wirkten nur sporadisch mit. Sajala konnte erfassen, was sie da austauschten. Es waren einfache, banale Botschaften ohne erkennbaren Zweck, die sich in Schauern über die Fläche hinweg fortpflanzten. Langsam erhob sie sich und wanderte herum. Die Tiere waberten um sie her, wichen geschickt ihren Füßen aus, schlossen die Lücken hinter ihr. Das Ende dieses Teppichs aus Tieren und Pflanzen war aus ihrer Warte nicht auszumachen. Wie weit mochte sich die lebende Fläche erstrecken? Sajala wurde neugierig. Sie steuerte einen der Bäume an. Die Astgabelungen reichten in gleichmäßigen Abständen bis zum Boden. Sie luden zum Klettern geradezu ein. Sajala erinnerte sich an einen Kirschbaum im Garten ihrer Großeltern. Den hatte sie als Kind gerne bestiegen und im Juni Kirschen gegessen, bis ihr schlecht wurde. Sie zögerte nicht lange und begann den Aufstieg. Matar tat, was sie konnte, um die Illusion intakt zu halten. Trotzdem fehlten die Empfindungen der Hände und Füße und die Anspannung ihrer Muskeln. Aber Sajala wollte sich einfach der Szenerie hingeben und blendete die Unvollkommenheit der Simulation aus. Sie stieg immer höher. Der Baum hatte gigantische Ausmaße. Seine Spitze war weitgehend kahl, frei von Laub. Nur die Astansätze reichten bis zur Spitze, die nur leicht unter Sajalas Gewicht schwankte. Ihr wurde schlecht, weil ihr Gleichgewichtssinn etwas anderes meldete als das, was sie sah. Matar steuerte sofort gegen und korrigierte die Bilder. Fasziniert blickte sie nun aus großer Höhe auf die Szene unten. Erst allmählich dämmerte ihr, was sie dort sah. Ein fremdartiges Geschöpf lag dort, streckte seine Glieder und rezitierte ein bekanntes Gedicht. Eigentlich war das Ganze ein Witz. Wer mochte sich einen solchen Unsinn ausdenken? Aber zweifellos bestand das merkwürdige Geschöpf aus nichts anderem als den einfachen Wesen, die Sajala unten im Moos gesehen hatte und vermutlich verhielten sie sich gerade jetzt genau so, wie sie es vorher von unten beobachtet hatte.

Schlagartig wurden ihr die Zusammenhänge klar und sie ließ sich fallen. Matar löschte die Szene und sie fand sich augenblicklich liegend auf dem weichen Belag ihres Fußbodens wieder. Alles ergab jetzt einen Sinn: Strukturen, die überall waren und insgesamt ein Bild ergaben mit einer eigenständigen Bedeutung. Elmers Kollege musste auf ihre Sammelobjekte gestoßen sein, kleine unscheinbare Datenstrukturen, die überall vorkamen. Und er musste darin etwas gesehen haben, das ihr bisher entgangen war. Langsam machte sie sich der Folgen bewusst. Sie ahnte, dass sie und ihre Freunde in Gefahr waren, wenn ihre Annahme sich als korrekt herausstellen sollte. Wenn sie richtig lag, dann war das Problem noch weitaus größer, als sie sich das hätte je vorstellen können. Aber wer steckte hinter all dem? Hoffentlich ahnte Matar nichts von ihrer plötzlichen Eingebung. Und welche Rolle hatte sie dabei eigentlich gespielt? Hatte sie ihre Gedanken bewusst in diese Richtung gelenkt? Vermutlich nicht – Matar hatte sicher keine Ahnung davon, was gerade in ihr vorgegangen war.

In den folgenden Tagen zeigte Matar keinerlei Auffälligkeiten, machte keinerlei Andeutungen und stellte keine besonderen Fragen. Das war eigentlich ein sicheres Zeichen dafür, dass ihr nichts an dem Erlebnis merkwürdig erschienen war. Schließlich erfand sie solche Illusionen nicht von Grund auf neu. Sie bezog das Grundgerüst aus irgendwelchen Bibliotheken, passte es etwas an und ergänzte vielleicht das eine oder andere Detail. Die Frage war eher, wer ihr diese merkwürdige Geschichte möglicherweise absichtsvoll untergeschoben hatte. So bot sie Sajala weitere entspannende, virtuelle Erlebnisreisen an, die Sajala gerne in Anspruch nahm. Ihr Ziel dabei schien immer nur zu sein, ihre Erholung zu sichern.

Der Mai lud wieder zu längeren Wanderungen ein. Sajala dachte nach, stellte Hypothesen auf, überlegte sich Strategien, wie diese zu testen seien. Tief in Gedanken nahm sie ihre Umgebung kaum wahr. Obwohl sie die Gegend sehr gut kannte, wusste sich manchmal nicht, wo sie sich gerade befand. Sie hielt dann notgedrungen inne in ihren Überlegungen, achtete auf Landmarken, zog manchmal einen altertümlichen Kompass zu Rate und überlegte, ob sie beim nächsten Spaziergang nicht doch einen der elektronischen Helfer mitführen sollte. So nutzte sie ihre Freizeit, um sich klar zu werden über ihre nächsten Schritte. Und sie hatte durchaus viel davon zur Verfügung. Ihr Arbeitgeber sorgte sich sehr um die Gesundheit seiner Mitarbeiter. Mehr als zehn Stunden, verteilt über den Tag, war sie selten am Institut. Außerdem wurde darauf geachtet, dass jeder Mitarbeiter innerhalb von zehn Tagen eine Auszeit von zwei bis drei Tagen nahm. Aufs Jahr gerechnet sollten zudem nicht mehr als zweitausend Stunden geleistet werden. Das sollte die Regel sein, Ausnahmen nicht ausgeschlossen. Der Rest diente der Erholung und Erhaltung der Arbeitskraft. Meistens hielt sie diesen Rahmen auch ein.

Am Institut nutzte Sajala noch einige Tage, um ihre Annahmen grob auf Plausibilität zu testen. Sie suchte nach Erkenntnissen, die ihren Verdacht gegebenenfalls widerlegen konnten. Nachdem sie etwas nachgedacht hatte, waren ihr doch noch einige Zweifel gekommen. Sie wollte einfach vermeiden, von Anfang an mit Vollgas in eine Sackgasse zu steuern. Und da sie wieder einmal an einem Auftrag arbeitete, würden die intensiven Recherchen unverdächtig bleiben.

Als sie einigermaßen sicher war, auf einer heißen Spur zu sein, startete Sajala durch. Sie war in ihrem Metier. Testdaten in Hülle und Fülle, um jede Hypothese zu prüfen, lagen ihr schließlich schon vor. Wenn es einen Zusammenhang gab, würde sie ihn finden. Ihren Freunden erzählte sie vorläufig nichts von ihrem weiteren Plan. Bis jetzt wusste niemand, woher die Daten für ihr Kunstwerk stammten. Darüber hatte sie sich immer in geheimnisvolles Schweigen gehüllt. Eigentlich war sie selbst auch nie von echter statistischer Unabhängigkeit der Muster ausgegangen. Dann hätte ihr Bild eher wie ein unstrukturierter Brei wirken müssen. Natürlich lagen dem Ganzen Prozesse zugrunde, Millionen fehlerhafter Programme, die während der vergangenen Jahrzehnte und Jahrhunderte ähnliche Fehler milliardenfach wiederholt hatten. Jedes einzelne produzierte natürlich systematisch immer wieder gleiche oder ähnliche Abweichungen, und die Programme ihrerseits standen auch in einer historisch gewachsenen Beziehung zueinander. Insgesamt waren trotzdem Programmfehler an sich etwas Zufälliges. Sie hatte sich vorgestellt, durch eine Geschichte der Systeme aus einer besonderen Sichtweise zu wandern. Im Grunde konnte Elmers Beobachtung diese Sichtweise nicht in Frage stellen. Die Bewegungen in seiner Projektion waren zu selten und zu kurz. Es war die Tatsache, dass ausgerechnet Elmer sie auf etwas gestoßen hatte und es für sie plötzlich eine Verbindung gab zwischen diesem Angriff auf dessen Firma und ihrem Kunstwerk. Sie fühlte einfach, dass sie das Wichtigste an ihren Strukturen bisher übersehen hatte.

1Ein solches Finanzsystem wird oft als Vollgeld- oder als Vollreserve-System bezeichnet und war 2014 Gegenstand einer Volksabstimmung in der Schweiz. Bis 1781 war die Amsterdamer Wechselbank beispielsweise ein Vollreserve-Geldhaus.

2Womit dann auch die Frage geklärt ist, weshalb der Computer „Deep Thought“ in Douglas Adams „Per Anhalter durch die Galaxie“ auf die Frage aller Fragen nach 7,5 Millionen Jahren mit „42“ antwortet.

3Sinngemäß nach Platon, ca. 428 – 348 v. Chr. http://de.wikipedia.org/wiki/Platon und
Platon; Timaios, Platon, Werke VII, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1972

4Welchen Aufwand Versuch und Irrtum bei kryptografischen Verfahren verursachen, um bestimmte Charakteristika zu erreichen, kann man leicht anhand des sogenannten Proof-of-Work erkennen, der etwa bei der Verifizierung von Transaktionsketten im Bitcoin-Zahlungssystem eine entscheidende Rolle spielt.

5Eines der weniger offensichtlichen Rätsel der Physik ist in der Tat die Frage, warum das Universum den Gesetzen der Logik gehorcht, weshalb nicht ständig unerklärliche Dinge passieren. Alle bekannten Naturphänomene lassen sich letztlich durch konsequent logische Anwendung einiger Grundgesetze erklären. Das ist nicht selbstverständlich.

Kommentar schreiben