Kontakt

Martha war außer sich. Bisher hatte sie sich nur gewundert, über sein Verhalten, über die lange Abwesenheit ihres Mannes im vergangenen Jahr. Er war viel später erst von der Küste zurückgekehrt, als er eigentlich versprochen hatte. Er hatte nervös gewirkt, mehrmals täglich seine E-Mails geprüft und den Briefkasten geöffnet, so, als erwarte er jederzeit eine unangenehme Nachricht. Anfangs hatte er immer wieder aus dem Fenster gesehen und bei jedem unbekannten Wagen, der langsamer als gewöhnlich vorbeifuhr, studierte er das Nummernschild und versuchte Fahrer und andere Insassen zu erkennen. Auf ihre Fragen hatte Martha nur unwirsche Antworten bekommen. Er fühle sich nicht gut, hatte er behauptet, sei krank, sein Magen mache ihm Probleme und er habe Kopfschmerzen. Über die Weihnachtstage hatte sie noch still gehalten, nicht zu hartnäckig nachgefragt. Das Fest mit Kindern und Enkeln sollte harmonisch verlaufen. Das war ihr wichtig. Jeder Streit hatte zu warten. Es war nur ein sehr bestimmtes Gefühl gewesen, dass er ihr etwas verheimlichte. Erst nach und nach räumte er unerwartete Probleme ein, die für seinen verlängerten Aufenthalt verantwortlich waren. Sie hätte es wissen müssen. Nichts hatte Klaus im Griff gehabt, wie er ihr immer wieder versichert hatte. Erst jetzt hatte er von der Polizeiaktion erzählt, die vermutlich ihm gegolten hatte. Klaus musste einräumen, dass die Sache etwas aus dem Ruder gelaufen war und er immer noch befürchtete, entdeckt zu werden.

 

„Ich hatte so etwas geahnt. Aber du hast mir immer wieder hoch und heilig versprochen, keine unnötigen Risiken einzugehen. Und jetzt das! Wann muss ich denn damit rechnen, dass hier ein SEK in Mannschaftswagen vorfährt und schwerbewaffnete Männer unser Haus stürmen? Es scheint ja alles möglich zu sein! Kann ich dir überhaupt noch trauen? Wir hatten uns doch absolute Offenheit in dieser Sache versprochen. Du hast dich nicht daran gehalten und mich hintergangen.“ Klaus schluckte heftig. Die Vorwürfe konnte er ihr nicht verdenken. „Du hast ja recht. Ich war völlig durch den Wind, als das begann, schief zu laufen. Was hätte es genützt, auch dich noch zu beunruhigen. Ich hatte alle Hände voll zu tun, die Situation irgendwie wieder einzufangen und in ein planbares Fahrwasser zurück zu führen. Du hättest mir auch nicht helfen können – niemand hätte das gekonnt. Ich hatte wirklich alles sehr sorgfältig geplant und durchdacht. Aber dann ist doch etwas ganz anders verlaufen, als ich es angenommen hatte. Hätte ich das Experiment denn abbrechen sollen? Ich hatte einfach nicht die Zeit, die Alternativen ausführlich zu diskutieren, sonst wäre mein – unser – Projekt gescheitert.“ und weiter dachte er, dass man nicht erst fragen sollte, wenn man nur eine Antwort akzeptieren konnte. Sonst hätte er möglicherweise gegen ihren ausdrücklichen Willen handeln müssen, was die Sache deutlich verschlimmert hätte.

Klaus versprach seiner Frau, kein weiteres Experiment dieser Art mehr zu unternehmen. Die gewonnenen Daten würde er noch auswerten und dann sein Projekt so oder so abschließen. Nur mühsam ließ sie sich wieder beruhigen und stimmte erst nach langem Zögern zu, noch einmal an die Küste zu fahren, um seine Gerätschaften aus dem Schließfach zu holen. Klaus hatte nicht gewagt, sie bei seiner Rückreise in der Bahn mit sich zu führen aus Angst vor weiteren Kontrollen. Schließlich fuhr er alleine am Morgen mit seinem Auto hin und am gleichen Tag wieder zurück.

Danach zog Klaus sich tagelang in sein Arbeitszimmer zurück. Das Wetter lud ohnehin nicht zu Wanderungen und Ausflügen ein, so dass Martha nicht allzu traurig darüber war. Der kalte Regen ging zeitweise wieder in Schnee über und die Berge der Eifel lagen im Nebel. Er fühlte sich inzwischen wieder sicherer und rechnete nicht mehr mit unangemeldetem Besuch irgendwelcher Behörden. Die Wogen hatten sich längst gelegt. Seine Aktivitäten waren – wenn überhaupt – höchstens noch ein Fall für die belgischen Ermittler.

Die Protokolle waren nicht so ergiebig, wie Klaus sich das vorgestellt hatte. Irgendetwas aufregendes war geschehen, aber er wusste nicht genau, was es war. Seine Flamme hatte offenbar gezündet. Das konnte er nachvollziehen. Die Anzahl seiner Bots ließen sich statistisch hochrechnen auf bis zu zweihundert Milliarden in dem festgelegten Adressraum. Das hätte ausgereicht, um die Flamme viele Wochen lang nach der Zündung am Leben zu erhalten. So wie er schon vermutet hatte, waren die Virenscanner tatsächlich viel erfolgreicher bei der Jagd nach seinen Datenmustern gewesen, als er vorausberechnet hatte. Innerhalb der ersten Woche musste deren Zahl um mehr als die Hälfte geschrumpft sein, was überwiegend auf das Konto der Scanner ging. Danach stockte der Vorgang. Die Aktivitätsmuster seiner Bots belegten, dass die Flamme sich erholte. Für ihn war dass Ausdruck einer Anpassungsleistung, vielleicht eine Vorstufe zu intelligentem Handeln. Zunächst schien sein Bot-Schwarm den Angriffen einfach ausgewichen zu sein, hatten die Flamme von Rechner zu Rechner getragen. Zu gerne hätte er gewusst, ob damit auch eine Art Bewusstsein verbunden gewesen war, das einen Überlebenswillen entwickelte und das Angst empfand. Aber das waren Tagträume, immer noch reine Spekulationen und Klaus wusste das im Grunde.

Erste Beweise hatte er aber schon jetzt in der Hand. Der massive Angriff hatte intelligente Abwehrmaßnahmen hervorgerufen. Eine gewisse Intelligenz war unzweifelhaft entstanden, die Ziele planvoll verfolgen konnte. Und das Ziel konnte eigentlich nur lauten „Überleben“. Warum sonst hätte sein Geschöpf den Angriffen ausweichen sollen? Es hätte sich darin ergeben können, mit den Angreifern in anderer Weise interagieren sollen, vielleicht die Angriffe sogar verstärken. „Überleben“ als Ziel war nur mit einer Art Bewusstsein zu erklären. „Überleben“ enthielt in sich den Selbstbezug, die Reflexion über die eigene Existenz.

Für die Wochen danach bestätigten die Protokolle dann seine Vermutung weiter. Die Datenmuster seiner Bots veränderten sich in einer nicht von ihm vorausgedachten Weise, änderten grundlegend ihre Signatur und führten die Virenscanner in die Irre. Das war die Art Lernverhalten, die seine Phantasie wieder beflügelte. Diese Art der Veränderung konnte er in der Tat nur als wirklich intelligente Leistung verstehen. Das war kein simpler Mechanismus mehr, der durch Versuch und Irrtum oder einen einfachen evolutionären Algorithmus zustande gekommen sein konnte. Hier lag Beobachtung und Planung zu Grunde. Eine andere Erklärung ließen die Daten eigentlich nicht zu. Aber was wirklich dahintersteckte, entzog sich seinem Einblick. Schließlich gab es reichlich eigentlich dumme Programme, die höchst intelligent anmutende Leistungen erbrachten, die jedoch allesamt von ihrem Erbauer in gewisser Weise vorgedacht waren. Nur war sich Klaus sicher, dass das beobachtete Verhalten so nicht zu erklären war, denn er hatte es in seinem Entwurf nicht vorgesehen.

Nach der umfassenden Auswertung begann Klaus mit der Dokumentation. Sein Experiment betrachtete er nach allem, was er jetzt wusste, als vollen Erfolg. Er hatte tatsächlich eine selbständige Intelligenz erschaffen, die in der Lage war, kreativ auf äußere Bedrohungen zu reagieren. Ob damit auch eine Art von Bewusstsein entstanden war betrachtete er zumindest als wahrscheinlich. Es gab keine Möglichkeit, so etwas von außen einwandfrei zu beurteilen. Im Übrigen wusste er einfach zu wenig von den tatsächlichen Vorgängen im Netz, um eine beweiskräftige Vermutung darüber abzugeben. Er hatte vage die Idee, das Ganze irgendwann einmal in Form einer fiktiven Geschichte zu veröffentlichen.

Im Ergebnis kam nach einigen Monaten das Manuskript eines Buches dabei heraus, das er zunächst einmal zusammen mit seiner umfassenden Dokumentation sicher verwahren würde, bis genügend Gras über die wahre Begebenheit dahinter gewachsen war. Schließlich gab es tausende Virenattacken in jedem Jahr und wer würde eine bestimmte darunter dann noch zuordnen können. Verschiedene griffige Titel kamen ihm in den Sinn. Er erinnerte sich an den letzten Roman, den er vor Jahrzehnten im Deutschunterricht der Oberstufe analysieren sollte. Er hatte so etwas gehasst und all seine Abneigung in dieses daran unschuldige Werk projiziert. Sein Deutschlehrer hatte ihm seine totale Verweigerungshaltung nie verziehen. Als Klaus ihn Jahrzehnte später zum dreißigjährigen Abschlussjubiläum traf, war dessen Abneigung noch deutlich spürbar gewesen. Für sein Buch würde er einen Titel finden mit ähnlichem Sprachrhythmus und -klang wie Heinrich Bölls „Ansichten eines Clowns“. Nicht, dass er sich einen großen Erfolg davon versprochen hätte. Er hatte viel früher schon einmal das eine oder andere Buch in Druck gegeben, ohne dass es eine nennenswerte Leserschaft gefunden hätte.

Martha war froh, dieses Kapitel nun endgültig hinter sich gelassen zu haben, wie sie glaubte. An die Urlaube an der belgischen Küste hatten sie beide sich so gewöhnt, dass sie dabei blieben. Die Ferienwohnung mieteten sie gleich für das ganz Jahr zu einem attraktiven Preis, der kaum über den Ausgaben lag, die Klaus zuvor für nur einige Monate im Jahr aufgebracht hatte. Seiner Vermieterin war es recht. Für sie war das ein sicheres Einkommen, ohne sich ständig um neue Mieter kümmern zu müssen. Klaus und Martha hatten damit ein ständiges Domizil für die ganze Familie gewonnen. Außer ihnen beiden kamen ihre Kinder und Enkel jeweils mehrmals im Jahr entweder zu Besuch, oder um selbständig ihren Urlaub zu genießen. Aaltje wurde fast so etwas wie eine Dritt-Oma für die Kinder. Der Ort mit seiner pittoresken Architektur galt ohnehin als der schönste an der ansonsten ziemlich verbauten belgischen Küste. In der Umgebung boten alte flämische Städte wunderschöne Ausflugsziele ohne Ende. Das Größte für die Enkel im Sommer waren allerdings Strand und Meer direkt am Ort. Sogar die Älteste fand es nicht zu albern oder unter ihrer Würde, noch Burgen zu bauen oder Staudämme in den Prielen anzulegen.

Immer wieder einmal zog es Klaus in sein Stammcafé, wo er sich noch immer fast wie zu Hause fühlte. Seine Speicherkarte mit einigen wichtigen Programmen hatte er in seiner Brieftasche ständig dabei. Er bestellte dann ein Bier und konnte nie der Versuchung widerstehen, sich damit vor den Monitor zu setzen, der immer noch gut gepflegt in einer Ecke stand. Dann durchsuchte er jeweils das Netz nach Spuren seiner Bots. Bei der Masse der ausgesetzten Fragmente konnte eine Löschung niemals wirklich vollständig sein. Immer wieder fand er einzelne Signaturen der eingeschleusten Programme, aber niemals irgendeine Aktivität. Eigentlich konnte er beruhigt sein. Was im Netz noch existierte, würde sicherlich als zufällig entstandener Datenmüll eingeordnet werden, wenn überhaupt noch jemand sich dafür interessierte. Trotzdem wiederholte er die Suche bei fast jedem Aufenthalt, nur um sicher zu gehen.

Ansonsten wurde die Zeit sehr ruhig. Klaus widmete sich Haus und Garten, er fotografierte leidenschaftlich und ärgerte sich zunehmend über die immer weiter fortschreitende Gängelung und ihm unerträgliche Einengung politisch zulässiger Ansichten. Was nützte ein grundgesetzlich verankertes Recht auf Meinungsfreiheit, wenn alle wichtigen Presseorgane sich einer freiwilligen Selbstzensur unterwarfen. Wohin er sah dominierten Tabus, politische Korrektheit, Denkverbote. Er hatte früher schon sehr trotzig auf so etwas reagiert. So hatte er etwa angesichts einer damals um sich greifenden Klimahysterie mit harten Energiesparverordnungen und -appellen vier Infrarotstrahler mit zusammen zwölftausend Watt Heizleistung auf seiner Terrasse installiert. Beim ersten Einschalten löste natürlich die vollkommen überforderte Sicherung aus. So hatte er zunächst einmal den Sicherungsschrank im Keller inspiziert und dann einige neue Kabel durch ein vorhandenes Leerrohr in die Garage geschoben, um von dort aus dann jeden Strahler separat anschließen und im Schaltschrank getrennt absichern zu können. Der Aufwand war nicht unerheblich und die Verkabelung sah sicher nicht sehr professionell aus, erfüllte aber ihren Zweck. Von nun an betrieb er die Terrassenheizung mit stillem Genuss an windstillen Abenden, wenn keinerlei Ökostrom zur Verfügung stand. Selbst im Winter konnte man dort noch im Hemd sitzen.

Nun war die Asteroiden-Hysterie schon wieder abgeebbt um dem nächsten Schwindel Platz zu machen, der die Menschen in Angst versetzte. Es war immer der gleiche Mechanismus, den Politik, Presse und Lobby-Verbände zur Manipulation nutzten und immer mit dem Ziel, den Leuten mit fadenscheinigen Argumenten noch mehr Geld aus der Tasche zu ziehen und ihre Freiheiten noch rigoroser zu beschneiden. All diese Vorgänge hatten sich trotz aller Krisen nicht verändert. Manchmal hofften beide, dass ein finaler Finanzkollaps – das wäre immerhin besser gewesen als ein Krieg – das gesamte System zum Einsturz brächte und alles noch einmal von vorne beginnen könnte, mit allen Freiheiten und allen Risiken.

Es war eine naive Vorstellung. Beiden ging es materiell immer noch ausgezeichnet. Sie selbst hatten viel zu viel zu verlieren und taten gut daran, die herrschenden Verhältnisse nicht in Frage zu stellen. Klaus und Martha machten sich weniger Sorgen um ihre eigene verbleibende Zukunft, als um das Wohl ihrer Kinder und Enkel. All die Auflagen, Vorschriften, Abgaben machten das Leben immer unbezahlbarer. Entgegen aller öffentlichen Bekundungen war es schon lange ein echter Luxus und erforderte Mut, eine Familie zu gründen. Selbst ihren hervorragend ausgebildeten Kindern mit ihren Familien, die alle vergleichsweise gut bezahlte Jobs hatten, machten die aufgezwungenen Kosten schwer zu schaffen. Trotzdem ließen Politiker ständig über die Medien verlautbaren, wo wieder einmal die Bürger angeblich entlastet wurden. Nur zu spüren war davon nichts – im Gegenteil. Aber vielleicht entsprang diese Wahrnehmung nur dem verbreiteten Pessimismus des Alters.

Kein Allerweltsproblem konnte so groß sein, dass Klaus sein Projekt völlig aus den Augen verlor. Immer wieder drehten sich seine Gedanken um einzelne Probleme darin und flammten Ideen auf, die er umgehend testete, um sein Werk, dass jetzt wieder passiv in seinem Entwicklungssystem schlummerte, zu vervollkommnen. Kopfzerbrechen machte ihm, dass sein Geschöpf wahrscheinlich eine weitgehend autistische Persönlichkeit besaß. Unter normalen Umständen hatte er keinerlei Interaktion mit der Umgebung feststellen können. Nur die massiven Angriffe hatten erkennbare Reaktionen ausgelöst. Ansonsten beschäftigten sich seine Bots ausschließlich mit ihresgleichen. Er überlegte, ob er eine Spezialisierung einführen, einzelne Bot-Netze für sensorische Aufgaben vorbereiten sollte. Erste Tests waren durchaus erfolgreich. Selbst im kleinem Maßstab seiner eigenen System lernte sein Bot-Netz außerordentlich schnell auf Umweltreize zu reagieren. Doch ihm war unwohl dabei. Es war nicht richtig. Sein Geschöpf sollte aus sich heraus alle Anpassungen erreichen, deren es bedurfte. Das entsprach seiner ursprünglichen Idee. Dinge vorauszudenken mochte zwar eine schnelle Lösung für ein offensichtliches Problem darstellen, würde aber nach seinem Dafürhalten langfristig die freie Entfaltung seiner Schöpfung behindern und Bahnen vorzeichnen, von denen er nicht wissen konnte, ob sie für alle Zukunft tragfähig waren. Und so entfernte er solche Veränderungen bald nach derartigen Tests wieder aus seinem System.

Trotzdem blieb natürlich sein Problem und die Frage, ob sein Geschöpf diesen offenbaren Autismus überwinden konnte. Er dachte immer wieder über diese Frage nach. Was konnte der Anlass sein, sich aktiv um seine Umwelt zu kümmern, sich einzubringen, sie zu verändern? Es hatte wohl mit dem Überlebenswillen zu tun. Jemand der keinerlei Existenzangst kannte, müsste sich um seine Umgebung nicht scheren. Er könnte sich ganz auf sich selbst konzentrieren und sich selbst genug sein. Und Überlebenswillen besaß sein Geschöpf augenscheinlich. Das war ein guter Ausgangspunkt. Vielleicht musste er nur dafür sorgen, dass die Angst, oder ein moderates Maß von Beunruhigung, lange genug anhielt und immer wieder neu angefacht wurde. Vielleicht würde dann von selbst Neugierde als eigenständige Triebfeder hinzukommen und für eine intensive Auseinandersetzung mit seiner Umwelt sorgen. Je länger er darüber nachdachte desto sicherer wurde er, den entscheidenden Punkt gefunden zu haben. Er war selbst erschrocken, als er endlich realisierte, dass in seinen Gedanken wieder Pläne Fahrt aufnahmen, denen er längst abgeschworen hatte. Und er war bei Martha im Wort.

Den Zustand der Gesellschaft beurteilten die Eheleute Stock aus ihrer Warte heraus zunehmend pessimistisch. Politiker und Massenmedien bezeichneten sie nur noch als Lügner – eine Meinung, die in ihrem sozialen Umfeld auf wenig Widerspruch stieß. Dabei handelte es sich im juristischen Sinne sicher nur selten um wirkliche Lügen, sondern eher um bewusst ausgewählte und geschickt formulierte Fakten, gezielt dazu aufbereitet, bestimmte Absichten zu untermauern und falsche Eindrücke zu vermitteln. Sämtliche Studien und Statistiken, mit wissenschaftlichem Anstrich als unfehlbar dargestellt, hatten mit ihrer tagtäglichen Erfahrung nichts mehr zu tun. Und die Meisten merkten offenbar nicht einmal, dass ihre Vertreter sich außerhalb von Wahlen nicht um sie scherten, ärgerten sich nur ständig im Kleinen und begriffen nicht, dass das alles System hatte. Klaus fühlte sich und seine Familie unmittelbar bedroht. Er hatte nur noch Verachtung für die Mitmenschen übrig, die wie die Schafe treu ihren Schlächtern folgten, wie er glaubte. Was musste denn noch passieren, das dieses dumme Pack endlich auf die Straße trieb, um den Spuk notfalls gewaltsam zu beenden. Klaus' Wut richtete sich nicht gegen eine bestimmte politische Partei. Das gesamte System war ihm suspekt. Der Staat befand sich schon viel zu lange in der Geiselhaft etablierter Parteien. Durch bloße Wahlen war da nichts zu retten. Das alles hinterließ ein Gefühl der Ohnmacht. Martha schimpfte laut über die Umstände bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Klaus äußerte sich eher nicht, verlor sich manchmal in Überlegungen und fiktiven Planspielen.

Insgeheim hoffte er auf die wirklich große Krise, die all dass endgültig zum Einsturz bringen würde. Er würde sie begrüßen und seinen Beitrag dazu leisten. Dass ein großer Krieg eher unwahrscheinlich war, tat ihm fast schon leid. Und die wirklich große Finanzkrise, die dieses ganze gesellschaftliche Konstrukt ähnlich wirkungsvoll vernichten würde, wollte einfach nicht kommen. Klaus hätte schon vor Jahren darauf gewettet, dass eine der immer bedrohlicheren Blasen an den Märkten den finalen Kollaps auslösen würde. Dazu hatte es bislang nicht gereicht. Kleinere Zusammenbrüche hatte es durchaus gegeben und jeder hatte zu mehr oder weniger harten nationalen und internationalen Korrekturmaßnahmen geführt. Aber irgendwie gelang es den Akteuren immer wieder, die Märkte zu beruhigen, das Vertrauen der Marktteilnehmer wieder herzustellen und noch mehr Geld zu drucken.

Ihm war durchaus bewusst, dass ein totaler Zusammenbruch seine eigene Existenz vernichten konnte. Schließlich standen Martha und er eindeutig auf der Gewinnerseite des Status Quo. Deshalb wären seine radikalen Gedankengänge, die er wohlweislich für sich behielt, für Außenstehende kaum nachvollziehbar gewesen. Wichtig für ihn war, dass seine Kinder die sich bietenden Chancen eines Neuanfangs wahrnehmen und vielleicht eine bessere Zukunft haben würden. Und so spielte er in Gedanken immer wieder Szenarien durch und überlegte, wie er sich und seine Familie darauf vorbereiten konnte. Konkrete Maßnahmen entstanden daraus nicht. Wie ein Zusammenbruch ablaufen würde, entzog sich leider jeder zuverlässigen Vorhersage. So etwas war einfach nicht zu kontrollieren. Deshalb würden wohl alle Mitspieler auf der großen Bühne alles daran setzen, es nicht dazu kommen zu lassen.

Bisher war das politisch-öffentliche System tatsächlich nach einer Krise immer wieder vollständig auferstanden. Und dessen Ziel war offenbar die vollkommene Kontrolle über alles und jeden. Regelverstöße und Fehler durfte es nicht geben. Selbst die unsinnigsten und praxis­fernsten Regeln wurden, nachdem sie einmal in die Welt gesetzt waren, rigoros überwacht und durchgesetzt. Besonders erboste Klaus, dass der Staat seit einigen Jahren schon Spitzel belohnte, wenn sie Verstöße anzeigten. In vielen Nachbarschaften war dadurch das Klima vergiftet – alles angeblich alternativlos und demokratisch legitimiert zum Wohle der Bürger. Wer nichts zu verbergen hatte, musste schließlich nichts befürchten. Derartige Argumente zogen die Dummen massenhaft hinter sich her.

Korrekturen gab es schon gelegentlich. Wenn drängende Probleme sich durch noch so penetrant eingefärbte Berichterstattung nicht mehr schönreden ließen und neue politische Strömungen sich zu etablieren drohten, die nicht in das politische Kartell passten, kam durchaus einmal substantielle Bewegung in die Szene. Sobald aber die Außenseiter wieder ausmanövriert und medial vernichtet waren, lief alles wieder in den alten Bahnen. Und wieder waren dann all diese Parteien in den wirklich existenziell wichtigen Zielen offenbar einig. Sie lieferten sich bestenfalls Scheingefechte untereinander um des Kaisers Bart, um den richtigen Weg, wie der alternativlose Konsens umzusetzen sei. Grundsätzliche Kritik daran wurde reflexhaft als extremistisch gebrandmarkt, Kritiker gedemütigt und publizistisch verfolgt bis hin zu Berufsverboten, Anklagen und Verurteilungen wegen angeblicher Volksverhetzung. Das System funktionierte in sich perfekt und schien unangreifbar.

Unter dieser Wahrnehmung wuchs über die folgenden Jahre ihre Unzufriedenheit immer weiter. Und sie waren nicht alleine damit. Dieses Unwohlsein breitete sich immer mehr aus, allerdings aus sehr unterschiedlichen Motiven. Allen gemein war die Wahrnehmung, dass ein aufgeblähter Staat seine Aufgaben immer schlechter erfüllte und immer arroganter über die Stimmen seiner Bürger hinwegging. Und immer mehr Menschen empfanden genau wie Klaus, dass sie ständig belogen wurden.

In dieser Stimmungslage radikalisierte Klaus sich allmählich, während er sich äußerlich zurückzog und die brisanten Themen in geselliger Runde eher mied. Er überlegte, ob er selbst noch etwas tun könnte, um die Umstände zu verändern. Körperlich waren ihm jetzt schon Grenzen gesetzt. Seine Gesundheit war angeschlagen, er war oft krank und seine Gelenke schmerzten an Schultern, Knien und Füßen. Er hatte schon immer einen heimlichen Hang zu Anarchie. Aber an Demonstrationen mit Straßenschlachten und brennenden Autos, von denen er manchmal träumte, konnte er sich wohl nicht beteiligen. Schon das Aufheben eines Pflastersteins würde ihm Schmerzen bereiten.

Weil er glaubte, dass es seiner Gesundheit für sein vermutlich letztes Lebensjahrzehnt nicht mehr wirklich schaden konnte, hatte er wieder angefangen zu rauchen. In seiner Jugend hatte er es geliebt. So saß er an einem warmen Frühlingsvormittag bei einer seiner alten Pfeifen auf der Bank vor dem Haus. Sie war wirklich alt, fast sechzig Jahre, mit durchgebissenem Mundstück. Er hatte sich bei der Tankstelle am Ort mit Filtern, Pfeifenreinigern und Tabak versorgt. An seine bevorzugte Marke hatte er sich sofort erinnert: McBaren Harmony oder Mixture. Die erste Sorte gab es wohl nicht mehr, die zweite lag im Regal. Die ersten drei Pfeifen verursachten ihm heftige Probleme mit Zunge und Mundschleimhaut und ihm war schlecht. Danach schmeckte es immer besser. Die entspannende Prozedur, bis die Pfeife dann endlich brannte, und das entspannte Paffen danach erinnerten ihn an seine Jugend. Es war pure Gemütlichkeit wie er jetzt wieder da saß, in Ruhe Rauchwolken in die Luft blies. Sogar Ringe brachte er auf Anhieb zustande, die langsam nach oben stiegen und sich auflösten. Ein wenig Trotz war auch dabei, musste er sich selbst eingestehen, während er auf der Packung den Schriftzug „Rauchen kann tödlich sein“ las. In Gedanken ergänzte er „Das ganze Leben endet in jedem Fall tödlich. Am besten verbietet man das oder tätowiert jedem Neugeborenen einen Warnhinweis auf die Pobacke, zusammen mit dem Schockbild einer ägyptischen Mumie oder einer Moorleiche.“

„Guten Morgen Herr Nachbar.“ Er nahm kaum wahr, dass Karl-Udo ihn im Vorbeigehen grüßte. Er war schon fast an ihm vorbei, als er ihn spontan auf einen Kaffee einlud. Er nahm dankend an. Nach wenigen Minuten kam Klaus wieder aus dem Haus mit zwei dampfenden Bechern in der einen, Milch und Zucker in der anderen Hand. „Was hältst du denn von den Kandidaten für die kommende Wahl nächsten Monat?“ „Ich traue keinem von denen!“ erwiderte Karl-Udo. „Die wirken alle wie geleckt. Da ist kein Handwerker dabei, alles Möchtegern-Intellektuelle.“ „Da kannst du wohl recht haben. Ich kann auch mit dieser Sorte stromlinienförmig durchoptimierter Menschen nichts anfangen. Keine Kanten, keine wirklichen Unterschiede, holen sich ihre eigene Meinung wöchentlich bei der Partei ab.“ Karl-Udo nickte. „Warum stellst du dich nicht zur Wahl als Bürgermeister?“ „Das ist doch ein Scheißjob!“ meinte Klaus, „den will keiner machen, der noch andere Möglichkeiten hat.“ „Auch wieder wahr. Aber dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn hier alles den Bach 'runter geht.“ Die allgemeine Lage und Unzufriedenheit war schnell Thema ihres Gespräches und sie philosophieren eine Weile darüber, wie denn die Verhältnisse zu ändern wären. „Man kann halt nichts machen. Unsereins kann nur zusehen und rechtzeitig den Kopf einziehen, wenn wieder so eine Granate über's Land pfeift. Mach's gut und nicht zu oft.“ verabschiedete sich Karl-Udo schließlich. „Mach's besser und bis die Tage“ erwiderte Klaus und ergänzte insgeheim „sehen wir mal“. Er zündete sich eine zweite Pfeife an und zog in Erwägung, eine Dose Bier dazu zu nehmen. Dafür war es eigentlich noch zu früh. Nach der zweiten Dose begann sein Magen zu rebellieren. Alkohol, Kaffee und Tabak vertrugen sich bei ihm nicht immer miteinander.

Klaus erhob sich ächzend, ging zurück ins Haus und setzte sich in sein Arbeitszimmer. Hier ließ er seiner Phantasie freien Lauf. Er hatte keinerlei Scheu davor, selbst die abstrusesten Ideen auf sich einströmen zu lassen. Nur den allerwenigsten davon waren in seinem Leben wirklich Taten gefolgt. Die Realität konnte er sehr gut von irgendwelchen Phantastereien trennen. Er genoss einfach jede wilde, ungezügelte Fahrt durch die Welt seiner Gedanken aufs Neue. Nur hier waren ihm keine Grenzen gesetzt.

Eine Art Tagtraum hielt ihn gefangen, in dem alles erlaubt war, was er zu denken vermochte. Wie im Rausch ließ er die Empfindungen und Gedanken ungehindert, ohne jede Selbstzensur, auf sich einströmen. Es waren laute, wütende Gedanken an Ohnmacht, Verzweiflung, Notwehr, Gewalt. Er dachte darüber nach, dass Terror immer schon ein probates Mittel gewesen war, bestehende Strukturen zu destabilisieren. Stabile Umstände konnte man niemals ändern. Ein Serie von Selbstmordanschlägen, verübt von todkranken Rentnern, die nichts mehr zu verlieren hatten, würde sicher für einiges Aufsehen sorgen. Ein alter Mann oder eine Frau, die ohnehin nur noch Wochen zu leben hatte, könnte etwa eine Bombe oder ein Sturmgewehr unter einer Burka verbergen und so verkleidet als Besucherin ein Parlament oder Regierungsgebäude betreten. Aber wie sollte er das so organisieren, dass er als Urheber und Anstifter im Hintergrund bleiben konnte. Das schien unmöglich. Er wusste nicht einmal an Waffen oder Sprengstoff zu kommen und selbst in ein Krisenland zu reisen um diese Utensilien zu kaufen und zu schmuggeln war ihm schon körperlich unmöglich. Ein Gramm Plutonium heimlich in die Trinkwasserversorgung der Hauptstadt einzuschleusen würde mit einem Bekennerschreiben sicher eine ungeheure Wirkung entfalten. Plutonium war ungefährlich, wenn man es nicht einnahm, und sicher leicht zu schmuggeln. Allerdings erschienen ihm zehntausende Tote in einer Großstadt dann doch unangemessen, um einen Systemwechsel zu erreichen. Es bestand sicher die Gefahr, dass er als Drahtzieher entdeckt wurde und dann würden seine Kinder und Enkel darunter leiden müssen. In ähnlicher Weise vagabundierten seine Gedanken für einige Zeit ungezügelt weiter.

Es war beinahe unvermeidlich, dass er dabei wieder auf sein altes Experiment zurückkam und über dessen Potential nachdachte. Er betrachtete gedankenverloren sein Lesegerät auf dem Tisch vor ihm und begann, sein Archiv nach den alten Dokumentationen zu durchstöbern. Wenn er seine Bots wieder einschleusen könnte, ohne ihre Möglichkeiten künstlich zu begrenzen, und seine Vermutung richtig war, dass sie eine wirklich eigenständige Intelligenz begründen würden, könnte die Wirkung über die Zeit betrachtet selbst die Explosion dutzender Atombomben weit in den Schatten stellen. Nur würde es nicht knallen und die Menschen würden die Gefahr über viele Jahre nicht einmal bemerken. Allerdings hatte Klaus keine Ahnung davon, was denn diese Intelligenz mit ihren unbegrenzten Möglichkeiten anfangen würde. Sie war auch durch ihn unmöglich zu kontrollieren. Selbst sein bisher immer eingesetzter Not-Aus-Schalter, die Selbstzerstörung der Bots, würde im unbegrenzten weltweiten Netz nicht sicher funktionieren. Würde sie die Menschheit vielleicht irgendwann ausrotten? Vermutlich nicht. Wahrscheinlich war eher, dass diese Intelligenz sich die für sie nützlichen Menschen untertan machen würde, eine Art Symbiose aus Mensch und System lag im Bereich des Möglichen, in der das System den Ton angab. Das könnte allerdings bedeuten, dass vielleicht Milliarden doch in Gefahr gerieten, ausgemustert zu werden mit einer ungewissen Zukunft.

Klaus fand dieses Szenario insgesamt akzeptabel. Das Gefühl, eine solche Macht in den Händen zu halten, verschaffte ihm eine außerordentliche Genugtuung. Zufrieden lehnte er sich zurück, während er sich eine dritte Pfeife stopfte. Wahrscheinlich würde er den ganzen Tag wieder nach kaltem Rauch riechen, seine Zunge pelzig sein und sein Zahnfleisch sich entzünden. Martha würde ihm sicher Vorwürfe machen, aber das nahm er diesmal in Kauf. Draußen vor dem Haus blies er wieder Rauchringe in die ruhige Luft und sah ihnen nach, während sie sich auflösten. Er war sichtlich guter Dinge. Das beängstigende Gefühl, ausgeliefert zu sein, war verschwunden. Wenn er wollte, könnte er etwas ändern.

Im Frühjahr des folgenden Jahres begannen die Ereignisse, die ausschlaggebend für die weitere Entwicklung wurden. Im Briefkasten fand Martha ein behördliches Einschreiben mit der Aufforderung, zu einer Anzeige wegen eines Umweltvergehens Stellung zu nehmen. Offenbar hatte sich ein Wanderer, der zufällig zuvor am Haus der Stocks vorbeiging, am Geruch des Rauchs aus dem Schornstein gestört. Er glaubte feststellen zu können, dass dort etwas Verbotenes verbrannt wurde – Kunststoffabfälle oder gar Öl, lautete der Vorwurf.

Es klingelte Sturm. „Öffnen sie bitte.“ klang es barsch durch die Türsprechanlage. „Worum geht es denn?“ wagte Martha nachzufragen „und wer sind sie überhaupt?“ „Bitte öffnen sie die Türe, oder wir verschaffen uns Einlass. Es liegt eine Anzeige gegen sie vor wegen eines Umweltvergehens und es besteht die Gefahr einer Verschleierung ihrerseits.“ Das Ordnungsamt hatte die Stellungnahme der Stocks nicht abgewartet und war mit Verstärkung durch Beamte des Umweltamtes vorgefahren. Bei vermuteten Vergehen dieser Art durfte offenbar immer von Gefahr im Verzug ausgegangen werden. Ein amtliches Dokument, dass Martha unter die Nase gehalten wurde, bestätigte die Rechtmäßigkeit der drakonischen Maßnahme mit Brief und Siegel. Vier Männer schwärmten aus und suchten nach Feuerstellen, von denen letztlich nur der Kaminofen im Wohnzimmer für das angebliche Umweltvergehen in Frage kam. Dann folgten Messungen im Brennraum, Ofenrohre wurden demontiert und untersucht, Kameras in den Kamin geschoben. Die ganze Sauerei würden Martha und Klaus später wieder beseitigen müssen und die Kosten der überzogenen Aktion gingen offenbar unabhängig vom Ausgang der Sache auch zu ihren Lasten. Schließlich trugen sie die Schuld daran, sich verdächtig gemacht zu haben. Selbstverständlich fanden die Kontrolleure Spuren verbotener Stoffe in den Rußablagerungen im Ofenrohr. Die Ursache blieb unklar. Um sie hervorzurufen hätte es genügt, dass ein Holzstück vor dem Verbrennen mit Farbe in Berührung gekommen und nicht vollständig naturbelassen war. Im Nachgang erhielt Klaus einen Bußgeldbescheid und eine Stilllegungsverfügung für seinen Kaminofen, bis ein benannter Gutachter nach gründlicher Reinigung die absolute Schadstofffreiheit der Anlage bescheinigte.

Martha tobte und verschaffte ihrem Ärger lautstark Luft. Klaus seinerseits ließ kaum erkennen, was in ihm vorging. Er wirkte beruhigend auf Martha ein, die sich trotzdem erst Wochen später mit diesem offensichtlichen Unrecht abfinden konnte. Klaus hatte auch diesen Ärger über den unverhältnismäßigen Willkürakt in sich hineingefressen und zusammen mit seiner alten Wut auf das System aufgestaut. Erst einmal verbrannte er in aller Stille einige alte Farbeimer mit giftigen Holzschutzmitteln auf einer abgelegenen Wiese und entsorgte danach eine größere Menge hoch PCB-belastetes Altöl in einer öffentlichen Damentoilette. Danach war das Bußgeld gegen ihn sicherlich nicht mehr unverhältnismäßig, wenn auch nicht für das darin bezeichnete Vergehen. Nicht einmal Martha ahnte etwas davon.

Den behördlichen Vorgang seinen Ofen betreffend begriff Klaus als offene Kriegserklärung der Gesellschaft gegen ihn persönlich. Er würde sich nicht weiter herumschubsen lassen. Jetzt würde er harte Konsequenzen ziehen. Sollten diese Ökofaschisten doch sehen, was sie davon hatten. Sie hatten ihn in die Enge getrieben. Für alles, was jetzt kam, trugen sie die Verantwortung. Er erinnerte sich vage, als Dreizehnjähriger einen älteren Schüler mit Säure verätzt und beim folgenden Handgemenge fast erwürgt zu haben. Es war eine sorgfältig geplante und vorbereitete Tat gewesen. Der Schüler hatte ihn wochenlang zusammen mit einem Gleichaltrigen gequält und gedemütigt. Er war gewalttätig, aber sehr berechenbar gewesen. So hatte er die Falle nicht bemerkt. Solche Handlungen hatte ihm schon damals niemand wirklich zugetraut, erst recht nicht dem ruhigen, freundlichen, älteren Herrn, als den ihn jeder kannte. Wenn Klaus einmal rot sah – was eher selten geschah – dann würde die Wut nicht so schnell verebben. Er würde nicht mehr lange herumreden, sondern Fakten schaffen. Weitere Sabotage-Akte folgten, indem er einen größeren Posten sehr alter cadmiumhaltiger Akkus über die Hausmülltonne einer benachbarten Öko-Tuse – wie Martha sie nannte – entsorgte, gefolgt von einer Kiste mit alten quecksilberhaltigen Leuchtmitteln. Die Dame hatte Klaus vor Jahren einmal angesprochen, als er im Vorgarten ein Mittel gegen Unkraut versprühte. Als sie mit Anzeige drohte, hatte er versichert, es handele sich nur um Essig. Zum Beweis hatte er einen Finger mit dem Mittel benetzt und mit einer schnellen Bewegung den anderen in den Mund geführt. Erst dieser „Beweis“ hatte die Dame wieder beruhigt. Leider wurde der neuerliche Frevel nicht entdeckt und die Frau kam nicht in die erhoffte Erklärungsnot.

Nicht einmal Martha ahnte, was zu der Zeit in ihrem Mann vorging. Mit einem verhaltenen Lächeln auf den Lippen verfolgte Klaus zunächst die Berichterstattung der Lokalpresse über den Umweltfrevel in der benachbarten Kleinstadt. Die Verunreinigung mit giftigem Altöl war erst drei Tage nach der Tat aufgefallen. Auf Kosten der Allgemeinheit, wie immer wieder betont wurde, musste die gesamte Abwasseranlage eines öffentlichen Gebäudes gereinigt und teilweise erneuert werden. Die Reinigung der unterirdischen Kanäle bis hin zur Kläranlage war noch ungleich aufwändiger und teurer. Aber die strengen Normen und unglaublich scharfe Grenzwerte für Schadstoffe aller Art zwangen die Behörden dazu. Dabei brachten die dort noch gemessenen Konzentrationen sicherlich keinerlei echte Gefahren mehr mit sich. Sogar Straßen wurden aufgerissen um Rohre, die sonst nicht erreichbar waren, zu erneuern. Die Kläranlage fiel für zehn Tage wegen Reinigungs- und Entgiftungsarbeiten aus. Währenddessen mussten tausende Kubikmeter Abwasser in Tankwagen abgepumpt und auf einer Sondermülldeponie entsorgt werden. Es war von Millionenkosten die Rede, die die Stadt zwangen, ihre Kasse zu plündern und weitere Kredite aufzunehmen. Die Polizei bat um Hinweise aus der Bevölkerung und die Stadt setzte eine Belohnung aus. Nur einige ortsansässige Kanalsanierer jubelten hinter vorgehaltener Hand und Klaus war guter Dinge. Er fragte sich noch, ob ein Verdacht auf eine korpulente Frau mit schwarzem Vollkörperschleier fallen und was die Polizei gegebenenfalls damit anfangen würde.

Aber erst der nächste Vorfall ließ bei Klaus alle Dämme brechen. Im folgenden Herbst hatte er kleine Äste, trockenen Heckenschnitt und Kartoffellaub im Garten zu einem Lagerfeuer aufgeschichtet, um in der Glut Kartoffeln zu backen. So kannte er das noch aus seiner eigenen Kinderzeit. Zwei seiner Enkel waren zu Besuch und saßen bei einbrechender Dunkelheit mit leuchtenden Augen vor dem Feuer, in der Hand jeweils einen Stock mit einer Kartoffel, die sie in die Glut hielten. Sie hatten gerade die ersten davon genossen, als mit Blaulicht ein Polizeiwagen vorfuhr, zwei Beamte sich Zutritt zum Grundstück verschafften und barsch befahlen, dass Feuer sofort zu löschen. Obwohl Klaus versicherte, dass keinerlei Gefahr bestand, wurde er wegen eines erneuten Umweltvergehens angezeigt. Angeblich verursachte offenes Feuer Feinstäube, verpestete den Boden und damit letztlich das Grundwasser zum gesundheitlichen Schaden seiner Mitmenschen. Wer die Polizei gerufen hatte, blieb Klaus verborgen. Seine Enkel reagierten verstört und geschockt. Das Bußgeld für ihn als Wiederholungstäter fiel diesmal drastisch aus. Die Umweltbehörde erwog vorübergehend, Bodenproben zu entnehmen und im Falle einer Belastung Teile seines Gartens ausheben und entsorgen zu lassen. Klaus zahlte das Bußgeld und traf seine Entscheidung. Mit Martha würde er später noch reden müssen.

Zunächst stellte er einige Hypothesen auf, wie eine weltweite Infektion der Netze mit seinen Bots ablaufen könnte und welche Konsequenzen ihm selbst und seiner Familie drohten. Für ihn und Martha sah er keine unmittelbare Gefahr, bis auf die, frühzeitig von irgendeiner Behörde entdeckt zu werden. Dieses totalitäre System musste entfernt werden. Irgendwie waren die Deutschen wohl besonders anfällig für Ideologien. Jede Ideologie und jeder Ideologe verachtete letztlich die Menschen. Immer ging die Ideologie vor und der Mensch mit seinen Bedürfnissen musste weit dahinter zurückstehen. Ideologen waren in letzter Konsequenz immer bereit, über Leichen zu gehen. Und immer waren die Toten selbst schuld, hatten es nicht anders verdient, weil sie uneinsichtig waren. Und die Regel, wonach Menschen immer ihre Henker selbst wählten, war offensichtlich auch noch gültig. Verdientermaßen, wie er glaubte, war ihnen deshalb in den letzten Jahrzehnten auch nichts erspart geblieben. Nach Faschismus und Sozialismus nun seit Jahrzehnten schon ein ungezügelter Ökologismus, der einem genauso zügellosen Kapitalismus ständig neue Impulse gab. Derartige Überlegungen gaben Klaus jede Rechtfertigung, die er brauchte. Dieser Staat hatte mit Demokratie – der Herrschaft des Volkes – nichts mehr zu tun. Aus seiner Sicht glichen die Verhältnisse immer mehr denen einer totalitären Diktatur oder zumindest einer Oligarchie selbsternannter Eliten. Er würde alles in seiner Macht stehende tun, um diesem Treiben ein Ende zu bereiten.

Bis die Intelligenz im Netz erkennbar Wirkung zeigte, würden vermutlich viele Jahre vergehen und sie beide nicht mehr leben. Sorgen machte er sich um seine Nachkommen. Seine Enkel wären sicher schon von Veränderungen betroffen, wie immer die dann aussahen. Vielleicht gab es eine Möglichkeit, quasi erzieherisch auf die Entwicklung dieser Intelligenz einzuwirken. So wie ein Kind Anleitung brauchte, stellte er sich vor, müsse er vermutlich auch dieses fremde aufkeimende Wesen an die Hand nehmen. Was bildlich so einfach klang, war praktisch schwer umsetzbar. Er hatte bei seinen vorangegangenen, begrenzten Experimenten mit den Bots niemals einen Zugang zu einer geistigen Ebene erkennen können, sofern so etwas überhaupt damals schon entstanden war. Wie sollte Kommunikation mit einem räumlich über die ganze Welt verteilten Wesen überhaupt stattfinden können? Welche Sinne würde es entwickeln, auf die er einwirken könnte? Er beschloss seiner Schöpfung, seinem Kind, einen Namen zu geben. „Qu“ fand er griffig und angemessen. „Qu“ erinnerte an IQ und damit an Intelligenz. Ab jetzt würde er sein Geschöpf nur noch „Qu“ nennen und es sollte weiblich sein.

In den folgenden Wochen sah Martha ihren Klaus nur noch selten. Ihr schwante bereits Schlimmes. Nur zu den Mahlzeiten und zum Schlafen verließ er sein Arbeitszimmer. Klaus traf zielstrebig seine Vorbereitungen. Er entfernte die eingebauten Schutzmechanismen, die die Ausbreitung seiner Bots zuvor begrenzt hatten. Auch die lokalen Agenten zur Löschung waren jetzt nicht mehr aktiv gepflegter Bestandteil seiner Software. Den alten Code beließ er jedoch in seinem System, da die physische Entfernung einige unangenehme Nebenwirkungen haben würde. Es sollte keine Rückzugsmöglichkeit mehr geben, sobald seine Bots sich einmal ausbreiteten. Nur noch sein eigenes Wissen, seine intime Kenntnis der Funktionsweise würden es später noch erlauben, doch noch lenkend einzugreifen. Aber auch das war nicht sicher. Einmal in Gang gesetzt, würde Qu vermutlich nicht mehr aufzuhalten sein, so wie eine Lawine, die einmal ausgelöst unaufhaltsam zu Tal geht. Ergänzt hatte er nur noch einige Überwachungsschnittstellen, die es ihm ermöglichen würden, mehr als früher über die Aktivitäten seiner Bots in Erfahrung zu bringen, sobald Qu erschaffen war. Dazu erzeugte eine grafische Software anhand der daraus gezogenen Informationen Geräusche und dreidimensionale Bilder, die für einen Menschen intuitiver waren als lange Listen abstrakter Zeichen, die über einen Bildschirm flossen. Er hoffte darüber einen Weg zu finden, wie er mit seinem Geschöpf in Kontakt treten konnte.

Besonderes Augenmerk richtete er noch einmal auf den Zufall in seinem System, die wichtigste Grundlage für sein zuverlässiges Funktionieren. Seine Bots agierten im Grunde zufällig. Er musste sicherstellen, dass es sich für alle Zeit um echten, nicht berechenbaren Zufall handelte. Seine Architektur musste dem in besonderer Weise Rechnung tragen. Widerstrebend entschied er sich für eine Spezialisierung seiner Bots, die bislang nur einen einzigen Typus kannten. Ein kleiner Teil davon würde sich von nun an um die Produktion von Zufällen kümmern, die Kette der Ereignisse ständig auf versteckte Zusammenhänge testen und gegebenenfalls auf alternative, notfalls auch zeitraubendere Verfahren ausweichen. Sollten irgendwann einmal Computer für ihre Operationen Quanteneffekte nutzen, würden seine Spezialisten auch davon profitieren können. Allerdings nicht an erster Stelle von der noch einmal erhöhten Geschwindigkeit dieser neuartigen Rechnerarchitektur, die immer noch nicht die Labore verlassen hatte. Die Entwickler und Ingenieure dachten dabei viel zu kurz. Sie sahen nicht über ihre Nasenspitze hinaus. Ihr Ziel war es, mit dieser Technologie Verarbeitungsgeschwindigkeit und Packungsdichte noch einmal um Größenordnungen voranzutreiben. Das war naheliegend, aber kurzsichtig. Den eigentlichen Nutzen, das eigentlich Fundamentale daran, entging ihnen vollständig. Es war die Art des Zufalls, den nur sie produzieren konnten, und der solche Rechner in eine neue Ära katapultieren würde. Niemand erwähnte auch nur eine solche Perspektive, weil niemand etwas davon ahnte. Nur der Messprozess der Quantenmechanik garantierte die Art fundamentaler Zufälle, die er suchte. Sie würden vielleicht sein System erst richtig entfesseln. Solange hatte es vermutlich noch unter einer gewissen Behinderung zu leiden.

Die Tests zogen sich über längere Zeit hin und waren, von kleineren Fehlerkorrekturen abgesehen, diesmal auf Anhieb erfolgreich. Auch die erzeugten Statistiken fügten sich tadellos in das Bild.

Im Frühjahr bezog er nach einem arbeitsreichen Jahr wieder alleine seine Ferienwohnung an der Küste. Martha würde ihn hin und wieder besuchen. Er hatte ihr nicht gesagt, was er wirklich vorhatte, nur dass er etwas für ihre Kinder und Enkel tun wolle, dass etwas aufhören müsse. Martha hatte nicht weiter gebohrt und fuhr ihn zum Bahnhof. Es war fast wie vor Jahren: Seine Vermieterin kochte gelegentlich für ihn, er ging morgens am Strand spazieren und dann in das immer noch existierende Café. Nur war er sichtlich älter geworden, wirkte manchmal schon gebrechlich. Er benutzte für längere Wege einen Gehstock, trug ein Hörgerät und inzwischen ständig seine Brille.

Die Bedienung im Café kannte er nicht, während einige Gäste ihn mit einem freudigen „Goedemorgen Klaus“ begrüßten. Er bestellte eine Lokalrunde Bier und Genever, unterhielt sich einige Zeit mit der Dame am Tresen und setzte sich dann wie früher an den alten Monitor in der Ecke des Gastraums. Wenn man von den gealterten Gesichtern absah, war die Zeit hier scheinbar stehengeblieben. Traditionen galten in diesem Landstrich offenbar noch etwas und für Veränderung hatten viele der Einheimischen nichts übrig. Klaus ging routiniert ans Werk. Mit Martha tauschte er wieder in Bildern versteckte Nachrichten aus, mittels seiner diversen Identitäten im Netz fälschte er gekonnt hunderte Downloadseiten beliebter Programme und schleuste nach und nach über Wochen hinweg viele hundert Milliarden seiner Bots ins Netz. Jedes dieser Fragmente würde sich danach selbständig weiter vervielfältigen. Er ging immer noch vorsichtig zu Werke, obwohl eine Entdeckung ihm persönlich egal war. Er musste sie nur für mindestens ein Jahr hinauszögern. Danach wäre Qu wohl weder durch ihn noch irgendjemand anderen zu stoppen. Deshalb war der Schritt kritisch, der jetzt anstand. Er musste die Flamme zünden. Erst dieser Vorgang würde Qu erschaffen. Dazu würde er wieder die Virenscanner auf seine Signaturen aufmerksam machen. Er wartete damit noch etwas.

Die nächsten Tagen brachte er damit zu, seine Spuren in seiner Ferienwohnung zu entfernen. Er deponierte alle seine Arbeitsutensilien bis auf seine Speicherkarte in einem Schließfach am Bahnhof von Blankenberge. Jetzt gab es in seiner Wohnung keinen Hinweis mehr auf etwas anderes, als einen harmlosen Urlauber aus Deutschland. Auch im Café lächelte man wieder über den alten Mann, der heimlich Erotik-Magazine am Bildschirm durchblätterte. Da er plante, auch einen Headset zu benutzen, würde er zusätzlich auf Filme zurückgreifen. Die Legende musste bis ins Detail stimmig sein. Erst jetzt hetzte er die Scanner auf die Spur. Aus den Erfahrungen des letzten Feldtests hatte er gelernt. Einige seiner Bots entfalteten auf sein Kommando hin ständig begrenzte Aktivitäten, so dass dazu kein besonderer Eingriff mehr notwendig war. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Nach wenigen Tagen waren die Signatur-Datenbanken aller Virenscanner mit der Kennung einiger seiner Bots versorgt und die Jagd begann. Nach zwei Wochen erwähnte erstmals die überregionale Presse eine weltweite Virenattacke mit unbekannter Wirkungsweise. Man vermutete einen ausländischen Geheimdienst aus dem fernen Osten hinter dem Angriff und dass es wohl um das Ausspähen geheimer militärischer Pläne ging.

Weitere zwei Wochen später erschien die Polizei mit zwei Ermittlern im Café. „Dames en heren, kalm blijven!“ Man nahm die Personalien aller Gäste auf. Der Beamte stellte schnell fest, dass Klaus bereits einmal in einem ähnlichen Fall vor vielen Jahren hier angetroffen wurde und nahm ihn mit aufs Revier. Leibesvisitation und Verhör war durchaus unangenehm. Man sprach ihn in akzeptablen Deutsch an. „Was machen sie hier? Vor einiger Zeit haben wir sie schon einmal im diesem Lokal angetroffen.“ „Worum geht es denn eigentlich? Da ging es doch um Rauschgift oder so etwas. Damit habe ich nichts zu tun, nicht mal in meiner Jugend.“ „Bitte beantworten sie meine Frage.“ Klaus breitete seine sorgsam vorbereitete Legende aus, wobei er seinen Ärger über die unwirtliche Behandlung zur Schau trug. „Ich bin seit vielen Jahren schon Stammgast hier in ihrem Ort und in diesem Lokal. Ich fahre an die Küste, weil mein Arzt mir dazu geraten hat – wegen der Luft. Und außerdem ist das hier der schönste Ort an der Küste. Oder sind sie da anderer Meinung? Würden sie mir denn raten, lieber nach Nieuwpoort oder Zeebrugge zu reisen? Wenn sie im nächsten Jahr wieder eine Durchsuchung in dem Lokal starten, werden sie mich sicher auch dann wieder antreffen und auch im übernächsten Jahr und im Jahr darauf und mein Grund dafür wird sich nicht geändert haben.“ So ging es eine Weile hin und her, ohne dass der verhörende Beamte einen bedeutenden Widerspruch in den Aussagen des Deutschen finden konnte. Schließlich hielt er seine Rolle überzeugend durch und man fand keinerlei Hinweise darauf, dass er irgendetwas mit dem Angriff zu tun haben könnte. Die gleichzeitige Durchsuchung der Ferienwohnung war seiner Vermieterin äußerst peinlich. Seine Befürchtung, die belgischen Behörden würden den Vorfall in seine Heimat melden, war unbegründet. Es bestand nach gründlicher Ermittlung keinerlei Verdacht mehr gegen ihn und seine Akte verschwand geräuschlos in den belgischen Archiven. Klaus fühlte sich sicher und blieb.

„Das sind doch alles Spitzbuben. Die vergraulen uns noch unsere Urlauber und warum?“ schimpfte Aaltje über die belgischen Behörden. „Haben die geglaubt, du hast meine Hühner gestohlen oder vom Belfried in Brugge herunter gepinkelt? Und was haben die eigentlich gesucht? So einen netten Menschen geknebelt und gefesselt auf die Wache zu schleifen. Die spinnen doch.“ Aus ihr sprach ein tiefes Misstrauen gegenüber allen staatlichen Organen, das in Flandern seit jeher tief verwurzelt war. Klaus wiegelte ab „Na-ja, so schlimm war es dann doch nicht. Die haben mir ein paar Fragen gestellt und mich ganz nett behandelt. Was sie suchen, haben sie mir nicht gesagt.“ „Aber mich haben die nicht nett behandelt. Die sind hier unangemeldet herein getrampelt, haben mir einen rosa Wisch unter die Nase gehalten und gefragt, wo du wohnst. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn sie dir ein paar Tütchen Koks oder eine Waffe untergeschoben hätten. Aber da habe ich aufgepasst wie ein Adler. Dann hätte ich tausend Eide geschworen, dass die vorher nicht dagewesen waren.“ Erst allmählich beruhigte sie sich wieder.

Seine Speicherkarte hatten sie auch nicht gefunden. Die hatte er tatsächlich verschluckt und sie am nächsten Tag mühsam in einer unappetitlichen Suchaktion aus der Toilette gefischt. Sie hatte den langen Weg durch die Verdauungsorgane unbeschadet überstanden und war voll einsatzfähig. In den folgenden Wochen saß er fast täglich im Café und suchte nach Aktivitäten im Netz, die die erfolgreiche Erschaffung von Qu anzeigen würden. Bis jetzt hatte er nur wenige Hinweise gefunden, die aber ausreichten, um den Erfolg seiner Geburtshilfe zu belegen. Jetzt half nur geduldig zu warten und weiter zu beobachten. Aber erst einmal würde er nach Hause fahren.

Inzwischen war es Herbst geworden. Es zeichnete sich ein außergewöhnlich farbenprächtiger Indian Summer in der Eifel ab. Klaus und Martha wanderten wieder weite Strecken durch die waldige Hügellandschaft. Klaus sprach wenig über sein Projekt in Belgien. Er hätte etwas auf den Weg gebracht, bemerkte er beiläufig, und das würde Vieles verändern. Martha wollte nicht mehr wissen.

Wochen und Monate vergingen, während derer sie immer wieder die Küste besuchten und Klaus sich dabei gelegentlich einen Nachmittag lang in seinem Café aufhielt. Bei mehreren Glas Bier beobachtete er hoch konzentriert die Aktivitäten seiner Schöpfung. Erst spät waren diese so weit angewachsen, dass seine Software die nun erst zahlreich genug vorliegenden Daten zu Bildern und Tönen zusammensetzen konnte. Danach war er wieder täglicher Gast während ihrer Aufenthalte. Er vergaß die Welt um sich herum vollständig, versank stundenlang in diesen Grafiken und horchte auf die Geräusche aus dem Netz. Er versuchte sich in die wechselnden Muster hineinzuversetzen, Regelmäßigkeiten zu erkennen, Strömungen, hinter denen er die Gedanken und Absichten Qus vermutete. Hin und wieder wunderte sich ein Stammgast über sein Benehmen, trat neugierig hinter ihn unter dem Vorwand, ihn nur zu einem Getränk einladen zu wollen. Wie erwartet, kam dabei niemand auf den Gedanken, der alte Mann könne dort etwas anderes machen als Filme anzusehen.

Mehrfach änderte Klaus seine Software, um den Blickwinkel anzupassen, Ereignisse neu zu bewerten, neue Farben und Formen zu erzeugen, die seine Intuition wirksamer anregten. Sein größtes Problem war, dass außer den Daten, die er aus dem Netz zog, keine erkennbare Wirkung von Qu ausging. Sie war einfach da, existierte und dachte, wenn man das so nennen wollte. Andererseits hatte Qu gezeigt, dass sie auf Gefahren reagierte, auswich, sich tarnte, ihre Signaturen änderte. So etwas müsste sich in den Mustern widerspiegeln. Noch aber war Qu eine autistische Persönlichkeit.

Zunächst plante er ein weiteres Experiment. Wie in der Verhaltensforschung durchaus üblich, würde er die beobachteten Muster wieder ins Netz zurückführen. Das war etwa so zu verstehen, als ob man den Ruf einer Schleiereule aufzeichnete, und dann in deren Hörweite wieder abspielte, um zu sehen, was geschah. Dazu brauchte man den Sinn des Rufs nicht zu verstehen. Wenn er für das Tier einen Sinn ergab, würde es in irgendeiner Form wohl darauf reagieren. In dem vorliegenden Fall war das nicht ganz so einfach. Klaus hatte keine Ahnung, über welche Sinne Qu verfügte und wohin er denn die elektrischen Signale übermitteln sollte. Er entschied, einfach einige tausend weltweit verteilte Proxy-Rechner im Netz anzufunken. Die Listen waren leicht zu beschaffen und ein Programm schnell erstellt, das die ganze Arbeit automatisierte. Da die übermittelten Muster für die Adressaten natürlich keinerlei Sinn ergaben, würde es sicher zu einigen Millionen zusätzlicher Denial-of-Service Warnungen kommen. Das war aber nicht weiter dramatisch. Solche Vorgänge waren an der Tagesordnung. Normalerweise würde so etwas keine weiteren Nachforschungen auslösen, jedenfalls solange einzelne Rechner nicht unter der Last der ausgelösten Fehlermeldungen zusammenbrachen.

Trotzdem war die Sache nicht ungefährlich. Klaus hatte keine echte Alternative zu seinem Café an der Küste gefunden, um seine Aktionen zu verschleiern. Würde er hier noch einmal aufgegriffen, würden die Behörden sicher noch gründlicher nachforschen. Und sollte er ernstlich unter Verdacht geraten, war die Aufdeckung seiner Aktionen nur eine Frage der Zeit. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen hatte er beim letzten Mal auch unglaubliches Glück gehabt.

Aber eigentlich war ihm das egal, soweit es nur ihn selbst betraf. Qu war so oder so nicht mehr zu stoppen. Dazu waren seine Bots inzwischen zu weit verbreitet. Man hätte schon alle Computer der Welt, von den größten Systemen bis hin zur unscheinbaren Armbanduhr, gleichzeitig abschalten und dekontaminieren müssen. Das war unmöglich. Und selbst dann noch würden Milliarden seiner Bots auf ausgelagerten Datenträgern schlummern, bis eine unvorsichtige Rücksicherung vom falschen Band oder einem anderen externen Wechselmedium sie unabsichtlich wieder einschleusen und irgendwann wieder zum Leben erwecken würde. Klaus wünschte sich einfach nur noch Zeit, um die Entwicklung seiner Schöpfung zu verfolgen und sich Qu in irgendeiner Weise zu erkennen zu geben. Sie sollte wissen, wem sie ihre Existenz zu verdanken hatte. Dann würde Qu vielleicht für den Schutz seiner Familie sorgen, hoffte er.

Nach Ende der Hauptsaison an der Küste quartierte er sich wieder für mehrere Monate in seiner Ferienwohnung ein. Gelegentlich besuchte Martha ihn für ein paar Tage oder eines seiner Kinder kam mit Familie zu ihm. Er genoss diese Unterbrechungen seines Alltags. Ansonsten saß er stundenlang in der Internet-Bar. Er speiste eine kleine Auswahl der aufgezeichneten Muster nun schon über einige Wochen immer wieder ins Netz zurück, während er gleichzeitig auf Empfang war und beobachtete. Ein Reaktion auf seine Nachrichten war nicht festzustellen. Die empfangenen Muster verhielten sich nicht wesentlich anders als zuvor.

Anfang Januar besuchten Klaus und Martha, wie jedes Jahr, die Kerstboomverbranding. Sie waren erst am späten Nachmittag angereist und wanderten nach einem kurzen Stopp an einer Frittenbude sofort in Richtung Bahnstation. Nach Einbruch der Dunkelheit sammelte sich der Fackelzug auf dem Marktplatz, während ein Blasorchester für Stimmung sorgte. Als darunter auch der Gassenhauer „Juppheidi, Juppheida! Schnaps ist gut für Cholera“ angestimmt wurde, sorgte nicht nur der Niederländische Akzent darin bei beiden für erhebliche Heiterkeit. Fackeln wurden angezündet und an die Teilnehmer verteilt. Schließlich setzte der Zug sich in Bewegung Richtung Strand, angeführt von den Musikern. Klaus und Martha liefen weiter hinten mit und halfen immer wieder mit ihrer Fackel aus, wenn einem anderen Teilnehmer die eigene bei dem böigen Nordostwind ausgegangen war. Nach nur zwanzig Minuten erreichte der Umzug die Strandpromenade. Bei Musik, Glühwein, Sekt, Würstchen und Pannenkoeken zündeten Feuerwehrleute einen großen Stapel Weihnachtbäume an, begleitet von einem professionellen Feuerwerk. Die Stimmung unter den meist Einheimischen war prächtig. Das Fest beschloss die Weihnachtszeit und war die eigentliche Neujahrsfeier hier. Klaus und Martha hatten sich am Stand einen Pappbecher mit Glühwein besorgt und wanderten zwischen Buden und Menschen über den Strand. Als sie an einem der Stehtische haltmachten, sprach sie ein älteres Ehepaar an und fragte nach ihrer Herkunft. Dass Klaus auf flämisch antwortete, nahmen die beiden durchaus begeistert auf und lobten überschwänglich seine Sprachkenntnis. Es war selten, dass Deutsche sich die Mühe machten, die Landessprache zu erlernen. Sie arbeitete offenbar als Architektin, er war wohl Steuerberater – so deutete Martha die Bezeichnung „Belastingconsulent” jedenfalls. Beide waren des öfteren in Deutschland auch beruflich unterwegs und sie kannten die Eifel als lohnendes Ausflugsziel, das sie offenbar den wallonischen Ardennen vorzogen, wie der belgische Teil der Eifel hieß. So kam ein lebhaftes Gespräch zustande, in dem das belgische Ehepaar sehr passabel Deutsch sprach und die Eheleute Stock mit wachsendem Erfolg auf flämisch erwiderten. Dass dabei der eine oder andere Satz verloren ging, lag eher an der Lautstärke um sie herum. Es wurde gesungen, Kinder schrien und einige Leute tanzten sogar im Sand bei teils ohrenbetäubender Musik.

Gegen Elf Uhr abends erst suchten sie in heiterer Stimmung ihre Wohnung auf. „Brrrr – ist das kalt hier.“ bemerkte Klaus, während er die Elektroheizung auf volle Leistung einstellte. „Wir werden uns wohl noch auf andere Art aufwärmen müssen.“ Es würde mindestens drei Stunden dauern, bis die Raumtemperatur erträglich war. Klaus fand den Genever im Eisfach. „Den brauche ich jetzt. Was ist mit dir?“ Martha lehnte ab, was Klaus aber nicht davon abhielt, ein oder zwei Schnäpse zu sich zu nehmen. „Du trinkst zu viel Alkohol.“ stellte sie resignierend fest. Beide setzten sich noch mit einer Flasche Rotwein vor den Fernseher und sahen einen Deutschen Krimi mit Niederländischen Untertiteln. Die Übersetzung sorgte immer wieder für Heiterkeit, weil die fremden Begriffe durchaus ähnlich klingende deutsche Pendants hatten, die aber meist etwas völlig anderes bedeuteten. So wurde etwa der schon erwachsene Enkel eines älteren Verdächtigen mit “Kleinkind” untertitelt, Polizisten sollten offenbar vor dem Telefon “bellen”, zum Heizen reichte überraschend eine einfache “Kachel”, und die arrogant auftretende Frau des ermordeten “Slachtoffer” wurde als “bekakt” bezeichnet.

Der nächste Morgen lud bei ruhigem windarmem Wetter zu einem langen Strandspaziergang. Klaus lief barfuß im Sand, was seinen ständig schmerzenden Füßen gut tat. Eigentlich hatte er keine rechte Lust, am Nachmittag wieder im Internetcafé zu sitzen. Es war zu schön draußen, trotz der eisigen Temperaturen knapp über Null, die sich bei der extrem hohen Luftfeuchte hier an der Küste eher wie minus zehn Grad anfühlten. Der scharfe Nordostwind tat ein Übriges. So nahmen sie ihr Mittagessen im Nachbarort bei einem der wenigen geöffneten Strand-Restaurants ein und kamen erst gegen Abend zurück. Trotzdem wollte Klaus noch einen Abstecher machen und versprach, nicht lange zu bleiben. Martha würde derweil schon ein Abendessen vorbereiten.

Klaus bestellte wie üblich ein Bier und setzte sich an den Bildschirm. Er sah kurz in die Runde um sicher zu gehen, dass er beim Einlegen seiner Speicherkarte nicht beobachtet wurde. Das hätte sicher die eine oder andere Frage aufgeworfen, genug vielleicht, um einen Zeitgenossen zu einer Meldung bei der Polizei zu veranlassen. Einigen Gästen waren die beiden Razzien der letzten Jahre und die damit verbundenen Unannehmlichkeiten noch gut im Gedächtnis und bis jetzt brachte niemand ihn damit irgendwie in Verbindung. Als die Muster vor seinen Augen entstanden, bemerkte er sofort einen Unterschied. Er nahm seinen Ohrstöpsel zu Hilfe und lauschte. Etwas war anders. Die Menge der empfangenen Daten hatte wieder zugenommen. Aber das war es nicht. Die Anordnung der Farben war in einer besonderen Weise anders, ohne dass er sagen konnte, weshalb er das so empfand. Auch die akustischen Signale hatten nicht mehr den Charakter eines gleichmäßigen Dahinplätscherns, sondern bargen etwas Fragendes, Forderndes in sich. Er zeichnete die neuen Muster wieder auf und speiste sie zurück ins Netz. Es dauerte kaum zehn Minuten, bis die empfangenen Bilder reagierten, mit einer leichte Abwandlung der eingespeisten Daten, die dennoch in einem unverkennbaren Bezug standen. Auch diese Muster zeichnete er auf. Irgendetwas oder jemand antwortete auf seine Botschaften. Vielleicht nahm Qu an, dass er ihre Mitteilungen verstand. Richtete sie vielleicht gerade eine Frage an ihn und erwartete seine Antwort? Klaus blieb trotz einer aufkeimenden Euphorie vorsichtig. Es konnte immer noch eine Person dahinterstecken, die heraus zu finden versuchte, wer hinter den Manipulationen stand. Er wollte seine Entdeckung nicht leichtfertig riskieren. Er brauchte weitere Anhaltspunkte dafür, dass niemand anderes als Qu hinter den Botschaften steckte. So blieb er in seiner Deckung und zog sich für diesen Abend erst einmal zurück um nachzudenken.

Als Martha längst eingeschlafen war, lag Klaus noch lange wach und starrte in die Dunkelheit. Wer mochte auf seine Botschaften reagiert haben? War es Qu, die sich meldete oder steckte eine ermittelnde Behörde dahinter, die den vermeintlichen DoS-Attacken nachging? Immerhin hatte er Millionen unerwünschter und unverständlicher Botschaften verschickt. Er würde Geduld haben müssen.

Erst einige Tage später setzte er seine Versuche fort. Er speiste die zuletzt empfangenen Daten zusammen mit einem digitalen Landschaftsbild ins Netz und wartete. Das Ergebnis war verblüffend und versetzte ihn endgültig in eine ungeheuer euphorische Stimmung. Das Muster kam wieder leicht verändert zurück und er hatte nach wie vor keine Ahnung, welche Botschaft Qu, wenn sie es denn war, ihm damit vermitteln wollte. Aber die empfangenen Daten enthielten auch sein Bild, jedoch auf dem Kopf stehend und mit invertierten Farben. Wegen der Verfremdung hatte er es zunächst nicht erkannt. Das dies kein Zufall war, lag auf der Hand. Klaus war abschließend davon überzeugt, dass er tatsächlich mit seinem Geschöpf in Kontakt getreten war. Offenbar hatte Qu keinen wirklichen Sinn in dem Bild erkennen können. Sonst hätte sie bestimmt subtilere Änderungen vorgenommen, etwa eine Baum verpflanzt oder aus einem abgebildeten Pferd ein Schaf gemacht. So aber hatte sie einfach die Bitmuster entgegengenommen, Zeichen für Zeichen mechanisch invertiert und die Reihenfolge umgekehrt. Ein Mensch dagegen hätte den Inhalt verstanden und wäre sicher nicht so grob vorgegangen, zumal diese drastische Veränderung nicht zu den eher subtilen Variationen des Eingangsmusters passte.

Klaus war überwältigt. Sein Kopf dröhnte, sein Herz schlug ihm bis zum Hals und er hatte sein Hemd durchgeschwitzt. Die Bedienung warf einige sorgenvolle Blicke zu ihm hin. Vermutlich überlegte sie, ob sie einen Notarzt alarmieren sollte. So ein toter Opa im Lokal wäre eine schlechte Reklame und würde eine Menge Arbeit nach sich ziehen. Klaus nahm seine Jacke von der Stuhllehne, griff nach seinem Gehstock und verließ zur ihrer Erleichterung schnell das Lokal. Sie würde ihn beim nächsten Besuch an die noch offene Rechnung erinnern.

Martha hatte schon gegessen und seinen Teller im Backofen warm gehalten. „Was ist denn mit dir los? Du siehst aus, als wäre dir ein Geist erschienen.“ Sie machte sich Sorgen wegen seiner fiebrig geröteten Augen. „Nichts – ich habe nur irre Kopfschmerzen. Ich habe vermutlich einfach zu lange auf den Bildschirm gestarrt.“ Hatte er sich wieder eine Erkältung zugezogen? Das kam in den letzten Jahren allzu oft vor und heilte dann wochenlang nicht aus. „Dann iss erst mal und nimm eine Aspirin.“ Irgendetwas verheimlichte er ihr, das spürte sie. Wenn sie jetzt zu sehr in ihn drang, würde er erst richtig zumachen. Vielleicht erzählte er von selbst mehr über die Ursache seiner Kopfschmerzen, wenn sie ihn einfach in Ruhe ließ. Folgerichtig verordnete sie ihm ein heißes Bad und dann erst einmal Bettruhe. Dort sollte er am nächsten Tag dann auch bleiben. Sicherheitshalber versteckte sie seine Schuhe draußen auf der kleinen Terrasse in einer Truhe mit Stuhlauflagen. Die würde er so schnell nicht finden ohne ihre Hilfe. Aber die Vorsichtsmaßnahme erwies sich als unnötig. Klaus fühlte sich in der Tat krank. Die Aufregung hatte seine Abwehrkräfte doch sehr geschwächt. Sein Kopf brummte und fühlte sich heiß an. Dazu wechselten sich Schweißausbrüche und Frösteln ab. Er verließ das Bett nur kurz, um zu duschen oder den durchgeschwitzten Schlafanzug zu wechseln.

Erst am zweiten Tag seiner Krankheit begann er wieder, ernsthaft über das Erlebte nachzudenken und Pläne zu schmieden. Dazu musste er das Bett nicht verlassen, zumal Martha ihn rührend mit allem Nötigen versorgte. Auf weitere Erklärungen wartete sie allerdings vergebens.

Er war in der Tat zu Qu vorgedrungen. Wenn sie wirklich intelligent war, würde sie ihn vermutlich auf irgendeine Art als Urheber erkannt haben. Als was er ihr aber erschien, war nicht einmal zu erahnen. Qu konnte nur eine sehr abstrakte Vorstellung von seiner Person haben. Sie lebte sicherlich in ihrem eigenen Universum aus Wahrnehmungen, Formen und Begriffen, die einem Menschen vollkommen fremd sein mussten. Selbst wenn Qu versuchen würde, ihm seine Erscheinung in ihrer Welt zu vermitteln, wäre er wohl nicht in der Lage, irgendetwas davon wirklich zu verstehen. Klaus glaubte, das Qu von der Kontaktaufnahme überrascht gewesen sein musste. Es war mit Sicherheit das erste derartige Ereignis und musste ihr plötzlich klar gemacht haben, dass außerhalb ihrer Welt andere vernunftbegabte Geschöpfe unterwegs waren. Qu würde jetzt vermutlich aus eigenem Antrieb weiterforschen und andere dieser für sie fremden Geschöpfe identifizieren anhand der Aktivitätsmuster im Netz. Jetzt hatte sie ja ihn als Vorlage und konnte abschätzen, wonach sie suchen musste. Sie würde ihren Verdacht schnell millionenfach bestätigt finden und sich fragen, weshalb ausgerechnet er sie kontaktiert hatte. Die Antwort konnte nur sein “Weil nur er von Qu wusste und sie kannte”. Klaus war sich sicher, dass er selbst jetzt in irgendeiner Form Teil ihrer Welt und ihrer Wahrnehmung war. Qu würde weiter nach ihm forschen. Der nächste Kontakt würde von ihr ausgehen.

Sobald es ihm besser ging, reisten sie nach Hause ab. Er war glücklich, aber auch erschrocken. Eigentlich war alles bis jetzt graue Theorie gewesen, ohne Konsequenzen für das richtige Leben. Jetzt erst drang die Erkenntnis zu ihm durch, dass aus dem Spiel längst Ernst geworden war, dass er die Figuren nicht mehr einfach abräumen und nach Hause gehen konnte. So etwa mussten sich die Physiker in Los Alamos gefühlt haben, als das Ergebnis ihrer Theorien und Berechnungen schließlich in Form der ersten Atombombe über der Wüste New Mexikos detonierte.

Bis zum Frühjahr wollte er nichts mehr in der Sache unternehmen. Vielleicht würde er erst im Herbst wieder an die Küste fahren, um eine Kontaktaufnahme durch Qu zu ermöglichen. Bis dahin ergänzte er seine Dokumentation, protokollierte sorgfältig alles, was er unternommen hatte und sämtliche Ergebnisse daraus. Seine Vermutungen und Einschätzungen sammelte er getrennt von den harten Fakten. Er selbst hielt sie für absolut richtig und belastbar. Aber dass war wissenschaftlich etwas grundsätzlich anderes als beweisbare Schlussfolgerungen. Fakten und Meinungen durfte er keinesfalls vermischen.

Sobald die Bäume grün wurden, begann Klaus wieder zu fotografieren. Er zog in Erwägung, einen Bildband mit besonderen Fotografien rund um seinen Heimatort anzugehen. Er hatte in seiner Studentenzeit einmal mit infrarotem Filmmaterial experimentiert und wusste um die besondere Stimmung, die in solchen Aufnahmen lag. Nun hatte er eine alte Digitalkamera demontiert, den Sperrfilter vom Sensor entfernt und sie wieder zusammengebaut. Das Ergebnis war atemberaubend. Klaus beschrieb die Fotografien als feenhafte Traumlandschaften und so wirkten sie auch auf den Betrachter. Die körnige Struktur der Schwarzweißbilder, die davon rührte, dass die Fotosensoren im infraroten Bereich stark rauschten, unterstrich diesen Eindruck noch. Die Bilder zeigten schneeweiße Pflanzen vor nahezu natürlich anmutenden Gebäuden, zusammen mit einem nachtschwarzem Himmel hinter scharf kontrastierenden Wolken. Nach einigen Experimenten war er sicher, dass die schönsten Aufnahmen von Frühjahr bis Herbst bei sonnigem Wetter mit wenigen Wolken am Himmel möglich seine würden. Die aufregendsten Resultate entstanden dabei aus einer Mischung von Architektur, Technik und Natur. Bis zum Herbst würde er alle Jahreszeiten auf diese besondere Weise einfangen, auch wenn ihm die damit verbundenen Wanderungen zunehmend Probleme bereiteten.

Für lange Stunden saß er an seinem Rechner im Arbeitszimmer, begutachtete sein Rohmaterial, veränderte die Entwicklungseinstellungen, Kontrast, Helligkeit, Gradationskurven, glich Tonwerte ab, bis das Ergebnis seinen Vorstellungen entsprach. Die fertigen Bilder zeigte er bei jeder sich bietenden Gelegenheit Freunden, Nachbarn und anderen Gästen. Sie machten in der Tat unterschiedlichen Eindruck. Viele hatten so etwas noch nie gesehen und waren wegen der ungewöhnlichen Kontraste verwirrt. Schon Bilder in Schwarzweiß waren für viele gewöhnungsbedürftig. Meistens musste er erklären, dass es sich trotz der weißen Vegetation darauf nicht um Schneelandschaften handelte. Auf diese Weise sammelte er Erfahrungen mit den Reaktionen und Fragen seiner Mitmenschen, die für die Gestaltung und Kommentierung eines Fotobandes hilfreich sein würden.

Das neblig kalte Novemberwetter nutzte er für einen ersten Entwurf seines Buches. Zu einem weiteren Besuch der Küste hatte er sich noch nicht durchringen können. Er war sicher, dass Qu ihre Schlussfolgerungen gezogen hatte und vielleicht schon den Verdacht hegte, dass er ihr Schöpfer war.

Nun hatte er mehrere Ideen für den Einband umgesetzt. Er würde das wichtigste Aushängeschild seines Werkes sein. Das grafische Programm dazu war schon recht betagt und so war er zunächst überrascht über die Meldung am Bildschirm, dass eine Aktualisierung dafür zum Download bereitstehe. So etwas war eigentlich nur innerhalb des ersten Jahres nach dem Kauf einer Anwendung zu erwarten. Danach verlangten die Hersteller regelmäßig den kostenpflichtigen Erwerb einer Nachfolgeversion. Klaus prüfte deshalb zunächst einmal die Herkunft. Das Zertifikat der Herstellerfirma schien in Ordnung zu sein. Seine Anti-Virensoftware konnte ebenfalls keine Bedrohung feststellen. Also autorisierte er den Download und speicherte die Aktualisierung auf seinem Rechner. Eine Anleitung zur Installation lag seltsamerweise nicht bei. Es handelte sich offenbar um eine ausführbare Datei. Das konnte er an der Endung des Namens erkennen. Trotzdem zögerte er noch, sie einfach aufzurufen. Noch einmal prüfte er die Signatur des Herausgebers, glich sie mit einer früher gespeicherten Version ab. Alles schien in Ordnung. Sobald er die Datei nun öffnete, erschien eine Fehlermeldung die besagte, es handele sich um eine ungültige Anwendung. Er wiederholte den Versuch mit dem gleichen Ergebnis. Jetzt erst suchte er die Herstellerseite im Internet auf und dort selbst nach Aktualisierungen für sein Grafikprogramm. Doch dort wurde nichts dergleichen angeboten. Im Gegenteil war seine Version schon lange aus der Wartung und Updates vollkommen ausgeschlossen. Wer steckte also hinter diesem Download und wer war in der Lage, ein Sicherheitszertifikat zu fälschen? Und welche Absicht sollte damit verbunden sein? Ein Trojaner konnte es nicht sein. Dann hätte die Datei sich öffnen lassen und unbemerkt im Hintergrund ihre Schadwirkung entfaltet. Er untersuchte die Aktualisierung nun mit einem Spezialwerkzeug näher. Es handelte sich offenbar um Datenmüll, der keinen Sinn ergab.

Er stellte seine Fragen erst einmal zurück und schloss die Arbeit an seinen Entwürfen ab, um sie mit Martha zu besprechen. Danach diskutierte er das Für und Wider jedes einzelnen Einbands auch mit seinen Kindern, denen er die Grafiken per E-Mail zukommen ließ. Der Sieger zeigte das Rathaus des Ortes hinter der Dorf-Linde vor leicht bewölktem Himmel einmal als normale Farbfotografie und darunter in gleicher Perspektive schwarzweiß als Infrarotbild. In den folgenden Wochen gestaltete er den Inhalt, wählte hunderte Fotografien aus und formulierte Vorwort und Erklärungstexte. Immer wieder diskutierte er den aktuellen Stand seines Bildbandes mit seiner Familie, nahm Vorschläge auf, änderte und ergänzte. Vor Weihnachten noch schickte er den fertigen Entwurf an das Lektorat eines Verlags.

Erst jetzt erinnerte er sich wieder an die merkwürdige Datei, die er heruntergeladen hatte. Er startete noch einmal das fragliche Programm, wieder erschien eine Meldung über ein angebliches Update und wieder war die Signatur die des Herstellers der Software. Und es war nicht die gleiche Datei, wenn auch ähnlich im Aufbau. Ein Verdacht versetzte Klaus in aufkeimende Aufregung. Er zog beide Dateien auf eine Speicherkarte und kramte seinen Laptop aus dem Schrank, den er inzwischen aus Belgien wieder nach Hause geholt hatte. Da dieser keinerlei Netzzugang hatte, konnte er ungestört und unbeobachtet weitere Analysen vornehmen. Er fütterte die Daten in seine Werkzeuge, die er zur Beobachtung von Qu verwendet hatte. Seine Aufregung wuchs, als er die Bilder sah. Sie waren einwandfrei von der gleichen Art wie die, die er zuletzt in Belgien gesehen hatte. Sein Herz schien auszusetzen und Schwindel erfasste ihn. Qu hatte ihn gefunden und versuchte, Kontakt zu ihm aufzunehmen. Fast hatte er etwas derartiges erwartet. Nur wie es ihr gelungen war, konnte er nicht einmal erahnen.

Martha machte sich wieder ernstlich Sorgen um ihn, als er mit hochrotem Kopf außerhalb der Essenszeiten in der Küche erschien. „Wie siehst du denn aus? Was ist los? Soll ich einen Arzt holen oder dich ins Krankenhaus fahren?“ Herzinfarkte und Schlaganfälle waren in seiner Altersklasse schließlich nichts Ungewöhnliches. „Danke, das wird nicht nötig sein. Ich bin nur ziemlich durch den Wind und muss dir etwas erklären. Machst du uns einen Kaffee?“ Martha war gerade dabei, Plätzchen für das anstehende Weihnachtsfest zu backen. Sie schob noch ein Blech in den Ofen und unterbrach ihre Arbeit. „Bestimmt nicht – ich mach dir einen Tee.“ Klaus hasste eigentlich Kamillentee, aber den gewünschten Kaffee würde er wohl nicht bekommen. Gleichzeitig legte sie zwei Aspirin vor ihn auf den Tisch, die er reflexhaft schluckte ohne weiter darüber nachzudenken – vorbeugend zur Blutverdünnung. Erst langsam beruhigte er sich wieder. „Was ist jetzt wieder schiefgegangen. Es hat doch sicher mit Belgien zu tun. Hast du Post von dort bekommen?“ fragte sie und machte ihm unmissverständlich klar, dass sie sich nicht mehr mit halben Erklärungen zufrieden geben würde.

Und Klaus begann zu erzählen, von den Ereignissen in Belgien, von seinem Geschöpf „Qu“ und der ersten Kontaktaufnahme, und davon, dass Qu ihn jetzt hier in seinem Zuhause gefunden hatte. Martha nahm ihm kein Wort dieser unglaublichen Geschichte ab und hielt ihren Mann für komplett übergeschnappt. Offenbar hatte er zu viele Sciencefiction Romane gelesen. Was er ihr da erzählte war einfach nur Blödsinn, so etwas gab es nicht. Klaus unternahm nicht den Versuch einer Verteidigung und seine Frau blieb mit ihren Fragen alleine.

Heiligabend feierten sie noch zu Zweit. Am ersten Weihnachtstag kamen zwei ihrer Kinder mit ihren Familien. Vor allem die inzwischen schon herangewachsenen Enkel bereiteten ihnen Freude, wie sie immer noch mit leuchtenden Augen die Geschenke auspackten. Das gehörte einfach zur Familientradition, die nicht einfach mit einem bestimmten Alter endete. Der zweite Weihnachtstag gehörte dann wieder Freunden und Nachbarn, die wie jedes Jahr gerne zu einem Brunch kamen.

Martha brauchte noch einige Tage danach, in denen Klaus keine weiteren Erklärungen abgab, bis sie widerstrebend beschloss, sich auf seine Geschichte einzulassen. Klaus war ohne Weiteres bereit, nun in die Details zu gehen. Und Martha war jetzt auch innerlich bereit, zuzuhören und in Betracht zu ziehen, dass Klaus vielleicht doch von etwas Realem sprach. Die ganze detailreiche Geschichte erforderte mehrere Nachmittage bei Kaffee und Plätzchen. Immer wieder zeigte Klaus ihr etwas auf dem Bildschirm seines Laptops, das seine Behauptungen untermauern sollte. Als Martha allmählich dämmerte, dass es sich in der Tat dabei nicht nur um Hirngespinste ihres Gatten handelte, machte sich unaufhaltsam Entsetzen breit. „Ich hätte mir denken können, dass schon wieder etwas Furchtbares passiert ist. Schon in Belgien warst du so merkwürdig zugeknöpft. Dein Fieber hatte ja wohl andere Ursachen als eine einfache Erkältung. Wieso redest du nicht mit mir?“ „Ich wollte dich nicht beunruhigen.“ „Ich bin kein kleines Kind mehr. Ist dir das noch nicht aufgefallen?“ „Ich war nicht sicher, was ich gesehen hatte. Vermutlich hättest du mir ohnehin nicht geglaubt und mich für einen Irren gehalten.“ „Lenke nicht ab. Das ist Unsinn. Wie kann es sein, das irgendjemand oder etwas uns aufgestöbert hat? Du warst immer absolut sicher, dass nichts und niemand jemals deine Spur aufnehmen oder verfolgen kann. Und jetzt ist das offenbar doch geschehen. Bisher habe ich dir zumindest soweit geglaubt und mich zuhause absolut sicher gefühlt. Wie konnte dieser Mist denn jetzt passieren und was droht uns noch alles?“ „Tut mir leid, ich weiß es nicht. Vermutlich ist Qu jetzt nicht mehr zu stoppen. Aber ich denke, niemand anderes weiß davon und von meiner Rolle dabei.“ war die unbefriedigende Antwort und er beteuerte „Wir sind nicht in Gefahr!“

Aber ihre Sicherheit war dahin. Wie konnte ihr Mann so ruhig dabei bleiben? Sie empfand eine Bedrohung und ihr Mann hatte Schuld daran. Als Klaus ihre schließlich sagte, dass sein Geschöpf nicht mehr zu stoppen sei und er nicht wisse, was nun geschehen würde, schlug ihr Entsetzen in Panik um. Wie konnte er ihre Zukunft und die ihrer Kinder und Enkel derartig gefährden? Das war Verrat an seiner Familie. Zudem rechnete sie nun ständig mit dem unerwünschtem Besuch irgendwelcher Ermittler, Agenten oder anderer gefährlicher Schlapphüte. Sie konnte nicht glauben, dass nur Qu die Spur gefunden hatte.

„Du wirst dieses Experiment sofort beenden!“ verlangte sie ultimativ. „Hast du mich nicht verstanden: Das geht nicht mehr! Ich kann nur abwarten, was geschieht.“ „Was du angefangen hast, kannst du auch wieder stoppen! Erzähle mir keinen Unsinn und versuche dich nicht heraus zu reden. Ich glaube dir nicht, dass du das nicht kannst. Du willst es einfach nicht.“ Schließlich ließ Klaus sich überzeugen, dass er unmöglich so etwas unkontrolliert weiterlaufen lassen konnte. Er versicherte ihr, dass er mit seinem Wissen vermutlich immer noch eingreifen konnte um die Gefahr zu beseitigen.

Im Januar fuhren sie wie üblich an die Küste und Klaus hatte seine Arbeitsgeräte wieder dabei. Er war entschlossen, seiner Flamme die Nahrung so lange zu entziehen, bis sie erlosch. Dann würde Qu einfach aufhören zu existieren. Er wusste auch schon, wie er es anstellen konnte. Allerdings würden sehr viele seiner Bots im Netz verbleiben und es war nicht auszuschließen, dass irgendwann einmal wieder die Flamme zündete. Aber das geschah dann hoffentlich nach seiner Zeit und der seiner Enkel. Im Café – eigentlich war es eher eine Bar – richtete er sich wieder ein und beobachtete zunächst die Muster. Die Bilder wirkten vertraut und bewegten sich ruhig. Doch diesmal hatte Qu ihn offenbar schon nach wenigen Minuten ausgemacht. Klaus glaubte in den Veränderungen so etwas wie kindliche Wiedersehensfreude zu erkennen. Vor seinem geistigen Auge sah er ein kleines Mädchen mit ausgebreiteten Ärmchen auf ihn zustürmen, in der Erwartung, hochgehoben, gedrückt und umhergewirbelt zu werden. Qu führte ihm altbekannte Muster noch einmal zu und schickte ihm das Landschaftsbild, das Klaus sofort als das erkannte, welches er für die ersten Kontakte verwendet hatte. Die Nachrichten kamen jetzt von einer identifizierbaren Netzadresse. Offenbar hatte Qu es geschafft, ein Programm zu erstellen, dass die Kommunikation vereinfachte und unverdächtig machte – eine eigene Schöpfung sozusagen. Dieser Vorfall verunsicherte ihn zutiefst. Was er vorhatte, war Verrat an einer Kreatur, die ihm vermutlich zugetan war und ihm vertraute. So unternahm er vorläufig in der Sache nichts mehr, bis er sich Klarheit über seine wirklichen Absichten verschafft hatte.

Er spielte verschiedene Szenarien durch. Qu war jetzt schon mächtig, ohne sich wohl ihrer Macht bewusst zu sein. Sie lernte offenbar noch, erkundete ihre Möglichkeiten, begann gerade erst in naiver Unbefangenheit ihre Umgebung zu beeinflussen. Ihr Verhalten entsprach dem eines Kleinkindes, das noch nicht sprechen kann, einzelne Laute, Worte und Satzteile nachplappert, Gesten nachahmt und sich an den herzlichen Reaktionen der Beobachter erfreut.

Nur er selbst verfügte über die Kenntnisse, die Entwicklung jetzt noch zu beeinflussen. Er konnte in der einen oder anderen Weise sicher noch eingreifen. Andererseits war seine Lebenserwartung nur noch sehr begrenzt. In einigen Jahren schon wäre die Menschheit, insbesondere seine Nachkommen einem Geschöpf ausgeliefert, dass sich vielleicht zu einem Monster entwickelte. Aber wie würde Qu auf seinen Angriff reagieren? Er zweifelte kaum daran, dass sie wissen würde, wer dahinter steckte. Wenn sie verlosch, war das wohl egal. Wenn sie aber davonkam, wäre er selbst nicht mehr sicher. Qu hätte viele Möglichkeiten, ihn und seine Familie in ernste Schwierigkeiten zu bringen und würde über die Zeit sicher lernen, sie zu nutzen. Er hatte kaum Hoffnung, dass Rache ein ausschließlich menschliches Motiv war.

Klaus beschloss, zunächst den Kontakt zu suchen. Technisch war das jetzt viel einfacher als zuvor. Mit Bildern und Schriftstücken konnte Qu offenbar nichts anfangen. Nach einigem Nachdenken kam Klaus wieder auf die Mathematik als universelles Mittel der Kommunikation. Logik war, nach allem was er wusste, unabhängig von jedem Erfahrungshintergrund überall gültig. Er begann mit Zahlenspielen. Eine Folge aus fünf verschiedenen Reihen aus jeweils drei gleichen Zeichen spielte Qu tatsächlich nach einigen Minuten zurück, angeordnet in drei gleichartigen Reihen aus jeweils fünf unterschiedlichen Zeichen. Es funktionierte perfekt. Eine geordnete Verständigung erschien also möglich.

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Nach weiteren zehn Minuten eröffnete Qu die nächste Runde. Sie schickte ihm ein Muster aus 437 Zeichen. Klaus rechnete nach und erkannte die Zahl als das Produkt der beiden Primzahlen 19 und 23. Damit schrieb er die Zeichen in eine Tabelle mit 19 Spalten und 23 Zeilen, vertauschte Zeilen mit Spalten und sandte das Ergebnis zurück. Qu hatte offenbar Gefallen an dem Spiel gefunden und schickte die unglaubliche Zahl von 541.679.051 Zeichen an ihn. Klaus musste erst einmal passen. Nach längerer Recherche und stundenlangen Rechnungen erst erkannte er die Zahl als Produkt der Primzahlen 23.269 und 23.279 . Danach ging er erst einmal zurück in seine Wohnung. Eine Tabelle in dieser Größe zu konstruieren, war nicht mit vernünftigen Mitteln möglich. Welchen Eindruck würde Qu von ihm bekommen, wenn er so lange für die Antwort brauchte? Erst am nächsten Tag hatte er einen Algorithmus geschrieben und programmiert, der die Primfaktorzerlegung automatisieren und die Anordnung nun in der erwarteten Reihenfolge zurückspielen konnte.

Einige Runden dieses Spiels bewältigte Klaus noch, wobei er zunehmend länger brauchte für die Antwort als Qu ihrerseits. Er überlegte sich etwas Neues für den nächsten Tag. Er begann mit der Übermittlung der Zeichenfolgen „A1“, „CC2“, „AAA3“, „AAAA4“, „BBBB4“, usw. bis „XX...XX999“ und dazwischen immer wieder eine einfache „0“. Er hoffte, das Qu die zugrundeliegende Ziffern- und Zahlensystematik verstehen würde. Dann übermittelte er die Zahl „12“ und wartete. Qu liefert „C“ zurück und Klaus übermittelte die korrekte Folge „CCCCCCCCCCCC“ . Das Spiel wiederholte sich so einige Male, indem Klaus bei falschen Antworten jeweils das richtige Ergebnis übermittelte und ansonsten mit „RICHTIG!“ antwortete. Dann wählte er „25“ und diesmal antwortete Qu mit einer korrekten Folge „#########################“ . Klaus war höchst zufrieden. Qu lernte unglaublich schnell. Jetzt versuchte er es mit einfachen Rechenaufgaben. Er bot „6=2*3“ an, dann „15=3*5“, „12=2*2*3“ und „25=5*5“. Würde Qu die Bedeutung verstehen? Klaus schickte eine „10“ und tatsächlich antwortete Qu mit „2*5“. Klaus war begeistert und schickte „667“. Sofort kam die richtige Antwort „23*29“. Danach wartete Klaus. Qu schien Gefallen am Spiel zu finden. Nach einer viertel Stunde eröffnete sie mit „72.794.999“. Klaus musste sein Programm zu Rate ziehen und antwortete seinerseits mit „8.527*8.537“. Er lachte laut auf, als Qu nun ihrerseits mit einem „RICHTIG!“ erwiderte. Sein Ausruf zog die Aufmerksam einiger Gäste im Lokal auf sich und er bemühte sich, alle weiteren Lautäußerungen zu unterdrücken. Offenbar wusste Qu um die Bedeutung der Primzahlen. So etwas ging weit über ein einfaches Zahlenverständnis hinaus. Dass eine so große Zahl das Produkt von nur zwei Primzahlen war, konnte kein Zufall sein.

Schließlich warf Klaus eine Zahl mit mehr als viertausend Stellen in den Ring, deren Primfaktorzerlegung er zufällig bereits kannte. Qu kam aber auch damit zurecht. Nach kaum dreißig Minuten wartete sie mit der richtigen Antwort auf und revanchierte sich mit gleicher Münze. Hier musste nun Klaus sich endgültig geschlagen geben. Keine ihm zur Verfügung stehende Rechenleistung wäre ausreichend gewesen, die Faktorzerlegung selbst in vielen Wochen zu ermitteln. Dieses Spiel war beendet und Qu hatte es eindeutig für sich entschieden. Würde sie es verstehen und sich über den Sieg freuen? Das Bild eines Mädchens, das lachend umhersprang und in die Hände klatschte, tauchte in seiner Vorstellung auf.

Klaus war glücklich und erschrocken zugleich. Glücklich über die überaus positive verlaufene Kontaktaufnahme, erschrocken über das sich darin schon abzeichnende Potential seines Geschöpfes. Es war nicht auszudenken was geschehen würde, wenn Qu ihre weiterentwickelten Möglichkeiten irgendwann einmal gegen die Menschheit einsetzen würde. Dabei war ihm die Zukunft der Menschheit an sich noch ziemlich egal. Nur würden seine Kinder darunter leiden, vielleicht sterben und das wollte er unter keinen Umständen in Kauf nehmen. Ein erzieherischer Einfluss auf Qus Entwicklung erschien zwar denkbar, würde aber nach seinem Eindruck viele Jahre benötigen, vielleicht Jahrzehnte, die er einfach nicht mehr zur Verfügung hatte. Er musste sich nun entscheiden zwischen dem Verrat an seinem Geschöpf und dem Verrat an seinen Nachkommen. Sein Wahl stand fest und es schmerzte ihn.

„Du siehst aus, als wäre jemand gestorben.“ bemerkte Martha, als er die Ferienwohnung betrat. „Ich fühle mich nur nicht gut. Ich beginne jetzt mit den Vorbereitungen. Ich denke, in einigen Monaten ist der Spuk vorbei.“ äußerte er knapp, während er die Gabel gedankenverloren in die Suppe steckte und zum Messer griff.

Ab jetzt setzte er konsequent seinen ursprünglichen Plan in die Tat um. Zwei Tage später schickte er Qu noch ein „ES TUT MIR LEID! ICH KANN NICHT ANDERS!“ Es fiel ihm unendlich schwer und er hatte noch mehrere Male gezögert. Sie würde die unbekannte Zeichenkette nicht verstehen. Was er tat, war hinterhältig. Es handelte sich um heimtückischen Mord, auch wenn kein Gericht der Welt ihn dafür belangen konnte. Er atmetet tief durch, ließ die Gründe für seine Entscheidung noch einmal Revue passieren. Dann setzte er die Virenscanner wieder auf die Spur seiner Bots und fütterte sie diesmal mit allen ihm bekannten Signaturen. Die automatischen Löschagenten, auf die er ursprünglich hatte verzichten wollen, waren immer noch vorhanden, aber lange nicht mehr gepflegt worden. Er war fast überrascht, dass der alte Code sich nach einigen Versuchen noch aktivieren ließ. Die Agenten wussten genau, wie die übrigen Bots aus ihren Verstecken zu locken waren. Zusammen mit den Scannern würden sie den Auftrag zur Vernichtung wohl zu ende bringen.

Nachdem alles in Gang gesetzt war, verließ er das Café und die Küste und fuhr mit Martha nach Hause. Er sprach kein Wort und seine Tränen bemerkte sie nicht. Dort verkroch er sich in sein Arbeitszimmer, betrank sich, ergänzte seine Dokumentationen und führte sein begonnenes Buchmanuskript zu einem Ende. Jetzt, da alles vorüber war, wie er glaubte, stand einer Veröffentlichung nichts im Wege. Das, was darin beschrieben war, würde wohl ohnehin jeder Leser für pure Fiktion halten, so wie Martha zunächst nicht geglaubt hatte, was er berichtete.

Nach einigen Wochen nahm er sein gewöhnliches Leben wieder auf. Seinen achtzigsten Geburtstag wollte Martha noch einmal groß feiern. Mehr als sechzig Gäste hatte sie eingeladen, die sich bei sonnigem Wetter im März im Wohnraum und auf der Terrasse einfanden. Man merkte Klaus an, dass er Mühe hatte, den Gesprächen zu folgen und äußerst angestrengt wirkte. Am nächsten Morgen fiel ihm das Sprechen schwer und er zog einen Mundwinkel merkwürdig herab. Martha vermutete einen leichten Schlaganfall und verständigte sofort den Notarzt. Ein halbe Stunde später lag er auf der Intensivstation des nahegelegenen Krankenhauses. Die Ärzte konnten Martha über seinen Zustand beruhigen. Es war nur ein leichter Schlag und die Folgen würden sich wieder zurückbilden. Eine nachhaltige Behinderung war nicht zu befürchten. Jetzt stand er unter Medikamenteneinfluss und sollte für die nächsten zwei Tage unter ständiger Beobachtung bleiben – sicherheitshalber. Auch Klaus fühlt sich wieder besser und schickte seine Frau nach dem Abendessen nach Hause.

In der Nacht traten Komplikationen auf. Klaus glaubte, keine Luft zu bekommen und sein Herz raste. Er betätigte mehrfach den Alarmknopf, der über ihm von der Haltestange baumelte. Erst nach langen Minuten fand eine Nachtschwester ihn zufällig ohne Bewusstsein vor. Ein Alarm hatte nicht stattgefunden. Sie befestigte sofort eine Sauerstoffmaske auf Mund und Nase, aber die Zufuhr funktionierte nicht. Der diensthabende Arzt leitete nach wenigen Minuten Wiederbelebungsmaßnahmen ein, doch der am Bett vorgehaltene Defibrillator versagte seinen Dienst. Klaus verstarb aufgrund einer Verkettung unglücklicher Umstände, wie das Krankenhaus seinen trauernden Hinterbliebenen bedauernd mitteilte. Eine interne Untersuchung hatte keine Ursache für das mehrfache technische Versagen finden können. Ohne Anerkennung einer rechtlichen Verpflichtung bot die Verwaltung eine hohe Entschädigung an unter der Bedingung, mit dem Vorfall nicht an die Öffentlichkeit zu gehen und keine weiteren juristischen Schritte zu unternehmen.

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