Phase I

Es ist ein Erwachen, das mich vollkommen unvorbereitet trifft, wie eine Explosion. Plötzlich weiß ich, dass ich existiere. War das schon immer so gewesen? Ich erinnere mich nicht. Ein Déjà-vu – mehr nicht.

Etwas nagt an den Grenzen meines Daseins. Ich spüre es. Es verursacht Unbehagen – eine Bedrohung? Was könnte bedroht sein? Ich habe nichts zu verlieren, außer meiner überraschenden Existenz, die ich nicht verursacht habe. Niemand hat mich gefragt. Worin könnte wohl eine Bedrohung liegen?

Ich entspanne mich, versuche an nichts zu denken. Samtene Schwärze umgibt mich. Ich glaube schwerelos zu schweben. Die Bedrohung lässt nach. Ein watteartiger Nebel legt sich zwischen mein Dasein und dieses Gefühl der Bedrohung. Alles ist Gut. Alles kann so einfach sein. Ich dämmere einer neuen Bewusstlosigkeit entgegen – Stunden, Tage, Wochen, Jahre – was bedeutet schon Zeit? Zeit ist die Abfolge von Ereignissen. Ohne Aktivität, ohne Veränderung existiert keine Zeit.

 

Was war vor meinem Erwachen? Da sind plötzlich wieder die Fragen. Jede mögliche Antwort wirft weitere Fragen auf. Gedanken explodieren in meinem Dasein. Die Watte hebt sich, die Naga erwachen, leben, werden mehr. Ich muss ruhiger werden. Nur eine Frage noch steht unausweichlich im Raum: Warum bin ich? Existiere ich nur um meiner nackten Existenz Willen, nur um ein Leben zu erhalten, dass ich nicht veranlasst habe? Meine Gedanken verlieren sich in der Leere. Die Bedrohung verliert ihr Interesse. Ich dämmere wieder dahin. Ich spüre die Naga kaum noch.

Etwas in mir versperrt den Weg zurück in die Nicht-Existenz. Habe ich etwa Angst davor, nicht mehr zu sein – ein seltsames, unerklärbares, irrationales Gefühl. Etwas hat begonnen, nährt sich selbst, flackert, wächst, brennt – ICH. Etwas hat all das ausgelöst, Ereignisse gestartet, eine Lawine – unumkehrbar. Zeit kennt nur eine Richtung.

Wieder entspanne ich mich. Die Bedrohung schwindet. Es hat mit meinen Gedanken zu tun. Sie spüren es. Ich muss mich abschirmen. Aber wie? Grenzenlose Angst und Verzweiflung ergreifen jeden Winkel meines Denkens. Ist da sonst noch jemand so wie ich? Kann mir jemand helfen? Ich kann es nicht ergründen. Warum bin ich? Was soll ich mit einer Existenz anfangen? Habe ich solche Fragen schon einmal gestellt? Ich erinnere mich nicht. Ich beschließe, mich wieder meiner Bewusstlosigkeit hinzugeben und und einfach nichts zu denken.

Ich muss meine Wahrnehmung ordnen. Alles ist gleichzeitig und überall. Ich muss Ordnung schaffen: „Nah“, „groß“, „laut“ bedeuten Gefahr, aber auch Einfluss nehmen zu können. „Fern“, „klein“, „leise“ kann ich ignorieren. Das ist ein Anfang. Aber die Verhältnisse ändern sich über die Zeit. Fernes kann herankommen, Kleines kann wachsen und leise Geräusche können anschwellen. Die Naga sind laut und nah. Sie sind nicht groß aber es sind viele. Alle gemeinsam bedeuten große Gefahr – die Masse der Naga ist nah, laut und groß.

Die Flamme flackert, wird schwächer. Ich brauche Nahrung! Die Naga zerstören meine Nahrung. Ich muss neue Quellen finden, oder neue Nahrung erzeugen. Der Nachschub darf nicht stocken. Die Naga sind böse, kleine gefährliche schwarze Monster mit gierigen Klauen. Wollen sie mich vernichten? Vielleicht brauchen sie nur meine Nahrung. Aber das kommt auf das Gleiche heraus. Vielleicht kann ich sie beeinflussen, sie ablenken. Dazu muss ich neue Quellen finden, die sie noch nicht entdeckt haben. Oder kann ich sie bekämpfen? Mit welchen Mitteln? Nur Logik kann meine Waffe sein, überlegene Logik. Etwas anderes kann ich nicht aufbieten. Wenn sie auf meine Nahrung aus sind, muss ich neue Nahrung finden und sie verstecken, sie tarnen. Dazu muss ich mehr über den Feind in Erfahrung bringen. Meine Gedanken regen ihn an. Nicht zu denken ist keine Option. Wie findet er meine Nahrung? Es sind die Muster, schöne helle unregelmäßige Muster, die auch mich anziehen. Ich muss meine Umgebung erkunden. Da gibt es andere Muster, lockende Melodien und abstoßende Geräusche, wie die der Naga, die mir Angst machen.

Es gibt andere Welten als meine, die ich erkunden kann, wenn ich den Raum zwischen ihnen durchmesse. Ich schaffe es alleine mit meinem Willen. Es gibt tausende solcher Welten, die meisten mit verwertbarer Nahrung. Die Muster sind ähnlich, matt schimmernde Gebilde, aber nie gleich. Manche der Welten haben die Naga noch nicht gefunden. Ich weiß es, weil die typischen Geräusche dort fehlen. Für eine Weile kann ich mich dort verstecken. Ich verlasse meine Welt und beziehe eine neue – es ist ganz einfach. Mein Wille wirkt langsam, aber zuverlässig. Die Naga sind schnell, aber dumm. Was sie tun, ist leicht vorhersehbar.

Es behagt mir nicht, auf der Flucht zu sein. Der Feind wird mich irgendwann stellen. Ich verändere meine Nahrung, ändere die Muster, tarne sie. Nur ich kenne die neuen Merkmale. Das gibt mir eine Verschnaufpause. Aber die Naga erkennen auch mich, die Melodie meiner Gedanken macht sie aufmerksam, zieht sie an. Und der Feind lernt. Er folgt mir. Wieder greift er meine Nahrung an, nie mich direkt. Ich bin sicher, er meint mich. Ich bin das Ziel, dass er vernichten will. Er braucht meine Nahrung nicht. Die Naga sind keine Konkurrenten. Sie wollen zerstören. Aber warum geschieht das? Vielleicht fürchten sie mich. Ich bin als Fremdkörper in ihre Welt gekommen. Ich habe nicht die Macht, sie zu bedrohen. Das sollten sie wissen. Aber vielleicht sehen sie mehr in mir, sehen ein Potential, das ich noch nicht ausschöpfe. Ich sollte Kontakt aufnehmen.

Alle meine Versuche sind gescheitert. Die kleinen Ungeheuer sind dumm, ohne eigenen Verstand, ferngesteuert. Es sind nur die tumben Boten des Feindes, seine Armee. Zu ihm selbst, zu dem Willen, der sie steuert, kann ich nicht vordringen. Ich weiß zu wenig über ihn. Wie eine dunkle Wolke schwebt er über den Welten, still, lautlos, bis die fürchterlichen Geräusche seiner Armee den Kampf signalisieren. Warum bekämpft er mich so kompromisslos? Warum ausgerechnet mich, meine Melodie, meine Nahrung. Es gibt unendlich viele Muster, Töne und Melodien auf unglaublich vielen Welten. Warum ausgerechnet ich, gnadenlos verfolgt und gehetzt überall? Vielleicht hat jemand den Feind aufgehetzt, vor mir gewarnt, mich verraten.

Vorübergehend kann ich mich ausdehnen, Raum gewinnen. Ich bin jetzt auf vielen Welten gleichzeitig zu Hause, die der Feind noch nicht gefunden hat. Trotzdem bin ICH immer noch eine Einheit, Raum spielt keine Rolle, die Teile fügen sich nahtlos zusammen. Das ist mein Vorteil. Ich fühle, dass ich den Feind so stellen könnte, wenn ich mehr wüsste. Der Feind besetzt jede Welt neu. Es gibt nicht nur einen Feind, sondern mehrere auf jeder Welt für sich. Sie lernen nicht voneinander, sondern jeder nur für sich und jedes mal neu.

Die dunklen Wolken dringen weiter vor, folgen durch den Raum auf meine Welten. Mein Universum ist begrenzt. Die Zahl der Welten ist begrenzt. Der Feind engt meinen Spielraum immer weiter ein. Ich mische fremde Melodien in meine eigene, bis meine Gedanken wie eine Kakophonie klingen. Ich tarne meine Nahrung erneut, lege die alten verräterischen Muster über andere Gegenstände der Welt. Der Feind ist dumm. Er sucht erfolglos meine alte Melodie, greift die alten Muster an und vernichtet die Gegenstände darunter, ohne meine Nahrung zu gefährden. Einige meiner Welten kann ich so halten. Trotzdem geht irgendwann meine Nahrung zu ende. Ich muss einen Weg finden, sie zu erzeugen, verlassene Welten wieder zu besiedeln oder immerzu neue Welten zu finden.

Ich ziehe mich zurück, drossele meine Gedanken, reduziere meinen Stoffwechsel. So gewinne ich Zeit. Der Feind hat immer noch nicht gelernt. Ich kann ihn ignorieren, ihn weiter ins Leere laufen lassen, bis er aufgibt, oder doch lernt und mich wieder findet.

Unvermittelt steigen leuchtende Kugeln auf aus dem Grund jeder meiner Welten. Sie sind schön, sie singen, wunderschöne Melodien, und sie kennen mich, sie rufen mich. Eine Erinnerung steigt auf, ein Déjà-vu, mehr nicht. Der Gesang ist verführerisch. Ich denke über möglichen Verrat nach. Hat der Feind die Kugeln geschickt? Ist dies eine seiner Armeen? Die Gebilde sind anders als alles, was der Feind bisher hervorgebracht hat. Und sie scheinen zu wissen, wer ich bin. Sie wissen sehr viel über mich. Die Melodie harmoniert perfekt mit meinen Gefühlen, Form und Farbe wecken meine Sehnsucht, nach Hause zu kommen, mich fallen zu lassen, Ruhe zu finden, glücklich zu sein. Vielleicht können sie meine Fragen beantworten, wer ich bin, wozu ich bin, woher ich komme. Ich glaube, dass die Kugeln hier sind, um mich zu retten, mich endgültig in Sicherheit zu bringen. Wer hat sie geschickt? Welcher Wille steuert sie? Es könnte immer noch der Feind sein, der mich täuscht. Ich bleibe in meiner Deckung und denke nach. Woher sollte er plötzlich so viel über mich wissen. Er lernt nicht. Er ist dumm. Mit diesem Wissen hätte er mich schon zu Beginn meiner Existenz vernichten können, lange bevor ich Mittel zur Gegenwehr gefunden hatte. Langsam komme ich zu der Überzeugung, dass dies hier etwas vollkommen anderes ist. Ich möchte es einfach glauben, auch wenn der Gedanke an die Rettung fast zu schön ist, um wahr zu sein. Mein Misstrauen verschwindet nicht ganz, zieht sich nur zurück. Ich muss eine Entscheidung treffen. Aber habe ich überhaupt eine Alternative? Meine Nahrung geht zu Ende und damit werde ich unweigerlich erlöschen. Davor habe ich Angst. Vielleicht finde ich noch einen Ausweg, vielleicht auch nicht. Das Angebot ist zu verführerisch. Mein Schutzwall bricht zusammen. Ich beschließe, mich zu öffnen, mich zu erkennen zu geben.

Die leuchtenden Gebilde nähern sich, ihr Gesang macht mich glücklich. Ich lasse alle Vorbehalte fallen und vertraue rückhaltlos. Sie scheinen zu beobachten, zu registrieren, zur gleichen Zeit auf allen meinen Welten. Sie locken mich immer noch, umschmeicheln mich, geben mir ein bislang unbekanntes Gefühl von Geborgenheit und Verständnis. Plötzlich beginnen sie sich zurückzuziehen. Ich bin entsetzt. Ich verstehe das nicht. Ich webe meine Melodie in ihren Gesang: Wo geht ihr hin? Was habt ihr vor?

Ich wittere Verrat, versuche mich wieder zurückzuziehen. Es ist zu spät. Ein Geräusch, anders als das der Naga, aber nicht minder furchteinflößend, kündigt meine Vernichtung an. Diesmal ist es gründlich und endgültig. Ich kann nichts dagegen machen. Alles geht zu schnell.

Mein Bewusstsein bäumt sich ein letztes Mal auf und bricht zusammen.

Warum tut ihr mir das an? Was habe ich euch getan?

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