Spuren

Für Wochen hatte Sajala sich privat in ihre Untersuchungen zurückgezogen. Ihre beiden Freunde sah sie nur selten am Rande ihrer beruflichen Verpflichtungen. Vorübergehend arbeitete sie kaum noch an den von ihr so sehr geschätzten Sondergutachten. Vermutlich gab es einfach weniger Vorfälle in dieser Zeit. Dafür füllten Vorlesungen, Seminare und Arbeitsgruppen ihren Arbeitstag. Ihre persönlichen Untersuchungen zu den Datenstrukturen ihres Kunstwerkes waren in einer Sackgasse gelandet. Sie hatte alle ihre Kenntnisse, Tricks und Analysewerkzeuge aufgeboten – ohne Erfolg. Nirgends ließ sich ein systematischer Zusammenhang herausarbeiten. Manchmal hatte sie durchaus geglaubt, die Spur gefunden zu haben. Doch jede Hoffnung zerschlug sich schließlich wieder nach näherer Prüfung. Sajala hatte sich selbst gegenüber widerwillig einräumen müssen, dass ihrem Verdacht möglicherweise die Substanz fehlte. Offenbar hatte ihre sonst so zuverlässige Intuition sie diesmal in die Irre geleitet. In diesem Fall konnte sie ihre Vorsicht fallen lassen.

 

Manchmal hatte sie den Eindruck gehabt, Matar hätte ihre Bemühungen mit süffisanter Belustigung verfolgt. Natürlich waren ihr die privaten Untersuchungen und Analysen nicht verborgen geblieben. Schließlich konnte sie ihre Berechnungen schlecht mit Bleistift und Papier im Park durchführen. Die Zielrichtung kannte Matar aber sicherlich nicht. Merkwürdigerweise hatte sie kaum Fragen gestellt. Matar ließ sie gewähren, ohne sich einzumischen. Das war ansonsten nicht immer ihre Art. Sajala hätte zu gerne gewusst, welche Schlussfolgerungen ihr Zuhause-System gezogen hatte. Aber eigentlich war das jetzt auch egal.

Sajala lehnte sich zurück. „Matar, ich brauche etwas Entspannung. Kannst du mir bitte einen Vorschlag unterbreiten?“ „Ja, sehr gerne Sajala. Wie wäre es mit einem anspruchslosen Rollenspiel?“ „Hm, klingt vernünftig, wenn ich selbst keine allzu aktive Rolle darin spielen muss.“ „Dann hätte ich da ein Kriminalspiel, in dem ich dir den Part der Leiche anbieten kann.“ Solche Scherze sahen ihr ähnlich. „Wie lautet deine nächste Empfehlung?“ fragte sie trocken, ohne auf den Vorschlag einzugehen. Eine schnulzige Liebesromanze fand Sajala danach durchaus akzeptabel. Sie selbst hatte die Rolle der betagten Großmutter, die im Schaukelstuhl saß, vor einer Almhütte und wunderschönem Bergpanorama. Durch die offene Türe waren mehrere Geweihe zu erkennen, der präparierte Kopf eines Wildschweins, die neben einer Schrotflinte an der Wand hingen. Eine junge Frau, vermutlich ihre Tochter, hängte gerade Wäsche auf die Leine und ein kleines Kind, wohl ihre Filmenkelin, spielte mit einem betagten Dackel auf der Wiese in der Sonne. Ein junger Mann stieg gerade den steilen Abhang hinauf und suchte offenbar ihre Tochter. Sie konnte diese Absicht an seinen Blicken erkennen. Die junge Frau zierte sich noch und blickte trotzig in eine andere Richtung. Sajala konnte das harmlose Beziehungsdrama aus ihrer Warte verfolgen und griff nur selten in einen der Dialoge ein. Zu einer anderen Zeit in anderer Stimmung hätte sie vielleicht der Handlung eine völlig andere Richtung gegeben, hätte vielleicht die Schrotflinte von der Wand gerissen und den Dackel erschossen, nur um zu sehen, welche Wendung die Geschichte danach nahm. Aber jetzt wollte sie den Dingen einfach ganz entspannt den vorgesehenen Lauf lassen.

Am TISS war alles fast wieder so wie früher. Die Aufträge zu Sicherheitsgutachten kamen häufiger und stellten echte Herausforderungen an sie. Am Abend hatte sie sich mit Elmer im Park am Stadtrand verabredet. Er war hocherfreut gewesen über ihren Anruf. Seine blauen Augen mit den freundlichen Lachfalten in den Winkeln hatten sie angestrahlt und er nahm ihr die Abwesenheit offenbar nicht übel. Sajala wollte ihm erklären, was sie in der Zeit umgetrieben hatte. Der warme Spätsommerabend lud zu einem langen Spaziergang ein. Es würde noch lange hell sein. Sie trafen sich an einem kleinen Springbrunnen mit einigen Bänken darum herum. Elmer war einige Jahre jünger als Sajala, einen Kopf größer, blond mit rötlichem Einschlag und sportlicher Figur, wenn auch schon mit leichtem Bauchansatz. Er wirkte gelöst und erholt. „Schön dich einmal wieder zu sehen. Ich habe dich vermisst.“ Sajala zog sich innerlich etwas zurück. Solche Sympathiebekundungen waren ihr nicht geheuer. „Ich freue mich auch“ sagte sie kühler als es eigentlich ihre Absicht war. „Wir haben ja lange nicht mehr geredet. Ich war ziemlich beschäftigt. Was gibt es denn bei dir Neues?“ „Ich bin rundum zufrieden. Wenige Wochen nach unserem letzten Treffen habe ich einen neuen Job angetreten. Die Tätigkeit ist wirklich herausfordernd und hochinteressant. Ich bin jetzt als Sicherheitsberater bei Blooms angestellt. Ich bin richtig glücklich und die Arbeit macht wirklich Spaß.“ Offenbar füllte sein neuer Job ihn aus und hatte ihm seine frühere Selbstsicherheit zurückgegeben. „Herzlichen Glückwunsch, das freut mich für dich. Blooms ist doch der Konzern, der überall Sicherheitskonzepte erstellt, prüft und zertifiziert. Ich kenne ihn. Wir arbeiten manchmal mit denen sogar zusammen. Vielleicht sollten wir das noch feiern – lieber spät als gar nicht.“

Sajala war froh, dass er das Gespräch eröffnet hatte. Sie dachte noch darüber nach, was sie ihm eigentlich über ihr Hobby offenbaren wollte. Sie war noch nicht ganz dazu entschlossen, ihre Vorsicht fallen zu lassen. Sie blickte auf seinen nackten linken Unterarm und fand die Stelle, an der das Implantat fast unsichtbar unter der Haut steckte. Ein unbestimmtes Unbehagen erfasste sie wieder. Wie konnte sie sicher sein, dass dieses System wirklich nur Körperfunktionen überwachte? Andererseits hatte sie sich davon überzeugt, dass darin keinerlei Vorrichtungen existierten, die ein Gespräch oder gar eine Szene aufzeichnen und übertragen konnten. Sie hatte solche Chips schon in der Hand gehalten und aus reiner Neugierde untersucht. Da gab es einfach keine winzigen Mikrofone oder Kameras, nur Sensoren, die auf Druck und Temperatur reagierten, auf chemische Bestandteile. Daneben konnten sie die genaue Position des Trägers ermitteln und sich bei Bedarf mit einem Hilfesystem in Verbindung setzen. Ihre Energie bezogen sie einfach aus der Temperaturdifferenz zwischen Unter- und Oberhaut. Andere Implantate hatte sie an ihm noch nicht bemerkt.

Elmers Ausführungen interessierten sie wirklich. Er schien sehr zufrieden mit seiner Situation. Sajala stellte einige Fragen nach Projekten, an denen er derzeit arbeitete, zu denen er sich aber nur zurückhaltend äußerte. Er meinte schließlich, nun genug von sich erzählt zu haben. „Was macht denn dein Kunstobjekt? Bist du schon weitergekommen damit?“ Schließlich war dies das beherrschende Thema ihres letzten Treffens gewesen. Das erleichterte Sajala die Entscheidung. „Ich muss dir etwas gestehen. In den letzten Wochen habe ich tatsächlich daran gearbeitet, manchmal ganze Nächte durch. Daran bist eigentlich du schuld.“ „Das tut mir leid. Womit habe ich dir denn den Schlaf geraubt?“ „Du bist nicht direkt schuld daran.“ „Schade, ich liebe es, schönen Frauen den Schlaf zu rauben.“ Sajala errötete und Elmer registrierte diese Tatsache. „Lass den Unsinn.“ Eigentlich ärgerte sie sich nur über sich selbst, darüber, dass sie sich nicht unter Kontrolle hatte. „Die Datenschnipsel habe ich bei meiner Arbeit gesammelt. Ich mache das schon seit Jahren. Interessant ist, dass ich die bis jetzt ausnahmslos in allen von mir untersuchten Systemen gefunden habe. Ich ziehe die dann jedes mal ab und füge sie in meine Sammlung ein. Mit jedem Auftrag wächst die somit beträchtlich an. Eigentlich ist nichts Unrechtmäßiges dabei. Trotzdem sollte das nicht bekannt werden. Ich könnte in Schwierigkeiten kommen.“ „Ich werde nichts davon irgendjemandem jemals erzählen – heiliges Ehrenwort.“ versicherte Elmer. „Fällt dir an meiner Schilderung eigentlich irgendetwas auf?“ Elmer überlegte. Sajala gab ihm einige Minuten Zeit, in denen sie sich schweigend gegenüber saßen. Und dann dämmerte es ihm. Die Parallele zu dem Fall in seinem alten Unternehmen drängte sich förmlich auf: „Ach du liebe Zeit! Glaubst du, deine Schnipsel sind identisch mit den Code-Fragmenten, die mein Kollege damals ermittelt hat? Aber das ist unglaublich!“ „Genau das war die Spur, die mich die letzten Monate gefesselt hat. Deshalb habe ich mich so lange nicht gemeldet.“ „Und ich dachte schon, meine Erscheinung hätte dich abgeschreckt.“ „Du nimmst mich nicht ernst. Lass das! Zu guter Letzt hat sich mein Verdacht aber nicht bestätigt. Schließlich ist es mein Job, solche Attacken, für die ich das Ganze gehalten habe, aufzuklären und ich bin richtig gut darin. In dem Fall hat meine ganze Kunst nichts getaugt. Es gibt keinerlei erkennbare Regelmäßigkeiten oder irgendwelche Aktivitäten, die mit den Datenschnipseln in irgendeiner Beziehung stehen. Jetzt denke ich, dass ich mit meinen Vermutungen falsch lag und es sich, so wie ich immer angenommen hatte, tatsächlich nur um Datenmüll handelt.“

Elmer schwieg lange, bevor er vorsichtig abwägend seine Worte wählte. „Ich bin da nicht so sicher, ob du falsch gelegen hast. Du verfügst über eine starke Intuition und eine solche liegt nur selten weit neben der Wahrheit. Vielleicht hast du nur die falschen Verfahren für deine Analysen gewählt.“ „Ich weiß normalerweise, was ich tue. Und du kannst mir glauben, dass ich alle denkbaren Verfahren ausprobiert habe.“ Sajala wirkte fast gekränkt. „Entschuldige bitte, ich wollte dir nicht zu nahe treten. Aber es gibt sicher noch Methoden, die du normalerweise nicht wählst. Ich habe das zwingende Gefühl, dass der Zusammenhang existiert. Hast du schon einmal über den allgemeinen Sprachgebrauch nachgedacht? Interessanterweise beobachte ich immer wieder, dass er Zusammenhänge vorweg nimmt, die sich äußerst hartnäckig für lange Zeit einer wissenschaftlichen Untersuchung entziehen. Beispielsweise nennt man die unzähligen elektronischen Helfer einfach das System, obwohl es sich um sehr viele solcher Gerätschaften handelt, von mikroskopisch kleinen, die etwa mit dem Blut durch den Körper geschwemmt werden, bis hin zu tonnenschweren intelligenten Anlagen, die in Bunkern unter der Erde arbeiten oder in einer Umlaufbahn um den Planeten. Trotzdem scheint es sich in der Wahrnehmung um ein einziges System zu handeln, obwohl jedes einzelne dieser Geräte durch hohe kryptografische Hürden von anderen abgeschirmt ist und unabhängig arbeiten sollte. Irgendwie arbeiten sie letztlich doch zusammen, niemals wirklich gegeneinander. Konflikte, die ab und an berichtet werden, halte ich für maßlos aufgebauscht.“ Er hielt es durchaus nicht für ausgeschlossen, dass eine oder mehrere Gruppen dahinterstanden mit einem Interesse daran, die Unabhängigkeit der einzelnen Helferlein herauszustellen, obwohl sie diese längst gleichgeschaltet hatten. Vielleicht war auch hier der Sprachgebrauch ein Hinweis auf einen Sachverhalt, den man nicht ignorieren sollte.

An diesem Punkt sahen beide sich stumm an. Dann brach Sajala in verhaltenes Gelächter aus. „Weißt du, was ich gerade denke? Jetzt spinnen wir beide!“ Sie hatten sich offenbar in das Lager der Verschwörungstheoretiker begeben. Davon gab es nicht wenige. Die meisten Verdächtigungen waren einfach lächerlich und entbehrten jeder Grundlage. Und was sie beide da gerade ausspannen war sicherlich nicht weniger zum Lachen. Elmer lächelte nur und sagte nichts mehr dazu. Sobald er die Zeit fand, würde er selbst einmal etwas Detektivarbeit investieren. Jetzt war er wirklich interessiert.

Zu Hause dachte Sajala noch einige Zeit über Elmer nach. Sie fand ihn durchaus attraktiv und er erwiderte offenbar ihre Sympathie. Flüchtig dachte sie an Partnerschaft und Familie und verwarf den Gedanken. Er war zu jung für sie und sie selbst war für eigene Kinder fast schon zu alt, obwohl rein biologisch die Möglichkeit dazu sicher noch gegeben war. Es war durchaus ungewöhnlich, dass Frauen mit ihrer Ausbildung in ihrem Alter noch kinderlos waren. Unternehmen wie das TISS förderten die Familiengründung nach Kräften, stellten Mitarbeiter für Jahre frei, ermöglichten die Arbeit vollständig von zu Hause aus und sorgten rundum für Betreuung und Ausbildung der Kinder. Warum sie das taten, war Sajala durchaus nicht klar. Langfristig war dieses Verhalten im Sinne einer Nachwuchsförderung sicher zu rechtfertigen. Unternehmen hatten aber meist viel kurzfristigere Ziele und Probleme zu lösen und solch teure soziale Programme konkurrierten dann um knappe Ressourcen. Gesetze oder Verordnungen von staatlicher Seite, die so etwas erzwungen hätten, waren Sajala nicht bekannt. All das schien auf freiwilliger Basis zu laufen.

Für einige Tage musste Sajala beruflich in die östlichen Randbezirke der Union reisen, um dort unter anderem ihre Beiträge zu einer wissenschaftlichen Konferenz einzubringen. Sie brach frühmorgens auf. Matar hatte die Reisevorbereitungen für sie getroffen, hatte die Fahrkabine gebucht, die vor der Haustüre wartete. Das Fortbewegungsmittel war zweckmäßig eingerichtet, bequem und mit vielen angenehmen Einrichtungen für eine längere Reise ausgestattet. Sajala konnte hier sowohl arbeiten, als auch schlafen, wenn sie das wollte. Das Kabinensystem begrüßte sie herzlich, wünschte ein gute Reise und fragte nach ihren Wünschen. Da sie gerade erst gefrühstückt hatte, beließ sie es bei einem Fruchtcocktail und bat um eine Auswahl an lokalen Nachrichten und das Wetter an ihrem Zielort. Später stellte sie sich aus den angebotenen Zutaten ein leichtes Mittagessen zusammen und trank dazu ein Glas Wein. Das System bot ihr verschiedene Sorten Cannabis an, die sie dankend ablehnte. Sie mochte weder den Geruch noch die besondere Wirkung der Droge. In den folgenden Stunden glitten herbstliche Landschaften, Städte, Wälder, Seen, wenige Industrieanlagen in atemberaubendem Tempo an den Panoramafenstern vorbei. Manchmal sah sie flüchtig einen der großen Landschaftspfleger, Roboter, die Gras schnitten genauso wie Bäume, Sträucher, Hecken und für Sauberkeit sorgten. Sie passten sich nahtlos in fast jedes Landschaftsbild ein, veränderten ihre Farbe und in Grenzen sogar ihre Form, und waren trotz ihrer Größe leicht zu übersehen. Zu spüren von der Fahrt war wenig. Nur gelegentliche Beschleunigungen nahm sie wahr, bei Veränderungen der Geschwindigkeit und wenn sich das Gefährt sanft in eine Kurve legte. Hin und wieder kam ihr eine Kabine entgegen. Sie huschte auf der nicht allzu breiten Fahrbahn so schnell vorbei, dass sie von den Insassen nichts erkennen konnte, obwohl sie bis auf Armlänge herankam. Die Druckwelle musste erheblich sein, wurde aber von der vorausschauenden Elektronik perfekt kompensiert, so dass sie keinerlei Erschütterung verspürte. Vor und hinter ihr war niemand auf Sichtweite in ihrer Richtung unterwegs.

Vor einer der wenigen Service-Stationen griff sie in die automatische Steuerung ein, um eine Pause einzulegen und sich die Füße zu vertreten. Die manuelle Übernahme der Fahrfunktionen war durchaus möglich, wenn auch unüblich. Eine einfache Anweisung an das Kabinensystem hätte vollkommen genügt. Sajala brauchte nach einigen Stunden Fahrt einfach eine Ablenkung und etwas Bewegung. Obwohl sie nicht hungrig war, suchte Sajala den Restaurantbereich auf, wo sie an einem der Stehtische ein Glas Wasser trank. Interessiert beobachtete sie die wenigen anderen Gäste und fragte sich, ob der eine oder andere wohl das gleiche Ziel hatte wie sie. Sie versuchte dabei abzuschätzen, mit wem sie es zu tun hatte, nahm aber keinerlei Kontakt auf. Der kleine Wald hinter der Station lud schließlich zu einem Spaziergang ein. Das Laub hatte sich herbstlich gefärbt. Gelbe und rote Töne gewannen allmählich die Oberhand über das Grün der Eichen, Buchen und Lärchen. Bevor sie losging, holte sie noch einen wärmenden Umhang aus ihrer Kabine. Die Sonne stand hoch am Himmel bei lockeren Wolken. Trotzdem war es recht kühl.

Am Abend setzte die Fahrkabine Sajala sicher im Eingangsbereich einer bewachten Hotelanlage ab, regelte die Formalitäten, übergab ihr dann die Daten für das gebuchte Zimmer. Ein Aufzug brachte sie in eine der oberen Etagen. Im Gang schon wurde sie von ihrem Zimmer identifiziert. „Guten Abend Frau Dr. Mukherjee, ich heiße sie willkommen. Bitte treten sie ein und genießen sie meine Gastfreundschaft.“ „Danke, das werde ich sicher tun. Nenne mich bitte Sajala.“ Sie musterte kurz die Einrichtung: Das breite Bett, die Schränke machten einen soliden Eindruck, das Bad war sauber und zweckmäßig. Vom Schreibtisch aus bot sich ihr ein atemberaubender Blick über die Außenbezirke. Sie würde sich sicher wohlfühlen, soweit das in einer fremden Umgebung möglich war. Sie überlegte, ob sie Matar die Kontrolle dieses Zimmers übertragen sollte, verwarf den Gedanken aber. Etwas Abwechslung würde ihr auch in dieser Hinsicht gut tun und Matar musste schließlich nicht alles wissen.

Sajala konnte sich nie an die Wachen gewöhnen, die um die Hotelanlage patrouillierten. Die Randbezirke waren nicht ganz sicher. Immer wieder einmal gab es Überfälle auf die Befestigungsanlagen und einigen Angreifern gelang es manchmal sogar, auf das Gebiet der Union vorzudringen. Sajala wusste so gut wie nichts über die Menschen auf der anderen Seite. Sie vermutete, dass sie in sehr einfachen Verhältnissen lebten und täglich um ihr Überleben kämpften. In den Medien wurde nur äußerst selten darüber berichtet. Sajala hatte gehört, dass die Union dort Ausbildungscamps betrieb, eine Art Kaderschmiede für Führungsnachwuchs. Die Besten erhielten jeweils eine Eintrittskarte. Sajala stellte sich vor, dass die Union die Außenbezirke als genetisches Reservoir ansah und deshalb eine rigorose Selektion auf Leben und Tod unterstützte. Sie selbst und jeder, den sie kannte, würde vermutlich dort drüben nicht lange überleben können. Aber diese Vorstellung konnte auch grundfalsch sein.

Sie beschloss, die Lande jenseits der Grenzbefestigung von ihrem hohen Aussichtspunkt etwas näher zu betrachten. Aus ihrem Gepäck kramte sie jetzt ein handliches Fernglas hervor, dass sie eigens zu diesem Zweck mitgebracht hatte. Es verblüffte Sajala immer noch, wie nah man weit entfernte Objekte damit optisch heranholen konnte. Trotz der enormen Vergrößerung zitterte das stereoskopische Bild nicht im Mindesten. Die vermeintliche Wildnis zeigte durchaus Spuren ihrer Besiedlung. Es schien befestigte Straßen zu geben, auf den sehr alt anmutende, von Menschen gesteuerte Gefährte unterwegs waren. Sie sah Ansiedlungen, Gebäude aus Stein, Schornsteine, Hallen. An vielen Stellen stieg Rauch in den Abendhimmel, dazwischen immer wieder dichter Wald, unterbrochen von ausgedehnten Lichtungen, Flussläufen. Gut erkennbar ragten dutzende Ruinen in den Himmel, die wohl einmal zur Energiegewinnung gedient hatten. Wenige hatten noch ein oder zwei Rotorblätter. Andere muteten eher wie gigantische, korrodierte Zahnstocher an. Sajala nahm in der näheren Umgebung keine Anzeichen einer industriellen Landwirtschaft wahr. Erst am Horizont und darüber hinaus schienen sich weite waldfreie Ebenen zu erstrecken, über die die Dämmerung schon hereingebrochen war. Eigentlich sah das alles nicht vollkommen unzivilisiert aus, vielleicht so wie die Welt vor zweihundert Jahren gewesen war. Sie konnte sich nur schwer vorstellen, dass dort drüben nur Gewalt, gnadenlose Auslese, und Tod herrschen sollten. Was sie sah, machte in der Abendstimmung einen durchaus friedlichen und ordentlichen Eindruck.

Zum Abendessen suchte sie den Restaurantbereich auf in der Erwartung, erste Kontakte mit anderen Dozenten und Teilnehmern zu knüpfen. An einem der Tische saßen ein Dutzend Männer und Frauen unterschiedlichen Alters vor ihren Getränken in lebhafte Diskussion vertieft. Zwei der Männer glaubte sie bereits im Restaurant der Service-Station gesehen zu haben. Sajala trat hinzu, hörte kurz in die laufenden Gespräche bis sie sicher war, dass es mit der Konferenz zu tun hatte, und fragte, ob sie sich dazusetzen dürfe. Sie stellte sich vor, eine der Frauen zeigte auf einen freien Platz und bat sie, sich zu setzen. Sajala betrachtete kurz die Speisenkarte, stellte mit schnellen Gesten ein Menü zusammen, wählte einen Rotwein und autorisierte die Bestellung. Die laufenden Gespräche drehten sich um das Für und Wider verschiedener Authentifizierungsverfahren. Für Sajala waren das Scheingefechte, da sie die Frage als geklärt ansah. Biometrie war längst etabliert und reichte für alle gängigen Anforderungen aus. Der gesamte Körper einer Person mit all seinen äußeren Merkmalen, der Dynamik seiner Bewegungen und der Stimmlage wurde in die Erkennung einbezogen. Eine Fälschung all dieser Faktoren war so gut wie ausgeschlossen. Die meisten Systeme stellten im Zweifel darüber hinaus eine oder mehrere zufällig ausgewählte Fragen an den Eintretenden, auf die eine angemessene Antwort zu geben war. Damit wurde verhindert, dass der Zugang in einen Sicherheitsbereich mithilfe einer noch so raffinierten Aufzeichnung erschlichen werden konnte. Auch umgekehrt gab es nur sehr selten Probleme, die darin bestanden, dass ein Mensch nach vielen Jahren oder nach einem entstellenden Unfall nicht mehr sicher erkannt wurde. Das war für den Betroffenen sicher ärgerlich und zeitraubend – mehr aber auch nicht. Für Sajala war das alles selbstverständlich. Weshalb sollte man noch über Alternativen sprechen?

Als das Gespräch stockte, erkundigte Sajala sich bei ihrer Nachbarin nach deren Fachgebiet in der Absicht, das Thema zu wechseln. Die junge Frau hatte sich, genau wie sie, kaum an der laufenden Diskussion beteiligt. Auch sonst schien sie sich nicht recht wohl zu fühlen, wirkte unsicher und ungewöhnlich zurückhaltend. Aus einem unbestimmten Grund weckte sie Sajalas Interesse. Um das Eis zu brechen, erzählte sie etwas über sich, ihr Forschungsgebiet, ihre Interessen. Die Frau hieß Valerie DeClerque, hatte gerade erst ihre Promotion abgeschlossen und würde am nächsten Tag einen Vortrag zum Thema ihrer Dissertation halten. Sie hatte sich in den letzten Jahren mit der Entwicklungsgeschichte der Systeme befasst und eine detaillierte Genealogie der wichtigsten Programm-Module erarbeitet, die etwa die vergangenen zweihundert Jahre umfasste. Sajala war ehrlich verblüfft. Ein solches Thema für eine Dissertation erschien ihr doch sehr trivial. Wie konnte eine Abstammungslehre der Systeme relevant für einen wissenschaftlichen Diskurs sein? Das war absurd. Trotzdem versprach sie, den Vortrag am nächsten Tag zu besuchen.

Bevor sie zu Bett ging, informierte sie sich noch über die letzten Nachrichten. Das TISS hatte einen neuen Leiter bekommen, ein Erdbeben hatte ein Bergwerk zerstört, die Geburtenrate in der Union war leicht gestiegen, genauso wie die Sterberate der über Siebzigjährigen, und die bekannten Lagerstätten für Öl würden den Bedarf weitere fünfhundert Jahre decken können. Unglaublich, dachte Sajala, dass der kostbare Rohstoff noch vor hundert Jahren überwiegend einfach verbrannt wurde zur Energiegewinnung, für Heizung und für die Fortbewegung. Man hatte ihm damals nur noch weitere hundert Jahre eingeräumt und dramatische Folgen für die Weltwirtschaft prognostiziert. Es war offenbar wieder einmal anders gekommen. Heutzutage wurde Erdöl nahezu ausschließlich als Grundstoff für die chemische Industrie genutzt, Erdgas vor allem für den Antrieb mobiler Maschinen und Fahrzeuge. Stationäre Anlagen waren alle, soweit sie wusste, elektrisch betrieben. An elektrischer Energie bestand keinerlei Mangel und war für den durchaus großzügig bemessenen privaten Grundbedarf kostenlos. Darüber hinaus konnte es allerdings teuer werden. Die Brennstoffe zu ihrer Erzeugung reichten sicher noch für einige tausend Jahre. Die Technologie war nicht ungefährlich und wegen einiger Nebenwirkungen problematisch, dafür aber für eine langfristig sichere Versorgung derzeit alternativlos. Bei der herausragenden Bedeutung all der elektronischen Systeme für das Funktionieren der Gesellschaft war die ständige Verfügbarkeit dieser Energieart unabdingbar. Selbst kurze Ausfälle waren absolut inakzeptabel und konnten gravierende Auswirkungen auf alle Lebensbereiche haben. Die Versorgung mit elektrischer Energie war deshalb selbst im privaten Bereich mehrfach abgesichert.

Dr. DeClerque sprach am nächsten Morgen vor dünn besetzten Rängen. Der Hörsaal fasste bis zu zweihundertfünfzig Zuhörer. Von den Plätzen waren nur gut dreißig besetzt. Das Thema des Vortrags hatte offenbar bei anderen so wenig Interesse geweckt wie bei Sajala. Der Vortrag klassifizierte zunächst Programmcode, Codefragmente, Programmarchitekturen und Programmierstile, die in vielen Jahrzehnten entstanden waren und sich immer noch in den Quellcodes finden ließen. Wo letztere nicht vorhanden waren, ließen sich die historischen Spuren fast ebenso sicher in den binären Ausführungsmodulen nachweisen, die in den kleinsten Systemen bis hin in die großen Computersysteme ihre Arbeit verrichteten. Sajala erinnerten die Ausführungen der jungen Wissenschaftlerin über weite Strecken an die Evolutionsgeschichte biologischer Systeme, die durch Analysen des Erbguts inzwischen als weitestgehend geklärt galten. Die Parallelen waren überaus auffällig. Wie in der Biologie gab es nicht nur baumartige Vererbungsstrukturen, die sich mehr oder weniger eindeutig bis zu einer Verzweigung zurückverfolgen ließen. Es gab Spuren, die auf Querverbindungen hindeuteten. In der Biologie wurden dafür unter anderem Viren verantwortlich gemacht, die in der Lage waren, fremdes Erbgut aufzunehmen und zu transportieren. Im Vortrag spielten andere Faktoren eine dominante Rolle. Vor allem der informelle Ideenaustausch zwischen Programmierern und Firmen hatte für Gemeinsamkeiten quer durch die ehemals grundverschiedenen Programmarchitekturen gesorgt, die aus der baumartigen Entwicklungsgeschichte heraus nicht zu begründen waren. Dr. DeClerque erwähnte Namen ehemals marktbeherrschender Unternehmen und einflussreicher Programmierer, die längst in Vergessenheit geraten waren und trotzdem die Gegenwart im Verborgenen offenbar noch immer prägten. Es musste eine Sisyphus-Arbeit gewesen sein, das alles zusammen zu tragen. Sajala war beeindruckt. Das Thema gab durchaus etwas her. Plötzlich kam ihr in den Sinn, dass die Spuren dieser Genealogie sicher nicht nur in den ausführbaren Codes erkennbar waren. Programme erzeugten Daten und in diesen Daten müsste sich dann eigentlich auch eine Art genetischer Fingerabdruck identifizieren lassen. Im Vortrag wurde nichts dergleichen erwähnt. Sie würde die Referentin bei passender Gelegenheit noch auf ihren Gedankengang ansprechen. Vielleicht ließen sich ja die geschilderten Methoden auch auf die Datenschnipsel in ihrem Kunstwerk anwenden. Sie war schon sehr neugierig darauf, mehr zu erfahren über deren Herkunft.

Die Gelegenheit ergab sich nach dem Abendessen. Sajala lud Valerie DeClerque auf ein Getränk an die Bar ein. Sie nahmen in einer gemütlichen Sitzecke Platz, wo sie relativ ungestört waren. „Ehrlich gesagt, konnte ich deinem Thema zuerst nichts abgewinnen. Ohne dich zu kennen hätte ich meine Zeit sicher anderweitig verplant. Jetzt bin ich allerdings froh, dass es anders gekommen ist. Ich fand deinen Vortrag spannend und deine Ausführungen haben mich von Anfang an mitgerissen“ „Das freut mich. Wahrscheinlich haben viele so gedacht wie du. Der Andrang war ja nicht gerade überwältigend.“ Beide kamen sich nach dem ersten Glas Wein schnell näher. Valerie erzählte lebhaft, wie sie zu ihrem Spezialgebiet gekommen war. Die Idee war geboren bei einem Umtrunk anlässlich ihres erfolgreich bestandenen Examens. Ein Kommilitone hatte eher scherzhaft bemerkt, dass viele der omnipräsenten Systeme richtige Dinosaurier seien. Irgendwie kam dann die Sprache auf die Evolution im Allgemeinen und auf Stammbäume der Tiere und Genealogie und dass man so etwas auch für Computersysteme einmal aufstellen sollte. Damit war die Idee geboren. Wenige Tage später unterbreitete sie ihrem Doktorvater den Themenvorschlag. Ihr Professor fand den Gedanken so originell, dass er nach kurzem Nachdenken zustimmte und ihr freie Hand darin ließ, die Arbeit zu organisieren und die genauen Inhalte im Laufe der Zeit noch festzulegen.

Es handelte sich um eine echte Grundlagenforschung. Hilfe und Arbeiten, auf die sie hätte zurückgreifen können, gab es kaum. Ihr Professor öffnete ihr Bibliotheken mit Millionen von Quellcodes unterschiedlichster Programm-Module. Das war nur eine Ausgangsbasis. Je weiter ihre Analysen gediehen, desto mehr zeigte sich, dass die Information bei weitem nicht weit genug in die Vergangenheit reichten. Für alte Programme existierten schlicht keine Quellen mehr. Ihr Doktorvater hatte bei zuständigen Behörden mit Engelszungen geredet und ihr schließlich auch die Zugangsberechtigung für die sicherheitskritischen binären Modulbibliotheken verschafft. Dazu musste sie unzählige Vertraulichkeitserklärungen und Geheimhaltungsvereinbarungen unterzeichnen und konnte so ihre Untersuchungen über mehr als hundert Jahre in die Vergangenheit ausdehnen. Das Ergebnis las sich streckenweise wie die Genealogie mittelalterlicher Herrscherhäuser. Eine überschaubare Anzahl Stammväter hatten sich immer weiter verzweigt und Zweige waren ihrerseits immer wieder untereinander verschmolzen. In dem ganzen Wirrwarr hatte Valerie eine Systematik gefunden und beschreiben können.

Für diese Art der Forschung hätte Valerie vermutlich jede erdenkliche Freiheit in Anspruch nehmen können. Die Grundlagenforschung war in ausgezeichneter Verfassung. Das lag vor allem daran, dass in diesen Bereichen keine festen Ziele vorgegeben wurden. Fähige, kreative Köpfe konnten ihr Auskommen mit einfachen Arbeiten bestreiten. Pförtner, Leuchtturmwärter, Landschaftsgärtner und Schafhirten – eigentlich heutzutage überflüssige Berufe – rekrutierten sich auch aus dieser Gruppe. Es bestand damit kein Zeitdruck und keinerlei Zwang, im Vorhinein bestimmte Ergebnisse zu erzielen. Bei Bedarf erhielten solche Leute nach Anmeldung ihres Vorhabens uneingeschränkten Zugang zu Forschungseinrichtungen, die sie, wenn auch unter Aufsicht, frei nutzen konnten. Selbst jahrelang keine Erfolge vorzuweisen war kein ernstliches Problem für den Betreffenden. Dann beendete auch schon einmal ein zunächst vielversprechender Wissenschaftler seine Laufbahn tatsächlich als Schafhirte. Das System war überraschend effizient.

Schließlich stellte Sajala die Frage, die ihr die ganze Zeit über auf der Zunge gelegen hatte. „Ich würde noch einmal gerne auf deinen Vortrag zurückkommen. Das Thema hat mich auch deswegen fasziniert, weil ich mir derzeit Fragen stelle, die damit zu tun haben. Ich beschäftige mich seit geraumer Zeit mit Datenstrukturen, die ich nicht begreife. Ich müsste unbedingt verstehen, welchen Ursprung die haben, wie und wodurch sie entstanden sind. Glaubst du, deine Verfahren ließen sich auch auf Datenpakete anwenden um das herauszufinden?“ „Hm, ganz so einfach wäre es wohl nicht. Die Methodiken ließen sich sicher dazu abwandeln. Aber ich habe keinerlei Datenbasis, um aus einer Analyse irgendwelche belastbaren Schlussfolgerungen zu ziehen.“ Sajala sah darin eine gewisse Hoffnung. „Daten sind doch so etwas wie der Fingerabdruck des Programms, das sie erzeugt hat. Oder liege ich damit so falsch?“ „Im Gegenteil, du siehst das vollkommen richtig. Ich kann nur aus jetziger Sicht nicht beurteilen, ob dieser Abdruck eindeutig sein kann oder viel zu viele Urheber zulässt. Wie kommst du denn eigentlich auf die Frage?“ Sajala hielt es für ungefährlich, ihrer Kollegin mehr über ihr Kunstwerk zu erzählen. „Eigentlich ist es nur ein Hobby. Früher habe ich einmal alle möglichen kleinen Tiere gesammelt. Heute sind es kleine Datenstrukturen, die ich interessant finde, so wie andere vielleicht Steine oder Pflanzen zusammentragen. Es mag sich seltsam anhören. Was sollte schon an elektronischen Bitmustern aufregend sein.“ „Genau die Frage ging mir gerade durch den Kopf.“ schob Valerie schmunzelnd ein. Sajala fuhr fort. „Aufregend ist in der Tat das Ergebnis, das sich in einer besonderen Präsentation meiner Sammlung offenbart. Vielleicht ergibt sich einmal eine Gelegenheit, dir dieses Kunstwerk zu zeigen. Nicht nur ich bin fasziniert von den Farben, der Tiefe der Strukturen, die Ordnung und Chaos zur gleichen Zeit eng beieinander enthalten. Man kann sich inzwischen stunden- und tagelang darin verlieren, ohne dass es langweilig wird. Es ist eine Reise durch alle Skalen, auf denen sich Strukturen vielleicht ähneln, aber niemals gleich sind. Keine dieser Entdeckungsreisen im wahrsten Sinne des Wortes ist wie die andere.“ Auch wenn die Kollegin noch nicht genau verstand, wovon Sajala da erzählte, wirkte ihre Begeisterung ansteckend. „Ich komme sicher einmal auf dein Angebot zurück. Im Grunde teile ich deine Ansicht, dass die Strukturen vermutlich auf eine Systematik zurückgehen, die mit den Programmen in Beziehung stehen, die diese Daten erzeugt haben. Ich habe bisher vielleicht schon das eine oder andere Mal an so etwas gedacht, aber noch niemals den Gedanken weiterverfolgt. Ich denke, es könnte interessant sein. Wann kann ich deine Sammlung denn ansehen und untersuchen?“

Schon am nächsten Tag nahm Valerie sich einige Stunden Zeit für eine erste Analyse. Sie erbrachte erwartungsgemäß kein greifbares Ergebnis. Ohne ein umfassendes theoretisches Gerüst wäre es naiv gewesen, etwas anderes zu erwarten. Nachdem ihr Interesse geweckt war, versprach sie Sajala, nach der Rückkehr in ihr Institut mehr Zeit in die Fragestellung zu investieren.

Für die restlichen Tage verabredeten sich Valerie und Sajala jeden Abend zum gemeinsamen Essen und Plaudern. Valerie erzählte viel von ihren Untersuchungen und der Zeitreise in zweihundert Jahre Vergangenheit, die sie damit unternommen hatte. Sajala war fasziniert. Sogar in die Außenbezirke hatten sie ihre Forschungen geführt. Über Sajalas Vermutung, dass dort unzivilisierte Wilde lebten und nur Gewalt herrschte, konnte Valerie nur lachen. „Wie kommst du denn auf so eine Idee? Mag sein, dass es auch solche Gebiete auf der Welt gibt – das halte ich sogar für wahrscheinlich. Aber die findest du sicher nicht an den Rändern der Union. Die Gebiete, die ich kennengelernt habe, sind durchaus zivilisiert. Die Menschen dort könnten durchaus auch in der Union leben. Sie sind im Allgemeinen wenig gebildet, aber intelligent, vielleicht im Durchschnitt sogar intelligenter als die Menschen, die du kennst. Es gibt einfache Industrien, Rohstoffgewinnung, Manufakturen, Handwerksbetriebe. Nur elektronische Geräte wirst du kaum finden. Auf den ersten Blick ist es so, als sei das Rad der Zeit vor hundert Jahren stehen geblieben und dann langsam um weitere hundert Jahre zurückgedreht worden. Die Lebensverhältnisse sind in keiner Weise vergleichbar mit denen hier. Aber unzivilisiert ist sicher das falsche Wort. In gewissem Sinne ist es eine Welt der Pioniere, die Vieles neu erfinden mussten, was im Laufe der Zeit dort verloren gegangen ist.“ „Entschuldige bitte meine naive Vorstellung. Ich habe mich nie ernstlich für das Leben dort interessiert und man erfährt doch recht wenig.“ Sajala waren ihre realitätsfernen Vermutungen jetzt peinlich. „Da hast du sicher Recht. Mach dir nichts draus, das geht vielen so. Übrigens lagst du richtig damit, dass die Union dort Leute rekrutiert. Dabei handelt es sich nach meinem Eindruck aber nicht nur um Führungskräfte mit starkem Willen und harten Ellenbogen. Auch einige unserer Wissenschaftler stammen aus der Außenwelt. Ich habe mit mehreren dieser Männer und Frauen zusammengearbeitet. Sicher wärst auch du fasziniert von deren Andersartigkeit. Jeder dieser Leute hat sich sein Forschungsgebiet von Grund auf erarbeitet, die meisten vollkommen autodidaktisch, wenige mit Anleitung. Wissenschaftler der Union haben üblicherweise eine umfassende theoretische Ausbildung, so wie du und ich. Wir beherrschen ausgefeilte Modelle, mit denen wir virtuos arbeiten. Nur sollte jedem von uns klar sein, dass jedes Modell letztlich nur ein vereinfachtes Abbild der Wirklichkeit ist. Hast du schon einmal darüber nachgedacht, dass uns das zwangsläufig blind macht für alle Realitäten, die darin nicht vorkommen?“ Sajala befiel ein mulmiges Gefühl bei dem Gedanken, bestimmte Sachverhalte prinzipiell nicht wahrnehmen zu können. Valerie fuhr fort. „Nicht so die Wissenschaftler aus den Außenbezirken. Sie sehen Modelle und Theorien als das, was sie sind: Wirksame Instrumente um bei Forschungsvorhaben schnell voranzukommen, so wie man aus einem Fahrzeug heraus sehr schnell sehr viel Landschaft erkunden kann. Wenn man aber genau verstehen will, was man vor sich hat, muss man zu Fuß gehen, stehen bleiben, sich bücken, im Dreck wühlen und sich die Finger schmutzig machen. Viele in der Union geborene, geniale Modelle mit filigraner Mathematik sind schon dieser anderen Sichtweise der Außenweltler zum Opfer gefallen, obwohl sie in sich absolut schlüssig waren und mit einer außerordentlichen Eleganz und mathematischer Schönheit aufwarteten. Aber sie passten einfach nicht zu einigen subtil verborgenen Details.“

Interessant waren diese Vorgänge aus soziologischer Sicht. Aus einem unbekannten Grund sprang der äußerst subtile Widerspruch Sajala förmlich an. Man hätte erwarten können, dass die etablierte Wissenschaft hartnäckig an falschen, aber schönen Modellen festhielt, andere Meinungen und Fakten einfach ignorierte. Dafür sorgten sonst die zutiefst menschlichen Eigenschaften wie persönliche Eitelkeit, das Streben nach Macht und Einfluss, Recht zu behalten um jeden Preis, um die eigene gesellschaftliche Position abzusichern. Wie konnte es dann sein, dass Außenseiter immer wieder einmal das Lebenswerk eines alteingesessenen Insiders in Frage stellen oder tatsächlich innerhalb kurzer Zeit zerstören konnten? Es schien, als gebe es eine unangreifbare Instanz, die solche Entscheidungen emotionslos nach Faktenlage traf und durchsetzte. Sajala konnte sich nicht vorstellen, was das sein sollte. Eine einzelne Person konnte unmöglich eine solche Macht und Einsichtsfähigkeit besitzen. War hier eine Gruppe genialer Wissenschaftler im Verborgenen am Werk? Und warum sollten sie sich denn überhaupt verborgen halten? Einen Grund dazu konnte Sajala nicht finden. Aber das war jetzt nicht so wichtig. Fasziniert lauschte sie weiter Valeries Erzählungen.

In die Außenbezirke zu reisen, war nicht üblich und wurde nicht unbedingt gerne gesehen. Es war aber durchaus nicht verboten, die Grenze in diese Richtung zu überschreiten und wieder zurückzukommen. Es geschah einfach auf eigenes Risiko und jeder, der den Übertritt wagte, war auf sich gestellt. Hilfe aus der Union gab es auch im Notfall nicht. Nahezu unüberwindbar waren die Anlagen nur für unerwünschte Besucher von außen. Wem es trotzdem gelang, der wurde aufgelesen, und sofort sehr weit entfernt in der Wildnis ausgesetzt, oft tausend Kilometer vom Ort des Aufgriffs entfernt. Das schreckte Nachahmer wirksam ab, da eine Rückkehr zur eigenen Sippe nicht immer gelang. Viele starben bevor sie die Heimat wieder erreichten.

Valerie war vor einigen Jahren einmal mit einem der Außenweltler zusammen für einige Tage dorthin gereist, nicht in die Bereiche, die von der Hotelanlage aus einsehbar waren, sondern die auf der anderen Seite der Union. Es hatte sich für sie angefühlt, als sei sie auf einem anderen Planeten angekommen. Alles war anders, als sie es gewohnt war. Die Luft roch anders, die Geräusche erschienen fremd, genauso wie die Farben der Pflanzen, des Himmels und der Erde. Ihr Begleiter hatte gesagt, sie würden vor dem Dunkelwerden seine Sippe erreichen und dort Unterschlupf und Essen bekommen. Er selbst hatte einige Utensilien in seinem Rucksack verstaut, die hier offenbar von besonderem Wert waren. Sich nachts im Freien aufzuhalten war nicht ratsam, da dann auch größere Raubtiere die Wälder durchstreiften. Und sie hatten Glück. Ein uralter Lastkraftwagen näherte sich mit einigem Getöse von hinten und hielt auf einen Wink ihres Begleiters hin an. Er unterhielt sich in einer archaisch anmutenden, hart klingenden Sprache mit der Fahrerin. Einzelne Worte glaubte Valerie zu verstehen, der Zusammenhang ergab sich aus der Körpersprache der beiden. Sie durften einsteigen und kamen so bereits am frühen Nachmittag in der Siedlung an.

Die Gegend war vollkommen flach, der Horizont weit, wo nicht Wälder ihn einschränkten. Der Ort bestand aus etwa hundert massiven, ein- und zweigeschossigen Häusern, umgeben von Holzpalisaden. Im Zentrum stand ein fast zweihundert Meter hoher Turm aus Stahl und Aluminium. Valerie glaubte ganz oben in schwindelerregender Höhe eine Plattform zu sehen und darauf winzige Punkte, die sich hin und her bewegten. Offenbar diente er unter anderem als Wachturm. Auf einigen Dächern waren schwarze, rechteckige Platten montiert, die Valerie für Fotovoltaik-Paneelen hielt – auch das ein Anachronismus in dieser Umgebung. Wie sollten diese Leute so etwas herstellen können? Ein alte Frau führte sie beide in ein derartig ausgestattetes Haus. In einer Wohnküche fanden sich offenbar handgefertigte Tongefäße, Teppiche und rohe, selbstgefertigte Möbel. Ein Kaffeemaschine und ein elektrischer Wasserkocher wollten so gar nicht in dieses Ensemble passen. Auch der Heizkamin an der Wand und eine größere Anzahl verschließbarer Kunststoffgefäße schienen aus einer anderen Zeit zu stammen. Nachdem ihr Begleiter seinen Rucksack ausgeleert hatte, nahmen sie am Tisch Platz und aßen Brot mit Käse und Trockenfleisch, dazu ein trübes, aber wohlschmeckendes Bier.

Einen angrenzenden Raum durften sie für einige Nächte zum Schlafen nutzen. Valerie hatte ein Strohlager erwartet und wurde angenehm überrascht. Das Zimmer verfügte über zwei richtige Betten mit einem Gestell aus Edelstahl und einer zwar abgenutzten, aber noch recht festen Schaummatratze. An den Wänden hingen mehrere Langbogen, neben einer angerosteten, doppelläufigen Schrotflinte und einer technisch aufwändig aus Metall und Fiberglas gefertigten Armbrust, die fast wie neu wirkte. Diese Zusammenstellung von Dingen aus unterschiedlichen Zeitaltern war schon sehr seltsam. Valerie fragte ihren Begleiter, wovon denn diese Leute lebten. Zum einen gab es wohl eine funktionierende Landwirtschaft, die das Dorf gut ernährte. Die wichtigste Quelle ihres Wohlstands aber lag wenige Kilometer östlich in einer streng bewachten Grube, versteckt in dichtem Wald. Es handelte sich um eine ehemalige Mülldeponie, in die vor sehr langer Zeit alles mögliche einmal abgeladen worden war, was die Menschen damals nicht mehr brauchten. Nun war diese Halde ein Schatz und der wichtigste Rohstofflieferant. Der Abbau war nicht ungefährlich. Immer wieder kam es zu Verschüttungen, Verpuffungen oder gravierenden Vergiftungen mit weitreichenden gesundheitlichen Folgen. Aber es lohnte sich. Viele Materialien und Gegenstände waren hier in diesem Teil der Welt gar nicht mehr herstellbar und stellten so einen enormen Wert dar im Handel mit benachbarten Ortschaften und Sippen. Diese schier unerschöpfliche Quelle würde den Wohlstand des Ortes auf Jahrzehnte sichern. Und es brauchte gute Handwerker und ausgezeichnete Techniker mit ausgeprägtem Sinn für Improvisation, um so manches technische Gerät daraus funktionsfähig wieder herzurichten. Auch hier standen solche Leute daher in hohem Ansehen, vor allem dann, wenn sie auch noch in der Lage waren, alte Konstruktionszeichnungen und Fachbücher zu lesen.

Valerie erfuhr, dass Ruinen ganzer Städte existierten, in denen Gebäude aus Stahl, Glas und Beton aufragten. Die Gegend war ehemals dicht besiedelt gewesen. Die komplexe Infrastruktur war längst zusammengebrochen und konnte auch nicht wiederhergestellt werden. Solche Orte waren für Menschen nahezu unbewohnbar und wurden in diesem Teil der Welt zunehmend von Wäldern überwuchert. Für so manche Tiere und viele Vogelarten konnte es ein allerdings Paradies sein. Mörder, Diebe und andere Leute, die Grund hatten, sich zu verstecken, hielten sich dort auf. Wer dorthin floh, konnte für Jahre und Jahrzehnte unauffindbar untertauchen. Jede Verfolgung war dann so gefährlich wie aussichtslos.

Valerie berichtete, dass es außer den wenigen Menschen, die hin und wieder die Grenzanlagen überschritten, keinen regelmäßigen Austausch zwischen Union und Außenwelt gab, keine Form eines breit organisierten Handels. In der Tat galt das Prinzip der Nichteinmischung auch für hin und wieder bekannt gewordene Katastrophen, die hier tausende von Menschenleben gekostet hatten, Hungersnöte, Überschwemmungen, Erdbeben, Seuchen. Von der Union gab es dazu nur manchmal und nur für unmittelbare Nachbargebiete kurzfristige Nothilfen, die innerhalb weniger Wochen wieder zurückgefahren wurden. Valerie ahnte, dass das der tiefere Grund dafür war, dass diese Gesellschaft so funktionierte, wie sie es tat. Ein massives Eingreifen, auch gut gemeinte Hilfe, hätte das soziale Gefüge mittelfristig zerstört und aus einer selbstbewussten Bevölkerung unterwürfige Hilfsempfänger gemacht. Ihr Begleiter bestätigte diese Einschätzung und das war wohl auch der Grund dafür, dass ihr keinerlei Hass auf die Union entgegenschlug. Die Leute hier ahnten, dass diese Nichteinmischung existentiell wichtig für sie war.

Trotzdem bestand natürlich aufgrund des enormen Wohlstandsgefälles ein hoher Wanderungsdruck auf die Gebiete der Union, der nur dadurch in Schach gehalten wurde, dass so gut wie kein illegaler Übertritt erfolgreich war und ausgesetzte Rückkehrer normalerweise keinen zweiten Versuch unternahmen. Die Abschreckung der Union wirkte und auch dieses auf den ersten Blick unmenschliche Verhalten war im Grunde entscheidend für die soziale Stabilität der Außenwelt.

Sajala hörte den Erzählungen, die sich über mehrere Abende erstreckten, fasziniert zu. Die Außenwelt hatte sie immer nur mit Chaos, Gewalt, Tod in Verbindung gebracht. Was sie jetzt hörte, stellte dieses Bild auf den Kopf. Sie fragte sich wieder, wer denn eigentlich solche harten aber offensichtlich sachgerechten Entscheidungen traf. Gerade Menschen, denen es gut ging, würden im Angesicht fremden Leids immer ausgesprochen emotional reagieren und zu großzügigen Hilfsangeboten greifen. Der Gedanke, das gutgemeinte Hilfe oft mehr Schaden anrichtet als sie Nutzen bringt, und Existenzen vernichtet, statt sie zu schützen, erschien den meisten Wohltätern sicherlich absurd. Dass Medien solche Katastrophen nicht zu groß angelegten Spendenaufrufen nutzten, erschien Sajala genauso unlogisch und schon deshalb bemerkenswert.

„Ist dir eigentlich schon einmal in den Sinn gekommen, dass vieles von dem, über das wir in den letzten Tagen gesprochen haben, der menschlichen Natur zuwiderläuft?“ Sajala und Valerie verbrachten den letzten Abend der Konferenz gemeinsam bei einer Flasche Rotwein. „Was meinst du?“ „Na ja, du hast mir vieles berichtet über die Außenbezirke, ihr Verhältnis zu den entwickelten Gebieten wie der Union, über Hilfe und Abgrenzung. Vieles davon war mir neu, weil ich mich nie für diese Beziehungen interessiert habe. Weshalb nutzt die Union nicht die Ressourcen der Außenbezirke zu ihrem Vorteil aus? Es wäre doch ein Leichtes, die geschicktesten Menschen und wertvollsten Güter dort ständig abzuwerben. Die Leute würden gerne kommen und dankbar ihre schöpferische Kraft für unser Wohl einsetzen. Vermutlich würde das die Außenwelten allmählich ausbluten, aber es würde auch unseren Wohlstand zweifellos mehren. Das wäre doch naheliegend und in höchstem Maße nützlich. Aber nichts dergleichen geschieht. Wir alle haben doch gelernt, dass so etwas in früheren Jahrhunderten normal war. Glaubst du, die Menschen haben sich plötzlich geändert?“

Valerie hatte offenbar noch nie wirklich darüber nachgedacht. Zu sehr war sie auf ihre historischen Studien fixiert gewesen. Sajala erzählte nun mehr von ihren früheren Beobachtungen und Vermutungen. Vom Alkohol inzwischen beschwingt und in vertrauter Gesellschaft sponn sie zwanglos ihre Gedanken weiter. „Ich frage mich, wer diese Ordnung erdacht hat und sie konsequent umsetzt. Wer könnte die Macht dazu haben, die Kontrolle ausüben, sachlich richtige Entscheidungen durchsetzen, auch wenn sie hart und unmenschlich erscheinen?“

Dass eine Institution vollkommene Kontrolle anstrebte, war angesichts dessen, was sie erfahren hatte, eher unwahrscheinlich. In der Außenwelt war das ja offensichtlich gerade nicht das Ziel. Aber um Kontrolle in einer subtilen Form ging es sicherlich, eine Kontrolle, die Regelverstöße zuließ und großzügige Freiheiten gewährte. Das ergab einen gewissen Sinn. Strikte Kontrolle rief immer Widerstand hervor, der mit der Zeit zu Aufständen führte und jedes Herrschaftssystem irgendwann in Frage stellte. Eine Elite, die so etwas zustande brachte, musste rational bis zu Selbstverleugnung handeln. Diese Eliten mussten sich unangreifbar fühlen, um extrem rationale Entscheidungen emotionslos zu treffen und durchzusetzen. Persönliche Eitelkeiten durften dabei keine Rolle spielen. Welche Menschen sollten dazu fähig sein? Und weshalb sollten sie sich verstecken, anstatt offen als Führungsfiguren sichtbar zu sein?

Valerie hatte zunächst geschmunzelt über ihre wilden Vermutungen. Sie hielt das Ganze für Gespinste eines nicht mehr ganz klaren Verstandes. Aber sie widersprach mit keiner Silbe, hörte zu und wurde schließlich doch noch sehr nachdenklich. Am nächsten Morgen fuhren sie beide wieder nach Hause.

Am gleichen Abend schon rief Elmer bei Sajala an. Er hatte ihre Rückkehr kaum erwarten können und auch Sajala freute sich über den Anblick seiner Lachfalten und darüber, seine angenehm dunkle Stimme zu hören. Während der Konferenz hatte er sie nicht stören wollen. Am nächsten Tag trafen sie sich dann zum Mittagessen und zu einem Bummel im Park bei ihrem Institut.

Während ihrer Abwesenheit hatte Elmer die Abende genutzt, um einige Untersuchungen an Sajalas Datenschnipseln durchzuführen. Er hatte zunächst nichts Bemerkenswertes finden können. Doch dann war ihm eine Art Startcode aufgefallen, der sich in ähnlicher Weise in fast jedem Datenpäckchen finden ließ. „In deiner Sammlung steckt tatsächlich viel mehr, als man auf den ersten Blick erkennt. Verstehst du etwas von Symmetrien?“ „Du meinst, ein Spiegelbild, oder symmetrische Körper, eine Kugel etwa, ein Würfel, ein Quadrat oder ein gleichseitiges Dreieck.“ „Genau so etwas meine ich. Einen Würfel erkennst du doch immer, egal ob groß oder klein, bunt oder durchscheinend, auf dem Tisch liegend oder irgendwie im Raum verdreht.“ „Ich denke, darauf können wir uns verständigen. Worauf willst du hinaus? Was hat das mit meinen Datenschnipseln zu tun?“ „Warte es ab. Ich vermute, du hast bei deinen Analysen mehr oder weniger auf sequentielle Bitmuster geachtet und dabei keine Gemeinsamkeiten oder Regeln entdeckt.“ „Ganz so simpel bin ich sicher nicht vorgegangen. Ich nutze äußerst subtile Methoden, um versteckte Muster sichtbar zu machen. Viele habe ich selbst entwickelt. Ich frage mich, was daran falsch sein soll? Was kannst du denn grundlegend anders machen?“ „Welche Gemeinsamkeit würden deine Verfahren zwischen den Zeichenketten Otto und Lagerregal erkennen? Und was haben Anna, Rentner und EinNegerMitGazelleZagtImRegenNie gemeinsam?“ Sajala überlegte. Natürlich gab es eine offensichtliche Gemeinsamkeit, die genauso natürlich nicht in den beliebigen Zeichenketten lag. „Du hast recht. In diesen einfachen Fällen sehe ich selbst zwar die Parallelen ohne jedes Hilfsmittel. In weniger offensichtlichen Fällen würden meine Werkzeuge und Standardmethoden möglicherweise versagen.“ räumte sie zögernd ein. Natürlich kannte sie solche Palindrome – Worte oder Sätze also, die man vorwärts und rückwärts lesen konnte, ohne dass sich ihre Bedeutung änderte. Sie waren leicht als solche zu erkennen, auch wenn die jeweilige Buchstabenfolge eine vollkommen andere war.

„Genau, der menschliche Verstand ist doch so manchen Automatismen immer noch überlegen. Ähnlich verhält es sich nun mit deinen Daten. Es ist nicht die Struktur selbst, sondern eine bestimmte Transformation, die diese kurzen Codes in sich selbst überführt und unverändert lässt. Eine einfache Spiegelung oder Umkehrung ist nur ein Beispiel dafür. Keines dieser Segmente gleicht dem anderen, aber alle zeigen die gleiche Symmetrie. So wie ein Würfel alle möglichen Farben, Größen und Muster aufweisen kann, bleibt ein solches Gebilde trotzdem immer ein Würfel mit seinen charakteristischen Symmetrien.“ Sajala sah ihn immer noch ungläubig an. „Durch einen Vergleich der vordergründigen Muster alleine ist die Gemeinsamkeit nicht aufzudecken. Man muss auf eine höhere semantische Eben steigen.“ „Ich denke, ich verstehe, was du mit Symmetrien meinst. Wenn hier so etwas existiert, dann kann das kein Zufall sein.“ stellte sie nüchtern fest und dachte daran, dass sie unbedingt ihre eigenen Methoden und Werkzeuge um ein ganz neues Feld erweitern musste. „Ganz meine Meinung. Solche Codes habe ich in fast allen deinen Datenschnipseln gefunden. Vermutlich handelt es sich bei dem Rest um eine Art Beifang, der eigentlich nicht in deine Sammlung gehört und andere Quellen hat. Die solltest du bei Gelegenheit einmal aussortieren. Ich habe die Codes als Orientierungspunkte genutzt. Von da ausgehend, konnte ich noch andere interessante Merkmale herausarbeiten.“ Sajala war beeindruckt und beschämt. So etwas zu erkennen war doch ihr Job und jetzt musste sie sich etwas vormachen lassen.

Elmer fuhr unbeirrt fort mit seinen Erläuterungen. „Anfangs wusste ich nicht genau, wonach ich suchen sollte. Ich experimentierte mit Transformationen, verglich immer wieder, versuchte mir erst einmal ein Bild zu machen, entwickelte Hypothesen und verwarf sie genauso schnell wieder. Da ich deine Arbeitsweise in etwa zu kennen glaube, habe ich mich auf algebraische Methoden der Zahlen- und Gruppentheorie konzentriert, die ich selbst als Mathematiker beherrsche und die du vermutlich noch nicht in Betracht gezogen hast.“ „Damit liegst du wohl nicht ganz falsch.“ räumte sie ein. War sie wirklich so leicht berechenbar? „Schließlich habe ich eine Struktur gefunden aus acht Positionen, gut versteckt im ansonsten vermutlich sinnlosen Datenballast, die sich bis zu viermal darin wiederholt. Jede einzelne Position kennt offenbar nur drei Zustände. Interessant ist, dass von den möglichen drei hoch acht – also 6561 – Anordnungen nur sechzehn immer wieder auftreten. Auch so etwas kann kein Zufall sein. Es muss sich meiner Meinung nach um eine systematische Kodierung handeln, über deren Bedeutung ich allerdings nicht einmal spekulieren möchte. Auch was die übrigen Daten in jedem dieser Schnipsel angeht, tappe ich noch vollständig im Dunkeln.“

Sajala hörte fasziniert zu. Auch das Bild eines Würfels fand sie naheliegend. Man konnte sich acht zusammengehörige Elemente sehr schön als die acht Ecken eines Würfels vorstellen. Wer mochte so etwas ausgeheckt haben? Das war genial. Und Elmer war genial, dass er diese perfide Systematik tatsächlich aufgedeckt hatte. Sie selbst musste sich eingestehen, dass sie nie auf eine derartige Idee gekommen wäre. Ihre Achtung vor ihm stieg um Größenordnungen. „Es kann sich aber nach wie vor um toten Datenmüll handeln, der früher vielleicht einmal eine Bedeutung hatte.“ wandte sie ein. „Bei all meinen Untersuchungen habe ich niemals eine Aktivität wahrgenommen. Es ist also vollkommen unklar, ob diese Datenpäckchen etwas bewirken können, außer einfach zu existieren.“ „Das wäre dann ja wohl als Nächstes zu klären.“ Auch Elmer hielt es für entscheidend festzustellen, ob Aktivitäten in den Systemen auf diese Datenschnipsel zurückzuführen waren. Er selbst hatte keine Möglichkeiten, das festzustellen.

Einige Wochen später erhielt Sajala wieder einen Rechercheauftrag, der sich als äußerst knifflig herausstellte. Nachdem sie alle notwendigen Zugangsrechte besaß, setzte sie ihre Untersuchungssysteme sehr behutsam so auf, dass sie möglichst unauffällig auch eventuelle Veränderungen an den auch hier wieder vorhandenen Datenschnipseln feststellen würden. Damit ihr sicher auch nichts entging, würde gegebenenfalls ein privater Alarm ihr gesamtes Sichtfeld in rotes Licht tauchen. So konnte sie sich ganz auf ihren eigentlichen Auftrag konzentrieren. Es handelte sich dabei um ein Ereignis, dass zum kurzzeitigen Ausfall des Sicherheitssystems eines der großen Computer-Cluster geführt hatte. Unklar war, ob dieser Ausfall das Ergebnis einer unglücklichen Verkettung von Zufällen war, oder bewusst herbeigeführt wurde. Genauso unklar war, ob und welche Daten gestohlen oder irgendwelche Veränderungen in dem betroffenen System durchgeführt worden waren. Und so beobachtete Sajala das System und protokollierte alle verdächtigen Aktivitäten. Eine Woche war bereits ereignislos vergangen, als ihr Vorgesetzter sie aufsuchte, um sich auf den aktuellen Stand bringen zu lassen. Der Fall drängte offenbar. Sie erläuterte ihm ihre Vorgehensweise und die Ergebnisse, die sie erwartete. Bis jetzt sei es durchaus möglich, dass nur eine zufällige Kette von Ereignissen zu dem Ausfall geführt hatten. Sajala erläuterte ihm gerade die durchgeführten und laufenden Untersuchungen, als plötzlich ihr gesamtes Arbeitsumfeld in unwirklichem Rot aufflammte. Ihr Chef konnte das selbstverständlich nicht wahrnehmen. Er wunderte sich über Sajalas plötzliche Unkonzentriertheit, als sie unvermittelt ihre Datenbrille absetzte. Sie schien durch ihn hindurch zu sehen und seine Worte nicht mehr zu hören. Da Sajala im Wesentlichen seine Fragen schon beantwortet hatte, verließ er etwas ärgerlich den Raum. Und Sajala stürzte sich in die Arbeit – in ihre eigene Arbeit.

Was war geschehen? Die meisten ihrer Datenschnipsel hatten unvermittelt ihren Zustand verändert. Nicht wirklich alle gleichzeitig, wie die Protokolle zeigten, aber in extrem kurzer Folge und viele fast zur gleichen Zeit. Der Vorgang erschien wie eine Lawine abgelaufen zu sein, als habe eine Art Seuche die Datenstrukturen schlagartig verändert, oder ein Feuer habe sie verbrannt. Wieder und wieder ging Sajala die Protokolle durch, bis sie sicher war, dass ihre Strukturen wirklich die Verursacher oder Überträger einer geheimnisvollen Aktivität waren. Es handelte sich also tatsächlich nicht nur um toten Datenmüll. Der Vulkan war noch aktiv. Ihre Aufregung war kaum zu beschreiben. Ihr Puls raste und Schwindel erfasste sie. Auf was war sie da gestoßen? Wen durfte sie ins Vertrauen ziehen? Sie zog die Protokolle auf ihren privaten Datenträger, um sie später Elmer zu zeigen. Das Ausmaß dieser Entdeckung war kaum abzuschätzen. Was immer das Ziel der beobachteten Aktivitäten war, es betraf Milliarden elektronischer Systeme – darunter ausnahmslos alle, die Sajala bisher untersuchen konnte. Spontan dachte sie an die Schauer elektrischer Impulse, die jeder menschliche Denkvorgang über die Neuronen der Hirnrinde jagte. Tatsächlich erschien ihr die Analogie auffallend, ein Vorgang wie das lawinenartig auftretende Feuern der Nervenzellen in einem begrenzten Hirnareal. Ihre Aufregung wuchs weiter. Was zum Teufel hatte das zu bedeuten? Sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen und verließ das Institut fast fluchtartig.

Elmer war sprachlos, als er von Sajalas Beobachtungen erfuhr. Mit ihr zusammen ging er noch einmal die Protokolle durch. Es konnte keinen vernünftigen Zweifel an ihren Beobachtungen geben. Er ermahnte sie, jetzt wieder besondere Vorsicht walten zu lassen. Sajala stimmte ihm zu, während sie misstrauisch seinen Unterarm beäugte. Elmer verstand, was sie meinte, und war selbst unsicher, ob er wegen des Implantats etwas unternehmen sollte. Eigentlich wunderte sie sich immer wieder, weshalb es überhaupt sichtbar war. Die Elektronik darin hätte man bequem in die Blutbahn injizieren können. Aber das Implantat war auch ein Kleinstlabor, das man nicht unbegrenzt miniaturisieren konnte. Schließlich hatten auch Blutkörperchen eine gewisse Größe.

Sajala warnte ihn, seine gerade wieder begonnene Karriere würde möglicherweise ein jähes Ende nehmen, wenn er den Chip entfernen ließ oder ihn zerstörte. So ließ er es erst einmal mit sich bewenden und andere Implantate trug er nicht mit sich herum. Die nächste Frage war, ob sie ihrem Auftraggeber den Vorfall melden sollte, wie es eigentlich ihre Pflicht gewesen wäre. Sajala glaubte allerdings nicht, dass die Aktivierung der Datenstrukturen irgendetwas mit dem vorliegenden Fall zu tun hatte. Es war vermutlich nicht einmal eine Begleiterscheinung des möglichen Angriffs auf das Sicherheitssystem, sondern etwas völlig anderes, das sie vermutlich in jedem untersuchten System finden konnte, wenn sie es ausdauernd genug beobachtete. Also entschied sie, den Vorfall für sich zu behalten und sich in den nächsten Tagen nur noch um ihren eigentlichen Auftrag zu kümmern. Ein weiterer Alarm fand nicht statt. Nach einer weiteren Woche diktierte Sajala ihren Abschlussbericht, in dem sie den Sicherheitsvorfall als zufällige Verkettung unglücklicher Umstände klassifizierte. Der innere Aufruhr in ihrem Kopf hatte sich nicht gelegt.

Sajala nahm einige Tage Urlaub und rief Valerie an. Sie arbeitete in einem der südlichen Randbezirke der Union. Die Projektion an der Wand zeigte eine sehr lebendige junge Frau, die sichtlich erfreut war über den Anruf der älteren Wissenschaftlerin. Valerie meinte, sie hätte sich ohnehin in den nächsten Tagen gemeldet und deshalb passe ihr der Anruf sehr gut. Sajala bat um ein persönliches Treffen und fragte, wohin genau sie fahren müsse. Sie verabredeten sich für den folgenden Abend in Valeries Wohnung. Sajala würde dort auch übernachten können.

Auf der langen Fahrt überlegte Sajala, wie weit sie Valerie einweihen wollte. Aber vermutlich würde sie ihrerseits etwas Neues zu ihren Datenstrukturen berichten. Davon würde Sajala es abhängig machen, wie offen sie mit ihr sprechen konnte. Währenddessen flogen die winterlichen Landschaften an den Panoramafenstern ihrer Fahrkabine vorbei. Einige größere Städte waren darunter mit vielen sauberen Gebäuden und sauberen Straßen. Sie wechselten mit in dieser Jahreszeit kahlen Waldgebieten, Wiesen und riesigen landwirtschaftlichen Flächen. Industrieanlagen sah sie nur wenige, obwohl sie eigentlich weite Landstriche dominieren sollten. Das gesamte Leben in der Union hing schließlich ab von industrieller Produktion und Energiegewinnung. Aber vielleicht wurden die meisten Anlagen unterirdisch betrieben oder fügten sich auf andere Weise unauffällig in die jeweilige Landschaft ein, ohne sie zu beeinträchtigen oder gar das natürliche Bild zu zerstören. Am späten Nachmittag neigte die Kabine sich in eine weite Rechtsschleife und strebte mit leicht verminderter Geschwindigkeit einer Ansammlung von zwei- bis viergeschossigen Häusern zu, mit ockerfarbenen Fronten und roten Ziegeldächern. Die Vegetation erschien mediterran. Das Klima war hier offensichtlich wärmer als bei ihr zu Hause. Wenige Kilometer vor ihrem Ziel spürte sie die sanfte Verzögerung der Fahrt, bis die Kabine vor einem der kleineren Häuser hielt. Hier wohnten vermutlich nicht mehr als vier Parteien. Valerie stand schon am Eingang und erwartete sie.

In der Tat hatte sie Neuigkeiten, die sie beim gemeinsamen Abendessen und danach besprechen wollte. Gemütlich mit einem Glas Wein auf dem Sofa verfolgte Sajala die Ausführungen. Valerie hatte die Präsentation gut vorbereitet, die Sajala mit ihren Entdeckungen schnell und tiefgreifend vertraut machen sollte. An der Wand erschienen Zeichnungen, Skizzen, Texte, die Valerie jeweils lebhaft kommentierte. Der größte Teil des Vortrags zeigte abstrakte Zusammenhänge zwischen Daten und Programm-Modulen. Kleinste Unregelmäßigkeiten konnte Valerie sicher einem Urheber oder einer Gruppe von Urhebern zuordnen. Zusammen mit ihren früheren Forschungsergebnissen war auch eine zeitliche Einordnung leicht zu erzielen. Viele der Spuren reichten Jahrzehnte zurück, manche führten sogar über mehr als hundert Jahre hinweg zu einen Urheber, der lange schon nicht mehr aktiv war. Valerie war sichtlich zufrieden mit ihrem Erfolg. Die neu entwickelten Methoden nutzten direkt ihrem Forschungsgebiet. Sajala hörte höflich, aber mit sinkendem Interesse zu, ohne bislang den Bezug zu ihren Datenstrukturen zu sehen. Vielleicht hatte sie sich nicht klar genug ausgedrückt dahingehend, was ihr wirkliches Interesse war.

Schließlich kam Valerie doch noch zu dem für sie wichtigsten Teil. „Danke für deine Geduld. Ich weiß doch, worauf du wartest. Aber der Vorlauf war durchaus notwendig, um den letzten Teil in das richtige Licht zu rücken. Die Verfahren, die ich dir gerade beschrieben habe und die sich normalerweise äußerst erfolgreich für die Klassifizierung unbekannter Datenstrukturen einsetzen lassen, habe ich auch auf deine Sammlung angewendet.“ „Darf ich raten? Sie sind anders!“ vermutete Sajala. „Sie sind anders! Das Ergebnis war in der Tat ernüchternd und hat mich zutiefst verunsichert. Ich verstehe das immer noch nicht. Eigentlich hätte das jetzt ein Spaziergang sein sollen, einen erster Praxistest, der selbstverständlich erfolgreich die Geschichte dieser Strukturen enthüllen sollte. Aber meine Methodik versagt auf ganzer Linie. Was zum Teufel hast du da gefunden? Offenbar handelt es sich um etwas vollkommen Fremdes. Egal was ich sonst noch versucht habe, bin ich zu keinerlei Einordnung gekommen. Es gibt einfach keine mir bekannten Programm-Module, die solche Strukturen erzeugen. Alle meine Bemühungen scheinen in diesem Fall ins Leere zu laufen.“ Sajala hörte fast atemlos zu. Nach Elmers Analyse war sie jetzt nicht einmal wirklich überrascht. „Als ich meine erste Enttäuschung überwunden hatte, habe ich anhand meiner Archive versucht festzustellen, ab wann denn deine Schnipsel dort auftauchen. Im Ergebnis vermute ich, dass die Quelle wohl über hundert Jahre alt sein muss. Nur in sehr alten Aufzeichnungen, die allerdings lückenhaft sind, finden sich diese Strukturen nicht mehr. Ich muss dich allerdings warnen: Die Schlussfolgerungen sind nur vage. Ich weiß einfach nicht genau, wonach ich suchen muss und hatte keine Möglichkeit, einwandfrei festzustellen, ob eine gefundene Struktur zu den gesuchten gehört oder nicht. Dazu musst du mir unbedingt noch präzisere Anhaltspunkte liefern.“

Valerie bemerkte, dass Sajala immer aufgeregter ihrem Vortrag lauschte. Irgendetwas war vor langer Zeit geschehen, etwas war geschaffen worden, und war immer noch aktiv. Aber das hieß auch, dass der oder die Urheber keine noch lebenden Menschen sein konnten. Allenfalls gab es noch jemanden, der Nutzen daraus zog, es vielleicht steuerte und überwachte. Vielleicht war der Effekt auch von selbst entstanden. Vielleicht war einfach aus der zunehmenden Komplexität der Systeme heraus dieses Etwas geboren worden, so wie unbelebte Materie die Schwelle zum Leben überschreiten konnte. Vielleicht war es auch die Folge eines Cyberangriffs auf die damaligen Systeme gewesen, dessen eingeschleuste Programme sich verselbständigt hatten und nun vollkommen nutzlos ihren ursprünglichen Auftrag weiterverfolgten. Vollkommen unerklärlich war ihr aber, dass ein solcher Angriff – wenn es sich denn darum handelte – unentdeckt bleiben konnte und nach wie vor keinerlei Alarm auslöste. Sie hatte nun einige Teile des Puzzles in den Händen, aber nichts passte wirklich zusammen. Das es sich um eine nichtmenschliche, anorganische Intelligenz handeln konnte, wagte sie kaum zu denken. Zu absurd erschien ihr diese Vorstellung, dass von selbst etwas in letztlich von Menschen geschaffenen Systemen entstanden sein sollte, wozu die Wissenschaften sein zweihundert Jahren nicht fähig waren. Andererseits waren da diese Aktivitätsmuster ihrer Datenstrukturen, die sie frappierend an die Anregungsschauer neuronaler Zentren in einem biologischen Hirn erinnerten. Sajala musste den historischen Ausgangspunkt in Erfahrung bringen und dazu brauchte sie ihre Freundin.

Valerie sah Sajala erwartungsvoll an und erkannte wohl, dass sie einen heftigen inneren Kampf ausfocht, dessen Ursache sie nicht ergründen konnte. „Puh, ich brauche jetzt eine Pause. Gehen wir doch draußen vor dem Haus spazieren. Das Wetter ist hier für die Jahreszeit recht angenehm. Ich brauche einfach frische Luft.“ Valerie stimmte gerne zu. Es war eine reine Vorsichtsmaßnahme, dass Sajala das Gespräch im Freien führen wollte. Sajala glaubte, einen leichten Geruch nach Meer wahrzunehmen. Sie hatte beschlossen, ihre junge Kollegin umfassend einzuweihen in alles, was sie in der Sache schon wusste. Valerie hörte über lange Zeit stumm zu und begann zu verstehen, weshalb Sajala so aufgewühlt schien. Sajala beschränkte sich an diesem Abend auf die Fakten. Sie vermied es, ihre Schlussfolgerungen und Spekulationen zu erwähnen. Dazu blieb am folgenden Tag noch Zeit. Bevor sie zu Bett gingen, bat sie Valerie, über die Faktenlage nachzudenken und zu überlegen, welche Schlussfolgerungen sie daraus ziehen würde.

Nach einer für beide Frauen weitgehend schlaflosen Nacht saßen sie bei einem üppigen Frühstück zusammen. Sajala bestand darauf, das Fachgespräch auf später zu vertagen, obwohl Valerie darauf brannte, ihre nächtlichen Gedankengänge zu offenbaren. Erst bei einem Spaziergang in der Morgensonne erlaubte Sajala ihr, die Diskussion vom vergangenen Abend fortzusetzen. Valeries Mitteilungsdrang explodierte förmlich. Ihre Augen leuchteten, sie gestikulierte wild, während sie in einem fort redete. Sajala hörte zu, während Valerie viele ihrer Schlussfolgerungen bestätigte. Etwas Ungeheuerliches ging in den Systemen vor, und das schon lange vollkommen unbeachtet. Es war gewaltig und hatte etwas Übermenschliches an sich. Noch wagte keiner zu denken oder gar auszusprechen, welche Rolle diese mysteriöse Erscheinung möglicherweise spielte. Zunächst konnte es nur darum gehen festzustellen, wo und wann genau das Ereignis stattgefunden hatte, das dieses Monster in die Welt setzte. Dann würde man weitersehen. Vielleicht ließ sich eine Gruppe von Menschen als Urheber oder Nutznießer identifizieren und man könnte dann wahrscheinlich auf die Motive und Ziele schließen. Beide Frauen waren entschlossen, alles zu tun was nötig war, um das zu erreichen.

Erst einmal besprachen beide Sicherheits- und Geheimhaltungserfordernisse. Sie waren sich einig darin, dass die jetzt anstehenden intensiven Nachforschungen nicht bekannt werden durften. Was immer sich hinter den Vorgängen verbarg, war offenbar sehr mächtig und verfügte über alle denkbaren Mittel, ihre Aktivitäten aufzudecken, zu behindern oder sie beide persönlich anzugreifen und notfalls auszuschalten. Schließlich kam Valerie auf den Gedanken, die Recherchearbeit in die Außenbezirke zu verlagern. Dort gab es fast keine elektronischen Maschinen, keine Überwachung. Sie würden nur wenige Spuren hinterlassen. Sajala bezweifelte allerdings, dass sie dort unter diesen Voraussetzungen überhaupt arbeiten konnten. Valerie hielt die Probleme für lösbar. Sie kannte einige Leute dort, die zeitweise in der Union gearbeitet hatten und die ihr den Zugang in die verschiedensten Archive ermöglichen würden. Es bedeutete auch, dass sie beide sich jeweils für mindestens ein halbes Jahr von ihrer hauptberuflichen Arbeit freistellen lassen mussten. Und ihr vorübergehendes Abtauchen konnte nicht unentdeckt bleiben. Um das plausibel zu machen, mussten sie in den nächsten Wochen eine überzeugende Legende für die Menschen in ihrer Umgebung aufbauen.

Valerie reaktivierte in den folgenden Tagen alte Kontakte zu Freunden aus den Außenbezirken, die dorthin einen regelmäßigen Austausch pflegten. Behutsam deutete sie an, dass sie demnächst eine Unterkunft für sie und eine Freundin benötige und einen Netzzugang in die Union. Es war ein Handel. Gefragt wurde wenig. Schließlich war ein älterer Ingenieur bereit, ihr zu helfen, im Tausch gegen gewisse nützliche Dinge, die sie aus der Union dorthin mitnehmen solle. Es ging um optische Geräte, ein Fernglas, und um einen Netzwerkscanner. Valerie hatte solche Gefallen früher schon gewährt. Doch jetzt war sie im Nachhinein erstaunt, dass dies geduldet wurde. Wenn etwas im System derart mächtig war und über alle erdenklichen Informationsquellen verfügte, war es undenkbar, dass derartige Vorgänge nicht entdeckt wurden. Anscheinend akzeptierte das System Regelverstöße und absolute Kontrolle war nicht sein Ziel. Sie dachte kurz daran, dass ihre Geheimhaltung sinnlos und nicht erforderlich sein könnte, weil es ihre Absichten einfach tolerieren würde. Aber dann machte sie sich klar, was sie vorhatten. Wenn sie erfolgreich waren, konnte daraus eine existenzielle Bedrohung für das System entstehen und das musste sehr ernste Konsequenzen nach sich ziehen.

Die anstehende Reise zu rechtfertigen war keine wirkliche Herausforderung. Valerie hatte bereits begonnen, ihr Forschungsgebiet zu erweitern und würde einfach einen Antrag auf Recherchearbeit in den Außenbezirken stellen, so wie sie es früher schon getan hatte. Das war für ihren Vorgesetzten absolut plausibel und er genehmigte die Dienstreise mit den üblichen Warnungen, dass sie auf eigenes Risiko handelte.

Für Sajala lag der Fall komplizierter. Sie täuschte in den Wochen nach dem Treffen mit ihrer Freundin psychische Probleme vor. Auch ihre Freunde Ghotam und Elmer glaubten schließlich, dass sie dringend abschalten sollte und das möglichst weit weg von zu Hause. Dass sie schließlich eine Auszeit nahm und in die Außenbezirke reisen wollte, passte in dieses Bild. Die Befürchtungen ihrer Freunde und ihres Vorgesetzten konnte sie mit Hinweis auf gute Kontakte und Beschützer vor Ort letztendlich zerstreuen. Im Frühjahr reiste sie schließlich mit großem Gepäck am frühen Morgen ab. Es war kalt und diesig und ihre Freunde hatten sich zur Verabschiedung eingefunden. Beide waren sichtlich in Sorge um sie und sparten nicht mit guten Ratschlägen, die ihrer Sicherheit und wohlbehaltenen Rückkehr dienen sollten. Nachdem die Fahrkabine sie aufgenommen hatte, sahen sie ihr noch lange nach, bis sie mit stetig wachsender Geschwindigkeit hinter den ersten Hügeln in südlicher Richtung verschwand.

Valerie begrüßte sie erwartungsvoll am Abend vor ihrer Wohnung. Sie hatte die Reisevorbereitungen weitgehend abgeschlossen. Erst am übernächsten Tag würden sie in nordwestlicher Richtung weiterreisen und nicht alleine. Ihr Begleiter war der Ingenieur, mit dem Valerie einige Vereinbarungen getroffen hatte. Er nannte sich selbst Slartibartfast – für Freunde kurz Slarti. Valerie meinte es sei besser, wenn sie ihn zunächst bei seinem vollen Namen ansprechen würde, obwohl sie nicht glaubte, dass dies sein richtiger war. Sajala fragte sich insgeheim, wer sich denn wohl einen solchen selbst aussuchen würde. Den Abend und folgenden Tag verbrachten sie mit Planungen aller Art und machten sich noch einmal klar, welche Risiken sie ab jetzt eingingen. Es erschien nicht einmal sicher, dass das System sie würde reisen lassen. Alle Gespräche, die ihr gemeinsames Projekt betrafen, führten sie sicherheitshalber unter freiem Himmel. Außer ihnen beiden sollte niemand von ihren Absichten erfahren.

Slartibartfast erschien bei Sonnenaufgang am nächsten Morgen ganz in einen schwarzen Overall gekleidet. Valerie lud ihn zum Frühstück ein. Er nahm dankend an und sie stellte ihm Sajala kurz vor, ohne dass er sich wirklich für sie interessierte. Er erkundigte sich nach den Tauschobjekten für seine Dienste und gab Anweisungen für den Übertritt über die Grenzanlage und die anschließende zweitägige Reise bis zu seinem Heimatort, in dem sie Quartier finden würden. Dazu ging er mit Valerie sorgfältig die Proviant- und Ausrüstungsliste durch. Offenbar hatten die beiden das vorher schon abgesprochen, so dass jetzt nichts fehlte. Slartibartfast und Valerie kannten sich schon lange und vertrauten einander. Der Übertritt würde wohl problemlos verlaufen. Er selbst pendelte mehrmals im Jahr hin und zurück, Valerie hatte ein genehmigtes Projekt und würde für Sajalas Schutz verantwortlich sein, die dringend einen Tapetenwechsel benötigte. Trotzdem waren die beiden Frauen nervös, als sich ihr Shuttle abends endlich der Grenze näherte. Sie übernachteten ein letztes Mal auf dem Gebiet der Union, gemeinsam im Schlafsaal einer kleinen Herberge.

Am nächsten Morgen suchten sie zu Fuß den nahegelegenen Übergang auf. Niemand war dort zu sehen. Das Tor öffnete sich automatisch, nachdem die ankommenden Personen anhand ihrer Biometrie identifiziert wurden. Sajala war die enorme Erleichterung anzusehen. Immerhin war es ihr erster Ausflug in die Außenwelt. Hinter der Grenzanlage wartete bereits ein ziemlich klappriger Bus mit acht Sitzplätzen. Am Steuer saß eine kleinwüchsige Frau, deren Alter kaum abzuschätzen war. Sie mochte zwanzig sein, konnte aber durchaus auch um die vierzig Jahre zählen. Slartibartfast kannte sie offenbar persönlich. Sie sprach ihn mit einem hart klingenden Namen an, der sich wie „Sigumari“ anhörte, auf keinen Fall wie „Slartibartfast“. Er half beim Verstauen des Gepäcks auf dem Dach des Gefährts. Dann nahmen sie im hinteren Teil Platz, weil dort die Sitze in besserem Zustand waren als im vorderen Bereich.

Während des ersten Tages ihrer Fahrt sprach Slarti nur das Notwendigste. Sie kamen auf den schlechten Straßen, wenn man sie denn so nennen wollte, nur langsam voran und übernachteten wegen der Raubtiere sicherheitshalber im Bus in äußerst unbequemer Lage. Am nächsten Tag gab er dann Instruktionen für ihre Ankunft und Verhaltensmaßregeln für die ersten Tage in der Ortschaft. Sie würden in einem Haus mit einer tagsüber meist funktionierenden Stromversorgung wohnen – ein echtes Privileg, auch wenn beide Frauen sich ein Zimmer teilen mussten. Die Anschlussdaten zum Netzwerk der Union mit den notwendigen Zugangsschlüsseln würde Slarti ihnen dann persönlich übergeben. Anscheinend bestand irgendwo im Ort eine geheime Laserstation, die tagsüber eine schnelle Verbindung in die Union herstellen konnte. Die persönlichen Arbeitsgeräte hatte Valerie in ihrem Gepäck mitgebracht, genauso wie Sajala.

Am späten Nachmittag des zweiten Reisetages verließ ihr Bus den Wald und rollte nach einigen hundert Metern in offenem Land langsam auf eine langgezogene, etwa drei Meter hohe Umfassungsmauer aus Bruchsteinen und Stahlbetonteilen zu. Auf der Mauerkrone konnte man viele spitze und scharfe Gegenstände, möglicherweise Glassplitter, Nägel und andere Metallteile, sehen, die die Anlage gegen Überklettern sicherten. An der linken Seite ragte ein gewaltiger Metallturm in den Himmel, dessen eine Seite mit einer Türöffnung in die Mauer ragte, während er größte Teil des kreisrunden Grundrisses außerhalb der Umfriedung lag. Der Turm ähnelte dem, den Valerie früher in ihren Erzählungen einmal erwähnt hatte. In schwindelerregender Höhe war undeutlich eine Plattform mit Geländer, Gerätschaften und einer Hütte zu erkennen. Von dort aus konnte man sicher schon das Meer sehen.

Die beiden Frauen und ihr Begleiter stiegen aus, während die Fahrerin noch sitzen blieb. Ein junger Mann half beim Abladen des Gepäcks und trug es in eines der nahestehenden Häuser. Das ganze Dach schien nur aus Fotovoltaik-Elementen zu bestehen, die auf Holzbalken befestigt und untereinander verbunden und abgedichtet waren. Der junge Mann führte Sajala und Valerie in ein geräumiges Zimmer im Obergeschoss, mit Blick auf den Turm. Die Einrichtung bestand aus einer Ansammlung von Anachronismen, von handgefertigten rohen Holzmöbeln, rotbraunen Tonkrügen, Kunststoffgeschirr, angeschlagenem Porzellan, bis hin zu alten Elektrogeräten. Zwei Kabel hingen aus der Wand, die blanken Enden notdürftig isoliert gegen unachtsame Berührungen. Ihre Arbeitsgeräte würden sicher für einige Wochen ohne Stromversorgung auskommen. Wie sie danach diese Kabelenden benutzen sollte, um die Batterien aufzuladen, war ihr allerdings ein Rätsel. Offenbar machte Valerie sich über diese Frage keinerlei Sorgen. Sie wusste, dass die Leute hier absolute Meister der Improvisation waren, die mit einfachsten Mitteln wahre Wunder vollbrachten. Slarti – oder wie immer der Mann hieß – folgte eine halbe Stunde später. Er hatte noch die Mitbringsel aus der Union weitergegeben und die Gegenleistung dafür ausgehandelt. Sie würden für bis zu sechs Monate Kost und Logis frei haben. Nach einer weiteren Stunde waren beide Frauen unter seiner Anleitung und Hilfe arbeitsfähig. Valerie bevorzugte eine Datenbrille und arbeitete gerne stehend mit Gesten und Sprache. Sajala saß lieber bei der Arbeit und setzte auf eher klassische Technik. Sie entrollte einen Folienmonitor, der sofort fest wie ein dünner Spiegel wurde, und stellte ihn auf den Tisch vor sich. Er projizierte eine Tastatur auf die Tischplatte, über die sie mit ihren Fingern navigieren konnte und ihre Befehle absetzen würde. Beides würde nach Abschluss ihrer Arbeiten im Dort verbleiben und war Teil der Entlohnung ihrer Gastgeber. Sie gab einen der Code ein und hatte nach wenigen Sekunden einen nach allen Regeln der Technik verschleierten Zugang in die Systeme der Union. Eine Rückverfolgung ihrer Zugriffe würde dadurch extrem schwierig sein. Zudem wurde ihre scheinbare Position im Netz jede halbe Stunde geändert, so dass eigentlich niemand ihre Zugriffe auf eine einzelne Person zurückführen würde. Diese uralte Technik war immer noch sehr wirkungsvoll.

Das Abendessen nahmen sie in einem Gemeinschaftsraum zusammen mit anderen Angehörigen der Sippe ein. Es gab Brot, Butter und Hirschschinken von recht guter Qualität. An Essen schien hier kein Mangel zu herrschen. Anschließend führte Slarti die beiden Frauen durch den Ort und machte sie mit den wichtigsten Personen bekannt. Für Sajala war die fremde Sprache kaum verständlich. Valerie übersetzte das Wichtigste für sie. Die Gespräche führte Slarti. Einige der Bewohner hießen sie spontan willkommen, andere reagierten eher distanziert, wenige misstrauisch auf die Fremden. Wirkliche Feindseligkeit aber nahmen sie nirgends wahr. Ab jetzt standen sie unter dem Schutz der Gemeinschaft, wie Slarti ihnen erklärte, und auch von ihnen wurde nun erwartet, dass sie sich für Mitglieder der Dorfgemeinschaft gegebenenfalls einsetzten. Sajala war von der Sauberkeit der Wege, der Häuser und den hygienischen Zuständen angenehm überrascht. Soweit sie das beurteilen konnte, verfügten alle Häuser über fließendes Wasser. Vermutlich fungierte das stählerne Ungetüm am Rande des Dorfes unter anderem auch als Wasserturm. Zum Waschen musste sie also keinen Brunnen oder offenes Gewässer aufsuchen.

Im Hof hinter ihrem Haus war sogar das Duschen von Zeit zu Zeit möglich, wenn einem das kalte Wasser nichts ausmachte. In der geräumigen Hütte dort gab es zudem zwei Toiletten mit Wasserspülung. Ein Wasserkasten hing jeweils in zwei Metern Höhe über einer abgenutzten, aber nur leicht beschädigten Keramikschüssel. Ein Griff an einer Kette löste unter Rauschen und Gurgeln die Spülung aus. Ihr geräumiges Zimmer wirkte sauber und zweckmäßig eingerichtet. Zwei Tische mit je zwei Stühlen erlaubten ihnen, unabhängig zu arbeiten. Neben den beiden Betten mit richtigen Matratzen und einem abgegriffenen Sofa gab es eine Theke, die den Raum in Wohn- und Schlafbereich teilte. Darauf befanden sich einige zerkratze Plastikbecher, zwei verschließbare Dosen mit getrockneten Blättern, die nach Minze und Salbei rochen, und ein alter Wasserkocher, dessen Kabel direkt in die Wand führte. Wasser konnte am Ende eines Korridors entnommen werden, so dass die Frauen tagsüber Tee kochten, so oft sie wollten. Anscheinend waren die Solarelemente die einzige Stromquelle, denn für die Nacht standen bei dringenden Bedarf einige Kerzen zur Beleuchtung bereit. Nachdem sie sich mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut gemacht hatten, zogen sich die Frauen zur Nachtruhe in ihr Zimmer zurück.

Noch lange nach Einbruch der Dunkelheit saß Sajala am geöffneten Fenster und sah in die Nacht. Der Himmel hatte sich gegen Abend zugezogen, so dass weder Mond noch Sterne für etwas Licht sorgten. Die absolute Dunkelheit war etwas, dass sie sich nie so hatte vorstellen können. In der Union war immer irgendwo Licht. Selbst die Wolkenunterseite leuchtete in der Nacht. Hier dagegen war die Schwärze vollkommen, die nur von vielfältigen Geräuschen durchdrungen wurde. Während die Häuser der Ansiedlung still irgendwo da draußen lagen, hörte sie von Ferne ein langgezogenes Heulen, das vielleicht von einem Wolf stammte. In der Nähe schrie ein Raubvogel, wahrscheinlich eine Eule. Sajala bezweifelte, dass selbst ein solcher Nachtvogel irgendetwas in dieser Dunkelheit erkennen, geschweige denn jagen konnte. Selbst nach einer Stunde, als ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, war absolut nichts zu sehen, nicht einmal Schemen oder Umrisse. Valerie warft sich unruhig auf die andere Seite ihres Bettes, wurde kurz wach, nahm den leichten Luftzug wahr und brummte, Sajala solle doch bitte das Fenster schließen und zu Bett gehen.

Pünktlich mit dem Sonnenaufgang wurde das Haus wieder lebendig. Nach dem gemeinschaftlichen Frühstück begannen die Frauen mit ihrer Arbeit. Valerie war diejenige, die sich mit den Archiven auskannte. Sie gab Sajala dazu einen umfassenden Überblick und eine intensive Einweisung in die Recherchearbeit. Nach wenigen Stunden war Sajala damit in der Lage, ohne andauernde Anleitung selbständig erste Nachforschungen durchzuführen, während Valerie das Haus verließ um Slarti aufzusuchen. Sie vermutete, dass in der Außenwelt noch andere Archive existierten, solche, die vielleicht sogar noch auf Papier irgendwo verwahrt wurden. Wenn das stimmte, würde Slarti es wissen oder herausfinden, wen man fragen konnte.

Sajala begann inzwischen mit der Zeitreise um mehr als hundert Jahre in die Vergangenheit. Das Startjahr hatte Valerie ihr nur ungenau angeben können. Nach wenigen Tagen konnte Sajala den Zeitraum, zu dem die fraglichen Datenstrukturen zum ersten Mal massenhaft auftauchten, ziemlich genau auf einen Zeitraum von zwei Jahren eingrenzen. Ihre Hoffnung war, dass die erstmalige Ausbreitung öffentliches Aufsehen erregt und noch andere Spuren in irgendwelchen Aufzeichnungen hinterlassen hatte. Wenn das so war, dann hätte man das wohl als Cyberattacke mit Computerviren eingeordnet und der Vorgang wäre sicherlich auch in den Massenmedien veröffentlicht worden. Damit hatte sie erst einmal einen Plan, wie sie vorzugehen hatte. Sie musste zunächst einmal alle Veröffentlichungen über Virenattacken innerhalb der betreffenden zwei Jahre ausfindig machen und überprüfen.

Der erste Überblick ergab fast zwanzigtausend Ereignisse in dem fraglichen Zeitraum. Diese Menge konnte sie unmöglich von Hand auswerten. Glücklicherweise waren solche technischen Recherchen für Sajala normaler Arbeitsalltag und ihren elektronischen Werkzeugkasten hatte sie dabei. Um sich einen Eindruck zu verschaffen, wonach sie überhaupt jetzt suchen musste, investierte sie einige Tage damit, zufällig ausgewählte Einträge in den aufgefundenen Katalogen zu lesen, zu gliedern, typische Formulierungen und Worte zu klassifizieren. Für einen Außenstehenden gab sie ein erheiterndes Bild ab, wie sie da vor so etwas wie einem dünnen Bilderrahmen saß und scheinbar mit allen Fingern auf den Tisch trommelte. Schon das Lesen der Texte war nicht ganz so einfach. Obwohl die Sprache dort ihrer eigenen stark ähnelte, war die Wortwahl, Satzbau, Schreibweise durchaus gewöhnungsbedürftig und oft missverständlich. Die Sprache hatte sich in den letzten hundert Jahren doch sehr weiterentwickelt. Auch verstand sie viele der Formulierungen und Vergleiche nicht, weil ihr schlicht der historische Kontext fehlte. Bezeichnungen und Namen, die offenbar eine bildliche Vorstellung eines Sachverhaltes vermitteln sollten, waren für sie vollkommen anti-intuitiv. Andererseits waren die Texte sehr sachorientiert und knapp gehalten, so dass sie meist darüber hinweglesen konnte. Manches konnte auch Valerie aus ihrer Erfahrung klären. Nur war sie meist mit Slarti unterwegs und kaum für sie verfügbar.

Nach zwei Wochen harter Arbeit hatte sie die Kandidaten für die eingehende Untersuchung auf nur noch zwanzig eingrenzen können. Die anderen Fälle betrafen Attacken, die ein klares ökonomisches Ziel hatten oder der Informationsbeschaffung dienten oder reinen Vandalismus verfolgten. Was sie suchte, waren Cyberangriffe der mysteriösen Art, deren Wirkung nicht geklärt und deren Urheber nicht zu ermitteln waren. Davon gab es glücklicherweise nur sehr wenige. Leider enthielten die Dokumente nicht den tatsächlichen Code dieser elektronischen Schädlinge. Nur einzelne Signaturfragmente und Hashwerte1 lagen ihr nun vor. Um daraus weitere Schlüsse zu ziehen, brauchte sie die Hilfe ihrer Freundin.

Valerie fuhr unterdessen mit Slarti in benachbarte Ortschaften auf der Suche nach weiteren Archiven, die Material aus dem fraglichen Zeitraum vorhielten. Tatsächlich fanden sich immer wieder einmal Hinweise auf Sammlungen, die in Papierform, auf brüchigem Mikrofilm, oder auf magnetischen und optischen digitalen Datenträgern vorlagen und nicht im Netz erreichbar waren. Meist existierten für diese uralten Formate dort noch genauso alte Lesegeräte, die über Generationen hinweg liebevoll instand gehalten worden waren. Valerie hatte die ermittelten Archive katalogisiert, und nach Alter und Herkunft der gehaltenen Dokumente grob klassifiziert. Slarti war offenbar ein hoch geachteter und weithin bekannter Mann. Er hatte ihr ohne große Probleme alle Türen geöffnet und jede denkbare Hilfe organisiert. Ohne ihn hätte man sie nicht einmal in einen einzigen dieser geheimen Orte mit ihrem wertvollen Inhalt eingelassen. Valerie wusste nicht, was Slarti den jeweiligen Hütern sagte, aber die Argumente mussten wohl überzeugend und absolut zwingend sein. Sie fragte sich, welche Erwartungen an die Ergebnisse ihrer Arbeit er in diesen Menschen wohl weckte. Wusste Slarti etwa viel mehr über ihr Projekt, als er erkennen ließ? Valerie wurde plötzlich klar, dass er eigentlich gar nicht so ahnungslos sein konnte, wie er vorgab. Sonst wäre das Ausmaß seiner Unterstützung nicht nachvollziehbar, zumal sie ihn früher nur als guten, wenngleich vertrauten Bekannten gesehen hatte. Erst jetzt betrachtete sie ihn als eine Art väterlichen Freund. Er aber war es, der dazu in Vorleistung getreten und in diese Art der Beziehung substantiell investiert hatte. Irgendetwas würde sie irgendwann einmal zurückgeben müssen. Was erwartete Slarti denn nun von ihr? Es musste mit ihrem Projekt zu tun haben. Ihr selbst gegenüber schien er jedenfalls nicht mehr als Sympathie und Respekt zu empfinden. Und altersmäßig würde er sicher besser zu Sajala passen.

Bei ihrer Rückkehr ins Dorf hatte Sajala sie mit fachlichen Fragen geradezu überschüttet. Es ging um lange zurückliegende Sachverhalte, sprachliche Konstrukte und ihre Bedeutung und den historischen Hintergrund bestimmter Vergleiche und Analogien. Erst Stunden später hatte Sajala sie nach den Tagen ihrer Abwesenheit gefragt. Valerie erzählte ihr von den besichtigten Archiven und denjenigen, von denen sie nur gehört hatte. Sie erzählte ihr auch von der unglaublich intensiven Unterstützung durch ihren alten Bekannten. Auch Sajala fand das bemerkenswert und fragte, ob da etwas zwischen ihnen beiden lief. Valerie errötete kaum merklich und wies die Frage sehr bestimmt zurück. Sie gab aber zu, dass sie über seine Beweggründe schon nachgedacht hatte. Valerie beschloss, Slarti einfach offen zu fragen. Was sollte schon geschehen? Wenn er nichts über die tieferen Anlässe ihres Projektes wusste oder ahnte, konnte es kaum schaden. Wenn er aber mehr wusste, war es erst recht nicht weiter gefährlich und vermutlich konnte er ihnen dann sogar noch besser helfen bei dem, was sie ermitteln wollten.

Am nächsten Tag luden die beiden Frauen Slarti nach dem gemeinsamen Abendessen in ihr Zimmer ein, zu einer Flasche Wein und guten Gesprächen. „Ein andermal gerne. Ich habe noch einem Freund versprochen, ihm morgen in alle Frühe einige Geräte in Ordnung zu bringen. Ich muss noch einiges vorbereiten und will früh zu Bett.“ „Das ist aber sehr schade. Kannst du das nicht verschieben? Es ist mir wichtig dass wir uns über verschiedene Dinge aussprechen, die sowohl uns als auch deine Leute angehen.“ insistierte Valerie. „Wir kennen uns schon viele Jahre und du weißt, dass ich dich nicht leichtfertig um einen Gefallen bitten würde.“ Er sah Valerie lange an. Offenbar mochte er sie sehr gern. Sajala hingegen schien er kaum zu beachten. „Gut, er wird nicht böse sein, wenn ich ihn erst später aufsuche.“

Sie ließen sich auf dem Sofa nieder. Der Stoffbezug war an vielen Stellen geflickt und einzelne Sprungfedern waren durch die Polsterung zu spüren. Trotzdem saßen sie einigermaßen bequem. Valerie begann damit, von sich zu erzählen, von Elternhaus, Schule, Freunden, Studium, persönlichen Interessen und ihrer Arbeit. Einiges kannte Sajala schon, vieles war neu. Valerie war in einem heilen Elternhaus zusammen mit einem jüngeren Bruder groß geworden. Vater und Mutter waren immer für sie da gewesen. Ihre schulische Laufbahn war unauffällig, ihre Leistungen gut aber nie herausragend gewesen. Lehrer und Eltern hatten sie nach Kräften gefördert. Sie war angepasst, interessierte sich für Dinge, die auch ihre Freunde interessierten, widersprach selten und erfüllte die an sie gestellten Erwartungen. Das galt auch für die Wahl ihres Studienfaches. Sie hatte nach der Schule keine besonderen beruflichen Interessen gezeigt und hatte einfach den bei einer Berufsberatung aufgezeigten Weg beschritten. Ihre Eltern hatten den Entschluss begrüßt und ihr auch diesen Weg geebnet. Valerie hatte sich augenscheinlich immer treiben lassen und vorgezeichnete Wege widerspruchslos beschritten. Erst gegen Ende ihres Studiums war eine plötzliche Veränderung vorgegangen. Da erst hatte sie erst zaghaft begonnen, die wirklich wichtigen Fragen zu stellen, sich aufzulehnen gegen Gängelung, fremde Erwartungen, ein Leben, dass in vorgedachten Bahnen ereignislos dahinplätscherte. Wer war sie eigentlich? Nur das Produkt fremder Einflüsse ohne eigenständige Persönlichkeit? Sie fand ihr Dasein damals unvermittelt zum Kotzen. Einen ersten Impuls, die Universität ohne Abschluss einfach zu verlassen, konnten ihre Eltern ihr gerade noch ausreden. Wirkliches Verständnis für ihre Rebellion hatten sie nicht. Dass sie sich schließlich doch noch zu einer Promotion durchrang lag daran, dass sie damit einen zeitweiligen Ausstieg aus ihrem bisherigen Leben verbinden konnte. Leute wie Slartibartfast hatten daran einen wesentlichen Anteil. Sajala kam kurz in den Sinn, dass das nicht ganz zufällig geschehen sein könnte. Vielleicht hatte er eine Saat ausgebracht und dachte nun an die Ernte. Und vielleicht sah er Sajala eher als störendes Element dabei und ignorierte sie deshalb.

Slarti fühlte sich sichtlich unwohl während Valerie sehr persönlich über ihr Leben berichtete. Er empfand nur allzu deutlich die Erwartung der Frauen, auch von sich etwas preiszugeben, das er lieber für sich behalten würde. Es war allerdings bemerkenswert, dass er an keiner Stelle wirklich erstaunt oder emotional berührt wirkte, so, als habe er das alles im Wesentlichen schon gewusst. Sowohl Valerie als auch Sajala hatten diesen Widerspruch bemerkt.

Als Valerie geendet hatte, begann Sajala mit der Selbstoffenbarung. Sie wusste, dass Slarti erst dann offen sprechen würde, wenn er sie wirklich einschätzen konnte. Anders als Valerie war sie selbst eine vollkommen Unbekannte für ihn. Als sie über ihre Kindheit berichtete, über ihr zerrissenes Elternhaus, trug er offenes Desinteresse zur Schau. Erst die Schilderung der Umstände zum Verschwinden des Vaters erregten offenbar sein verhaltenes Interesse, da er nicht mehr durch das Fenster in die Nacht hinaus sah. Ihre berufliche Tätigkeit interessierte ihn wiederum kaum. Als sie schließlich auf ihr Hobby und ihr Kunstwerk zu sprechen kam, hörte er schon mit geröteten Wangen zu. Instinktiv stand er auf und schloss das Fenster als befürchtete er, dass jemand von draußen zuhören könne. Ihre abschließenden Ausführungen über die Ereignisse, die zur Entdeckung der mysteriösen Aktivitäten der Datenstrukturen geführt hatten, versetzten ihn in höchste innerliche Erregung und seine Hände zitterten unmerklich.

Slarti stellte einige gezielte Fragen, die erkennen ließen, dass Sajalas Entdeckungen offenbar in ein Puzzle passten, dass er seit langer Zeit schon versuchte zusammenzusetzen. Was sie selbst betraf, war er wie ausgewechselt. Jetzt war sie relevant für ihn und seine Beachtung und sein Respekt waren ihr sicher. Slarti glaubte nun, sie und ihre Beweggründe einschätzen zu können, und so etwas wie Vertrauen lag in der Luft. Sajala fragte ihn offen nach seinen eigenen Zielen, nach seiner Vergangenheit und seinen Plänen mit ihnen beiden. Darauf folgte eine minutenlange Pause, in denen Slarti gedankenverloren aus dem Fenster starrte und allmählich seine Ruhe wiederfand. Dann trank er schweigsam seinen Wein und stand auf. Er müsse nachdenken und sich über einiges klar werden, meinte er und versprach, ihnen am nächsten oder übernächsten Tag mehr darüber zu offenbaren, was hier eigentlich vorging.

Am nächsten Morgen setzte ein leichter Sprühregen ein. Es war kalt und nass. Valerie fühlte sich nicht gut. Sie fröstelte und nieste immer wieder und blieb auf Sajalas Geheiß im Bett. Ein Frühstück brachte sie ihr nach oben. Slarti sahen und hörten sie den ganzen Tag nicht. Sie blieben im Zimmer und diskutierten. Soviel war klar geworden, dass Valerie schon lange Teil eines unbekannten Plans war, in dem nun auch Sajala eine Rolle spielen würde und schon spielte. Nach dem Mittagessen zog Sajala eine wärmende Jacke an und wanderte durch das Dorf. Für einen Frühsommertag war es immer noch zu kalt und sie fröstelte etwas. Der Regen hatte aufgehört und die Sonne war durch die dünner werdende Wolkendecke eher zu erahnen als zu sehen. Sie ging in Richtung des hoch aufragenden Metallturms. Die obere Hälfte war im Nebel nicht zu sehen. Die Türe fand sie verschlossen, aber viele frische Fußspuren auf dem schlammigen Weg führten direkt darauf zu. Sie schätzte, dass sich ein Dutzend Leute im Turm oder oben auf der Plattform aufhielten. Ob diese Versammlung mit ihr zu tun hatte? Sie nahm ihren weiteren Weg entlang der Umfassungsmauer. Der Ort war um diese Zeit fast menschenleer. Die meisten Bewohner hatten außerhalb zu tun. Sie traf eine Frau, die sich an den Fensterläden ihres Hauses zu schaffen machte. Als sie Sajala bemerkte, drehte sie sich zu ihr um und grüßte sie freundlich mit einer angedeuteten Verbeugung. Sajala erwiderte den Gruß überrascht. Die Menschen hier waren ihr bis jetzt eher mit freundlicher Nichtbeachtung begegnet. Die Reaktion der Frau war anders. Als sie die Hauptstraße wieder erreichte, grüßte sie der Kutscher eines Pferdegespanns, das gerade ins Dorf einfuhr, ebenfalls mit ungewohnter Achtung. Was war bloß geschehen zwischen gestern und heute? Es musste irgendetwas mit Slarti und ihrem Gespräch vom vergangenen Abend zu tun haben.

Am späten Nachmittag riss endlich die Wolkendecke auf und machte klaren blauen Flecken am Himmel Platz. Die schon kräftige Sonne brachte die Temperatur schnell auf ein angenehmes Maß, so dass Sajala ihre Jacke über den Arm hängte. Sie war jetzt außerhalb des Dorfes unterwegs und erkundete die Umgebung. Bis zum Eintritt der Dunkelheit würde es noch viele Stunden dauern, so dass sie es nicht eilig hatte. Die Lichtung rund um den Ort hatte sie schon verlassen und ging auf einer befestigten Straße in den Wald hinein. Sie hörte aus der Ferne Axtschläge und andere Geräusche nicht natürlichen Ursprungs, die sie nicht einordnen konnte. Irgendwelche Arbeiten waren dort im Gange. Im Augenwinkel nahm sie plötzlich eine Bewegung wahr. Eine schlanke Gestalt verschwand hinter einem Baum in dem Moment, als sie ihren Kopf in diese Richtung drehte. Wurde sie beobachtet? Oder war das jemand, der auf ihre Sicherheit achtete? Jedenfalls fühlte sie sich in keiner Weise bedroht. Sie folgte noch einige Kilometer der Straße, bevor sie kehrt machte. Als sie den Eingang zum Dorf wieder erreichte, fühlte sie sich entspannt und erfrischt von der regenfeuchten Sommerluft. Sie drehte sich schnell um, als sie das Tor durchschritt. Von Ferne sah sie jetzt deutlich die Gestalt, als sie sich gerade aus dem Schatten der Bäume löste, ihr aber offenbar nicht weiter folgte.

Am nächsten Tag war Slarti wieder da und ausgesprochen guter Dinge. „Entschuldigt bitte meine lange Abwesenheit. Ich musste einige Gespräche mit Freunden führen. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass ihr und wir uns in unseren Zielen ergänzen können. Und wir wollen euch vorläufig vertrauen.“ „Wir werden dich nicht enttäuschen.“ erwiderte Sajala und Valerie ergänzte „Wir fühlen uns geehrt und freuen uns auf eine gemeinsame Arbeit mit euch. Wir sind dankbar für jede Hilfe, die ihr uns gewährt. Wir zeigen uns gerne erkenntlich, soweit es in unserer Macht liegt.“ „Ich weiß das zu schätzen. Aber keine Sorge, wir werden nicht sehr viel von euch verlangen. Wir erwarten nur eure Offenheit. Bisher haben wir nur geahnt, was euch hierher treibt. Nach unserem Gespräch verstehe ich jetzt mehr. Haltet eure Erkenntnisse nicht zurück, dann teilen wir unsere mit euch. Beantwortet rückhaltlos unsere Fragen, dann beantworten wir die euren.“

Beide Frauen waren jetzt Teil in einem Spiel. Slarti verabredete sich mit den beiden für den späten Vormittag. Er holte sie vor ihrem Haus ab und führte sie in Richtung der Umfassungsmauer. Sajala ahnte, dass er den Turm ansteuerte und so geschah es auch. Die Türe war diesmal nur angelehnt und sie hörten den metallenen Nachhall von Stimmen darin. Eine enge stählerne Wendeltreppe führte steil nach oben. Slarti schloss hinter ihnen zu. In etwa fünfzig Metern Höhe befand sich im Innern eine Plattform mit einer an der Außenseite umlaufenden Sitzbank, auf der zwei Frauen und ein Mann schon lebhaft miteinander diskutierten. Als sie sie aufsteigen hörten, erstarben die Gespräche. Die drei Personen sahen sie erwartungsvoll an. Nach einer kurzen Begrüßung wechselte Slarti in die Sprache der Union und begann das Gespräch, indem er seinen Begleiterinnen die schon Anwesenden vorstellte. Umgekehrt waren Valerie und Sajala offenbar allen anderen schon bestens bekannt. Sie mussten nur wenige Fragen beantworten, bevor Slarti mit seinem Teil der Geschichte begann.

Talentsucher der Union waren auf ihn aufmerksam geworden, weil er es als Dreißigjähriger geschafft hatte, eines der alten Windräder wieder in Funktion zu setzen. Das hatte für einige Jahre einer Sippe fünf Tagesreisen entfernt von hier zu unglaublichem Wohlstand verholfen, bevor die improvisierte Technik schließlich wieder versagte. Slarti hatte als Autodidakt alte technische Dokumentationen gelesen und verstanden, eine geniale Meisterleistung. Schließlich gab es kein nennenswerten Bildungssystems, dass die Menschen an die alte Technik herangeführt hätte. Er war einer von den Wenigen in der Außenwelt, die ein Stipendium für eine Ausbildung in der Union erhielten. Auch wenn er die Motive nicht verstand, hatte er es ohne zu zögern angenommen. Seine angeborene Neugierde hatte alle Bedenken hinweggefegt. Gegen Ende seiner fast zehn Jahre in der Union hatte er auch Valerie kennen und schätzen gelernt. Danach war er zu seiner Sippe zurückgekehrt und pendelte gelegentlich in die Union, um alte Kontakte zu pflegen und begehrte Technik gegen solide Handarbeiten einzutauschen.

„Ich denke, wir alle suchen Antworten auf die gleichen Fragen. Wie funktioniert eigentlich die Gesellschaft der Union? Ich denke, so wie wir hier leben und arbeiten, Entscheidungen treffen und Macht ausüben, Interessen verfolgen und unsere Positionen absichern, so ist es immer schon gewesen. Wir leben hier noch entsprechend der ursprünglichen Natur des Menschen, die seit Millionen Jahren fast unverändert geblieben ist. Ich verstehe nicht, wie die Union diese Regeln zumindest auf den oberen Ebenen außer Kraft setzen konnte.“ Slarti hatte sich schon ähnliche Fragen gestellt, die auch Valerie und Sajala beschäftigten. Er war in einer Umgebung aufgewachsen, in der Macht, persönlicher Einfluss und Eitelkeiten eine wichtige Rolle spielten für viele Handlungen. Sachliche Gründe wurden üblicherweise im Nachhinein konstruiert als Rechtfertigung für bereits getroffene Entscheidungen. Das alles war aus der menschlichen Natur heraus leicht nachzuvollziehen und so hätte es im Prinzip auch in der Union sein sollen. Aber von Anfang an hatte er etwas anderes empfunden. Viele Regeln waren tatsächlich sachlich begründet ohne Rücksicht auf persönliche Interessen mächtiger Einzelpersonen oder Gruppen.

„Ich möchte euch nur ein Beispiel schildern, dass ich selbst aus nächster Nähe verfolgen durfte. Ich habe einmal für wenige Jahre in einem Unternehmen gearbeitet, das künstliche Sprunggelenke entwickelt und herstellt. Ich war dort Mitarbeiter in einem Produktionslabor, das ständige Qualitätskontrollen durchführt. Die Kraftverstärker in diesem Gelenk wurden unverändert schon seit Jahren produziert, verursachten in sehr seltenen Fällen unter bestimmten Bedingungen allerdings schlimme Trümmerbrüche, die jeweils sehr aufwändig operiert werden mussten. Das Management vertrat die Meinung, die Situation sei nicht zu ändern, die Vorteile der bestehenden Konstruktion überwögen bei Weitem deren Nachteile und hatte die Diskussion darüber für beendet erklärt. Einer meiner Kollegen dort fand trotzdem einen Weg, diese zwar seltenen, aber für die Betroffenen folgenreichen Unfälle zu vermeiden. Er schlug eine neuartige Zusammenstellung verschiedener harter und zäher Materialien vor, die die Verbindung zwischen Gewebe, Knochen und den eingebrachten Kunststoffen und Keramiken revolutionieren konnte. Genau das schlug er seinem Management vor, mit der Folge, dass seine Idee rundweg abgelehnt wurde und er sich eine Zurechtweisung einhandelte, er solle sich gefälligst um seine Aufgaben kümmern.

Soweit so gut. Damit hätte das Thema eigentlich begraben sein müssen, zumal der Kollege, eingeschüchtert wie er war, auch seinerseits nichts mehr unternahm. Aber dann geschah etwas Erstaunliches. Der Vorschlag und der ganze Vorgang fanden den Weg in das oberste Kontrollgremium der Firma, das daraufhin die ganze Führungsmannschaft austauschte. Ich habe nie herausgefunden, wer diese Strafmaßnahme wirklich angezettelt hatte. Trotz intensiver Recherche konnte ich nicht einmal konkrete Personen hinter diesem Gremium finden. Mein Kollege stritt auch nachher, als er keinerlei disziplinarische Maßnahmen mehr zu befürchten hatte, jede Beteiligung an der Weitergabe der Information vehement ab. Ich hatte allen Grund, ihm zu glauben.

In jeder anderen Gesellschaft, da bin ich mir sicher, hätte ein solcher Vorgang keinesfalls Konsequenzen für das Management gehabt. Bei uns hier wäre so etwas in vergleichbarer Lage sicher ganz anders verlaufen. Wer also ist in der Lage, als oberste Instanz einen solchen Vorfall überhaupt zu bewerten und derart drastische Konsequenzen durchzusetzen? Und wie war die Information über den Vorgang überhaupt über das Management des Unternehmens hinaus gelangt? Sie hätten doch alle Möglichkeiten gehabt, das alles zu vertuschen und zu ignorieren.“

Er hatte vermutet, dass eine mächtige Elite im Hintergrund die Geschicke der Union führte. Er hatte einige derartige Vorgänge beobachtet. Jeder davon wäre in den Außenbezirken undenkbar gewesen. Aber weshalb sollte eine solche Gruppe sich wohl verstecken? Wenn sie die Macht hatte, die er unterstellte, dann wäre das Gegenteil naheliegender gewesen. Slarti hatte versucht, die Entscheidungswege nachzuvollziehen, was sich als unerwartet schwierig erwies. In den höchsten Führungsebenen stieß er regelmäßig auf anonyme Institutionen und Kapitalgeber, die angeblich die Geschicke des Unternehmens leiteten. Manchmal wurden Namen genannt, hinter denen sich aber keine Person aus Fleisch und Blut erkennen ließ. In zwei der von ihm untersuchten Organisation war er auf etwas Verblüffendes gestoßen. Die Entscheidungskette hatte kein bestimmtes Ende, sie drehte sich im Kreis. Der Spitzenmanager der einen Firma war offenbar gleichzeitig Mitarbeiter einer unbedeutenden Abteilung des anderen Unternehmens. Da letzteres der erstgenannten Firma gehörte, war er offenbar über viele Ebenen hinweg wieder sich selbst gegenüber weisungsgebunden. Zuerst hatte er an eine zufällige Namensgleichheit gedacht. Aber tatsächlich handelte es sich um die gleiche Person.

Slarti hatte einige Hebel in Bewegung gesetzt, um die von ihm vermutete Führungselite ausfindig zu machen – ohne jeden greifbaren Erfolg. Er wollte unbedingt die Personen dahinter kennen, ihre Ziele und Motive verstehen. Sicher hatten sie auch Einfluss auf die Entwicklung und Zukunft der Außenbezirke. Slarti und seine Freunde waren auf der Suche nach den tieferen Zusammenhängen und Ursachen für den Status Quo. Das alles war nicht aus dem großen Zusammenbruch vor vielen Jahren und einer anschließenden ungesteuerten Selbstorganisation zu verstehen. Dazu unterschied sich der Zustand des Planeten zu sehr von allem, was davor gewesen war.

Die vermutete Führungsgruppe agierte aus seiner Wahrnehmung etwa so, wie Menschen sich manchmal den guten König vorstellten, der unangreifbar und uneigennützig die Geschicke des ihm anvertrauten Volkes lenkt und sich für dessen Wohl über Generationen hinweg verantwortlich fühlt. Eine solche Gruppe aber müsste groß sein, sagenhaft reich und damit kaum zu übersehen. Aber nichts von alledem war auch nur ansatzweise erkennbar. Im Gegenteil war das Wohlstandsgefälle in der Union eher ausgeglichen. Slarti glaubte nicht, dass die unteren zu den obersten Einkommen in der Union sich mehr als um den Faktor zehn unterschieden. Arbeitslosigkeit im engeren Sinne gab es dort nicht. Jeder wurde hier seinen Fähigkeiten entsprechend beschäftigt. Andererseits gab es Einkommen für Erwachsene bis auf wenige Ausnahmen nur gegen Arbeitsleistung.

„Jetzt versteht ihr sicher, weshalb wir an eurer Arbeit interessiert sind.“ und fuhr zu Sajala gewandt fort. „Du hast ja noch einen ganz anderen Ansatz verfolgt, der sicher eine interessante Möglichkeit eröffnet, an die wir nie gedacht haben. Wenn ich dich richtig verstehe, existieren diese mysteriösen Datenmuster deiner Sammlung in allen Systemen der Union. Ich muss dann weiter annehmen, dass die sich auch in einigen der seltenen elektronischen Geräten finden, die wir hier in Gebrauch haben. Die spontanen Veränderungen daran, die du offenbar beobachtet hast und die ich nicht bezweifle, sprechen in der Tat für eine aktive Gefahrenlage, die dahinter vielleicht lauert und die uns alle betrifft. Ob die Parallele zu neuronalen Anregungen wirklich belastbar ist, kann ich nicht beurteilen. Sollte es tatsächlich so sein, dann haben wir es vielleicht mit einem Gegner zu tun, dessen Möglichkeiten unsere schlimmsten Albträume in den Schatten stellen. Ich hoffe, dass dein Verdacht sich nicht bestätigt, dass die Systeme selbst noch nicht die Führung übernommen haben und sich keiner menschlichen Kontrolle mehr unterwerfen. Ich selbst halte diese Annahme für zu vage und keinesfalls für gesichert. Ich denke, da stimmst du mir zu. Ich bin sicher, dass nach wie vor Menschen hinter den Aktivitäten stecken und ihren Nutzen daraus ziehen. Die möchte ich zuallererst finden.“

Slarti und die anderen seiner Gruppe blieben Sajalas Vermutung gegenüber skeptisch und stimmten der Einschätzung Valeries zu, dass man vorläufig nur über die Geschichte dieser Erscheinung mehr darüber erfahren würde, wie sie funktionierte, welche Ziele sie verfolgte und ob noch eine Gruppe von Menschen direkten Nutzen daraus zog oder sie sogar steuerte. Der Zeitpunkt ihres Auftretens war inzwischen hinreichend eingegrenzt. Die Erscheinung konnte menschlichen Ursprungs sein, oder wegen der damals schon enormen Komplexität und Vernetzung der elektronischen Systeme auch aus sich heraus entstanden sein. Im letzten Fall würden die weiteren historischen Recherchen zu Virenattacken ins Leere laufen.

1Ein Hash ist eine kyptografisch abgesicherte Prüfsumme, die auch große Datenmengen mit einem relativ kurzen Binärwert eindeutig charakterisiert und so vor Veränderungen schützt.