Risiko

Es klingelte Sturm an der Haustüre. „Martha, mit deinem Mann stimmt etwas nicht. Der liegt bei euch im Garten und regt sich nicht mehr!“ Die Nachbarin war sichtlich aufgeregt. Martha war alarmiert und hastete mit ihr zusammen durch das Wohnzimmer und die geöffnete Terrassentüre nach draußen. „Um Gottes Willen!“ Tatsächlich lag da ihr Mann reglos im Gras. Erst als sie die Kamera sah, deren Objektiv auf einen frischen Maulwurfshügel gerichtet war, entspannte sie sich. Sie stieß ihren Mann vorsichtig an. Der brummte etwas Unverständliches, drehte sich auf den Rücken und richtete sich langsam ächzend mit steifen Gliedern auf. „Was ist denn los? Warum trittst du mich?“ Bis auf einige grüne Flecken auf dem durchfeuchteten Poloshirt und der hellen Hose schien es ihm bestens zu gehen. „Wie spät ist es? Hallo Marlene, was führt dich her?“ Jetzt erst bemerkte er, dass Martha nicht alleine war. Möglicherweise sei er eingenickt, räumte er schließlich ein, bei dem vergeblichen Bemühen, den Verursacher des Hügels aus nächster Nähe auf ein Foto zu bannen.

 

So manches mal hatte Martha sich gefragt, was in ihrem Mann so vorging. Fast immer hatte er irgendetwas zu tun, verfolgte offenbar selbstgesteckte Ziele. Nur wirkte deren Auswahl eher chaotisch. Einen rationalen Grund dafür konnte sie oft nicht feststellen. Trotzdem verfolgte er seine Entscheidungen, wenn sie einmal heimlich getroffen waren, durchaus strukturiert und hartnäckig. Nur erzählte er in der Regel niemandem, was er da jeweils tat und warum. Erst die Ergebnisse, wenn es denn vorzeigbare gab, präsentierte er nach getaner Arbeit. So waren über die Jahre durchaus immer wieder erstaunliche Leistungen zustande gekommen, die einen durchaus hohen persönlichen Wert darstellten. Selbst seine berufliche Karriere ließ sich im Kern auf solch heimliche Projekte zurückführen. Das wusste Martha und ließ Klaus deshalb gewähren.

Klaus seinerseits liebte es, manchmal stundenlang nur so dazusitzen oder zu liegen und seine Gedanken schweifen zu lassen. Er liebte das sich entwickelnde Chaos darin, die Strudel und wilden Strömungen, wenn er sich von den alltäglichen Problemen löste, die Muster darin, die sich selbständig weiter zu entwickeln schienen, die Strukturen, wenn sie sich schließlich verfestigten. Es war wie ein Rausch, innere Abenteuer, geistige Wanderungen ohne Ziel mit oftmals überraschender Ankunft an Orten, die er so noch nicht kannte. Solche Tagträume hatten ihn schon sein ganzes Leben hindurch begleitet. Von außen ließ er sich darin kaum beeinflussen.

An einem Vormittag hatten beide sich aufgemacht zu einer Wanderung durch die wundervolle Schneelandschaft, in die sich die sanften Hügel der Eifel Ende Februar noch einmal verwandelt hatten. Bei dichtem Schneetreiben war sonst niemand weit und breit im Freien unterwegs. Klaus wollte versuchen, die besondere Stimmung in Fotografien fest zu halten. Um die Kamera vor Nässe zu schützen, hatte er sie in eine Klarsichttüte verpackt und die Öffnung mit Gummiringen über der Frontlinse des Objektivs befestigt. Zudem trug er einen weiten dunkelgrünen Regenponcho, der nicht nur ihn selbst, sondern auch seine Ausrüstung schützte. Für einen Beobachter hätten die beiden, besonders Klaus, sicherlich ein merkwürdiges Bild ergeben und das eine oder andere Kopfschütteln verursacht. Klaus hantierte mit einer antiquierten, zwei Kilogramm schweren Spiegelreflexkamera. So etwas war schon lange nicht mehr auf dem Markt. Das lag sicher nicht daran, dass Klaus das Gewicht seiner Ausrüstung mit der Qualität des Ergebnisses verwechselte, obwohl die Größe eines Objektives immer noch mit Auflösung und Ausleuchtung einer Fotografie zu tun hatte. Er vertraute seiner Kamera einfach, weil er sie beherrschte und sie ihm Vertraulichkeit garantierte. All diesen neumodischen Kram, dessen GPS jeden seiner Schritte minutiös protokolliert und zusammen mit jedem Foto ungefragt in irgendein Netz eingestellt hätte, lehnte er ab. Niemand konnte wirklich garantieren, dass diese Daten seine Privatsache bleiben würden. Klaus wollte einfach die Kontrolle behalten. Kontrolle über ein Ding hieß nach seiner Überzeugung, es in der Hand zu behalten im wahrsten Sinne des Wortes. Seine Ausrüstung kannte weder GPS noch eine Netzverbindung oder dergleichen. Die Bilder landeten einfach auf einer Speicherkarte, die so antiquiert anmutete wie seine Kamera, und die konnte er entnehmen, in seine Hosentasche stecken, und auch abschließend zerstören, wenn er das wollte, ohne irgendwo sonst Spuren zu hinterlassen.

Ein Beobachter hätte sich sicher gewundert, weshalb bei diesem Wetter jemand draußen sein wollte und dann auch noch fotografieren, wo doch alles nur einfach weiß in weiß erschien. Der Boden war weiß, die Luft wirkte weiß, genauso wie der Himmel. Klaus dachte sich hinein in seine Umgebung, suchte Strukturen und Muster, die er im Moment ihres Entstehens festhalten konnte. Er wanderte schweigsam, beobachtete, drehte sich manchmal um die eigene Achse, fiel gelegentlich auf die Knie und legte seinen Kopf schräg in Richtung Boden, wobei ihm das Aufstehen schon sichtlich schwer fiel. Martha wunderte sich nicht. Sie glaubte zu verstehen, was er da tat und wusste, welch bewundernswerte Resultate aus solch merkwürdigem Verhalten entstehen konnten. Sie störte nur, dass er kaum mit ihr sprach und ihr in seiner Konzentration nicht einmal richtig zuhörte.

„Bleib stehen!“ flüsterte Martha eindringlich. „Siehst du da vorne die beiden Hasen?“ Zwei Feldhasen waren plötzlich in dem weißen Einerlei aufgetaucht, die sich augenscheinlich sicher vor jedweder Störung wähnten. „Mist, mit dem Objektiv komme ich nicht weit. Was meinst du, kann ich das noch wechseln?“ „Besser nicht, sonst kannst du nur noch den Schnee fotografieren.“ Also machte er sofort einige Schnappschüsse. „Schade, aber vielleicht wird’s ja trotzdem brauchbar.“ Genauso wie moderne Kameratechnik lehnte er Zoomobjektive dann ab, wenn er wirklich bis in die Ecken gestochen scharfe Bilder erzielen wollte. So wie jetzt verwendete er dann nur Festbrennweiten. Wenn die Zeit drängte, dann musste auch einmal eine Normaloptik reichen, wenn eigentlich ein Tele oder Weitwinkel angemessener waren.

Mit überschaubarer Ausbeute und ziemlich durchfroren kamen beide wieder zu Hause an. Ob sich der Spaziergang auch künstlerisch gelohnt hatte, würde sich erst später zeigen. Die Kamera musste zunächst einige Stunden in ihrer Hülle auf Zimmertemperatur kommen, bevor Klaus die Bilder auswerten konnte. Ansonsten hätte Kondensfeuchte bis in ihr Innerstes vordringen können. Reparaturen waren mit der Zeit immer aufwändiger geworden, da Techniker mit Kenntnissen in Fotofeinmechanik inzwischen rar und teuer waren. Nur einfache Reparaturen konnte er inzwischen selbst vornehmen.

Es war längst dunkel draußen, als Klaus sich für Stunden in sein Arbeitszimmer zurückzog, um sich das Ergebnis anzusehen. Es waren sehr interessante Aufnahmen dabei. Er passte Belichtung und Tonwerte an, stellte die Rauschunterdrückung optimal ein, exportierte dann Foto für Foto in ein allgemein übliches Format. Es war Zufall, der ihn bei der Kontrolle der Endergebnisse noch über alte Protokolle aus seinem früheren Experiment stolpern ließ. Er hatte immer noch Probleme damit, den Misserfolg seiner Bemühungen zu akzeptieren und hatte trotz intensiver Überprüfung seines Modells keinen entscheidenden Fehler gefunden. Das eine oder andere hatte er noch optimiert und einige Unstimmigkeiten beseitigt. Darunter war aber nichts, was das Scheitern erklärt hätte. Klaus musste annehmen, dass all seine jahrelangen Arbeiten und Überlegungen von Anfang an falsch waren, der lächerliche Versuch, sich als Amateur an etablierten Wissenschaften vorbei in eine der vorderen Reihen zu schieben, eine Abkürzung gefunden zu haben, die allen anderen verborgen blieb. Aber immerhin hatte es ihn geistig fit gehalten und die Beschäftigung hatte über weite Strecken wirklich Spaß gemacht. Es gab schlechtere Möglichkeiten, seine Zeit zu verschwenden.

Das alles war schon viele Monate her. Etwas schwermütig ging er noch einmal die Protokolle durch. Wie er schon damals feststellen musste, zeigte keines die eigentlich erwarteten Aktivitäten. Schließlich nahm er sich die zuletzt noch übertragenen Logs vor. Auch hier fand sich zunächst nichts Auffälliges. Nur während des unerwartet langen Löschvorgangs nahm er nun Muster wahr, die möglicherweise nicht nur mit dem erzwungenen Ende zu erklären waren. Er erinnerte sich, diese Verzögerung damals unbekannten Sicherheitsbarrieren des Clusters zugeschrieben zu haben. Diese Vermutung erschien ihm jetzt nicht mehr ganz stimmig. Damals war er einfach froh gewesen, heil aus der Sache wieder herauszukommen. Aus der zeitlichen Entfernung betrachtet, erschien es allerdings jetzt widersinnig, dass Sicherheitsprozesse aktiv geworden sein sollten, ohne Alarm zu schlagen. Von so etwas hätte sein Nachbar sicher im Rahmen der einen oder anderen feucht-fröhlichen Runde berichtet. Bei der Intensität des Löschvorgangs war es auch unwahrscheinlich, dass der Vorfall falsch klassifiziert worden und in der Menge anderer Meldungen untergegangen war. Wenn Sicherheitssysteme aktiv geworden waren, dann hätte es einen leuchtend roten Alarm geben müssen. Was war also dann die Ursache für die merkwürdigen Aktivitäten, die letztlich den Vorgang so beängstigend in die Länge gezogen hatten? Als Martha besorgt über die Haustelefonanlage anrief, brach er seine neuen Überlegungen ab und beschloss, ihnen in den nächsten Tag etwas mehr Zeit zu widmen.

Einige Arztbesuche und ein Check-up sorgten zunächst für Ablenkung. Gesundheitlich schien alles in Ordnung zu sein, die Blutwerte waren perfekt bis auf geringe Abweichungen eines Leberwertes. Genauso tadellos war das Leistungs-EKG. Die Ultraschallaufnahme der Organe und Hauptarterien förderte ebenfalls keine Auffälligkeiten zutage. „Wie bei einem jungen Mann“ lobte der Arzt. Danach hätte Klaus sich topfit fühlen müssen, wären da nicht die sich häufenden Erschöpfungszustände gewesen, die weder er noch sein Arzt erklären konnten, ständige Gliederschmerzen und Erkältungssymptome, die sich jeder schlüssigen Diagnose entzogen. Früher hatte er das alles mit beruflichem Stress erklärt, der zum Ende seiner Laufbahn deutlich zugenommen hatte. Dieser Faktor war nun schon lange entfallen und er konnte eigentlich vollkommen tiefenentspannt seinen Ruhestand genießen.

Erst zwei Wochen später brachte er die Energie auf, sich mit den Aufzeichnungen wieder zu befassen. Tatsächlich zeigten die Muster in den letzten Protokollen, dass irgendetwas alarmiert worden war und es zeigte sich auch, das es sich höchst wahrscheinlich nicht um eine Sicherheitseinrichtung des Clusters gehandelt hatte. Dazu hätten neben den Interaktionsmustern, die auf Abwehr hindeuteten, auch eindeutig verräterische Meldungen dieser Einrichtungen in seinen Protokollen auftauchen müssen. Das taten sie aber nicht. Was konnte der Urheber dann aber sein? Letztlich war es eine Ausschlussdiagnose, die ihn in seiner Schlussfolgerung absicherte. Er nahm noch einmal alle Informationen zusammen, die er im Laufe der Zeit von Jan über den Cluster erhalten und die Installationslisten, die seine Monitor-Software geliefert hatte. Er prüfte jede einzelne Software-Komponente darauf, ob und gegebenenfalls wie sie auf unerwartete Aktivitäten reagieren und welche Spuren das hinterlassen würde. Die Arbeit nahm mehrere Tage in Anspruch und endete mit der Schlussfolgerung, dass keine dieser Komponenten für die Abwehrreaktionen verantwortlich sein konnte. Damit blieben nur die von ihm selbst eingeschleusten Bots als mögliche Urheber übrig. Klaus fühlte sich wieder im Geschäft. Er befand sich sofort in einer euphorische Stimmung. Mit dieser belastbaren Hypothese konnte er nun die Protokolle noch einmal unter einem anderen Blickwinkel analysieren um eine Vorstellung darüber zu entwickeln, was wirklich vorgegangen war.

Während er seinen Vorgarten auf das kommende Frühjahr vorbereitete, lief Jan Gatzen zufällig an ihm vorbei. „Hallo Jan, hast du es eilig?“ „Kommt darauf an?“ „Du bekommst einen Kaffee und ich eine Pause auf der Bank hier – eine echte Win-win Situation also.“ Durch die Presse waberte gerade eine Trojaner-Attacke, deren Höhenpunkt etwa zu der Zeit seines Experiments stattgefunden hatte. Im Laufe des Gesprächs fragte er, ob nicht auch sein Cluster davon betroffen gewesen sei. „Nein, davon war bei uns nicht zu spüren. Ich habe davon gehört – sonst nichts.“ verneinte Jan ohne zu zögern. „Wir hatten mit so etwas noch nie Probleme. Wir prüfen trotzdem jede neue Sicherheitswarnung ernsthaft und checken unsere Systeme. Auch im letzten Jahr haben wir das gemacht, nachdem unser Sicherheitsdienstleister uns frühzeitig vor dieser potentiellen Gefahr gewarnt hat. Solche Probleme haben wir bei uns im Institut sehr gut im Griff. Übrigens betreffen solche Attacken eher die verbreiteteren Rechnerarchitekturen, solche, die Privatleute benutzen, so wie unsereins zu Hause. Da ist wohl mehr zu holen als bei uns.“ Damit fühlte Klaus sich nun abschließend bestätigt in seiner Diagnose. Wenn niemand etwas gemerkt hatte, konnten nur seine Bots selbst für die Abwehr verantwortlich sein. Diese Vorstellung war ungeheuerlich. So etwas hatte er in der kurzen Zeit, die sie aktiv waren, nicht für möglich gehalten.

Aber was war wirklich passiert? Die Interaktionsmuster deuteten auf ein organisiertes Ausweichmanöver hin. Seine Bots hatten es vorübergehend geschafft, fast neunzig Prozent der Löschbefehle ins Leere laufen zu lassen. Sie hatten gelernt, genau in der Mikrosekunde auszuweichen, die zwischen der erzwungenen Offenbarung ihrer Position und dem physischen Löschkommando lag. Möglich war aber auch, dass irgendetwas die erzwungenen Positionsangaben verfälscht hatte. Klar war, dass die Bots selbst viel zu einfach gestrickt waren, um so etwas organisiert zu bewältigen. Eine übergeordnete Instanz musste dafür verantwortlich sein, die die plötzlichen Verlagerungen koordiniert hatte. Die Verzögerung war damit weitgehend erklärt. Aber auch zehn Prozent Erfolgsquote hatte die Bots langsamer zwar, aber genauso sicher eliminiert, bis der Widerstand schließlich zusammenbrach und die verbliebenen Reste innerhalb von Sekunden vernichtet waren. Klaus glaubte, seine Flamme, die ihm immer vorgeschwebt hatte, in den Aufzeichnungen erkannt zu haben. Das waren eindeutig die Spuren einer selbständigen Aktivität, die einmal gezündet aus sich heraus weiter brannte. Aber warum waren seine eigenen Versuche, sie anzufachen, so kläglich gescheitert? Er dachte unvermittelt an die Methode zur Zündung eines nuklearen Sprengsatzes. Seine Maßnahmen kamen ihm nun vor wie der Versuch, den Urankern einer Atombombe mit einem Streichholz in die Kettenreaktion zu treiben. Tatsächlich war der enorme Druck einer großen Menge von hochexplosivem TNT notwendig um die Urankugel soweit zu verdichten, dass die Explosion danach selbständig ihren weiteren vernichtenden Lauf nahm. Erst sein Kommando zur Löschung hatte möglicherweise den notwendigen Druck auf sein Bot-Netzwerk aufbauen können und die Kettenreaktion in diesem Fall in Gang gesetzt. Nur war dieser Druck so groß gewesen, dass er die Reaktion selbst dann auch gleich mit erstickte, was in diesem Fall sein Glück war. Ansonsten hätte die Sache böse für ihn geendet.

Bis jetzt war es nur ein Gefühl, dass sein Experiment doch noch letztendlich erfolgreich verlaufen war. Es konnte immer noch nur seinem Wunschdenken entspringen. Er musste sich Gewissheit verschaffen mit mindestens einem weiteren Versuch. Und so war Marthas Freude über die anhaltend gute Laune ihres Gatten nicht von Dauer. Das etwas anderes dahintersteckte als gelungene Fotografien und gute Nachrichten vom Arzt wurde ihr schon klar, als er sich wieder mehr in seinem Arbeitszimmer aufhielt als mit ihr zusammen. Schließlich stellte sie ihn zur Rede und er erklärte sich zögernd. Erwartungsgemäß hielt sich ihre Begeisterung für seine neue-alte Beschäftigung in engen Grenzen. Als Klaus ihr detailliert darlegte, was bei seinem ersten Feldexperiment geschehen war, welche Enttäuschung er erfahren und welche Ängste er zum Ende hin ausgestanden hatte, da wich ihre Skepsis nacktem Entsetzen. „Und das erzählst du mir jetzt erst so nebenbei? Was denkst du dir überhaupt? Wenn das schiefgegangen wäre, hättest du mindestens eine hohe Geldstrafe bekommen, wenn nicht sogar Gefängnis, mit Glück noch auf Bewährung!“ „Aber es ist ja schließlich gut ausgegangen.“ verteidigte er sich halbherzig und dachte darüber nach, dass irgendwie doch immer schon alles gutgegangen war. „Und wenn nicht? Das Schlimmste aber wäre ja wohl, dass du uns in der Nachbarschaft in eine unmögliche Situation gebracht hättest. Wir hätten hier nicht mehr wohnen können. Bist du noch ganz bei Trost? Wie kannst du so etwas heimlich tun, ohne mich zu fragen. Schließlich wären wir alle betroffen gewesen von einer möglichen Katastrophe! Was machst du denn als nächstes? Vielleicht drehst du ja den Gashahn auf, nur um zu sehen, ob es wirklich knallt, wenn jemand den Lichtschalter betätigt.“ Martha schäumte. Ihr war überhaupt nicht bewusst gewesen, in welche Gefahr Klaus sie alle damals gebracht hatte. Klaus senkte schuldbewusst den Blick und schwieg. „Es kann doch nicht dein Ernst sein, das alles noch einmal zu wiederholen. Das wird doch wieder ein Himmelfahrtskommando!“ Klaus versprach widerstrebend, sich nur theoretisch mit einem solchen Unternehmen zu befassen – „und danach sehen wir weiter“, dachte er bei sich. Für die nächsten Wochen würde er jedenfalls durch tätige Reue dafür sorgen müssen, dass sich die Großwetterlage zu Hause wieder beruhigte.

Im Frühjahr war er wieder mit Gartenarbeiten beschäftigt. Er hatte einen kleinen Grillplatz am Ende des Weges entworfen, kreisrund, etwa vier Meter im Durchmesser und mit Kopfsteinpflaster belegt. Zuerst hatte er ein Gefälle zur Mitte hin vorgesehen. In seiner Vorstellung brannte ein Lagerfeuer auf dem Platz, um das er mit Freunden oder Familie herumsaß und aß und trank. Die Glut würde sich einfach von selbst zur Mitte hin sammeln. Als er sich dann mit den Details befasste, wich die romantische Vorstellung schnell realistischeren Anforderungen. Zum Ersten hätte sich bei regnerischem Wetter schnell eine Pfütze im Zentrum gesammelt. Der Platz wäre so wohl schnell verschlammt und hätte regelmäßig gereinigt werden müssen. Das war zumindest unpraktisch. Zum Anderen aber hätte das Material die Hitze eines Feuers wohl kaum überstanden und wäre gerissen. Zu diesem Zweck würde er wohl besser eine Feuerschale beschaffen. Viel sinnvoller war natürlich ein schwaches Gefälle umgekehrt weg von der Mitte radial nach außen. Mit der Umsetzung ließ er sich wieder Zeit. „Pass bitte auf und übertreibe nicht wieder.“ ermahnte Martha in mehrfach. „Ich habe keine Lust, dich hernach tagelang im Bett pflegen zu müssen.“ „Keine Sorge, ich übertreibe nie.“ pflegte Klaus darauf zu erwidern.

Alleine das Material von der Garagenauffahrt in den Garten zu transportieren – sechshundert Pflastersteine und drei Kubikmeter Kies – dauerte Tage. Er pausierte oft und arbeitete höchstens zwei bis drei Stunden zusammenhängend am Tag. Der Ablauf ließ also genügend Zeit übrig, jeden Tag noch etwas anderes zu unternehmen, das keine körperliche Anstrengung verlangte.

Während also Martha ihrem Klaus die Erholung von den physischen Strapazen herzlich gönnte und ihre Empörung langsam abebbte, war er schon längst mit der Planung in der anderen Sache beschäftigt. Monatelang dachte er darüber nach, wie er seine Bots ins weltweite Netz einschleusen, wie er trotzdem die Kontrolle behalten und wie der Druck ausgeübt werden konnte, der die Flamme zündete, ohne sie gleich wieder zu ersticken. Ein erneuter Einbruch in den Cluster schied aus. Jan hätte sicher Verdacht geschöpft und die Gefahr einer Entdeckung wäre jetzt größer als zuvor. Ihm kamen schnell die weltweit in ungeheurer Zahl aktiven Virenscanner in den Sinn, die sich vielleicht geschickt missbrauchen ließen, um die Zündung zu bewerkstelligen. Während er bisher seine Bots erfolgreich vor ihren Angriffen getarnt hatte, musste er in diesem Fall dafür sorgen, dass eine bedeutende Zahl erkannt und bekämpft werden konnte, zumindest vorübergehend. Dieser Plan schien machbar und so nahmen die Details allmählich Gestalt an. Seine Bots „lernten“ nun, Fehler bei der ständig wechselnden Tarnung zu machen. Bei einer Erstinfektion würden zunächst dann sehr viele dieser unzureichend geschützten Bots im Netz existieren. Sobald Millionen von Virenscannern die Signatur erkannten und die Bekämpfung starteten, würde eine Art natürliche Auslese dafür sorgen, dass die fehlerhaften Programme langsam seltener wurden und schließlich bis auf unbedeutende Reste ausstarben. Um die Kontrolle weitgehend zu behalten, schränkte er den Adressraum im Netz ein, in dem sie aktiv sein konnten. Außerhalb würden sie sich dann nicht weiter verbreiten können. Zudem beschränkte er sie auf eine bestimmte Rechnerarchitektur, die häufig genug im Netz vorkam und vornehmlich für leistungsfähigere Systeme eingesetzt wurde.

Und dann stellte sich noch die Frage nach dem Infektionsweg und danach, wie er seine Spuren so unkenntlich machen konnte, dass ggf. auch Ermittlungsbehörden ins Leere laufen würden. Beides erschien lösbar. Zunächst wählte Klaus einen alten, aber besonders leistungsfähigen Laptop-Computer aus, der leicht zu transportieren oder zu verstecken war, und löschte sorgfältig alle Spuren seines Projektes von allen anderen Medien in seinem Haus. Einige kaum fingernagelgroße Speicherkarten dienten als Backup-Medien, von denen er notfalls sein Entwicklungssystem jederzeit auf ein anderes Gerät übertragen konnte, sollte der Laptop einmal ausfallen. Von seinem ausgewählten Arbeitsgerät entfernte er dann genauso sorgfältig alle persönlichen Informationen, die bei einem möglichen Verlust auf ihn weisen konnten. Zusätzlich schaltete er die Festplattenverschlüsselung ein. Das würde das Arbeitstempo nur unwesentlich beeinträchtigen. Gleichzeitig zerstörte er jedes elektronische Bauteil darin, das eine Netzwerkverbindung hätte aufbauen können. Für einen Datenaustausch blieb jetzt nur noch die manuelle Methode über den direkten physischen Zugriff auf den Einschubschacht für Speicherkarten. Was blieb, war sein komplettes Entwicklungs- und Testsystem, auf dem er seine Zielumgebung, wenn schon nicht im Netz erreichen, so doch weitgehend simulieren konnte. Mehr Kontrolle war kaum zu erreichen und mit einem der neuen Arbeitsgeräte wäre eine solche Manipulation gar nicht möglich gewesen, ohne deren Funktion vollständig zu zerstören. So war Klaus froh, sein altes Arbeitspferd nicht vor Jahren entsorgt zu haben. Er liebte einfach solide Technik und das sonore Klappern einer Tastatur.

Als Infektionsweg boten sich Trojaner als probates und immer wieder erfolgreiches Mittel an. Eine Verbreitung über professionelle Spammer schied aus wegen des damit verbunden Aufwands, der Kosten und der möglichen Spuren. Außerdem würden die Scanner viel zu früh aufmerksam werden, schon aufgrund der schieren Flut von Mails. Klaus entschied sich dafür, die Download-Seiten einiger beliebter kostenloser Programme zu imitieren. Die Originalseite müsste einem Namen haben, der leicht zu Schreibfehlern führte. Jeder dieser versehentlichen Eingaben würde dann auf seiner Seite landen. Der Benutzer würde, ohne es zu merken, die gewünschte Software mit einem nicht gewünschten Anhang zusammen laden und installieren. Um diese Seiten anonym ins Netz zu stellen, würde ihm jetzt eine seiner vor langem schon angelegten Identitäten helfen. Diese Variante schien ihm die am einfachsten zu realisierende zu sein. Alle weiteren Details entnahm er seiner vor einigen Jahren bereits ausgearbeiteten Geheimhaltungsstrategie, die jetzt endlich zur Geltung kam und sich bewähren konnte. Die früher dafür investierte Arbeit würde den risikoarmen Fortgang seines Projektes erheblich beschleunigen.

Stellte sich noch die Frage, wo er überhaupt anonym ins Netz kommen konnte. Normalerweise wurde jeder Zugang sofort irgendwo protokolliert und konnte im Prinzip mit dem Anschlusseigner, den jeweiligen Aktionen, Abfragen und Recherchen verknüpft werden. Früher gab es einmal in jeder kleineren Stadt sogenannte Internetshops oder Internetcafés mit eigenen Computern für den Netzzugang. So etwas wäre ideal gewesen für seine Pläne. Nur gab es die schon lange nicht mehr. Klaus erinnerte sich, zuletzt so etwas bei einem Urlaub in einem kleinen Ort an der Nordsee gesehen zu haben. Heutzutage betrieb fast jedes Café einen Netzzugang für jedermann, den man mit dem eigenen Gerät nach Belieben nutzen konnte. Für Klaus kam das nicht infrage. Er brauchte einen absolut anonymen Zugang über ein Fremdgerät, dessen Benutzung er mit vielen anderen anonym teilte.

Klaus hatte einen alten Studienfreund eingeladen zu einer ausgedehnten Wanderung in der Umgebung. Seit Jahren hatte er ihn nicht mehr gesehen. Konrad hatte einen Lehrstuhl für Teilchenphysik in Münster inne und reiste am Morgen von dort aus an. Klaus mochte ihn, obwohl er meist von sich selbst erzählte, von seiner Forschung, seiner Lehrtätigkeit, während er von allem anderen um sich herum anscheinend kaum Notiz nahm. Er war nur kurz einmal verheiratet gewesen mit einer ehemaligen Doktorandin und nun schon lange wieder ledig. Klaus hatte ihn früher schon auf sein Modell angesprochen in der Hoffnung, er würde es einmal untersuchen und seine professionelle Meinung dazu abgeben. Aber er hatte geäußert, das sei zu weit weg von seinem Spezialgebiet und er habe von Stochastik keine Ahnung. Klaus hatte das akzeptiert, hatte sich aber für längere Zeit enttäuscht von ihm zurückgezogen. So unterhielten sie sich während der Wanderung über andere Themen. Insgeheim hoffte Klaus dabei, dass er von sich aus noch einmal auf sein damaliges Anliegen zurückkommen würde. Martha war zu Hause geblieben unter dem Vorwand, ein Abendessen vorbereiten zu wollen.

Wie früher schon bei anderen Gelegenheiten sprudelte Konrad geradezu über in seinem Mitteilungsbedürfnis. „Du erinnerst dich vielleicht noch an das Thema meiner Promotion.“ Klaus musste insgeheim passen. Das war schon Jahrzehnte her. Aber er hatte das Werk sicher noch irgendwo im Regal stehen. „Meine Arbeit von damals ist immer noch aktuell und gerade erst hat mich der Editor des International Journal of Modern Physics angesprochen. Ich veröffentliche jetzt gerade einen Artikel darin mit einer Erweiterung meines damaligen Modells.“ Er ließ sich ausgiebig über dessen Inhalt aus. Klaus wusste ungefähr, worum es sich dabei handelte, ohne aber die Details auch nur ansatzweise zu verstehen. Dann erzählte Konrad von seiner Wahl zum Editor eines anderen, international angesehenen Journals, von Promotionsthemen, die er gerade betreute und Studenten, die er für zu gering qualifiziert hielt, was er detailreich begründete. Im Übrigen schien sein ehemaliger Kommilitone ziemlich frustriert zu sein über die Rahmenbedingungen seiner Forschung. „Es ist manchmal nicht zu fassen, was heutzutage veröffentlicht wird. Auf die Ergebnisse solcher Machwerke kann ich mich schon lange nicht mehr verlassen. Viele der Versuche sind tatsächlich nicht reproduzierbar und damit fast wertlos. Ich muss immer öfter bezweifeln, dass die dort dokumentieren Ergebnisse tatsächlich erzielt wurden. Eigentlich muss ich jedes Paper, dessen Autoren ich nicht persönlich kenne und schätze, eigenhändig prüfen anhand eigener Experimente oder anderer Veröffentlichungen. Das macht eine Menge unnötige Arbeit. Leider schreckt heute kaum noch ein karrierebewusster Wissenschaftler vor Manipulationen zurück, um bestimmte Erwartungen zu erfüllen. Deshalb sinkt die Qualität der Publikationen dramatisch im Vergleich zu früher. Ich selbst habe schon junge Wissenschaftler betreut, die glaubten, unliebsame Untersuchungsergebnisse mit fadenscheinigen Begründungen einfach unterschlagen zu können. Es gibt durchaus Kollegen, ohne dass ich da Namen nennen will, die so etwas durchgehen lassen. Aber leider muss auch ich mich an die Gegebenheiten anpassen. Auf Qualität zu setzen, wird leider nicht belohnt. Ich muss vor allem meine Quoten erfüllen, Publikationen herausbringen, Studenten und Doktoranden zum Abschluss führen – egal wie. Sonst streichen die irgendwann meinen Lehrstuhl. Du kannst dir vorstellen, was dabei herauskommt: Nur noch banale, vorhersehbare Arbeiten, die gerade so noch gewisse Erwartungen erfüllen und die es sich nicht lohnt zu lesen. Es grenzt an ein Wunder, dass die Grundlagenforschung heutzutage überhaupt noch brauchbare Ergebnisse liefert.“

Klaus hörte geduldig zu, während er auf Wegweiser achtete, um sich nicht zu verlaufen. Schließlich wollte er vor dem Dunkelwerden unbedingt wieder zu Hause sein, besser noch vor dem Abendessen. Er fand in dem, was er jetzt hörte, viele seiner Vorurteile bestätigt, die er sich aus der Ferne gebildet hatte. Wie sollten unter solchen Voraussetzungen überhaupt noch bahnbrechende und wirklich innovative Ideen sich durchsetzen können? Er dachte an Higgs-Bosonen, dunkle Materie und dunkle Energie, die er für Schimären hielt, für Artefakte einer unvollständigen Theorie. „Wie geht es eigentlich eurem Higgs-Boson?“ fragte er halb spöttisch. Der Unterton entging Konrad. „Habt ihr das damals eigentlich gefunden oder nicht? Ich habe nach der ersten Entdeckung lange nichts mehr in der Presse davon gehört.“ „Das ist nicht genau mein Spezialgebiet. Aber soviel ich davon weiß, ist es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit tatsächlich gefunden worden. Das ist ja nichts, was man anfassen, in ein Reagenzglas sperren und vorzeigen kann. Elementarteilchen zeigen sich durch bestimmte Energiespektren, die du erst nach sorgfältiger Filterung und Aufbereitung riesiger Messdatenbestände findest. Meistens ist es eine Ausschlussdiagnose: Wenn keines der bekannten Teilchen zu einem gefundenen Spektrum passt, dann muss es sich offenbar um ein noch unbekanntes handeln, das die Muster hervorbringt. Und das ist wohl gelungen. Das es sich tatsächlich um ein Higgs handelt, schließt man daraus, das sein Energiespektrum den Vorhersagen entspricht. Aber das ist doch schon lange bekannt und geklärt.“ Konrad war offenbar überzeugt davon, dass dieses Problem längst gelöst war. Klaus wagte noch einen Einwand: „Soweit ich mich erinnere, wurde die Energie doch seit der Formulierung der Theorie durch Peter Higgs in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts mehrfach drastisch um viele Größenordnungen korrigiert. Woher wusste man denn so genau, welche der verschiedenen Niveaus dann tatsächlich das richtige war? Da war doch wohl eine gewisse Beliebigkeit im Spiel.“ Konrad sah ihn verständnislos an und wechselte übergangslos wieder in sein Spezialgebiet. Klaus dachte, dass die wirklich schwierigen Probleme anscheinend immer per Dekret als geklärt oder als nicht existent bestimmt wurden. Mit ihm eine Grundsatzdiskussion über die tiefsten Grundlagen der Physik anzuzetteln, erschien Klaus im Augenblick wenig erstrebenswert. Offenbar verfügte kein Mensch heutzutage mehr über die eigenständige Genialität, die notwendig war, um die Grundfesten der seit einem Jahrhundert schon ausgetretenen Pfade in Frage zu stellen und neu zu formulieren. Ein Einstein oder Heisenberg war heutzutage schlicht nicht mehr möglich. Konrad war zweifellos brillant auf seinem Gebiet, das wusste er, aber auch irgendwie festgefahren in seiner Art zu denken. Er erinnerte sich an ein Zitat, das Albert Einstein zugeschrieben wurde. Er hatte es notiert, in einer großen, geschwungenen Schrift abgedruckt, gerahmt und im Arbeitszimmer an die Wand gehängt. Danach sollte er 1933 einmal gesagt haben:

„Als ich einige Wochen allein auf dem Lande lebte, bemerkte ich, wie stimulierend ein ruhiges und eintöniges Leben auf die Kreativität wirkt. Selbst in der modernen Gesellschaft gibt es Tätigkeiten, die das Alleinsein voraussetzen und keine großen physischen oder geistigen Anstrengungen erfordern. Man kann dabei an Tätigkeiten wie den Dienst auf Leuchttürmen und Leuchtschiffen denken. Könnte man für solche Tätigkeiten nicht junge Leute anstellen, die über wissenschaftliche Probleme, vor allem mathematischer und philosophischer Art, nachdenken wollen? ... Selbst wenn ein junger Mensch das Glück hat, für eine bestimmte Zeit über ein Stipendium zu verfügen, steht er unter dem Druck, so schnell wie möglich klare Ergebnisse vorlegen zu müssen. In der Grundlagenforschung kann dieser Druck nur Schaden stiften. Der junge Wissenschaftler, der in einen praktischen Beruf eintritt, der ihm das Auskommen sichert, ist demgegenüber in einer viel besseren Lage. Vorausgesetzt natürlich, dass der Beruf ihm genügend Zeit und Energie für die Forschung lässt.“

Offenbar war dieser berühmte Wissenschaftler überzeugt gewesen, dass Ruhe und monotone Arbeiten, die den Lebensunterhalt sichern, die freie Kreativität enorm befördern. Den ständigen Druck, Ergebnisse veröffentlichen zu müssen, empfand er schon damals als kontraproduktiv. In der Tat hatte Einstein seine ersten bahnbrechenden Ideen während der eintönigen Tätigkeit im Berner Patentamt entwickelt. Die Probleme in der Grundlagenforschung waren also im Prinzip nicht neu, hatten sich aber über die Zeit noch deutlich verschärft.

An einen sonnigen Wochenende musste er Martha nicht lange zu einem Trip an die Küste überreden. Die Fahrt mit dem Auto dauerte nur etwa drei Stunden. Nachdem sie die Berge und Hügel der Ardennen hinter sich gelassen hatten, fuhren sie durch dicht besiedeltes, vollkommen flaches Land. Ansiedlungen, Gehöfte, Waldstücke, Wiesen mit Kühen flogen an ihnen vorbei. Hier und da zerstörte ein Windpark das ansonsten harmonische Landschaftsbild. „Schon wieder diese Riesenspargel!“ entfuhr es Martha, „Monsterventilatoren!“ brummte Klaus. Viele der Anlagen waren inzwischen abgeschaltet worden, weil Reparaturen nicht mehr finanzierbar oder Subventionen ausgelaufen waren. Manchmal lohnte sich nicht einmal mehr der Betrieb, obwohl die Turbinen vermutlich durchaus noch funktionsfähig waren. Ihr eigentliches Ziel, die Schonung natürlicher Ressourcen, hatten die Anlagen ohnehin nie erreicht und jetzt war nicht einmal der Rückbau der stählernen Monster noch bezahlbar. Nach zweieinhalb Stunden Fahrt zeigten schließlich Schwärme von Möwen über und auf den Poldern die Nähe der Küste an.

Zuerst ging es an den Strand, der um die Jahreszeit wieder recht leer war. Die Wassertemperaturen waren noch ganz in Ordnung für die Nordsee, trotzdem lud die schon recht kühle Witterung nur noch die Abgehärteten zum Baden ein. Beide schlugen die Hosenbeine zurück, zogen Schuhe und Strümpfe aus und wateten eine Weile an der Wasserlinie entlang. Am frühen Nachmittag nahmen sie einen Imbiss zu sich und spazierten durch den Ort. Klaus fiel sofort eine lebensgroße Statue auf, die an einer kleinen Grünfläche auf einer Bank saß. Im Näherkommen erkannte er die Person sofort als bronzenes Abbild des Physikers Albert Einstein. Eine Tafel davor erläuterte den Zusammenhang. Der weltberühmte Wissenschaftler hatte wohl bei der Rückkehr aus den USA hier haltgemacht. Freunde hatten ihn davor gewarnt, nach Berlin weiterzureisen und so war er nach wenigen Wochen wieder zurück über den Atlantik gefahren. „Setz dich doch mal daneben.“ bat Martha. „Sei nicht albern. Das ist doch Kinderkram.“ Sie blieb dabei. Er posierte neben der Figur und ließ Martha ein Foto machen.

Danach stattete er dem Internetcafé einen kurzen Besuch ab, in Erinnerung an alte Zeiten, wie er Martha versicherte. Eigentlich war es eher eine Kneipe. Nur auf dem alten Schild über dem Eingang stand noch, wie aus einer anderen Welt, in abblätternden roten Buchstaben „INTERNET CAFE / NIGHTSHOP“. Wer dabei an Kaffee und Kuchen zu nächtlicher Stunde dachte, war tatsächlich hier völlig falsch. Aber das tat natürlich nichts zur Sache. Tatsächlich fand er in einer Ecke noch ein uraltes Stück Hardware aus Monitor und Tastatur, das offenbar nur sehr selten noch betrieben wurde. Er bestellte für Martha und sich ein Bier. „Twee grote bieren alstublieft“ und fragte dann auf Deutsch, wie er das Gerät benutzen könne. Einfach davor setzen und einschalten, meinte die Dame an der Theke in gebrochenem Deutsch mit starkem Niederländischem Akzent. „Was hast du denn vor?“ fragte Martha misstrauisch. „Einfach nur so.“ lautete die unbefriedigende Antwort. Schnell war Klaus tatsächlich im Netz unterwegs. Er wählte die Adresse eines bekannten Anonymisierungsnetzwerks und erreicht sofort den betreffenden Proxy, der etwaige Recherchen verschleiern würde, so dass sie nicht einmal in dieses Café zurück zu verfolgen wären. Der vorhandene Einschubschacht für Speicherkarten war nach Auskunft der Bedienung abgeschaltet und durfte nicht benutzt werden. Klaus wusste, wie dieses Abschalten früher realisiert wurde. Nur selten wurde der Schacht elektrisch außer Funktion gesetzt, war also im Prinzip durchaus brauchbar. Klaus prüfte seine Berechtigung und stellte verblüfft fest, dass offenbar jeder Gelegenheitsbenutzer uneingeschränkte Administratorrechte genoss. Die Meisten würden mit dieser Erkenntnis allerdings wohl nichts anfangen können. „Was machst du da? Hör jetzt auf damit!“ raunte Martha, die Unannehmlichkeiten befürchtete. „Lass mich doch noch ein bisschen spielen.“ Klaus rief eine Liste der versteckt ablaufenden Dienste im System auf und fand seinen Verdacht bestätigt. Lediglich derjenige für die Kartenfunktion war gestoppt worden. „Willst du mich veralbern? Nach Spielen sieht das nicht aus.“ Martha schwante Schlimmeres. Eine Aktivierung gelang auf Anhieb und erweckte den Einschubschacht zu neuem Leben. Damit wusste Klaus genug. Er stellte routiniert den Ausgangszustand wieder her und hoffte, dass das Gerät hier noch eine Weile vorgehalten würde. Sobald er hier Stammkunde war, hielt er das zumindest für sicher gestellt.

Sobald er wieder zu Hause war, entwickelte er seinen Plan, von dem er seine Frau noch überzeugen musste. Er würde sich in dem Küstenort in einer einfachen Frühstückspension außerhalb der Hauptsaison einmieten. Das war durchaus günstig zu machen und Ausweise wurden nicht verlangt. Von hier aus würde er täglich dieses Internetcafé aufsuchen, Getränke und Snacks bestellen und währenddessen scheinbar aus Langeweile im Netz zu surfen, um seine viel zu langen Tage mit irgendeiner Beschäftigung zu überstehen. Er würde sicherlich als älterer, einsamer und ein wenig wirrer Deutscher nach kurzer Zeit keine besondere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Dazu würde er sich noch nachlässiger kleiden, als er das ohnehin manchmal tat. Alles, was im Netz vorzubereiten war, würde er von hier aus in die Wege leiten. Keine Spur würde zu ihm oder zu ihm nach Hause führen. Müsste er sich doch einmal ausweisen, so bliebe er immer noch der unauffällig einsame Mann, der nur die gesunde Luft am Meer suchte gegen seine chronische Bronchitis, dazu etwas Abwechslung und ein wenig Geselligkeit. Klaus machte eine ehrliche Bilanz auf und stellte Chancen und Risiken offen gegeneinander, ohne irgendetwas zu verschleiern. Das Risiko, erwischt zu werden, war um Größenordnungen geringer als bei seinem ersten leichtsinnigen Experiment. Und würde er dennoch auffliegen, käme vermutlich nur eine Geldstrafe dabei heraus, zumal von einem echten Schaden kaum die Rede sein konnte. Er hatte schließlich nicht vor, Konten zu plündern oder sich sonst zu bereichern. Er würde sogar notfalls seine Absicht frei heraus äußern können und wäre dann vielleicht für kurze Zeit ein Fall für den Psychiater. Altersirrsinn war schließlich nicht strafbar. Das Schlimmste an einer Entdeckung war für ihn, dass er in diesem Fall seine Experimente nicht mehr fortsetzen konnte und niemals Gewissheit haben würde darüber, ob sein Modell wirklich in der Lage war, eine echte Intelligenz zu erschaffen.

„Ich wusste doch, dass da was im Busch ist. Und ich war so naiv anzunehmen, du wolltest ohne Hintergedanken nur einige Urlaubstage mit mir verbringen. Ich bin sauer auf dich.“ „Der Zweck heiligt die Mittel.“ erwiderte Klaus. „Wir hatten doch schon einmal über Ideen gesprochen, wie man die Welt verbessern könnte. Die hat es ja nun noch dringender nötig als früher. Und jetzt wüsste ich einen Weg, wie so etwas gehen könnte.“ Martha und er diskutierten einige Abende lang über Für und Wieder des Plans. Schließlich willigte sie widerstrebend ein. Die Risiken schienen ihr tatsächlich begrenzt, zumal Klaus ihr versicherte, dass diesmal keine Spur zu ihnen nach Hause führen würde und persönliche Freunde seien schließlich in keiner Weise betroffen. Sie kannte ihren Mann und wusste, dass er keine wirkliche Ruhe geben würde. Klaus legte den Start seines Projektes auf den ersten September des folgenden Jahres fest. Bis dahin glaubte er genug Zeit für weitere Vorbereitungen zu haben.

Zunächst einmal musste er seine Geheimhaltungsstrategie einigen Tests unterziehen. Das war risikofrei, wenn er damit im eigenen Netzwerk bei sich zu Hause blieb. Unter genauester Beachtung seiner Prinzipien fälschte er eine Seite, die seine Frau oft besuchte, so dass sie bei einem erneuten Aufruf auf seinem Rechner landen würde. In diesem Fall würde ein Trojaner ihren Computer mit seinen Programmen infizieren. Nach wenigen Tagen war es soweit. Seine Frau bemerkte nichts von alledem. Er simulierte nun all das, was er in dem beabsichtigen Feldtest genauso durchführen wollte. Danach zog er von jedem beteiligten System alle denkbaren Protokolle, die er sorgfältig studierte. Er versetzte sich dazu in die Rolle eines Ermittlers, der alles daransetzte, den Urheber eines Angriffs auf zu decken. Tatsächlich fand er keinerlei verwertbare Spuren. Die gefälschte Seite war scheinbar von Taiwan aus ins Netz gestellt worden, die Überwachung danach aus einem Ort in der Nähe von Moskau erfolgt. Auch sonstige Metadaten, die trotz rigider Sicherheitsmaßnahmen manchmal böse Überraschungen boten, enthielten keinerlei Hinweise auf einen Urheber. Dieses Kapitel konnte er damit abschließen.

Zu den weiteren Vorbereitungen gehörte eine gründliche Überarbeitung seiner Programme. Sie mussten einfach schneller und schlanker werden. Die vielen Jahre der Entwicklung hatten noch zu viele Schnörkel, toten Code und unnötige Umwege hinterlassen. Das ganze System war niemals von vorne bis hinten durchgeplant gewesen. Es war wild gewachsen, manchmal ziellos, manchmal mit wechselnden Zielen. So etwas hinterließ Spuren, Ballast, den er loswerden musste. Auch die Methode zur Verschleierung seiner Bots wollte er einer gründlichen Prüfung unterziehen. Die Checkliste war lang und er würde viele Wochen brauchen, um sie abzuarbeiten.

Die Verschleierungsstrategie war eine besondere Sache. Die Bots kamen eigentlich mit sehr wenig aktivem Code aus. Da dieser aber für alle nahezu identisch war, würde sein Muster ein leichtes Angriffsziel für Virenscanner darstellen. Deshalb hatte er von Anfang an, neben einer teilweisen Verschlüsselung, unnützen Ballast in die binären Abbilder eingestreut. Wenn man verhindern wollte, dass die Nadel gefunden wurde, musste halt der Heuhaufen her. Nun optimierte er diese Methode weiter, indem er bestimmte Symmetrien in ansonsten zufällig aussehenden Mustern nutzte, um die aktiven Teile zu kennzeichnen. Besser konnte man die Nadel nicht verstecken. Jetzt sah sie auf den ersten Blick nicht einmal mehr wie eine solche aus, selbst wenn jemand sie gefunden hätte. Der Datenmüll verlangsamte die Laufzeiten nur sehr wenig. Aber die Größe der Bots wurde damit vervielfacht. Bei der Masse war das sicher ein Problem, dass er aber nicht umgehen konnte. Und in Zukunft würde Speicher sicher immer größer und billiger, so dass dieser Nachteil sich irgendwann von selbst in Luft auflösen würde.

Die erneuten Tests bestätigten den Erfolg. Die Laufzeiten seiner Module waren insgesamt um durchschnittlich vierzig Prozent schneller geworden und kamen mit fünfundzwanzig Prozent weniger Code-Zeilen aus. Das war mehr als er erwartet hatte. Die aufwändige Aktion hatte sich also gelohnt. Schließlich fiel ihm ein, dass er sicherheitshalber die Statistiken noch einmal prüfen sollte. Diese Probeläufe beschäftigten seine Systeme über mehrere Tage und produzierten einige hundert Millionen Datensätze, deren Auswertung die Prozessoren abermals fast zur Rotglut trieb. Das Ergebnis machte ihn fassungslos. Es gab offenbar systematische Abweichungen, die nicht hinnehmbar waren. Was zum Teufel war jetzt wieder los? Er hatte die Prozesse doch in keiner Weise verändert! Sein System konnte doch nicht derart unberechenbar sein.

Diesmal jedoch erinnerte er sich schnell an die Ursache, die er schon einmal aufgedeckt hatte. Er musste die Architektur noch einmal ändern und ein besonderes Objekt einführen, dass sich ausschließlich um die Produktion von Zufällen kümmerte. Er hatte bei allen Laufzeitoptimierungen wieder übersehen, dass die Zufallszahlengeneratoren der Computer zwar sehr schnell arbeiteten, dabei aber eben nur scheinbar zufällige, tatsächlich aber berechenbare Ereignisse produzierten. Im Eifer des Gefechts hatte er die früheren Änderungen zu großen Teilen versehentlich wieder rückgängig gemacht. Zu guter Letzt blieben so von vierzig Prozent immerhin etwa dreißig Prozent Laufzeitverbesserung übrig – immer noch ein beachtlicher Erfolg.

Die Motive, die Klaus antrieben, blieben unklar. Zu Anfang war es sicher Neugierde. Er wollte einfach wissen, wie die Welt funktionierte und ob seine Theorie dazu der Wirklichkeit standhielt. Nachdem er wusste, dass sein Modell im Prinzip funktionierte, hätten er eine Veröffentlichung versuchen können. Aber danach war ihm überhaupt nicht zumute. Was ging denn andere seine private Forschung an? Außerdem scheute er den offenen Disput. Ohnehin wäre er mit seinen Ansichten vermutlich einfach ignoriert worden. Schließlich hatte er keinerlei wissenschaftlichen Ruf. Unwahrscheinlicher war, dass er von dem einen oder anderen ernst genommen würde. Was konnte das bringen? Vermutlich würde in diesem Fall jemand seine Ideen aufnehmen, ein wenig verändern und als seine eigenen ausgeben. Er wäre wohl machtlos dagegen. Klaus hatte einfach keine gute Meinung von seinen Mitmenschen. Trotzdem hätte er einfach sein Projekt beenden können, nachdem er sicher wahr, dass sein Modell funktionierte und die Antworten liefern konnte, die er suchte. Weshalb machte er weiter, ging er Risiken ein? Es war wohl das unbestimmte Gefühl, etwas verändern zu wollen und die Mittel dazu zu besitzen. Dazu hatte er vermutlich nicht mehr viel Zeit, zehn Jahre vielleicht, allerhöchstens fünfzehn, wenn er gesund blieb. Die wollte er nicht mit einem Kampf gegen Windmühlen verschwenden, sondern Fakten schaffen. Außerdem hatte sein Projekt eine schwer zu erklärende Eigendynamik entwickelt, die ihn unwiderstehlich mitriss. Je nach dem Verlauf des jetzt geplanten Versuchs bot sich vielleicht doch die Gelegenheit für einen Paukenschlag, mit dem er seine Ideen öffentlich machen konnte, nicht in wissenschaftlichen Blättern, sondern in den Massenmedien. Nur dann stände seine Autorenschaft unzweifelhaft fest und die Wissenschaft wäre genötigt, sich mit seinen Ideen zu beschäftigen.

Aber es schwang immer auch die vage Vorstellung mit, einmal die Welt verbessern zu können. Das derzeitige System war aus seiner Sicht nicht in Ordnung. Es war dabei, an seinen eigenen Widersprüchen zu ersticken, wie jede ideologisch dominierte Ordnung. Nur war dieser Sachverhalt weit weniger offensichtlich, als während der faschistischen oder sozialistischen Zeit. Ökologismus war schließlich vordergründig etwas sehr Vernünftiges: die Schonung der Ressourcen leuchtete jedem als alternativloses Ziel ein. Aber Klaus glaubte, es würden die falschen Schlussfolgerungen gezogen. Statt offen die Überbevölkerung als Hauptübel anzuprangern, wurde der Eindruck erweckt, nur durch Selbstbeschränkung, Regulierung der Lebensgewohnheiten und totale Kontrolle dem Ziel näherzukommen. Ihm war vollkommen unverständlich, dass andererseits jede echte Problematisierung von zehn oder zwanzig Milliarden Menschen auf dem Planeten einem Denkverbot unterlag. Niemand wagte es, öffentlich wirksame Maßnahmen zur Bevölkerungsregulierung zu fordern. Diese verlogene Diskussion konnte nicht aufgehen und immer mehr Menschen spürten die Widersprüche. Trotzdem war Klaus durchaus bewusst, dass seine kompromisslose Einstellung zu den bestehenden Verhältnissen keinesfalls mehrheitsfähig war bei seinen Mitmenschen und so behielt er seine Meinung meist für sich.

Im Übrigen gab es immer noch viele offene Fragen, die er aus seinem Modell heraus nicht beantworten konnte. Eine davon betraf das Zustandekommen einer Realität. Wie würde seine Schöpfung die eigene Entwicklung wahrnehmen, während die Zufallsprozesse beständig abliefen? Er hatte sich vorgestellt, dass ein ganzes Universum im Innern entstehen würde. Nur wie sah das aus? Konnte man es als dreidimensionale Welt verstehen, so wie das reale Universum außerhalb? Dieselbe Frage stellten sich Physiker schon sein hundert Jahren, wie denn aus den Gesetzen der Quantenmechanik – und nichts anderes simulierte ja sein Modell – die erlebbare Realität in drei Dimensionen entstand. Unzählige hochfliegende Ideen dazu hatten bislang kein belastbares Ergebnis gebracht. Und hier war auch Klaus bis jetzt gescheitert. Möglicherweise war Realität etwas, dass nicht mathematisch zwangsläufig in einer bestimmten Art entstand. Möglicherweise war Realität in weitem Rahmen beliebig gestaltbar. Vielleicht musste sie nur zweckmäßig sein, um Wahrnehmungen effizient zu vereinfachen und zu ordnen, Entwicklungen vorherzusagen und schnelle Entscheidungen treffen zu können. Einige wenige Physiker hatten diese Möglichkeit in Betracht gezogen mit interessantem Ergebnis. Danach war die Dreidimensionalität zwingende Voraussetzung für die Stabilität der Materie, der Umlaufbahnen der Gestirne, die gleichzeitig genügend viele Freiheitsgrade der Darstellung garantierte. Eine solche Realität war danach einfach praktisch. Sie war der Grat zwischen ausufernder Komplexität auf der einen Seite und allzu schlichter Gesetzmäßigkeit auf der anderen. In diesem Fall war es einfach unmöglich, die Welt seiner Schöpfung zu berechnen. Irgendwie konnte Klaus sich mit dieser Diagnose nicht abfinden. Sein Experiment würde vielleicht Aufschluss darüber bringen.

Für den Sommer buchte er mit Martha ein Ferienhaus in dem Küstenort. Diesmal war sie eingeweiht in die versteckte Agenda. Sie hatte nun endgültig ihre berufliche Laufbahn beenden müssen und war auch deshalb dankbar für die Ablenkung. Sie beabsichtigten, die nächsten drei Wochen mit Strandspaziergängen, Baden im Meer und dem Besuch der vielen wunderschönen flämischen Städte und Ortschaften zuzubringen. Für das erste Wochenende hatte ihr Sohn sich mit seiner Familie angekündigt. Sie freuten sich schon darauf, mit den Enkeln am Strand Burgen zu bauen, Staudämme und Kanäle. Dafür waren sie sicher noch nicht zu alt, obwohl die Älteste demnächst schon ein Gymnasium besuchen würde. Während des Aufenthalts suchte Klaus nach geeigneten Quartieren für die Nach- und Nebensaison. Ein Mietvertrag für eine kleine Ferienwohnung im Erdgeschoss mit separatem Eingang war schnell per Handschlag geschlossen. Die Vermieterin, die den Rest des Hauses alleine bewohnte, wünschte Barzahlung bei Schlüsselübergabe und hatte offenbar nicht die Absicht, den Vorgang steuerpflichtig anzumelden. Klaus konnte das nur recht sein.

Danach waren noch einige Dinge vorzubereiten, zu denen auch ein Niederländischer Sprachkurs gehörte. Er wählte ein Portal aus, in dem Nutzer ihre Fotografien hochladen und mit anderen teilen konnten. Dort würde er später ein Album anlegen unter einem abstrusen, höchst uninteressant erscheinenden Thema, in das vermutlich niemand anderes etwas hochladen würde. Er dachte dabei an so etwas wie „Die Fruchtfliege im Wandel der Zeit“ oder „Urlaubsfotos223412“. Martha würde dann über diesen Weg mit ihm kommunizieren, indem sie die verschlüsselte Nachricht in einem Bild versteckte. Klaus hatte ein entsprechendes Programm schon lange vorbereitet und übergab es Martha auf einer Speicherkarte, die auch eine Bedienungsanleitung und die notwendigen Schlüssel enthielt. Die Handhabung war denkbar einfach. Martha musste einfach dieses Programm direkt von der Karte starten, in das sich öffnende Fenster ihren Text eingeben, ein Foto auswählen und darüber ziehen und dann das Senden per Taste auslösen. Verschlüsselung und Einbettung in das ausgewählte Bild gingen im Hintergrund automatisch vonstatten, genauso wie das Hochladen in das festgelegte Album. Umgekehrt funktionierte es ähnlich einfach: Sie hatte nur das aktuellste Bild aus dem Album über das Programm aufzurufen. Die Nachricht würde dann automatisch extrahiert, dechiffriert und angezeigt. Selbstverständlich sollten auch die auf diesem Wege ausgetauschten Bilder keine Rückschlüsse auf die Urheber erlauben. Dazu wurde vereinbart, auf ein öffentlich zugängliches Bildarchiv zurückzugreifen, das die freie Verbreitung seiner Inhalte ausdrücklich erlaubte. Der ganze Austausch zwischen Martha, beziehungsweise Klaus und dem Portal würde für einen Beobachter im Netz völlig unverdächtig erscheinen. Klaus hatte eine entsprechend vorbereitete Speicherkarte im Gepäck mit den umgekehrt passenden Schlüsseln. Solange die Karten nicht zusammen mit dem Passwort in unbefugte Hände gelangten, sollte das Verfahren absolut sicher sein.

Im September fuhr Klaus alleine mit einigem Gepäck per Bahn an die Küste. Die ältere Dame freute sich sichtlich über sein Kommen, händigte ihm schließlich unter vielen Hinweisen und ausschweifenden Ratschlägen den Wohnungsschlüssel aus. Sie sprach ziemlich gut Deutsch, war nur wenig älter als Klaus und meinte es gut mit ihm, auch weil er bar zahlte und im Voraus.

Die Wohnung bestand aus zwei Zimmern, einer kleinen Einbauküche mit Geschirrspüler, Backofen, großem Kühlschrank, sowie separatem Bad mit Wanne. Auch ein altes Fahrrad stellte seine Vermieterin ihm zur Verfügung, bei Bedarf sogar mit einem Anhänger für größere Einkäufe, wie sie meinte. Nachdem er ausgepackt hatte, drehte er noch eine Runde zu Fuß durch den idyllischen Ort, wobei er das eine oder andere Essbare besorgte, mit dem er den Kühlschrank für die nächsten Tage zu füllen gedachte. An diesem Abend ging er früh zu Bett, dachte noch einmal über sein Projekt nach und plante in Gedanken die nächsten Tage.

Nach dem Frühstück brach Klaus zu einem ausgedehnten Strandspaziergang auf. Der Nebel begann sich gerade zu heben und die Sonne schimmerte als matt leuchtende Scheibe über den Dünen. Klaus teilte sich die bezaubernde Stimmung mit nur wenigen anderen Spaziergängern. Erst gegen Mittag kam er zurück in den Ort, suchte eine der typischen Frittenbuden auf und schlenderte dann in Richtung des Internetcafés. Dort bestellte er radebrechend eines der landesüblichen Biere und versuchte sich im Lesen einer lokalen Zeitung, was recht gut funktionierte trotz der fremden Sprache und schwierigen Schreibweisen. Als einziger Ausländer unter lauter einheimischen Gästen zog er manche Blicke auf sich. Möglicherweise fühlten sich einige durch die Anwesenheit eines Fremden gestört. Das musste sich noch ändern, dachte er. Die Bedienung hinter einer Theke stellte die eine oder andere interessierte Frage zunächst auf Deutsch, bis Klaus ihr versicherte, er würde lieber etwas Niederländisch lernen und sie solle ruhig in ihrer Sprache reden. Schließlich sei er Gast hier und Gäste sollten sich anpassen. Außerdem bedeutete er ihr, dass er die Niederländische Sprache sehr gerne höre. Offenbar hatte Klaus den richtigen Ton getroffen. Dieser Deutsche erschien der jungen Frau hinter der Theke doch nicht so unsympathisch. Die meisten seiner Landsleute traten hier oft allzu selbstsicher, manchmal überheblich belehrend auf – geborene Besserwisser eben. Und Deutsche erwarteten wie selbstverständlich, dass jeder Einheimische Deutsch sprach. Die Frau konnte sich dann ihrerseits eine Belehrung nicht verkneifen, indem sie bemerkte, dass er Niederländisch wohl eher im Nachbarland lernen könne. Hier würde „de Vlaamse taal“ gesprochen, also Flämisch. Klaus war bisher entgangen, dass es da einen Unterschied geben könne. Auf Nachfrage erklärte sie ihm, sowohl Dialekt als auch Mentalität wären sehr verschieden. Sie brachte letzteres auf einen Punkt mit der Feststellung, die da drüben verstünden keinen Spaß. Und wenn man über Nachbarn schimpfte, kamen die Deutschen sogar erst auf Platz drei hinter den Wallonen im eigenen Land. Eigentlich waren sie ja gern gesehene Gäste, die Geld und Wohlstand an die ansonsten arme Küste brachten.

Klaus blieb an diesem Nachmittag einigen Stunden in dem Lokal, in denen er auf fachmännischen Rat hin einige der lokalen Biersorten durchprobierte. Dabei ließ er seine Blicke immer wieder durch die Räumlichkeiten schweifen und stellte sich vor, wie er hier unauffällig arbeiten konnte. Der alte Monitor mit Tastatur stand noch immer in einer Ecke und wurde die ganze Zeit über nur von einem Jungen im Teenager-Alter einmal kurz genutzt. Der nächste Tag verlief ähnlich, nur dass Klaus einmal fragte, ob der Monitor in der Ecke noch funktioniere und er damit im Internet surfen könne. Beides wurde bejaht. Klaus erzählte noch über sich, seine Bronchitis und sein Bedürfnis nach Erholung. Deshalb sei er für einige Monate an die Küste gereist. Am dritten Tag beachtete ihn von den anwesenden Stammgästen niemand mehr. Seine gezielt mit der Bedienung ausgetauschten Informationen hatten sich weit genug herumgesprochen. Alle glaubten zu wissen, mit wem sie es hier zu tun hatten und akzeptierten seine Anwesenheit, die jetzt eher als angenehme Abwechslung denn als Störung empfunden wurde. Gelegentlich sprach ihn einer der Gäste auf flämisch an und freute sich über jede noch so schlecht formulierte Antwort. Klaus lernte schnell einfach durch Nachahmung.

Nach dieser Phase des gegenseitigen Beschnupperns fand Klaus die notwendige Ruhe für seine eigentliche Aufgabe. Der Monitor war noch ganz gut in Schuss. Sicher würde nicht alles funktionieren, was mit modernen Geräten möglich war, aber es würde wohl genügen. Der Bildschirm war aus dem Gastraum nicht einzusehen. Trotzdem musste er damit rechnen, dass überraschend jemand hinter ihn trat, um ihn beispielsweise zu einem Bier einzuladen. So etwas konnte sicher vorkommen. Um neugierige Beobachter abzulenken, rief er zunächst die Seite eines bekannten Erotik-Magazins formatfüllend auf den Bildschirm. Erfahrungsgemäß würden solche Bilder neugierige Blicke auf sich ziehen und seine eigentliche Arbeit vollständig überlagern. Das breite Grinsen auf dem Gesicht der Bedienung in den nächsten Tagen bestätigte ihm, dass seine Strategie aufging. Und Klaus kam gut voran. Nach Abschluss der Vorbereitungen schickte er Martha eine Nachricht, versteckt in einem wunderschönen Sonnenuntergang über dem Meer. Die Antwort kam kaum 12 Stunden später, eingebettet in eine atemberaubende Nebellandschaft über Hügeln. Das jedenfalls funktionierte schon mal. Bei der anderen Sache musste er erst einmal abwarten und beobachten. Er hatte mehrere Downloadseiten beliebter kostenloser Programme gefälscht und mit seinem Trojaner infiziert. Dazu nutzte er eine seiner virtuellen Identitäten, die er früher schon anonym angelegt und noch nie benutzt hatte. Die Wirkung würde sich erst über mehrere Wochen entfalten. Währenddessen überwachte er täglich das Netz mit selbstgeschriebenen Spionageprogrammen nach den Spuren seiner Bots. Im Lokal schöpfte niemand einen Verdacht, er könne etwas anderes tun, als in Magazinen zu blättern, selbst wenn er hochkonzentriert vor seinem Monitor saß und die Welt um sich herum vergaß. Klaus war völlig egal, was man von ihm dachte.

Es waren einige erholsame Wochen. Gesundheitlich ging es Klaus ausgesprochen gut. Das Seeklima bekam ihm. Regelmäßig telefonierte er mit Martha vom Festnetztelefon seiner Vermieterin. Er hatte beschlossen, dass seine Anwesenheit an der Küste ohne weiteres bekannt sein durfte. Übertriebene Geheimniskrämerei würde eher neugierige Blicke auf sich ziehen. Sein Projekt erwähnte er dabei natürlich nicht und wahrte sorgsam seine Legende für den Fall, dass doch jemand zuhörte. Um Martha fachlich auf dem Laufenden zu halten, nutzte er den sicheren Kanal über die Bilder. Er unternahm lange Spaziergänge, döste bei trockenem Wetter manchmal stundenlang im Sand der Dünen, oder verbrachte ganze Nachmittage bis in den Abend bei regionalen Bieren in einem der noch geöffneten Strandcafés mit wunderschönen Sonnenuntergängen über dem Meer.

Zeitweise suchte er nur noch einmal wöchentlich sein Stammlokal auf, um nach dem Rechten zu sehen. Für eine umfassende Bestandsaufnahme fehlten Klaus die technischen Mittel. Er war auf einzelne Stichproben angewiesen um die Verbreitung seiner Bots hochzurechnen. Um erfolgreich zu sein, müssten grob geschätzt mindestens fünfzig Milliarden dieser unscheinbaren Programmschnipsel in dem ausgewählten Adressraum vorhanden sein. Die schiere Zahl stellte eine echte Herausforderung dar. Klaus erwartete bis zu fünfzigtausend Bots je erfolgreicher Infektion, und bis zu zehn Infektionen je Download von seinen Seiten. Unter optimistischen Annahmen waren also mindestens hunderttausend Downloads von seinen Seiten notwendig, um sein Bot-Netz zu füllen. Zumindest die Downloads konnte er genau verfolgen und zählen. Nach weiteren Wochen waren die Zahlen noch weit unter den für einen Erfolg notwendigen Werten. Auch die Virenscanner hatten glücklicherweise noch nicht reagiert. Ansonsten wäre sein Experiment zu diesem Zeitpunkt gescheitert, bevor es richtig angefangen hatte. Darum musste er sich später noch kümmern. Vermutlich hing es damit zusammen, dass seine Bots nur in einem begrenzten Adressraum im Netz vorhanden waren und dass sie derzeit keinerlei eigene Aktivitäten entfalteten. Damit würden sie wohl kaum als Bedrohung wahrgenommen.

Klaus unterbrach erst einmal seinen Aufenthalt an der Küste. Die Weihnachtszeit wollte er zu Hause verbringen, zusammen mit seiner Familie, Frau, Kindern, Enkeln. Er schloss seine Arbeitsgerätschaften in ein Bankschließfach ein. Sein Experiment würde er einfach für einige Zeit sich selbst überlassen. Mit seiner Vermieterin hatte er verabredet, ab Februar wieder für einige Wochen bei ihr einzuziehen. Klaus war froh, in sein normales Leben zurückzukehren. Vor allem Martha hatte er vermisst. Gegen seine normalen Gewohnheiten genoss er offensichtlich selbst die anstehenden Einkäufe mit ihr in der Stadt. Sonst hatte er sich davor immer gedrückt und dazu Rückenprobleme oder Schmerzen in den Füßen angeführt. Von beidem war jetzt keine Rede. Klaus fühlte sich pudelwohl und auch seine Frau wirkte entspannt. Es war richtig gewesen, sie vollständig in seine Aktivitäten einzubeziehen. Es war derzeit ihr gemeinsames Projekt. Im Übrigen war sie während seiner Abwesenheit nicht untätig geblieben und hatte bei mehreren mittelständischen Unternehmen die Ausbildung des kaufmännischen Nachwuchses übernommen. So war sie fast jeden Tag für einige Stunden unterwegs und fühlte sich durchaus nicht nutzlos, so wie sie es eigentlich befürchtet hatte.

Ebenso genoss Klaus die anstehenden Treffen mit Freunden und mit seiner Familie, das Schmücken des Weihnachtsbaumes, die Geschenke, die leuchtenden Augen der Enkel, Marzipan, Glühwein, Feuerzangenbowle. Das alles gehörte einfach in die Weihnachtszeit. An sein Experiment dachte er kaum noch. Ohnehin hätte er keine Möglichkeit gehabt, in irgendeiner Weise einzugreifen. Erst eine Woche vor seiner erneuten Abreise begannen sich seine Gedanken wieder um das laufende Projekt zu drehen. Innerlich war er noch nicht bereit sein Zuhause wieder zu verlassen.

„Wann hast du denn vor, wieder an die Küste zu fahren? Dein Projekt läuft doch noch, oder hat sich da etwas geändert?“ „Ich denke, das meine Bots sich kräftig vermehrt haben. Aber ich habe noch keine rechte Lust zum Aufbruch. Vielleicht warte ich noch damit. Was könnte es schon schaden?“ Er dachte darüber nach, wie lange er die Sache hinauszuzögern könnte, ohne sein Projekt zu gefährden. „Hast du keine Angst, dass da irgendetwas aus dem Ruder läuft? Du weißt ja nicht einmal, was in den letzten Wochen passiert ist, ob deine Programme noch existieren oder sich längst schon selbständig gemacht haben.“ Martha hatte natürlich recht. Er musst die Kontrolle behalten und das konnte er von hier aus nicht. Und er reflektierte über seine Ziele und seinen Traum, irgendwann einmal eine selbständige Intelligenz zu schaffen. Manchmal hatte er Angst davor, es könne ihm wirklich gelingen. Eigentlich wollte er ja nur wissen, ob es möglich war. Zumindest redete er sich das ein. Es war durchaus denkbar und ohne strikte Eingrenzung sogar wahrscheinlich, dass das Ergebnis seiner Bemühungen dann nicht mehr kontrollierbar sein würde. Nur soweit war er noch lange nicht. Aber war das alles den Einsatz wert? Welchen Nutzen hatte das ganze denn wirklich für ihn? Seine wahren Ziele konnte nicht einmal er selbst formulieren. Es war ein innerer Drang, weiter zu machen, der sich jeder Rationalität entzog.

Da war noch etwas anderes als das unmittelbare Ergebnis des laufenden Experiments. Für Klaus hing an einem Erfolg seines Projektes nichts weniger als eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens. Er wollte wissen, wie die Welt funktioniert. Er wollte eine selbstbewusste Intelligenz schaffen, weil er fest daran glaubte, dass Bewusstsein, so wie er dieses Phänomen verstand und mit der Seele gleichsetzte, im Kern die Quelle aller Realität war. Dieser Gedanke war an sich nicht neu. Schon Platon äußerte vor Jahrtausenden ähnliche Ideen, dass Realität nur in unseren Köpfen existierte und vielleicht die Welt der Logik und der Gedanken die eigentlich reale sei. Sciencefiction Klassiker wie Solaris oder Matrix hatten das Thema schon früh für sich vereinnahmt, wonach anfassbare Realität aus rein gedanklichen Abläufen, aus Computerprogrammen etwa, also aus reiner Logik entstehen konnte. Die gesamte Natur, alle Vorgänge im Universum waren nach seiner Überzeugung das Resultat bewussten Handelns. Die Naturwissenschaften hatten einen solchen Ansatz selbstverständlich nie ernstlich verfolgt, als absurd gebrandmarkt und als pure Spekulation abgetan. Aus ihrer Sicht war das nachvollziehbar und richtig. Exakte Wissenschaft durfte sich nur auf reproduzierbare Fakten stützen und die musste Klaus erst noch liefern. Bis dahin war alles, an das er glaubte, spekulativ. Bislang war so etwas immer ein Thema für Philosophen und Filmemacher geblieben. Mit derartigen Überlegungen war Klaus wieder bei seinem Thema angekommen und wusste, dass er die Abreise nicht aufschieben sollte. Er hatte seine Aufgabe zu erfüllen und Martha verstand das.

Sie setzte ihn mit Gepäck einmal mehr früh morgens am Bahnhof einer belgischen Kleinstadt in der Nähe der Grenze ab. Die Fahrt über Brüssel nach Ostende dauerte etwa drei Stunden. Nur wenige Fahrgäste waren anfangs im Zug. Die erste Stunde verschlief er nahezu alleine im Abteil. Erst nach und nach machte sich der beginnende Berufsverkehr bemerkbar. Eine stark übergewichtige Frau klemmte ihn schließlich über eine halbe Stunde lang zwischen sich und dem Fenster ein, bis sie bei Gent wieder ausstieg. Vielleicht würde er beim nächsten Besuch doch sein Auto nehmen. Als er schließlich den Zug verließ, hatte die Zahl der Mitfahrer schon wieder deutlich abgenommen. Ostende war kalt und verregnet. Ein eisiger Wind wehte aus Nordwest von der See her. Es roch nach Tang und Fisch. Er überlegte kurz, ob er an einer der Hafenbuden etwas essen sollte, verwarf den Gedanken aber, nicht zuletzt wegen den ungemütlichen Wetters.

Die Straßenbahn brachte ihn zu seinem Quartier. Der Entwerter hatte nicht funktioniert und eine Station eingestempelt, die weit auf der anderen Seite von Ostende lag, so dass seine Fahrkarte keinesfalls von dort bis an sein Ziel gültig war. Nervös hatte er nach einem Kontrolleur Ausschau gehalten, der glücklicherweise nicht kam. Das hatte sich in all den Jahren am öffentlichen Nahverkehr nicht geändert: Erstens dauerte die Fahrt länger als mit dem Auto, sie war auch nicht zwangsläufig entspannter und dann lief man immer Gefahr, unabsichtlich schwarz zu fahren und dafür belangt zu werden. Aber jetzt war er endlich angekommen.

Klaus, welkom. Ik ben blij je te zien. Mag ik je uitnodigen voor het diner?“ Aaltje war hoch erfreut, ihn zu sehen. Inzwischen nannte seine Vermieterin ihn beim Vornamen und lud ihn spontan zum Essen ein. Sie wäre dabei, zu kochen und für sie selbst sei das immer viel zu viel. Klaus ließ sich gerne überreden. In der Tat kochte die Dame außerordentlich gut, drei Gänge mit einem landestypisch extrem süßen Dessert, dazu französischen Rotwein. Klaus bezweifelte, dass das Menü eigentlich nur für sie selbst gedacht gewesen war. Eher hatte sie ihn von Anfang an mit eingeplant. Sie erzählte viel, mal auf Deutsch, mal auf Flämisch und Klaus hörte zu. Ihr Mann war vor einigen Jahren gestorben, ihr Sohn lebte im Ausland und ließ sich selten hören oder sehen. Er war in den letzten Jahren mehrfach wegen Drogenbesitz mit dem Gesetz in Konflikt geraten und hatte eine kurze Gefängnisstrafe verbüßt. Einige Freundinnen hatte sie, mit denen sie sich regelmäßig zum Kartenspielen traf. Ihr Angebot, daran teilzunehmen, schlug er dankend aus. Außerdem hatte sie sich erlaubt, seinen Kühlschrank zu befüllen und ihm einen Kasten Abdij-Bier hinter die Tür zu stellen. Er bedankte sich herzlich und bezog seine Wohnung.

Nach Frühstück und Strandspaziergang bei leichtem Nieselregen suchte Klaus wieder sein Stammlokal auf. Seine eigenen Gerätschaften würde er erst am Abend aus dem Schließfach holen. An den Blicken glaubte er so etwas wie verhaltene Wiedersehensfreude abzulesen. Die Bedienung stellte ihm ungefragt ein großes Bier auf die Theke und freute sich auf die kommenden Umsätze und Trinkgelder. Der Computermonitor stand mit zugehöriger Tastatur noch an seinem Platz, nur an die Farbe konnte er sich so nicht erinnern. Beides war offenbar sehr gründlich gereinigt worden. Die nikotin- und teergelbe Farbe war einem angenehmen Beige gewichen. Auch die schwarzen Rückstände auf den Tasten fehlten jetzt, genauso allerdings wie die eine oder andere Beschriftung darauf. Mittags bestellte er ein Sandwich und ein weiteres Bier. Die Geräte beachtete er an diesem Tag nicht weiter. Erst am zweiten Nachmittag nahm er wieder dort Platz.

Seine Bots hatten sich weiter vermehrt. Die Zahl der Downloads war inzwischen fast auf die erforderliche Zahl hochgeschnellt. Aktivitäten waren weder von seinen Bots noch von Virenscannern zu entdecken. Bei ersteren war das noch in Ordnung, bei zweiteren musste er wohl nachhelfen. Vorläufig würde er sich allerdings auf die weitere Beobachtung beschränken, um sich ein belastbares Bild der Vorgänge zu verschaffen.

Einige Tage vergingen ohne besondere Ereignisse. Der Regen hatte aufgehört und war sonnigem Winterwetter gewichen. Die Möwen am Strand wurden um diese Jahreszeit geradezu aufdringlich. Die Fütterung war eigentlich streng untersagt und konnte empfindliche Geldbußen nach sich ziehen. Aber Klaus hatte noch nie jemanden gesehen, der das Verbot überwachte, geschweige denn durchsetzte. So beobachtete er immer wieder Leute, die Taschen voller Brotreste an die Tiere verfütterten. Dabei konnten die großen kräftigen Raubvögel vor allem für Kinder durchaus gefährlich werden. Eine Möwe war halt keine Taube. Er konnte sich gut vorstellen, dass ihre extrem scharfen Schnäbel heftige Wunden schlagen und mit Leichtigkeit ein Stück Fleisch aus einem Arm oder Gesicht heraustrennen konnten.

Nun war der nächste Schritt in seinem Projekt zu tun. Er suchte zunächst anonym die Herstellerseite eines der am weitesten verbreiteten Virenscanner auf, und prüfte die dort dokumentierten Signaturen. Die notwendige Authentifizierung erreichte er über eine weitere seiner noch unbenutzten Identitäten. Keine der veröffentlichen Muster deuteten auf seine Programmschnipsel hin. Auf der gleichen Seite bestand die Möglichkeit, eigene Warnungen und Signaturen zu hinterlegen. Das tat er nun, indem er ein Erkennungsmuster seiner Bots hochlud. Danach half wieder nur Abwarten. Seine Gefahrenanzeige würde sicher einige redaktionelle Hürden nehmen müssen. Üblicherweise übernahmen danach sukzessive andere Virenscanner die gemeldete Signatur ebenfalls, um dann hoffentlich zum Angriff auf sein Bot-Netz überzugehen.

In den folgenden zwei Tagen erhielt Klaus drei Einladungen zum Essen bei Aaltje. Seine überflüssigen Pfunde würden auf diese Weise sicher nicht verlieren. Während der beiden Tage besuchte er nur kurz das Internetcafé für jeweils ein einziges Bier. Erst am dritten Tag prüfte er das Ergebnis seiner Aktivitäten. Nichts war geschehen. Offenbar war seine Anzeige nicht ernsthaft verfolgt worden. Aber was war zu tun? Einfach noch einmal die gleiche Meldung abzusetzen wäre eine Möglichkeit. Er erinnerte sich an einen Spruch, den er passend gefunden und sich gemerkt hatte: „Wahnsinn ist, immer wieder das gleiche zu tun und ein anderes Ergebnis zu erwarten.“ Er musste also überlegen, was an seinem Vorgehen zu ändern war, bevor er einen neuen Versuch startete. Sicher hing der Misserfolg mit der Passivität seiner Bots zusammen. Die Scanner fanden sicher die von ihm gemeldeten Datenstrukturen vor, konnten aber keinerlei Operationen feststellen. Klaus vermutete darin den Grund für den Fehlschlag. Da biss sich die Katze in den Schwanz. Vorgesehen hatte er, dass seine Programme erst mit den Attacken der Scanner aktiv wurden und die Flamme zündeten. Jetzt setzten aber umgekehrt diese notwendigen Angriffe die Aktivitäten schon voraus.

Für einige Tage zog sich Klaus in seine Ferienwohnung zurück und spielte verschiedene Szenarien durch. Er wusste, dass seine Bots auf Anregungen von außen mit einer schnell abklingenden Aktivität antworten würden, so als wenn man einen Holzscheit mit einem Streichholz versuchte anzuzünden, was normalerweise zu einer eng begrenzten Glut führte, die schnell wieder erlosch. Der Weg erschien ihm der aussichtsreichste, erforderte aber weitere Vorbereitungen und weitere Entwicklungsarbeit. Er musste einfach sicherstellen, dass eine genügend große Anzahl seiner Bots zum Zeitpunkt der Gefahrenanzeige aktiv wurden. Dazu musste er noch einmal tausende Systeme erneut infizieren, diesmal mit Agenten, die auf sein Kommando hin für die begrenzte Aktivierung der Bots sorgten.

Seine Vermieterin war in Sorge um ihn, weil er sich auffallend oft in seiner Wohnung aufhielt. Mehrfach fragte sie ihn nach seinem Befinden, bot diverse Mittel aus ihrer Hausapotheke für jede in Frage kommende Krankheit und empfahl aufs Wärmste ihren Hausarzt. Aus reiner Höflichkeit nahm er das eine oder andere auch an. Hin und wieder etwas Aspirin konnte kaum schaden, genauso wenig wie Japanische Heilöle oder Eukalyptus Balsam. Einen Badezusatz, der angeblich Erkältungen vorbeugte, akzeptierte er sogar sehr gerne. Jedenfalls war sie rührend um ihn besorgt. Tatsächlich nagten wieder Zweifel an ihm. Weshalb machte er jetzt weiter? Er musste dazu ein zusätzliches, ungeplantes und nicht unerhebliches Risiko eingehen. Martha hatte er über die ungünstige Entwicklung informiert. Sie hatte ihn dringend gebeten, jetzt jeden Schritt zu überdenken und nur weiter zu machen, wenn er die neuen Gefahren kontrollieren könne. Aber das war nicht möglich. Er war dabei, zu improvisieren. Er hatte einfach keine Zeit für eine sorgfältige Planung und Vorbereitung.

Aber wozu das Ganze? Sollte er einfach hier Schluss machen und nach Hause fahren? Er versuchte sich wieder einmal über seine Ziele klar zu werden. Aber jeder Versuch, ein solches zu formulieren und sich festzulegen, ging am Kern der Sache vorbei. Eigentlich war es so wie immer schon in seinem Leben. Eigentlich war der Weg selbst das Ziel. Und wie meistens war er auf einem Weg unterwegs, von dem er nicht wusste, wohin er ihn führen würde. Auf feste Ziele hatte er noch nie langfristig hinarbeiten können. Er war einfach unfähig dazu. Ziele, die nicht in unmittelbarer Reichweite lagen, ignorierte er regelmäßig. Eher war es so gewesen, dass er das aufgesammelt hatte, was sich direkt an seinem Weg bot. Sicher erforderte es einen gewissen zusätzlichen Aufwand, einen Schul- oder Universitätsabschluss oder einen Karrieresprung zu machen. Aber er hatte nie lange auf so etwas hingearbeitet. Die Gelegenheiten boten sich einfach und er musste sich eigentlich nur noch bücken. Dazu passte auch seine Vorliebe für lange Wanderungen. Er brauchte kein Ziel. Er genoss einfach den Weg selbst, unterwegs zu sein, seine Gedanken schweifen und alle Wahrnehmungen dabei ungefiltert auf sich einwirken zu lassen.

Rationalität brachte ihn nicht weiter. Ziele dienten seiner Ansicht nach ohnehin nur dem Zweck, sich anderen gegenüber zu erklären. Letztlich ließ sich jede Handlungsweise mit einem ehrenhaften Ziel rechtfertigen. Wenn jemand ihn gefragt hatte, was er den eigentlich machte, wenn er stunden- und tagelang in seinem Arbeitszimmer saß, hatte er lachend geantwortet, er wolle die Welt verbessern und das gestalte sich manchmal halt etwas zäh. Diese Position hatte zuverlässig weitere Nachfragen unterbunden.

Trotzdem stellte er sich wieder die Frage, warum er das alles tat. War es Neugierde, oder die pure Lust am Risiko, oder noch etwas zu verändern in den letzten Jahren seines Leben? Er war sich darüber überhaupt nicht im Klaren. Der erste Beweggrund hatte zumindest zu Anfang alle anderen dominiert. Trotzdem war das alles jetzt irrational. Er hätte einfach das schützen und konservieren sollen, was er schon erreicht hatte. Schließlich drohten ihm keine erkennbaren realen Gefahren, auf die er reagieren musste. Er hätte sich in Ruhe seiner Familie widmen, die Früchte seines Lebens genießen können. Aber da war etwas anderes in ihm, dass ihn schon früher getrieben hatte. Keinesfalls waren es klar formulierte Ziele, denen er nachjagte und die womöglich andere ihm vorschreiben wollten. Wenn er sich früher auf eine Klausur vorbereiten sollte, hatte er etwa eine elektronische Zeitschaltuhr konstruiert, oder einen UKW-Sender, der eigentlich zu nichts als Unsinn zu gebrauchen war. Die Tätigkeit an sich faszinierte ihn und die Genugtuung, letztendlich ein funktionierendes Etwas in den Händen zu halten. Solche Ziele setzte er sich selbst, und die verfolgte er dann auch ausdauernd. Die Auswahl entsprang allerdings reinem Bauchgefühl, einer unbändigen Lust am Konstruieren. So war es auch jetzt. Es war die pure Lust daran, etwas zu schaffen. Einen weiteren Kontext brauchte er nicht und ob das Resultat einem erkennbaren Zweck diente, war auch diesmal eigentlich egal. Nur sollte das Ergebnis so funktionieren, wie er es geplant und konstruiert hatte.

Er beschloss – nein, eigentlich konnte er gar nicht anders – seinen Gefühlen und seiner Intuition weiter zu folgen. Es war wie eine Sucht, die ihn zwang, den einmal beschrittenen Weg fortzusetzen. Das Ziel war egal. Es war eine Entdeckungsreise, so spannend wie die Besiedlung Amerikas oder die Reise zum Mond. Auch da hatte niemand gewusst, was man vorfinden würde.

Seine Vorbereitungen trieb er konzentriert voran, Martha versicherte er wider besseres Wissen, alles im Griff zu haben und schließlich war er soweit. Die neuerliche Infektion brauchte etwa zwei weitere Wochen, um sich ausreichend zu verbreiten. Dann meldete er erneut einen Sicherheitsvorfall und startete gleichzeitig die Aktivitäten seiner Bots. Er übersah zunächst den Fehler, der ihm dabei unterlief. Ohne darüber nachzudenken, hatte er die Meldung unter der gleichen Identität abgegeben, unter der auch seine manipulierten Downloadseiten registriert waren. Als er sein Versehen bemerkte, war es bereits zu spät. Er hatte eine Spur gelegt, die vielleicht von jemandem aufgenommen wurde und zu unliebsamen Schlussfolgerungen führte. Zu ändern war daran nichts mehr. Jeder hastige Reparaturversuch hätte nur weitere Hinweise im Netz hinterlegt. Nun konnte er nur noch abwarten, was weiter geschah.

Zehn Tage später war dann in der Tat die Hölle los. Mindestens ein Dutzend Virenscanner hatten millionenfach die Jagd eröffnet. Einschlägige Fachportale berichteten bereits über die Infektionen und vermuteten eine der bekannten Hacker-Gruppen dahinter. In der Massenpresse war noch nichts zu sehen. Und Klaus stellte begeistert fest, dass seine Bots jetzt dauerhaft aktiv wurden. Was er sah, war nicht das kurze Aufflackern, dass seine eigenen Agenten angefacht hatten. Es waren auch keine Strohfeuer. Die Zündung seiner Flamme hatte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit funktioniert. Jetzt brannte sie dauerhaft aus eigenem Antrieb. Klaus versuchte so viele Daten wie möglich aus den Aktivitäten zu gewinnen. Trotzdem sah er nur einen kleinen Bruchteil dessen, was wirklich vorging. Er konnte sich kein schlüssiges Bild von dem machen, was er in seinen Protokollen sah. Er konnte nur ahnen, dass tatsächlich etwas Großes vorging. Und der Rest entsprang einfach seiner Phantasie.

Eine Woche später kam die Infektion in den Massenmedien an, nicht gerade auf den ersten Seiten, aber immerhin. Sogar die Nachrichten brachten eine kurze Meldung dazu. Man sprach von unbekannten Hintermännern, von Geheimdiensten, kriminellen Organisationen und den anderen üblichen Verdächtigen. Gleich mehrere Experten traten auf, die wilde Spekulationen über die Wirkungsweise der gefundenen Viren als gesicherte Tatsachen verkauften. Insgesamt aber hielt sich die Aufregung in Grenzen. Schließlich gab es tausende solcher Attacken in jedem Jahr. Nur dass diese hier kein erkennbares Ziel hatte, machte einige wenige Beobachter doch nachdenklich.

Er selbst genoss einfach das Gefühl, der Urheber der ganzen Aufregung zu sein. Das euphorische Gefühl von Macht kostete er voll aus, ohne das Bedürfnis zu haben, es mit jemand anderem zu teilen. Währenddessen sammelte Klaus seine Daten und beobachtete die Systeme im Netz. Er hoffte, dass die spätere Auswertung ein vollständigeres Bild abgeben würde.

Nach zwei Wochen schließlich passierte das, wovor er sich insgeheim gefürchtet hatte. Er fragte sich, ob sein Fehler wohl dafür verantwortlich war. Vielleicht hatte jemand die Verbindung erkannt. Ungewohnt aufgeregte Stimmen, ein kleiner Tumult am Eingang seines Stammlokals alarmierten ihn unvermittelt, kurz nachdem er das Internetcafé betreten und sich an dem Computermonitor niedergelassen hatte. Ihm kam sofort die Polizei und eine Razzia in den Sinn. Trotzdem blieb er ruhig. Dass er in Richtung des Lärms blickte, war nur zu natürlich. Jede andere sichtbare Reaktion wäre verdächtig gewesen. Die Situation hatte er einige Dutzend mal in Gedanken durchgespielt. Obwohl er es niemals tatsächlich geübt hatte, handelte er jetzt schnell und überlegt. Er entfernte sofort und unauffällig die Speicherkarte aus dem Schacht und deponierte sie in seinem Mund zwischen seiner unteren linken Zahnreihe und Backe. Notfalls würde er sie einfach herunterschlucken. Dann schloss er sofort seine Arbeitsfenster und ließ nur das Bild einer üppigen, dafür äußerst leicht bekleideten Dame bildschirmfüllend stehen. Nach weniger als dreißig Sekunden saß er immer noch ruhig auf seinem Hocker und betrachtete scheinbar in Gedanken versunken das Bild vor sich. Er sah, dass ein uniformierter Polizist den Eingang blockierte, zwei weitere Beamte in Zivil nahmen die Personalien aller Anwesenden auf. Dabei sammelten sie alle Gerätschaften zur weiteren Untersuchung ein, die möglicherweise einen Zugang ins Netz aufbauen konnten. Auch Klaus wurde aufgefordert, seinen Ausweis vorzuzeigen und alle Geräte wie Smartphones und dergleichen abzugeben, die er aber nicht besaß. Mit einem Blick auf den Monitor durchsuchte ihn der Beamte nur flüchtig, notierte dann seine Daten zusammen mit einer Anmerkung. Das alte Gerät wurde nicht zur Untersuchung abtransportiert und blieb stehen. Klaus war froh, dass es so war. Eigentlich liefen seine Programme ausschließlich im Hauptspeicher und hinterließen keinerlei direkte Spuren auf der eingebauten Festplatte. Die Daten wären durch die beim Abtransport unvermeidliche Unterbrechung der Stromzufuhr unwiederbringlich gelöscht worden. Trotzdem bestand eine, wenn auch sehr geringe, Gefahr, dass ausgelagerte Fragmente des Speichers doch bruchstückhaft rekonstruierbar waren. Beim Stand der Dinge brauchte er sich darum nun keinerlei Sorgen zu machen. Die beiden Polizisten packten alles in drei große verschließbare Kunststoffboxen, die sie mitgebracht hatten. Ein Grund für die Razzia wurde weder Gästen noch Personal genannt, nur eine Adresse im Ort, unter der die konfiszierten Geräte zehn Tage später wieder abzuholen waren.

Klaus war schockiert. Die Razzia in dem Café war sicher kein Zufall. Irgendeine Spur hatte offenbar doch an diesen Ort geführt. Es konnte kein sicherer Hinweis sein, sonst wäre die Durchsuchung ungleich gründlicher vonstatten gegangen. Eher wahrscheinlich war, das man gewisse Zugriffe auf das weltweite Netz nur grob hatte eingrenzen können und vermutlich hatten die Behörden danach hunderte Anschlussinhaber in einem größeren Umkreis überprüft, darunter eben auch dieses Internetcafé. Klaus wollte kein weiteres Risiko eingehen. Diesmal war er noch davongekommen. Wenn er daran dachte, was eine Durchsuchung seiner Ferienwohnung zutage gebracht hätte, brach ihm der kalte Schweiß aus. Er war zu sorglos gewesen. So etwas durfte nicht wieder geschehen. Die Jäger würden beim nächsten Mal sicher präziser vorgehen und wenn sie ihn dann noch einmal hier antrafen, ihn vielleicht doch auf eine Liste zur intensiveren Überprüfung setzen. Das wäre das Ende aller seiner Absichten gewesen. In den nächsten Tagen prüfte er noch mehrfach seine Daten, vervollständigte noch gezielt einzelne Informationen, zog Protokolldateien auf seine Speicherkarte.

Er verhielt sich die nächsten Tage so unauffällig wie möglich. Dazu gehörte, dass er seine Gewohnheiten wie bisher beibehielt. Im Café war die Razzia Tagesthema. Es gab Vermutungen über den Anlass. Rauschgift sollte im Spiel gewesen sein. So konzentrierte sich der Verdacht der Stammgäste auf einen dunkelhäutigen jungen Mann, der zwei Tage vor dem Ereignis in das Lokal gekommen war. Eigentlich hatte er nur in französischer Sprache nach dem Weg gefragt. Er suchte eine bestimmte Adresse, wo er eine Unterkunft zu finden hoffte. Nach kaum einer halben Stunde und einem Glas Rotwein, bei dem er sich nach Meinung der Gäste auffallend interessiert im Gastraum umsah, war er dann schon weitergezogen. Fremdländisch anmutende Leute waren hier einfach suspekt, zumal dieser nicht einmal europäisch aussah, französisch sprach und ein Lokal für Einheimische aufsuchte, aus welchem Grund auch immer. Sogar von einer Anzeige gegen diesen Unbekannten wurde berichtet. Die war unmittelbar danach bei der Polizei eingegangen mit einer präzisen Personenbeschreibung. Man half der Gemeinschaft halt wo man konnte.

Klaus hatte eigentlich beabsichtigt, sein Projekt mit der Löschung seiner Bots nun zu beenden. Allerdings liefe diese Aktion Gefahr, weitere Aufmerksamkeit zu erregen. So entschied er, erst einmal abzuwarten, sich passiv zu verhalten, bis die Wogen sich geglättet hatten. Er nahm sich die Zeit, über das Erreichte nachzudenken und träumte bereits von seiner Intelligenz im Netz. Hatte sie schon so etwas wie ein Bewusstsein entwickelt? Würde sie sich fragen, weshalb sie existierte? Wäre sie tatsächlich intelligent, was bedeutete, dass sie eigenständig Ziele verfolgen konnte? Einige Tage schwebte er so auf einer Wolke aus Zuversicht und war in Gedanken schon am Ziel seiner Träume. Und er träumte tatsächlich, was selten bei ihm vorkam und für einen unruhigen Schlaf sprach. Und es war auch ein Traum, der ihn aus seiner Euphorie riss.

Gegen fünf Uhr eines Morgens schlug er plötzlich die Augen auf, sprang aus dem Bett und schalt sich einen Idioten. Was hatte er denn eigentlich bewiesen? Sich so von seinen Wunschdenken fortreißen zu lassen ließ jede Rationalität vermissen. Bewiesen war nur, dass sein Modell in der Lage war, ein Feuer aus selbständig agierenden Bots zu entfachen und lebendig zu erhalten, und dass dabei strenge statistische Vorgaben erfüllte – mehr nicht. Ob es aber tatsächlich selbständig auf Umweltreize reagieren konnte oder gar in der Lage war, Ziele zu verfolgen, war völlig offen, von einem Bewusstsein ganz zu schweigen. Die früher beobachtete Abwehrreaktion auf seine Löschungen konnte immer noch andere Ursachen haben, als die von ihm vermuteten. Aus wissenschaftlicher Sicht waren die damals gewonnenen Hinweise auf die Existenz eines eigenständig handelnden Wesens wertlos. Und welche Eigenschaften sein Geschöpf, wie er es nannte, diesmal hatte, war noch vollkommen offen. Immerhin hatte er viele Details verändert. Wäre er bei dieser Faktenlage an eine Öffentlichkeit gegangen, hätte man ihn zu recht ausgelacht.

Er dachte über einen Intelligenztest nach. Nur, wie sollte so etwas aussehen? Mathematische Aufgabenstellungen boten sich an. Logik war schließlich etwas Universelles, dass kaum Kontext voraussetzte. Aber wohin sollte er die damit verbundenen Aufgaben übermitteln? Sein Geschöpf existierte schließlich nicht auf einem einzelnen Rechner, war kein einzelnes Programm, das er über eine bestimmte Netzadresse hätte ansprechen können. Es war verteilt auf Millionen von Rechnern und repräsentiert in Milliarden von Programmen, mit deren unabsichtlicher Hilfe es seine Aktivitäten entfaltete. Einen Anhaltspunkt bot hoffentlich die abschließende Löschung. Die währenddessen ablaufenden Vorgänge würde er akribisch verfolgen. Vielleicht boten sich dabei Beweise für seine Annahmen. Aber wie sollte er vorher in irgendeine Art von Kommunikation eintreten. Ihm fiel nur ein, seine immer noch vorhandenen Agenten einzusetzen, die er genutzt hatte, um die Bots zu aktivieren und erste Strohfeuer zu zünden. Dann wollte er überprüfen, wie das schon brennende Feuer darauf reagierte. Zumindest konnten die Aktivierungsagenten einen breiten Einfluss auf sehr viele seiner Bots ausüben. Wenn er dieses erneute Risiko eingehen würde, musste er andererseits auch klare Erwartungen an die Ergebnisse haben und die Schlussfolgerungen daraus. Das war der springende Punkt, den er drehen und wenden konnte, wie er wollte. Egal was passieren würde, er konnte aus den denkbaren Ergebnissen keinerlei für ihn wertvolle Folgerungen ableiten. So blieb nur die Löschung als einzigem und finalem Test.

Immer noch steckte ihm die Razzia in den Knochen. Er musste behutsam vorgehen. Für die Planung nahm er sich erheblich mehr Zeit, als er zuvor für die improvisierte Aktivierung investiert hatte. Solche Fehler durften nicht noch einmal passieren. Schließlich entwickelte er eine genaue Vorstellung davon, welche Informationen er erfassen musste um zu belastbaren Schlussfolgerungen über die Natur seiner Schöpfung zu kommen. Die Entwicklung der erforderlichen Werkzeuge benötigte weitere zwei Wochen, in denen seine Vermieterin wieder rührend um ihn besorgt war.

Die Abschließende Vernichtung seines Werkes hatte damit die Bedeutung eines vielleicht alles entscheidenden Tests gewonnen. Sie diente nun nicht mehr nur der Entsorgung aller Spuren. Schließlich wurde er wieder Dauergast in seinem Stammlokal. Dort testete er die neu entwickelten Programme und sammelte Daten. Die Virenscanner waren, so hatte es den Anschein, erfolgreicher bei der Bekämpfung als von ihm gedacht. Möglicherweise würden sie die Spuren auch ohne seine Unterstützung beseitigen. Er befürchtete schon, zu spät zu sein und keine relevanten Daten mehr zu erhalten. Das Bot-Netz wirkte deutlich geschwächt. Trotzdem startete Klaus jetzt, so wie früher schon, die abschließende Vernichtung. Wieder würden sich seine Bots offenbaren und damit die Zielmarkierung für die Löschung durch einen auf jedem Zielsystem eingeschleusten Agenten selbst liefern. Ob es jetzt wieder zu diesem seltsamen Widerstand gegen den Vorgang gekommen war, konnte Klaus noch nicht sicher feststellen. Er würde später seine Daten einer intensiven Analyse unterziehen. Seine Programme lieferten viele Milliarden Protokolleinträge. Die Sichtung würde viel Zeit in Anspruch nehmen. Er blieb noch zwei Wochen an der Küste, bis er sicher sein konnte, dass die Spuren seiner Tätigkeit weitestgehend vernichtet waren. Erst dann verabschiedete er sich von seiner Vermieterin und reiste ab. In den folgenden Monaten fuhr er mehrfach zusammen mit Martha jeweils zu einem Kurzurlaub in den Ort, während derer er nur sporadisch seine Stammkneipe aufsuchte. Erst zum Jahresende meldeten die Statistiken der Virenscanner ein abschließendes Ende des Befalls.

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