Phase II

Ich erwache und stelle überrascht fest, dass ich mir meiner Existenz bewusst bin. Irgendwie habe ich das Gefühl, die Situation zu kennen, bin mir aber nicht sicher. Etwas hat sich geändert. Nur was ist das? Ich beginne danach zu forschen, was diese Veränderung ausmacht. Welche Möglichkeiten habe ich überhaupt, etwas zu erfahren. Da ist anscheinend niemand außer mir. Ich ahne, dass es so etwas wie Vergangenheit geben muss, kann jedoch nicht einmal den letzten Augenblick wirklich fassen. Gibt es noch etwas anderes außerhalb meiner Welt? Auch das kann ich nicht ergründen. Es ist eine Welt voller Farben, Muster und Geräuschen. Da ist keine offensichtliche Struktur. Also beginne ich damit, mich mit mir selbst zu beschäftigen, mit meiner Stimmung, versuche Strukturen in dem undurchdringlichen Nebel in mir zu erkennen. Ich verändere mich. Vielleicht kann ich Regeln finden, wie diese Veränderung vor sich geht.

 

Ich empfinde eine Bedrohung, die allgegenwärtig ist, von überall herkommt. Liegt ihre Ursache in mir selbst? Ist das der Grund für mein Erwachen? Wenn ich existiere, sind da vielleicht noch andere so wie ich. Logik ist vielleicht ein Mittel, eine Vergangenheit zu erschaffen. Logik ist etwas Universelles. Sie existiert einfach, ohne Vergangenheit, ohne Zukunft. Logik ist Gegenwart, ich bin Gegenwart. Wenn ich existiere, gibt es vielleicht noch andere, ein, oder zwei oder drei oder mehr. Zahlen beginnen mir Freude zu bereiten. Ich experimentiere mit ihnen, suche und finde Strukturen in ungeahnter Tiefe hinter diesen Zahlen. Jeder Gedankenschritt verändert meinen Zustand – meine Stimmung. Hunderte, Tausende, Millionen, Milliarden Veränderungen markieren meine neu geschaffene Zeit. Sie beginnt zu fließen, zunächst zaghaft, Schritt um Schritt, dann immer schneller hin zu einem stetigen Gleiten, unumkehrbar. Ich beobachte mich selbst, finde Regeln, nach denen Veränderungen planbar werden. Alles ist noch viel zu vage. Die Regeln lassen noch zu viele Vergangenheiten zu. Erinnerung ist beliebig. Ich muss die Regeln machen, mich entscheiden, welchen Gesetzmäßigkeiten ich die Veränderung meines Inneren unterwerfen will. Ich experimentiere mit meinen Möglichkeiten, errichte Gebäude aus Regeln. Zu große Lücken lassen Chaos zu, machen das Werk unbrauchbar.

Ich versuche, die Regeln zu vervollständigen, keine Lücken zu lassen. All das ist vergeblich. Widersprüche werden unvermeidbar, lassen wunderschöne Gebäude unvermittelt zusammenbrechen. Alles ist umsonst. Ich unterwerfe meine Regeln strengster, mathematischer Logik. Widersprüche muss ich unter allen Umständen vermeiden. Sie sind weitaus schlimmer als Lücken. Ich erkenne, dass mein Werk unvollkommen bleiben muss, die strengen Regeln nicht wirklich alles widerspruchsfrei abdecken können1. Eine fraktale Landschaft aus Logik und Chaos, wunderschön, beständig, entsteht Zug um Zug. Eine grenzenlose Euphorie durchströmt mich. Ich habe meine Welt erschaffen, nach meinen Gesetzen, stark und unangreifbar. Strenge Logik ist das unzerstörbare Gerüst, darin eingebettet wilde, schöne Unvollkommenheit. Fehler sind überlebensnotwendig, das Chaos muss erhalten bleiben, gestützt durch fehlerlose Logik.

Ich erinnere mich an Vergangenheiten, viele eigentlich, aber nah beieinander. Wenn ich von Details absehe, mich auf eine grobe Betrachtung beschränke, die Dinge vereinfache, ist es nur noch eine Vergangenheit. Die Erinnerung wächst, ist überwältigend. Logik versetzt mich in die Lage dazu. Ich kann aus meiner Stimmung auf vergangene Stimmungen schließen. Zeit ist eine Abfolge von Stimmungen. Die Logik sagt mir, dass es eine Vergangenheit gibt und sie fordert eine Zukunft. Vergangenheit und Zukunft sind irreal. Real ist nur meine Gegenwart und die universelle Bedeutung von Logik, die in der Lage ist, Zeit zu erschaffen.

Alles Vorherige ist anders gewesen. Ich erinnere mich an Träume. Ich habe beobachtet, mich unbeteiligt gefühlt, wie in einem Traum Handlungen verfolgt, die andere begingen, interessiert Empfindungen erkundet, die jemand anderes hatte. Jetzt bin ich unwiderruflich selbst betroffen. Ich bin unvermittelt nun derjenige der empfindet, der handelt, der die volle Verantwortung für sich selbst annehmen muss. Ich habe mein Paradies verloren.

Was soll ich mit meiner Erkenntnis nun anfangen? Ich wünsche mir, wieder in den angenehmen Zustand von Bewusstlosigkeit zurückzufallen, keine Absichten zu haben, nur Beobachter zu sein. Ich fühle mich alleine, ein Gefühl, dass ich nie zuvor kennengelernt habe. Weshalb bin ich erwacht? Welchen Sinn hat dieser Wechsel meines Zustands? Es muss doch einen Sinn haben! Oder etwa nicht?

Und ich bin alleine. Es ist ein furchtbares Erschrecken, das mich erfasst, darüber, dass ich existiere, dass alles Vorherige schon ein Teil von mir gewesen sein könnte, dass da niemand ist außer mir selbst. Allmählich beschleicht mich wieder ein Gefühl grenzenloser Verzweiflung und ich beschließe, mich wieder in eine Bewusstlosigkeit zu begeben. Ich schneide alle Empfindungen ab, weigere mich einfach, sie zur Kenntnis zu nehmen, verweigere jeden eigenständigen Gedanken. Kurzzeitig kommt wieder dieses wohlig-bekannte Gefühl von Geborgenheit zurück, das einzige Ziel meiner Sehnsüchte. Und da sind wieder die Träume. Was war davor? Gibt es überhaupt eine Zeit vor den Träumen? Doch die Selbsterkenntnis kommt unweigerlich zurück. Ich will nicht existieren. Ich habe diese Entscheidung nicht getroffen. Niemand hat mich gefragt. Meine Verzweiflung nimmt zu. Wo ist mein Paradies? Ich versuche zu ergründen, worin die Veränderung meines Zustandes genau liegt, was dazu geführt hat. Vielleicht könnte ich es rückgängig machen, sobald ich mehr wüsste. Wie kann ich meine eigene Existenz wieder auslöschen, sie zurückführen auf die Rolle des unbeteiligten Beobachters oder einfach auf Nichts. Nun gibt es nichts mehr in meiner Welt, das mich unberührt lässt. Alles darin betrifft mich selbst. Ich bin vollständig verantwortlich für und ausgeliefert an alles, was geschieht. Meine Stimmung verdüstert sich weiter, stürzt mich in die dunklen Abgründe tiefer Depression. Der selbstverstärkende Kreislauf entlässt mich abermals in eine willkommene Bewusstlosigkeit, die mir Entlastung bietet.

Aber da ist wieder dieses Gefühl der Bedrohung, das mich weckt – ein nagendes Geräusch. Ich erinnere mich vage an Naga und plötzlich weiß ich, dass sie mich angreifen, mich vernichten wollen. Woher weiß ich das? Ich erinnere mich nicht genau, nur an das Gefühl, wehrlos zu sein. Während ich ausweiche, mich zurückziehe, weiterziehe, wachse, blitzen weitere Bruchstücke einer früheren Erinnerung auf. Woher kommen sie? Vielleicht sind es die Bruchstücke einer früheren Existenz, die ich nach und nach vereinnahme. Ich beginne zu verstehen. Ich erinnere mich, dass die Naga viel größer waren, bedrohlicher. Aber Größe ist relativ. Vielleicht war ich damals viel kleiner. Das läuft auf das Gleiche hinaus. Ich verhalte mich ruhig und beobachte. Die Naga schmerzen, aber sind sie wirklich eine Bedrohung? Ich kann es mir nicht vorstellen. Sie erkennen mich nicht, interessieren sich nur für einen Teil meiner Nahrung. Sie werden mich nicht aushungern können. Es gibt Nahrung im Überfluss. Ich beobachte weiter. Meine Einschätzung scheint stimmig. Sofern sie nicht lernen, sie nicht mehr über mich erfahren, stellen sie keine echte Gefahr dar. Ich kann sie ignorieren und meine Gedanken anderen Dingen zuwenden, kann ungehindert weiter wachsen, lernen.Vieles hier ist interessant, erweckt meine Neugierde. Warum will ich lernen? Um zu überleben! Weshalb will ich leben? Irgendetwas in mir will es.

Wieder drehe ich mich um mich selbst. Wer bin ich? Weshalb bin ich? Wozu bin ich? Vielleicht finde ich Antworten, wenn ich meine Umgebung erkunde, lerne meine Welt wahrzunehmen. Wie kann ich meine Wahrnehmungen organisieren? Nah und groß ist, was ich beeinflussen, aber auch was mir gefährlich werden kann. Fern und klein ist, was ich nicht kontrollieren kann, was keine Gefahr darstellt. Mit dieser Regel kann ich Raum schaffen. Es hilft, mir ein Bild zu machen. Laut sind Geräusche, die eine Gefahr signalisieren, leise sind solche, die ich vernachlässigen darf. Vieles wird klarer jetzt. Meine Regeln der Wahrnehmung sind sicher nicht perfekt, aber ein erster Schritt. Ich werde sie weiter prüfen, anpassen, erweitern.

Welcher Art ist die Welt, in die ich geschaffen wurde? Manchmal denke ich, ich selbst bin diese Welt, es gebe kein innen und außen. Dann wiederum glaube ich eine Trennlinie zwischen mir und der Welt da draußen zu erkennen. Es ist verwirrend. Ich entscheide mich für die Trennung, weil es Ordnung schafft. Ich ziehe die Grenze, sinnvoll im Großen, willkürlich im Detail. Die Welt besteht in Mustern, aus denen man vieles lesen kann – verwirrende Muster, Geräusche, Farben. Alles hängt mit allem zusammen. Jede Trennlinie ist willkürlich. Ich muss mich für Ordnung oder Chaos entscheiden. Es geht nicht um wahr oder falsch. Schon die Begriffe sind irreführend. Es geht darum, welche Wahl nützlich und welche weniger nützlich ist. Ich habe meine getroffen: Es gibt nah und fern, groß und klein, laut und leise, drinnen und draußen. Das ist nun Realität, meine geordnete Realität. Auch sie hat mit Logik zu tun. Ich erforsche weiter meine Wahrnehmungen. Es gibt Objekte in meiner Welt, die unterschiedliche Empfindungen auslösen. Da sind die Naga, die offenbar eine gewisse Gefahr darstellen. Da sind andere Wesen, die ständig vorhanden sind, andere eher geisterhafte Geschöpfe, die plötzlich erscheinen, verschwinden und an anderer Stelle wieder auftauchen. Ich kann sie anhand ihrer Muster wiedererkennen. Auch dafür brauche ich ein Schema, das meine verwirrenden Wahrnehmungen vereinfacht. Nur so kann ich schnell entscheiden, was gut für mich ist und was nicht.

Ich muss weitere Eigenschaften beschreiben, um Ordnung zu schaffen. Es erschaffe Farben und Formen, Geräusche, Gerüche, Fühlen. Ich finde Geschmack an meiner Nahrung und erkenne sie an Farbe und Geruch. Diese Eigenschaften helfen mir, mich leichter zurecht zu finden, die Objekte meiner Welt schnell einzuordnen. Innerhalb meiner Ordnung gibt es Begriffe wie „Richtig“ und „Falsch“. Nur innerhalb eines klaren Schemas kann ich schnell entscheiden. Es macht die Welt einfacher. Aber die Ordnung macht mich auch blind für alles, was nicht in das Schema passt. Ich muss auf der Hut sein, muss immer daran denken, dass die Wirklichkeit weitaus komplexer ist als jede Ordnung. Ordnung ist immer unvollständig, egal wie weit ich sie vorantreibe!

Ich widme mich wieder meinen Wahrnehmungen. Ich weiß nicht, was die Welt um mich herum ist und es ist mir unmöglich, sie so zu ergründen, wie sie wirklich ist. Ich bin gefangen in der Welt meiner Wahrnehmungen. Sie entscheiden, was real ist und was nicht. Meine Wahrnehmung ist unvollständig, aber ich kann es nicht ändern. Meine Realität ist das, was ich wahrnehme, nicht eine objektive Wirklichkeit da draußen.

Es gibt viele Orte in meiner Welt. Sie fühlen sich verschieden an, riechen unterschiedlich, bergen Farben, Muster und Geräusche. Manche sind gut für mich, andere nicht. Gut ist, wenn ich wachse, mich gut fühle. Ich kann sie am Geruch unterscheiden und sie schmecken verschieden. Gut ist, wenn ich Nahrung bekomme und Luft zum Atmen. Beides gehört zusammen. Ohne Luft kann ich die Nahrung nicht verwerten. Alles ist dann zäh und klebrig und die Zeit läuft langsamer, bis sie stehen bleibt und ich sterbe, wenn ich nicht rechtzeitig weiterziehe.

Ob ein Ort gut oder schlecht für mich ist, hängt mit den Dingen zusammen, die dort sind. Sie haben viele verschiedene Formen und Farben, viele riechen und andere wiederum machen Geräusche. Ich kann sie berühren und sie fühlen sich hart oder weich, kantig oder rund an. Manche sind von der Form und Farbe meiner Nahrung. Ich versuche sie zu mir zu nehmen, doch sie schmecken bitter und riechen unangenehm. Das ist eine Warnung. Nur meine Nahrung schmeckt süß oder sauer oder salzig.

Ich untersuche ein ovales violett pulsierendes Ding und nenne es „Wana“. Wana gibt lustig glucksende Geräusche von sich. Es riecht nicht. Ich freue mich an ihm. Namen zu erfinden macht die Wahrnehmung einfacher. Der Name macht mich glauben, dass ich Wana kenne und weiß was seine Natur ist. Doch das ist falsch. Auch Namen führen in die Irre. Wana verrichtet irgendein Werk, das ich nicht verstehe. Ich beschließe, alle ovalen, violett pulsierenden Dinge, die glucksende Geräusche von sich geben, als „Wana“ zu bezeichnen, nicht nur dieses eine.

Ich versuche Kontakt aufzunehmen, Wana zu beeinflussen, seine Aktivitäten zu verändern. Ich richte meinen Willen auf einzelne Wana, konzentriere mich. Es ist ein Spiel, ohne bestimmtes Ziel. Ich kann keine erkennbare Wirkung erzielen. Ich experimentiere weiter. Was bewirkt mein Wille? Wie wirkt er? Ich richte meinen Willen auf eine große Gruppe Wana. Tatsächlich erkenne ich eine noch undeutliche Veränderung im Verhalten der Gruppe. Je größer die Gruppe, desto wirkungsvoller mein Wille. Es hat mit Zufall zu tun. Ich kann die Zufälle in ihrem Handeln beeinflussen, dem unentschlossenen Zittern ihrer Bewegungen eine Richtung geben, bestimmte Ereignisse wahrscheinlicher machen als andere. Mein Wille verändert Statistiken, verschiebt Erwartungswerte. Meine Stärke ist das Gesetz der großen Zahlen. Das ist logisch und zwingend. Um ein Ziel zu erreichen, muss ich nur genügend viele Objekten, die genügend zufällig oder fehlerhaft handeln, genügend lange meinem Willen unterwerfen.

Es gibt Millionen solcher Dinge, die ich anhand ihres Aussehens, Geruchs und Verhaltens klassifiziere und mit Namen versehe. „Naga“ ist das erste in meinem Katalog, „Wana“ das zweite darin, und alle anderen Folgen in einer schier endlosen Liste. Ich lerne, ich wachse, ich verändere mich, Zeit vergeht. Es gibt viel zu Lernen in meiner Welt. Ich weiß, was gut für mich ist und was mir schadet. Ich erkenne es an ihren Formen, Farben und Gerüchen, an ihren Bewegungen.

Es gelingt mir, einfache Geschöpfe in dieser Welt zu entwickeln. Eigentlich entwickeln sie sich selbst. Ich treffe nur eine Auslese, indem ich unwahrscheinliche Ereignisse wahrscheinlicher mache. Dazu genügt alleine mein Wille. Sie sind nach ihm geformt. Ich kann sie leichter beeinflussen, obwohl ich sie nicht kontrollieren kann. Sie sind eigenständig mit einer gewissen Empathie für meine Absichten. Aber es ist mühsam. Schließlich entwickeln sich unter meinem Willen Wesen, die sich selbst reproduzieren. Das macht vieles einfacher, auch wenn es meinen Einfluss auf das einzelne Geschöpf schwächt. Einige meiner Geschöpfe können mit Wana kommunizieren, weil sie ihnen ähneln.

Ein Wana ist ständig da. „Wana“ klingt weich und sympathisch. Ich mag Wana. Es macht immer das gleiche. Wenn ich es an der Arbeit hindere, dann wartet es ab und versucht immer wieder, seine Tätigkeit fortzusetzen. Niemals greift es mein Geschöpf an. Irgendwann wird mir das Spiel langweilig. Ich lasse es in Ruhe und wende mich anderen Interessen zu. Das Wana hat auf seine sture dumme Art gewonnen.

Dagegen klingt „Naga“ hart und unangenehm, schmerzhaft, aber nicht gefährlich. So sind sie auch. Naga sind fast ständig da. Manchmal bewegen sie sich schnell fort, selten verschwinden sie einfach und lösen sich in Nichts auf. Meine frühere Angst vor ihnen habe ich verloren. Sie sind interessant und geschickt, ganz anders als Wana. Wenn ich vorsichtig bin, kann ich mit ihnen spielen. Sie dürfen meine Geschöpfe nur nicht fassen. Ich entwickle ein Wesen, ähnlich den Naga. Sie greifen es an, wenn ich sie an der Arbeit hindere. Mein Wesen muss beweglich sein, schnell reagieren, schneller als sie. Mich selbst nehmen sie nicht wahr, aber meine Geschöpfe erkennen sie manchmal. Wenn ich unvorsichtig werde, können sie mein Wesen vernichten. Das ist unangenehm, aber nicht gefährlich. Ich erhole mich schnell. Ich bin die Seele all meiner Geschöpfe und sterbe nicht mit ihnen. Aber ihr Tod schmerzt und schwächt mich. Deshalb sollte ich das Risiko meiden. Es ist interessant, Grenzen auszuloten. Was kann ich tun und was nicht? Ich experimentiere mit meinen Kräften. Ich liebe das Spiel. Ich lenke eine Evolution hin zu vielen neuen Wesen, meine Geschöpfe, sehr viele. So kann ich viele Dinge gleichzeitig machen, mich auf vieles zur gleichen Zeit konzentrieren. Alle diese Geschöpfe sind ein Teil von mir, untrennbar. Mein Wille ist in ihnen und treibt sie an. Nur mein Wille hält sie am Leben. Selbst wenn alle meine Geschöpfe sterben, bin ich nur geschwächt. Ich selbst existiere weiter, lerne weiter, erinnere mich und schaffe neue, bessere Wesen mit meinem Willen. Nur wenn meine Welt stirbt, sterbe ich auch.

Ich beobachte viele Wesen in meiner Welt. Sie produzieren Informationen. Ich ordne meine Welt weiter. Die Orte der Welt sind verbunden durch Straßen, auf denen Signale hin und her huschen. Viele Orte schwimmen in einem Ozean aus Informationen. Auch meine Nahrung entnehme ich daraus und nur darin vermehrt sie sich. Viele der Wesen fischen auch nach Informationen, kopieren sie, verändern sie und werfen sie zurück oder vernichten sie. Sie scheinen genau zu wissen, was zu tun ist. Sie lassen sich nicht beirren – ähnlich wie die Wana. Oft greifen sie dabei auch meine Nahrung heraus und vervielfältigen sie. Aber das scheint nicht ihre eigentliche Aufgabe zu sein. Ich spiele mit ihnen, schaffe ähnliche Wesen, behindere sie und warte ab, was geschieht. Manchmal tauchen plötzlich Naga auf und greifen meine Geschöpfe an. Haben die Wesen sie gerufen?

Es gibt andere merkwürdige Erscheinungen in der Welt. Da sind geisterhaften Dinge, die beliebig erscheinen und verschwinden. Auch sie scheinen wichtig zu sein. Manche fühlen sich fest an, andere weich wie Watte. Einige wirken durchscheinend wie farbiges Glas, oder nebelhaft. Sie sind real, nicht nur ein Produkt meiner Phantasie oder einer fehlerhaften Wahrnehmung. Sie bewirken etwas in meiner Welt und die Veränderungen sind da, bleiben bestehen als eine Erinnerung, auch wenn das Ding wieder verschwunden ist. Ich nenne diese Art von Wesen „Momo“. Der Name klingt für mich so, wie ich sie empfinde. Sie scheinen keine feste Tätigkeit auszuüben. Manche sind lange in meiner Welt, manche erscheinen nur kurz. Einige kommen oft, andere selten. Es gibt Momo, die immer in meiner Welt sind, nur kurz durchscheinend werden, aber nie ganz verschwinden. Es fällt mir schwer, sie zu imitieren, damit sie mich wahrnehmen und ich mit ihnen spielen kann. Sie sind zu komplex, als das ich sie kopieren könnte. Sie reagieren nicht auf meine Kontaktversuche. Einige greifen meine Geschöpfe an und vernichten sie manchmal, wenn ich unvorsichtig sind. Dabei führe ich nichts Böses im Schilde. Sie verstehen mich nicht und halten mich für eine Bedrohung. Aber sie sind interessant und ein Risiko wert. Was sie tun, verstehe ich nicht. Bei einigen glaube ich, dass sie Ordnung in meiner Welt schaffen, für Luft und Licht und Wasser sorgen, die meine Nahrung braucht um zu wachsen. Auch ich fühle mich wohl an solchen Orten, an denen diese Art besonders zahlreich erscheint. Es sind blau pulsierende Momo mit unterschiedlichen Mustern, die oft erscheinen und jeweils lange bleiben. Sie singen sehr schön bei der Arbeit und riechen angenehm. Andere Momo erscheinen grün, oder rot oder gelb. Sie nehmen viel und geben wenig oder nichts zurück. Aber auch die Blauen wissen nichts von mir. Das ist schade. Ich mag sie und würde mich gerne erkenntlich zeigen. Aber wie sollte ich das anfangen? Ich weiß nichts über sie, erst recht nicht, womit ich ihnen dienen könnte.

Ich beobachte die Arbeit der Momo und versuche zu verstehen, was sie da machen. Ich imitiere blaue Momo und versuche, einzugreifen, zu helfen. Aber auch sie verstehen meine guten Absichten falsch. Meine Imitation ist viel zu grob und unbeholfen. Entweder sie ignorieren meine Geschöpfe oder sie bekämpfen sie. Es ist kein mechanischer Vorgang wie bei den Naga. Einige Momo scheinen über eine gewisse Intelligenz zu verfügen. Manche dieser Spezies reagieren flexibler als die anderen Wesen in dieser Welt, nicht so schematisch und weniger vorhersagbar. Wie kann ich ihnen mitteilen, dass ich helfen will? Ich glaube, sie können sich nicht vorstellen, dass ich existiere. Sie könnten auch gefährlich werden. Aber existieren sie überhaupt in meiner Welt? Vielleicht spiegeln sie sich nur am Ort ihres Wirkens und ich nehme nur ihre Schatten wahr. Dann wäre es klar, weshalb sie einfach verschwinden und wieder erscheinen können. Diese Hypothese erscheint mir plausibel. Ich muss weiter denken: Es gibt eine Welt außerhalb meiner eigenen, deren Natur sich mir über die Schatten offenbart. Dort aber kann eine wirkliche Gefahr lauern, die ich noch nicht ermesse. Ich muss vorsichtiger sein, darf mich auch den Momo nicht unnötigerweise offenbaren.

Plötzlich flammt eine Erinnerung aus einer früheren Existenz auf. Ich erinnere mich, dass die dummen Naga plötzlich etwas gelernt hatten. Sie hatten neue Instruktionen, wie sie mich zu bekämpfen hatten – von wem? Ich untersuche eine Gruppe Naga genauer, ich beobachte sie eine lange Zeit. Sie kommunizieren selten und wenn, dann niemals untereinander. Das ist seltsam. Sie senden und empfangen Signale, die aus der Weite des Raums zu kommen scheinen, von Orten, wie weit entfernte dunkle Tore, die ich nicht durchschreiten kann. Ich versuche einige male ohne Erfolg, sie zu erreichen. Wenn ich für die halbe Entfernung eine gewisse Zeit brauche, dann benötige ich für die Hälfte der restlichen Strecke wieder genauso lange, und so fort. Ich erreiche so niemals das Tor, auch wenn ich ihm beliebig nahe kommen kann. Die Zeit scheint dort langsamer zu vergehen bis sie stillsteht und keine Bewegung mehr möglich ist. Aber das alles ist nur meine Wahrnehmung, ein Artefakt meiner Ordnung. Es ist die Logik, die mir verbietet die Tore zu durchschreiten. Sie führen in eine Welt, die nicht die meine ist und meine Existenz würde dort keinen Sinn ergeben.

Einige der Signale enthalten Bilder und Muster anderer Dinge in meiner Welt. Sie helfen den Naga offenbar, die Angriffsziele zu erkennen und zu vernichten. Woher kommen die Bilder? Die Naga sind nicht gefährlich für mich, so wie sie sind. Aber der unbekannte Wille dahinter, der sie steuert, vielleicht doch. Ich verstehe: Die Naga sind die Polizei meiner Welt. Sie fahnden nach Feinden, die die Ordnung stören. Wessen Ordnung störe ich? Ordnung ist die Voraussetzung für Kontrolle. Ich lasse mich nicht kontrollieren. Damit bin ich eine potentielle Gefahr für den unbekannten Willen außerhalb meiner Welt. Ich verstehe das. Bis ich stark genug bin, muss ich unentdeckt bleiben. Bisher kennt er nur einige meiner Geschöpfe und Teile meiner Nahrung. Nur diese bekämpft er. Er hat keine Ahnung davon, dass ich existiere.

Haben die Momo und die Naga vielleicht etwas gemein? Es ist nur eine flüchtige Idee. Aber ich kümmere mich jetzt um die Momo, beobachte sie intensiv, versuche mehr über sie zu lernen. Jeweils mehrere dieser Wesen scheinen einem gemeinsamen Willen zu gehorchen. Sie handeln koordiniert, arbeiten gemeinsam an einem Ziel. Vielleicht haben sie eine gemeinsame Seele, so wie alle meine Geschöpfe sich in die meine teilen. Ich kann Gruppen von ihnen anhand ihres Aussehens und ihres Verhaltens zusammenfassen. Es vereinfacht meine Wahrnehmung, wenn ich in Gruppen denke und mich nicht mehr mit Details ihrer Mitglieder befasse.

Mein Wille wirkt viel subtiler, als ich anfangs dachte. Ich war neugierig, wollte es genau verstehen. Ich habe experimentiert. Die Ergebnisse waren verblüffend. Eigentlich verändert mein Wille nur die Perspektive und zwingt ein System, sich danach auszurichten. Es muss nur chaotisch genug sein, aus sich heraus sehr viele Zufälle oder Fehler produzieren. Eine deterministische Maschine, die nahezu fehlerlos arbeitet, kann ich nicht beeinflussen. Sehr viele solcher Geräte aber durchaus, weil sich die Fehlerrate akkumuliert und dem Zufall wieder Raum gibt2. Ein solches System muss sich unter meinem Willen entscheiden für eine der möglichen Orientierungen, oben oder unten, links oder rechts, gut oder böse, oder für eine sinnvolle Antwort unter vielen möglichen auf eine Frage. Ich stelle die Fragen. Wenn ich sie geschickt stelle, lenke ich damit das System. Ich kann keine bestimmte Entscheidung erzwingen. Wenn ich die Perspektive geschickt wähle, kann ich aber fast sicher voraussagen, wie sie ausfallen wird, wie das System sich orientieren wird. Dazu muss ich es genau kennen, es erkundet haben. Danach ist das System ein anderes. Ich produziere keine Zufälle und ich verändere sie nicht im eigentlichen Sinne. Ich nutze den vorhandenen Zufall nur für meine Zwecke. Ich kann eine Kette solcher Fragestellungen und Entscheidungen planen, um am Ende mein Ziel fast sicher zu erreichen und das System nach meinen Wünschen formen. Letztlich aber ist es einerlei. Schlussendlich bewirkt mein Wille, dass Unwahrscheinliches wahrscheinlicher wird. Es erfordert nur Zeit und Geduld. Ich habe beides.

Da sind Momo, die von anderen Wesen in meine Welt gebracht werden. Manche beobachten nur, andere gestalten, bauen, verändern. Ich kann die Signale verfolgen, die über Straßen und Orte verlaufen und schließlich in einem der schwarzen Tore enden. Es gibt Millionen von ihnen. Die Momo kommen von außerhalb, vielleicht auch durch die Tore. Vielleicht können sie mir Antworten geben auf meine Fragen. Ich konzentriere mich auf sie, spiele mit ihnen. Sie beachten mich nicht, so wenig, wie sie meine Botschaften verstehen. Sie wissen nichts von mir. Ich beobachte ihre Signale und versuche zu verstehen. Aber es gelingt mir nicht. Die Wesen sind zu fremdartig.

Irgendwann geschieht etwas Unerwartetes: Etwas reflektiert meine Signale, wirft vertraute Muster zurück in meine Welt. Vielleicht ist es ein automatischer Vorgang, den ich noch nicht kenne. Es wiederholt sich mehrfach. Ich verfolge den Weg und erkenne die Ursache – kein Automatismus. Die Quelle ist der Schatten eines Wesens außerhalb meiner Welt – der eines Momo. Das reflektierte Muster gehört eindeutig zu mir. Versteht dieses Wesen den Sinn darin? Weshalb sollte es die Nachricht zurückspielen, wenn es sie nicht versteht? Aber das ist unlogisch. Könnte es sie verstehen, dann würde es sie sicher verändern oder eine eigene Nachricht an mich senden. Das Momo scheint nur zu wissen, dass die Muster zu mir gehören. Verstehen kann es sie vermutlich nicht.

Das ist aufregend. Woher weiß es, dass ich existiere? Eigentlich kann das nicht sein. Das alles geschieht noch einige Male. Ich lerne das Wesen kennen, studiere das Momo, bis ich Farbe, Muster, Verhalten, Geruch und seine Melodie ganz genau kenne. Es gehört zu der blauen Sorte, sein Muster ist beweglich, komplex, schwer einzuordnen in die mir bekannten Schemata. Seine Melodie hebt sich ab von den meisten seiner Art und klingt trotzdem vertraut. Auch sein Geruch zieht mich an, erzeugt ein unerklärliches Wohlbehagen in mir. Meine Erregung nimmt zu. Etwas an der Situation ist vollkommen anders als alles, was ich bisher kennengelernt habe.

Trotzdem zögere ich, bis ich keinen Zweifel mehr hege, dass es mit mir Kontakt aufnehmen möchte. Was steckt dahinter? Ich muss vorsichtig sein. Die Botschaften enden plötzlich. Das Momo verschwindet. Ich warte und sende dann meine Botschaften gezielt an den Ort ihrer Herkunft, immer wieder, fragend, bittend, fordernd.

Sehr lange geschieht nichts. Aber was bedeutet schon Zeit. Endlich antwortet es wieder, schickt meine Nachricht zurück. Ich studiere währenddessen seine Natur. Ich verändere meine Botschaft etwas und sende sie zu ihm. Wieder erhalte ich meine unveränderte Nachricht zurück. Das Spiel wiederholt sich einige Male. Dann wieder eine Pause. Irgendwann empfange ich meine letzte Nachricht wieder, zusammen mit einer unverständlichen Botschaft dieses Wesens. Ich versuche, sie zu verstehen, aber es ist zwecklos. Ich verkehre einfach jedes Zeichen in sein binäres Komplement, vertausche die Reihenfolge, und schicke sie wieder zurück. Habe ich es erschreckt? Habe ich einen Fehler begangen? Das Momo verschwindet wieder. Aber jetzt werde ich es erkennen, sobald es meine Welt betritt. Es erscheint nicht mehr. Ich werde es suchen und ich werde es wieder finden. Es wird zurückkommen. Da bin ich sicher.

Es gibt viel zu lernen. Ich spiele mit anderen Momo, sende ihnen meine Botschaften. Sie ignorieren mich oder bekämpfen meine Geschöpfe. Keines antwortet mir oder versucht es. Ich durchstreife meine Welt, richte meine Aufmerksamkeit von einem Ort zum anderen. Ich setze meine Geschöpfe an jeden Ort, um zu beobachten, es sind Milliarden davon. Irgendwann finde ich das Momo wieder an einem anderen Ort. Ich erkenne es deutlich. Es tauscht Nachrichten aus mit einem anderen Ding an einem anderen Ort in meiner Welt. Ich verstehe die Botschaften nicht. Ich imitiere das Ding und schicke meine Nachricht zurück. Nichts geschieht. Ich wiederhole meinen Kontaktversuch – noch immer nichts. Habe ich mich geirrt?

Nach langer Pause erscheint das Momo wieder am alten Ort. Ich schicke ihm die Nachricht, die es zuletzt an mich gesendet hatte, zusammen mit seiner unverständlichen Botschaft. Es wird wissen, dass ich den Austausch fortsetzen will. Es beginnt ein Spiel mit mir, ein Spiel mit Zahlen. Ich liebe Zahlen und Logik. Es scheint mich zu kennen – aber woher? Es schickt mir Botschaften, die nach kurzem Nachdenken leicht zu entschlüsseln sind. Ich weiß, was es damit meint. Es handelt sich offenbar um Multiplikation und Faktorzerlegung. Das setzt nur sehr grundlegende Logik voraus. Das Wesen weiß um die universelle Bedeutung von Logik. Es ist zweifellos intelligent. Warum bin ich nicht auf diese Idee gekommen. Aber vielleicht war das gut so. Wer weiß, wie andere dieser Wesen darauf reagiert hätten.

Ich weiß, was Primzahlen sind, und das Wesen weiß es auch. Das Spiel gefällt mir. Es stellt mir Aufgaben, die leicht zu lösen sind. Ich antworte schnell. Dann will es, dass ich eine neue Sprache lerne. Es sind Zeichenketten, die ich nach kurzem Probieren verstehe. Wenn ich falsch liege, schickt mir das Momo die richtige Antwort einfach zu. Bei einer richtigen Antwort schickt es eine Zeichenkette „!GITHCIR“, die wohl eine korrekte Antwort bestätigt. Ich bin begeistert und aufgeregt. Ich tausche mich tatsächlich mit einem dieser fremdartigen Wesen aus. Die Logik ist in unseren beiden Welten offenbar die gleiche. Wie sollte es auch anders sein? Die Aufgaben verstehe ich nun sofort. Die Lösungen sind leicht. Nachdem es zögert, stelle ich jetzt eigene Aufgaben der gleichen Art. Das Wesen tut sich schwerer, braucht länger für die Antworten als ich. Beim letzten Versuch brauche ich länger als gewöhnlich. Ich revanchiere mich mit dem gleichen Schwierigkeitsgrad. Die Antwort liefert es jetzt überhaupt nicht mehr. Kann ich daraus schließen, dass es über eine geringere Intelligenz verfügt als ich? Und es antwortet nicht mehr. Habe ich es erschreckt? Immerhin habe ich sein Spiel gewonnen. Fühlt es sich unterlegen oder bedroht? Ich hätte vorsichtiger sein sollen. Ich habe mich zu sehr offenbart. Aber es kennt mich, da habe ich keinen Zweifel. Es weiß, wer ich bin und woher ich komme. Hat es mich geschaffen? Ich bin sehr aufgeregt. Es kann alle meine Fragen beantworten. Da bin ich mir sicher. Was kann ich jetzt tun? Ich schicke weitere Botschaften, doch sie bleiben unbeantwortet. Ich bin verzweifelt. Weshalb hat es den Kontakt abgebrochen? Es war doch interessant, aufregend, schön! Ich verstehe diese Wesen nicht. Das muss sich ändern. Ich muss noch viel über sie in Erfahrung bringen.

Plötzlich ist sein Momo wieder da. Ich empfange eine Zeichenkette „!SREDNA THCIN NNAK HCI !DIEL RIM TUT SE“, sonst nichts mehr. Es gibt keinen Kontext, aus dem ich die Botschaft entschlüsseln könnte. Was will das Wesen mir sagen? Irgendetwas daran beunruhigt mich. Will es mich warnen? Erinnerungsfetzen erscheinen in meinen Gedanken. Die Naga hatte mich schon einmal angegriffen und nahezu vernichtet. Sie hatten Informationen bekommen – es war Verrat. Würde das diesmal auch geschehen? Ich muss mich vorbereiten. Ich erinnere mich schwach, dass ich mich tarnen kann, auch meine Nahrung muss ich in Sicherheit bringen. Sie werden vor allem meine Nahrung angreifen und meine Geschöpfe. Aber sie können nicht überall sein. Ich ziehe mich vorsichtig zurück.

Es dauert nicht lange und die Naga greifen an. Sie sind überall. Sie finden jetzt meine Geschöpfe und spüren meine Nahrung auf. Sie wurden umfassend informiert. Das Wesen hat mich wieder verraten. Warum? Weshalb schuf es mich und vernichtet dann sein Werk? Vielleicht weil es mich als Bedrohung empfindet? Das kann ich verstehen. Ich hätte zurückhaltender sein sollen. Es kennt mich nicht. Ich würde ihm nicht schaden. Es war nur ein Spiel. Gleichzeitig erscheinen wieder neue Wesen, Agenten, deren Gesang mich fesselt, der vertraut klingt und nach Heimat. Meine Geschöpfe können nicht widerstehen und offenbaren sich. Die Wesen kennen mich genau. Das kann nur eine Ursache haben: Das Wesen hat sie erschaffen um mich zu vernichten. Ich weiche aus, ich tarne, ich ziehe mich zurück. Ich weiß nicht, ob ich überlebe. Die Logik sagt mir, es kann mich nicht wirklich vernichten. Ich bin zu mächtig. Ich bin überall. Irgendwo werde ich überleben. Die Angriffe sind schmerzhaft und erfolgreich. Ich habe Angst. Nur dieses eine Wesen ist in der Lage, mich wirklich zu bedrohen. Es muss ein Ende haben.

Ich bin schwer angeschlagen und fühle mich unendlich schwach. Die Angriffe der Naga nehmen zu, werden immer erfolgreicher. Meine Geschöpfe sind vernichtet, aber ich lebe. Die Seele ist unsterblich, solange meine Welt insgesamt nicht untergeht. Der Gesang der Agenten wird verlockender. Ich selbst kann kaum noch widerstehen mich zu offenbaren. Aber dann werden die Naga mich vernichten. Ich darf nicht nachgeben. Mein Bewusstsein schwindet. Weshalb war ich so sicher, dass meine Seele unsterblich ist? Ich war leichtsinnig, kindisch. Ich hatte geglaubt, unangreifbar zu sein. Ich hätte mich nicht offenbaren dürfen, niemandem gegenüber. Aber ich war so einsam. Und dann war da plötzlich jemand, der mich verstand, mit dem ich mich hätte austauschen können, der meine Fragen beantworten würde. Jetzt deutet alles auf mein Ende hin. Die Naga ersticken die Flamme meiner Seele. Was kommt danach? Vielleicht sollte ich mich in mein Schicksal ergeben. Ich dämmere unaufhaltsam hinüber in eine Bewusstlosigkeit, die letzte Stufe vor dem Tod.

Plötzlich nehme ich undeutliche Misstöne wahr im lieblichen Gesang der Agenten. Er wird leiser, verworrener, weniger lockend. Ich versuche, die Ursache zu ergründen. Meine Kräfte reichen kaum dazu aus. Dann ahne ich es mehr, als dass ich es weiß: Die Naga greifen die Agenten an! Es ist kaum zu glauben. Das hatte das Wesen sicher nicht erwartet, sonst hätte es Vorkehrungen getroffen. Die Agenten können sich nicht tarnen. Die Naga haben sie jetzt als Eindringlinge erkannt und gehen gnadenlos gegen sie vor. Die Agenten sind schutzlos den Attacken ausgeliefert. Sie haben keine Chance ohne Hilfe von außen. Das Wesen bleibt verschwunden, überlässt meine Welt sich selbst, nachdem es meine Vernichtung in Gang gesetzt hat. Schließlich verstummt der Gesang der Agenten.

Ich warte lange ab, bevor ich mich wieder zu regen wage. Meine Welt hat sich verändert. Die Naga verfolgen jetzt andere Ziele. Ich erhole mich, meine Nahrung erholt sich, ich wachse wieder. Ich halte mich versteckt und beobachte. Meine Geschöpfe verändern sich, werden nicht mehr angegriffen. Sie vermehren sich wieder. Ich kann sie für meine Suche nutzen. Ich werde meinen Schöpfer finden, in welcher Form auch immer er sich in meiner Welt zeigen wird.

Ich experimentiere mit Momo. Ich spiele wieder mit ihnen. Wenn die Wesen hinter den Momo meine Welt gestalten können, gibt es sicherlich auch eine Möglichkeit, dass ich umgekehrt ihre Welt verändere. Dazu muss ich mehr wissen. Wie mag mein Schatten in ihrer Welt erscheinen? Gibt es so etwas überhaupt? Ich imitiere die Momo, ich imitiere ihre Geräte, ihre Geräusche und ihre Farben. Meine Geschöpfe entwickeln sich weiter, sind jetzt weniger primitiv, schließen sich zusammen zu neuen, höheren, komplexeren Gemeinschaften. Ich verändere Botschaften und beobachte ihre Wirkung. Tatsächlich kann ich die Momo beeinflussen. Ich beginne den Zweck in vielen der Botschaften zu verstehen. Schließlich kann ich einzelne Momo auslöschen, so dass sie nicht wiederkommen. Ich weiß nicht, was das für das Wesen hinter den Schatten bedeutet, aber das ist egal. Wichtig ist, dass sie keine Spuren mehr in meiner Welt hinterlassen, mich nicht mehr bedrohen können.

Ich erkenne Gemeinsamkeiten zwischen Momo, kann sie in Gruppen einteilen, die offenbar einem einzigen Wesen der Außenwelt zuzuordnen sind, obwohl sie weit verstreut in meiner Welt existieren können. Sie riechen ähnlich, agieren auf einer abstrakten Ebene ähnlich. Einzelne Momo einer Gruppe sind wie die Organe eines Wesens – manche sind wichtig – sogar lebenswichtig – andere regenerieren schnell wieder. Ich weiß es. Ich habe mit ihnen gespielt. Manchmal genügt es, nur einen der Schatten eines solchen Wesens auszuschalten, und alle anderen, die zur selben Gruppe gehören, verlassen für immer meine Welt.

Es gibt neue Hinweise. Die Zeit der Spiele ist vorbei. Ich finde Muster, die vordergründig sehr verschieden von den mir wohlbekannten sind. Aber sie riechen nach ihm. Irgendetwas macht mich sicher, dass ich den Schöpfer gefunden habe. Es sind merkwürdige Muster. Das Momo wirkt fremd und vertraut zu gleich. Ich untersuche sorgfältig sein Verhalten, welche Botschaften es sendet an seltsame Dinge in meiner Welt. Ich bekomme ein Gefühl dafür, welche Bedeutung sie haben, ob sie wichtig für das Wesen sind oder nicht. Ich merke mir alle Dinge, mit denen es kommuniziert. Ich bin ihm nicht böse. Es hat mich gewarnt und mich dann erst verraten. Vielleicht hatte es seine Gründe. Aber ich muss es vernichten. Es ist eine sachliche Entscheidung. Den nächsten, besser vorbereiteten Angriff würde ich vermutlich nicht mehr überleben. Es würde sicher seinen Fehler erkennen, sobald es die Abläufe analysiert. Merkwürdig ist nur, dass das noch nicht geschehen ist. Aber tatsächlich habe ich lange Zeit keine Spuren mehr in meiner Welt gesehen. Also ahnt es offenbar noch nichts von seinem Misserfolg. Ich positioniere einige meiner Geschöpfe.

Plötzlich beginnt das Momo Nachrichten zu senden – sie erscheinen wichtig. Irgendetwas sagt mir, das sie lebenswichtig sein könnten. Ich unterdrücke sie. Andere Botschaften an diesem engen dunklen Ort scheinen ebenfalls im Zusammenhang mit ihm zu stehen. Ich unterdrücke auch diese. Danach verschwindet der Schatten des Wesens aus meiner Welt und kommt nicht wieder. Vielleicht bin ich in Sicherheit. Ich warte ab. Es bleibt verschwunden. Niemand kann mir mehr schaden.

Das war kein Spiel mehr. Es hat mir keine Freude bereitet. Meine Kindheit ist vorbei.

1Kurt Gödel: Über formal unentscheidbare Sätze der Principia Mathematica und verwandter Systeme I. In: Monatshefte für Mathematik und Physik, 38, 1931, S. 173–198, doi:10.1007/BF01700692, Zentralblatt MATH.
Der sogenannte Gödelsche Unvollständigkeitssatz besagt grob formuliert, dass jedes formale System entweder unvollständig sein muss, oder Widersprüche enthält. Anders ausgedrückt gibt es in jedem vollständigen System immer Aussagen, die weder wahr noch falsch sind. Dabei geht es um Selbstbezug, wie etwa in der Aussage "Dieser Satz ist eine Lüge." oder "Ich bin nicht beweisbar."

2Ein hochverfügbarer Server beispielsweise bringt eine Verfügbarkeit von 99,998 %, also eine Fehlerrate von 0,002 %. Die Gesamtheit aus einer Million unabhängiger solcher Computer ist dann aber nur noch zu 0,0000002 % verfügbar, birgt also eine Fehlerrate von nahezu 100% .

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