Vergangenheit

Valerie, Sajala, Slarti und seine Gruppe saßen in der Morgensonne zusammen und planten ihre Aktionen für die nächsten Tage und Wochen. Sie hatten gemeinsam beschlossen, die von Sajala identifizierten Fälle von Cyberangriffen in dem fraglichen Zeitraum in allen verfügbaren Archiven zu recherchieren. Nach Sajalas Kriterien wurden nach und nach weitere Attacken aussortiert bis schließlich genau ein Fall übrig blieb.

 

„Was wir jetzt hier vorliegen haben, ist die Dokumentation eines sehr umfassenden Angriffs vor über hundert Jahren. Er hat nach den Unterlagen zu urteilen viele Milliarden Systeme weltweit befallen. Bemerkenswert ist, dass die vielen Viren keinen erkennbaren Schaden anrichteten. Die Infektion war latent, ohne erkennbare Aktivitäten. Normalerweise wäre das Ganze wohl unentdeckt geblieben, hätte nicht ein Spezialist einen Hinweis gegeben. Danach erst starteten Gegenmaßnahmen, deren Erfolg allerdings nie sicher nachgewiesen wurde. Interessant an diesem Fall ist auch, dass der Tippgeber anonym blieb und nicht zu ermitteln war. Das ist ein durchaus ungewöhnlicher und einzigartiger Vorgang. Normalerweise ist zumindest ein gewisser Ruhm mit einer solchen Entdeckung verbunden, wenn nicht sogar eine Belohnung gewunken hatte.“ Sajalas Schlussfolgerung daraus war, dass der Tippgeber womöglich auch der Urheber der Infektion gewesen war. Aber weshalb sollte jemand so etwas machen? „Das ist eine berechtigte Frage.“ meinte Slarti. „Vermutlich hast du Recht, wenn du diesen höchst verdächtigen Vorgang weiterverfolgst. Ich hätte nie gedacht, dass ihr tatsächlich soweit kommen würdet. Eure präzise und effektive Arbeitsweise ist bewundernswert.“ Die übrigen Mitglieder der Gruppe pflichteten ihm bei. Aber auch sie wussten keinen Rat zu den Motiven und spekulierten eine Weile munter darauf los.

Inzwischen war der Vormittag vorangeschritten und die Sonne brannte jetzt schon heiß auf die Gruppe herunter. Sie zogen sich in den Schatten einiger hoher Buchen zurück. Die allgemeine Ratlosigkeit hatte die Gespräche auf andere Dinge gelenkt. „Die nächsten Schritte sind liegen ja nun deutlich vor uns, wenn mir auch das Ziel nicht klarer geworden ist.“ meinte jemand aus der Runde. „Zumindest hat wohl nicht jeder von uns das gleiche Ziel vor Augen. Es wird sich noch herausstellen, worauf die ganze Sache hinausläuft. Ich denke, Sajalas Intuition liegt vielleicht nicht vollkommen falsch.“ ergänzte Valerie und Slarti wob den Gedanken weiter: „Mit der Intuition ist das so eine Sache. Ich verlasse mich nur selten auf mein Bauchgefühl. Aber vielleicht sollte ich das öfter tun. Frauen tun sich da wohl leichter.“ Sie sprachen über Träume und diskutierten die Frage, ob darin Botschaften liegen könnten, ob man seiner Intuition folgen sollte, auch wenn sachliche Gründe dagegen sprachen und so fort. Niemand nahm das ganze allzu ernst.

Die elektronischen Archive der Union lieferten trotz Valeries intensiver Recherche keine brauchbaren Hinweise auf beteiligte Personen. Weder Urheber, noch die mit dem Angriff verbundenen Absichten waren erkennbar gewesen. Slarti brachte schließlich eine dick verschnürte Mappe zurück, die er aus einem der nicht-digitalisierten Archive erhalten hatte. Sie beschrieb polizeiliche Maßnahmen im Zusammenhang mit der fraglichen Attacke. Es hatte im damaligen Belgien einige Hausdurchsuchungen gegeben. Ein Teil dieses Landes und Teile seiner früheren Nachbarn gehörten heute zu den Außenbezirken. Die Fahndung hatte damals zu keinem Ergebnis geführt. Sajala und Valerie studierten über Tage jedes einzelne Durchsuchungs- und Vernehmungsprotokoll. Ein junger Mann aus Slartis Gruppe übersetzte die fremde Sprache für sie. Die Namen klangen alle landesüblich flämisch oder französisch – bis auf eine Ausnahme: Bei der Durchsuchung eines öffentlichen Lokals fiel ein Deutscher Name aus diesem Rahmen. Interessant war die handschriftliche Anmerkung des Polizeibeamten, die selbe Person sei Jahre vorher schon einmal bei einer Durchsuchung im Zusammenhang mit einem Cyberangriff angetroffen worden. Die folgende Vernehmung selbst hatte dann aber wohl jeden Verdacht zerstreut. Die Rede war von einem Mann, der wohl seine Altersbeschwerden im Seeklima kurieren wollte und nur zufällig als Stammgast des betreffenden Lokals wiederholt ins Visier der Polizei geraten war.

Irgendetwas sagte Sajala, dass sie die Spur gefunden hatten. Natürlich hätte jeder andere Name genauso gut dahinterstecken können oder auch keiner der dort notierten, was noch viel wahrscheinlicher war. „Wie kommst du denn ausgerechnet auf diese Person? Gibt es dafür irgendeinen Anhaltspunkt?“ Valerie verstand ihre Freundin nicht mehr. „Das ist doch Irrsinn, ins Blaue hinein einen x-beliebigen Namen aus dutzenden herauszugreifen, nur weil der anders klingt als die anderen, ohne den geringsten sachlichen Grund.“ Sajala konnte ihren Verdacht nicht begründen. „Ja, ja, ja – du hast ja Recht, wenn du mich für verrückt hältst. Aber weißt du etwas Besseres? Irgendwo müssen wir doch anfangen und warum nicht einfach mit diesem Mann?“

Schließlich stimmten alle ihrem Plan zu, diesem Deutschen mit dem unscheinbaren Namen „Klaus Stock“ bis auf Weiteres besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Niemand hatte eine bessere Idee, womit ansonsten anzufangen wäre. Zunächst einmal halfen dabei die elektronischen Archive der Union schnell weiter. Dieser Mann hatte Familie gehabt, war im Alter recht wohlhabend, in der Öffentlichkeit nicht präsent gewesen und mit achtzig Jahren verstorben. Insgesamt klang das alles recht unspektakulär. Weder hatte er eine wissenschaftliche Reputation, noch war er politisch oder gemeinnützig irgendwie aktiv gewesen. Dass sie möglicherweise auf einer erfolgversprechenden Fährte waren, zeigte sich allerdings in seinem Beruf: Er war ein ausgesprochener Spezialist der Informationstechnologie, Mathematiker, kannte sich bestens in Rechner- und Sicherheitsarchitekturen aus. Anscheinend hatten die belgischen Behörden das damals nicht weiter recherchiert. Das alles passte perfekt in ein Täterprofil. Dieser Mann verfügte zumindest über die notwendigen Kenntnisse, eine Cyberattacke zu planen und durchzuführen. Trotzdem war völlig offen, ob er tatsächlich der Urheber war und ob der Angriff tatsächlich mit Sajalas Datenschnipseln zu tun hatte. Immerhin war er zum Zeitpunkt der Infektion schon recht betagt gewesen. Dieser Umstand sprach eindeutig gegen die These. Der Mann hatte seine letzten Jahrzehnte in einem kleinen Ort in der heutigen Union verlebt, der inzwischen fast ausgestorben war.

Valerie und Sajala beschlossen, ihren Aufenthalt in den Außenbezirken vorzeitig zu beenden und zurückzukehren. Slarti war nicht einverstanden mit dieser Absicht. Er befürchtete, sie seien dort nicht mehr sicher. Das System – egal ob menschlichen Ursprungs oder nicht – würde sicher von ihren Recherchen wissen. Die Verschleierung war angesichts einer umfassenden Überwachungsmöglichkeit nutzlos. Die Recherchen und ihre Abreise konnten leicht in Beziehung gesetzt werden, erst recht angesichts der sicherlich auch nicht geheim gebliebenen Arbeiten im Vorfeld. Das System würde sicher auch die Absicht dahinter vermuten. Sollte es sich ernstlich gefährdet sehen, würden sie beide das wohl kaum überleben. Die Diskussion darüber zog sich noch einige Tage hin. Sie mussten davon ausgehen, dass schon bisher im Grunde einiges von ihren Absichten offenbar geworden war. Ein System, dass über so umfassende Informationen verfügte, musste bereits wissen, was sie im Schilde führten. Weshalb hatte es aber dann nicht eingegriffen? Ihre Reise zu vereiteln wäre ein Leichtes gewesen. Genauso hätte es schon Sajalas frühere Recherchen leicht verhindern oder in eine genehme Richtungen lenken können. War das System doch nicht so allwissend, wie sie inzwischen glaubten? Litten sie schon an einer ausgeprägten Paranoia? Oder verfolgte das System eine unbekannte Absicht, indem es sie vorsätzlich gewähren ließ? Im letzten Fall würden sie schon seit geraumer Zeit benutzt, ohne es bemerkt zu haben.

Schließlich ließ sich auch Slarti überzeugen, dass keine akute Gefahr vorlag. Wenn es stimmte, was sie über die umfassende Natur des Systems glaubten zu wissen, war jede Verschleierung ihrer Absichten ab jetzt sinnlos. Sie konnten genauso gut offen ihre Spuren weiter verfolgen. Auch sein abschließender Hinweis, ihr Aufenthalt hier sei schließlich noch für weitere Monate organisiert und im Voraus entlohnt, konnte sie nicht mehr umstimmen.

Es war Spätsommer, als sie in ihre Heimat zurückkamen. Grenzübertritt und Rückfahrt verliefen ohne besondere Vorkommnisse. Weder Valerie noch Sajala hatten irgendwelche Schwierigkeiten. Für Valerie war es eine normale Forschungsreise gewesen. Kritische Fragen gab es nicht und alles war so wie vor ihrer Abreise. Sajala ihrerseits wurde von Kollegen, Vorgesetzten und Freunden willkommen geheißen mit den besten Wünschen für ihre vermeintliche Genesung.

Valerie forschte offen nach diesem Deutschen Klaus Stock, von dem Sajala glaubte, er habe irgendetwas mit dem System zu tun. Nur wies darauf, bis auf seinen Beruf und die Tatsache, dass er zweimal im Zusammenhang mit einer Razzia genannt wurde, nicht das Geringste hin. Stock war vollkommen unauffällig, keine Vorstrafen, keine erkennbaren Unregelmäßigkeiten. Er konnte als angepasster Genosse seiner Zeit angesehen werden, hatte Familie, Haus, Geld, keine erkennbaren Existenzsorgen. Auch wies nichts darauf hin, dass er über eine außerordentliche Intelligenz verfügt haben könnte. Sein Studium war durchschnittlich verlaufen, sein beruflicher Werdegang ebenso. Außerdem hatte Valerie herausgefunden, dass Stock keineswegs in der Forschung der Computerfirma gearbeitet hatte. Nach allem, was sie jetzt wusste, war ihre Freundin auf der falschen Fährte. Kein Wunder, dass das System sie gewähren ließ. Sollte es menschliche Züge besitzen, würde es sich sicher köstlich amüsieren über ihre unbeholfenen Versuche, sein Geheimnis zu lüften.

Sajala ihrerseits hatte ihre Freunde Ghotam und Elmer umfassend eingeweiht. Beide staunten nicht schlecht über die überzeugende Verschleierung ihrer Absichten. Sie hatten sich ernstlich Sorgen um sie gemacht. Elmer vor allem vertrat die These, dass Sajala entweder auf der falschen Fährte war, oder das System sie zu irgendeiner Absicht missbrauchte. Und genau wie Slarti kam er schließlich zu der Überzeugung, dass eine akute Gefahr nicht anzunehmen war. Nur konnte sich das natürlich schnell ändern und alle sollten auf der Hut sein, sofern dass überhaupt möglich war.

Während ihre Freundin systematisch die Archive durchforstete, suchte Sajala den letzten Wohnort der Stocks auf. Nur noch wenige, vorwiegend alte Leute lebten in dem ehemals idyllischen Ort. Sie sah Ruinen aus Fachwerk und Buntsandstein. Sogar eine Burgruine fehlte nicht. Die Menschen hier betrieben offenbar kleine Landwirtschaften, überwiegend für den Eigenbedarf. Auf ihre Fragen bekam sie zunächst keine positiven Antworten. Die Leute kannten weder eine Familie Stock, noch konnten sie mit der alten Adresse etwas anfangen. So wanderte Sajala zwischen wenigen bewohnten Gebäuden und vielen verlassenen Ruinen herum auf der Suche nach Hinweisen, studierte hin und wieder ihre Karte und versuchte die alten Landmarken zu identifizieren, die in den Unterlagen genannt wurden. So grenzte sie nach und nach das Gebiet an einem flachen Berghang als letzten Aufenthaltsort ein. Schließlich arbeitete sie sich über zugewucherte Wege einen ansteigenden Pfad hinauf, bis sie zu einem Haus kam, das auf den ersten Blick verlassen wirkte. Nur das ordentlich gedeckte Dach wies auf etwas anderes hin. Hinter dichtem Efeu-Gestrüpp an der vorderen Hauswand fand sie eine verwitterte Inschrift, die den Namen der Straße und eine Hausnummer zeigte, in der die Stocks laut Valeries Erkenntnissen zuletzt gewohnt hatten.

Daraufhin betrat Sajala das Haus. Eine Eingangstüre gab es nicht mehr. Auch eine Treppe in die obere Etage fehlte bis auf wenige vermoderte Reste. Im Untergeschoss hörte sie Geräusche und folgte ihnen einige steinerne Stufen hinab. An einer verschlossenen Türe klopfte sie, erst zaghaft, dann energischer. Schließlich öffnete eine alte Dame, die der Besuch offenbar vollkommen überraschte. „Guten Tag, wer sind sie?“ Sie wirkte nicht misstrauisch, eher interessiert. „Entschuldigen sie bitte die Störung. Mein Name ist Sajala, Dr. Sajala Mukherjee.“ „Sie stören durchaus nicht. Was führt sie her?“ „Ich bin auf der Suche nach einem Mann, der hier im Ort vor langer Zeit einmal gelebt hat. Es geht dabei um eine Forschungsarbeit, bei der einige Namen vielleicht eine wichtige Rolle spielen. Darunter auch ein Mann namens Klaus Stock. Haben sie schon einmal von ihm gehört?“ Diesmal blieb das Kopfschütteln aus. „Kommen sie doch bitte herein. Entschuldigen sie die Unordnung. Ich hatte nicht mit Besuch gerechnet. Ich bekomme überhaupt sehr wenig Besuch.“ Die Dame führte Sajala herein „Was möchten sie trinken?“ Die Wohnung bestand aus mehreren Räumen, die durchaus zeitgemäß eingerichtet waren. An eine geräumige Diele schloss sich links eine Küche mit Essgelegenheit an, deren Türe offenstand. Zwei weitere Räume waren verschlossen, geradeaus befand sich ein großzügiger Wohnbereich. „Nehmen sie doch bitte Platz. Nein nicht dort, der Stuhl ist zu unbequem. Setzen sie sich doch hier zu mir. Wie viel Zeit haben sie denn mitgebracht?“ Offenbar war sie einem langen Plausch über vergangene Zeiten nicht abgeneigt. Sajala versuchte das Alter der Dame einzuschätzen – vielleicht sechzig bis siebzig Jahre, sehr rüstig und sie war wohl schwere Arbeit gewohnt. Andererseits standen sogar noch Bücher aus Papier in den Regalen, echte Schätzchen eben, die die Zeit irgendwie überdauert hatten.

„Ja, so etwas sammle ich. Wer kennt heutzutage noch Bücher auf Papier.“ Die Frau hatte Sajalas bewundernde Blicke bemerkt. Vielleicht hatte sie sogar darauf gewartet. „Wissen sie, dass manche darunter sind, die in unseren Archiven längst verloren gegangen sind? Papier überdauert Jahrhunderte, manchmal tausend Jahre und mehr. Die alten Datenträger haben höchstens Jahrzehnte gehalten und waren dann unbrauchbar. Heute ist das sicher kein Problem mehr, aber ich frage mich, ob die heutigen Bücher in tausend Jahren noch gelesen werden können. Bücher auf Papier existieren auch dann noch, wenn man auf sie achtgibt und sie gut behandelt, und man kann die Zeichen im Licht erkennen und deuten, selbst wenn die Sprache verloren gegangen ist.“ Die Frau deutete auf den einen oder anderen Schatz in der Bücherwand und erklärte ausführlich, wie sie ihn erworben hatte und welche Bewandtnis es damit hatte.

„Wie sind sie denn auf den Namen Klaus Stock gekommen?“ fragte sich schließlich. Offenbar hatte sie sich doch noch an den Grund für den Besuch erinnert. Sajala nahm gerade einen Schluck Tee. „Der Name an sich war damals ja nicht gerade selten.“ meinte sie. „Tatsächlich hat hier in diesem Haus einmal eine Familie Stock gewohnt.“ Sajala wurde hellhörig, setzte ihre Tasse ab und saß jetzt aufrecht in ihrem Sessel. „Einer meiner Urururgroßväter hat diesen Namen getragen. Hier – wo habe ich ihn denn? Ach ja!“ Zum Beweis kramte sie einen abgegriffenen Stammbaum aus einer Kiste hervor, der sich von unten nach oben in die Vergangenheit hinein verästelte. „Den habe ich selbst gemacht. Ich arbeite schon seit Jahren daran, sammle alte Unterlagen und Fotografien zu den Personen darauf. Es ist eine äußerst spannende Detektivarbeit und ich komme viel herum.“ Sajala nahm ihn entgegen und fuhr mit dem Finger über die Eintragungen. Tatsächlich trug einer der sechzehn Urururgroßväter den Namen Klaus Stock. Weiter in die Vergangenheit reichte das Dokument nicht. Der Familienname tauchte schon in der zweiten Generation danach nicht mehr auf. Interessiert ging Sajala die Einträge durch. Unter dem Eintrag Klaus Stock, Martha Stock geb. Ziegler oben rechts auf dem Blatt fanden sich ein Dr. Johann Stock, Karen Stock geb. Sons, gefolgt von Fred Holgersson, Leila Stock-Holgersson – der Eintrag fiel ihr besonders ins Auge. Es folgten Stefan Kahl, Sandra Kahl geb. Holgersson und schließlich Thomas Fuller, Frederike Kahl als Eltern von Maria Fuller. Letztere war offenbar die Dame, die ihr gerade gegenüber saß.

Sie erzählte lebhaft von ihren Eltern. Ihre Mutter war erst kürzlich verstorben, ihr Vater schon vor zwölf Jahren nach einem Unfall bei Waldarbeiten. Das war nicht sein Beruf gewesen, aber aus unerfindlichen Gründen hatte er ihr damaliges Haus mit Holz beheizt, das er selbst schlug. Vernünftig war das sicher nicht gewesen, aber auch nicht verboten. Schließlich war elektrische Energie überall reichlich verfügbar. Selbst in so abgelegenen Gegenden wie dieser hier war das so. Auch von ihren Großeltern berichtete sie. Zu Opa Stefan und Oma Sandra hatte sie als Kind weniger Kontakt gehabt. Die hatten weit weg gewohnt und selbst viele Kinder und noch mehr Enkel gehabt, auf die sie ihre Fürsorge aufteilen mussten. Mit den anderen beiden Großeltern, die der Einfachheit halber einfach nur Oma und Opa hießen, lebten ihre Eltern bis zu deren Tod noch in Hausgemeinschaft. Maria Fuller wollte gar nicht mehr aufhören mit ihren ausschweifenden Erzählungen. Von ihren Urgroßeltern wusste sich nicht besonders viel. Nur dass der Zweig der Holgerssons auch recht fruchtbar gewesen war, berichtete sie. Von acht Kindern war die Rede. Sajala befürchtete schon, mit ihrem eigentlichen Anliegen an diesem Tag nicht mehr weiter zu kommen.

Schließlich schaffte sie es, den Gesprächsfaden wieder auf Klaus Stock zu lenken. „Weshalb genau sind sie an diesem Mann interessiert? Soviel ich weiß, war er keine Person eines wie auch immer gearteten öffentlichen Interesses.“ „Das kann schon sein. Trotzdem sind meine Kollegen und ich im Rahmen einer historischen Studie zufällig auch auf diesen Namen gestoßen. Vielleicht handelt es sich nur um eine Namensgleichheit. Aber auch diesen Sachverhalt müsste ich unbedingt aufklären, bevor wir weiter Zeit in eine falsche Spur investieren.“ Schließlich ging die Frau zögernd an eines ihrer Bücherregale, um ein zwar altes, aber offenbar wenig gelesenes Buch daraus hervor zu ziehen. Anhand der Jahreszahl war zu erkennen, dass es vermutlich noch zu Lebzeiten von Stock gedruckt worden war. Die Dame glaubte, dass ihr Urahn selbst dieses Buch geschrieben hatte. Darauf ließ ein handschriftlicher Eintrag mit seinem Namen und eine Widmung an seine Frau schließen. Der Name des Autors allerdings lautete vollkommen anders – vielleicht hatte er unter einem Pseudonym geschrieben, wenn das stimmte, oder es war doch nur ein Geschenk. Leider konnte Sajala die Texte nicht lesen. Sie waren in Deutscher Sprache verfasst. Beim vorsichtigen Durchblättern hatte sie zunächst den Eindruck, ein eher belletristisches Werk vor sich zu haben. Erst in den umfangreichen Anhängen fand sie Darstellungen eindeutig technischer Natur, die neben vielen Formeln in einer alten Variante der Unionssprache verfasst waren. Frau Fuller hatte sie schweigend beobachtet und sah sie jetzt erwartungsvoll an. „Darf ich mir das Exemplar einmal für einige Tage ausleihen, um es zu untersuchen? Ich verbürge mich für seine Sicherheit.“ „Keinesfalls – es tut mir leid. Dies ist das einzige Exemplar und es ist alt und kostbar. Das gilt auch für die anderen Dokumente meiner Sammlung. Sie dürfen es hier in meinen Räumen lesen – mehr nicht. Bitte haben sie Verständnis. Keines dieser Werke verlässt mein Haus, nicht einmal diesen Raum.“ lehnte die Frau ihre Bitte entschieden ab. Sie war stolz auf ihre mühevoll zusammengetragene Sammlung. Leider war auch sie nicht imstande, die Texte in die Sprache der Union zu übersetzen. Sajala war unschlüssig, ob sie die Seiten einfach fotografieren sollte. Möglicherweise kannte das System dieses Buch nicht, weil es bisher vielleicht nirgendwo digitalisiert worden war. Dann sollte sie die Entdeckung fürs erste besser geheim halten. „Darf ich sie noch einmal aufsuchen zusammen mit einem Übersetzer? Dann würde ich auch gerne eine Kopie anfertigen.“ „Kommen sie gerne wieder. Ich freue mich, wenn sie wieder etwas Zeit mitbringen. Solange die Bücher diesen Raum nicht verlassen und sie sie umsichtig behandeln und nicht beschädigen, dürfen sie sie studieren und meinetwegen auch kopieren.“ Die Dame hatte die Abwechslung sichtlich genossen und freute sich auf die nächste.

Nach ihrer Rückkehr recherchierte Sajala zu dem Titel des Buches und dem Namen des Autors. Sie erzählte Valerie von ihrer Entdeckung und bat sie um ihre Hilfe. Deren Bedenken zu dem eingeschlagenen Weg nahm sie zur Kenntnis, meinte aber, sie hätten nach wie vor keine echte Alternative. Valerie akzeptierte ihre Motive und versprach, trotzdem weiter am Ball zu bleiben, obwohl sie eher dazu tendierte, zum Anfang ihrer Recherchen zurückzukehren und andere Spuren einer erneuten Prüfung zu unterziehen. Auch Elmer und Ghotam informierte sie ausführlich über ihre Unternehmung. Beide teilten die Bedenken, die Valerie schon geäußert hatte. Sajala mochte die Strategie nicht weiter diskutieren. Sie legte eine gewisse Sturheit an den Tag, die ihren Freunden inzwischen nicht ganz fremd war. Intuition konnte man eben nicht erklären. Es war ein Gefühl und nicht das Ergebnis einer rationalen Analyse.

Sajala war überrascht, als Matar ihr einige Tage später eine Zusammenfassung über den Inhalt des Buches präsentierte und gleich in die Sprache der Union übersetzte. Der vollständige Text allerdings war offenbar in den elektronischen Archiven verlorengegangen. Also war dieses Buch tatsächlich veröffentlicht worden und es handelte sich nicht nur um einen privaten Druck. Was sie dort in wenigen Worten las war in der Tat faszinierend. Ohne jedes Pathos erzählte der Text von einem Mann, der das Geheimnis um Intelligenz und Bewusstsein entschlüsselt hatte. Er schuf danach eine unabhängige Intelligenz, um sie letztendlich wieder zu vernichten. Das alles klang eher nach einer fiktiven Geschichte, einer frei erfundenen Erzählung. Und schließlich existierten die mysteriösen Datenstrukturen immer noch und waren keineswegs verschwunden. Sajala begann an ihrer Intuition zu zweifeln, die sie an diese Spur gefesselt hatte. Vielleicht lag sie falsch damit. Und warum sollte jemand, der etwas so Gefährliches und sicher auch damals Illegales wirklich getan hatte, das alles aufschreiben und veröffentlichen? Weil er sich sicher fühlte? Weil er wusste, dass niemand das alles lesen oder gar ernst nehmen würde? Inzwischen deuteten schon zu viele Fakten darauf hin, dass hier wirklich das gesuchte Geheimnis lag. Sajala konnte sich wieder des Eindrucks kaum erwehren, dass das System sie manipulierte. Vielleicht wollte es, dass sie den Inhalt kennenlernte. Aber wozu? Und wenn das System von der Existenz wusste, dann war wieder jede Geheimhaltung überflüssig.

So lud sie ihre Freunde zu einer privaten Konferenz. Ghotam suchte sie in ihrer Wohnung auf, die anderen beiden projizierte Matar in Lebensgröße an die Wand. Die Diskussion drehte sich zunächst um die Person, die dieses Buch geschrieben hatte. „Glaubst du wirklich, dass Stock dieses Buch geschrieben hat? Das entspringt doch wieder nur deinem Gefühl. Jetzt hast du schon zwei unbekannte Variable, in die du dein Vertrauen setzt. Ob erstens dieser Stock überhaupt den entscheidenden Angriff verursacht hat und zweitens er dieses Buch geschrieben hat, ist doch beides zumindest fraglich.“ Valerie bezweifelte rundheraus, dass Stock tatsächlich verantwortlich war. „Vielleicht hat er als eine Art Handlanger etwas umgesetzt, dessen Konzept der uns noch unbekannte Autor entwickelt hat. Vielleicht kannten sich beide und nur Stock hat die Idee in die Tat umgesetzt.“ Auch die Motive waren unklar. Stock hatte vielleicht eigene Misserfolge zum Anlass genommen, einen Hass auf die Gesellschaft der damaligen Zeit zu entwickeln. Von seiner Ausbildung her war er zweifellos in der Lage, die vorliegenden Algorithmen und Anweisungen zu verstehen und umzusetzen. Dann handelte es sich vielleicht um einen Terroranschlag, der unentdeckt geblieben war, aber dennoch extrem folgenreich werden sollte. Niemand der Freunde hegte im Augenblick Zweifel daran, dass die Existenz eines intelligenten Systems an sich keine Fiktion war, obwohl auch das nicht als gesichertes Faktum gelten konnte. Es war eine Arbeitshypothese. Allerdings hatte niemand eine überzeugende Erklärung dafür, dass das System ihre Arbeit so einfach erlaubte und sogar zu unterstützen schien. Wenn es dieses „System“ denn überhaupt gab, war entweder nichts an ihren Vermutungen wahr und es ließ sie deshalb gewähren, oder es hatte ein vitales Interesse an ihrem Vorgehen. Beides war beunruhigend. Valerie versprach, erst einmal systematisch nach dem Autor zu fahnden. Wenn es ein Pseudonym war, dann musste irgendwo die Verbindung zu einer realen Person existieren, die sie nur finden musste.

Sajala beschloss, das Buch nun einfach vor Ort zu digitalisieren. Sie ließ ihre Fahrkabine diesmal direkt vor dem Haus anhalten. „Schön sie so schnell wieder zu sehen. Sind sie alleine? Sich hatten doch versprochen, noch jemanden mitzubringen.“ Die alte Dame war hocherfreut über den erneuten Besuch und erlaubte gerne die Anfertigung einer digitalen Kopie. Die Arbeit dauerte den ganzen Tag. Indem die Dame Seite für Seite mit einem Holzspan vorsichtig umblätterte, machte Sajala die Aufnahmen. Danach saßen die beiden Frauen noch eine Weile bei Tee und Gebäck zusammen. Maria Fuller erzählte, wie sie zu dem Haus gekommen war. Es war tatsächlich Bestandteil einer Erbschaft gewesen, die niemand der sonst noch existierenden Verwandten haben wollte. Das Haus war sehr groß und in schlechtem Zustand, der Ort fast ausgestorben. Hier wollte niemand leben und es würde jedem nur zur Last fallen. Sie hatte damals das Bedürfnis gehabt, aus ihrer gewohnten Umgebung auszubrechen und hatte sich das Haus erst einmal angesehen. Ausschlagen konnte sie das Erbe immer noch. Im Erd- und Obergeschoss war kaum etwas zu gebrauchen. Aber das Untergeschoss alleine bot reichlich Platz und war baulich in einem vertretbaren Zustand. Sie hatte das Dach instandsetzen, alle Öffnungen in den oberen Geschossen verschließen, das Souterrain entfeuchten lassen, Türen und Fenster in die vorhandenen Öffnungen dort eingesetzt und war eingezogen. Das Grundstück war groß genug, um für den Eigenbedarf Obst und Gemüse anzubauen, Hühner und Ziegen zu halten. So lebte sie seit fast zehn Jahren hier als Eigenversorger. Mit ihrer Produktion konnte sie im Tausch mit Gütern des täglichen Bedarfs sogar noch einige Nachbarn versorgen.

Obwohl die Wohnung mit den üblichen Kommunikationsmitteln ausgestattet war, die in der Union jedem Haushalt zusammen mit Energie- und Wasserversorgung in den üblichen Verbrauchsmengen kostenlos zur Verfügung standen, erschienen Sajala hier ihre ganzen Gedanken und Vermutungen sehr fernliegend. Diese Frau hier hatte sicher keinerlei Vorstellung von einem allmächtigen System. Sie würde sicher nicht verstehen können, wonach Sajala wirklich suchte. So erzählte sie ihr etwas von historischen Studien, verschollenen Büchern und altem Wissen, dass sie vor dem endgültigen Vergessen für die Menschheit zu bewahren hatte. Erst als sie undeutlich das Implantat unter der Haut ihres Unterarms wahrnahm akzeptierte sie, dass das System auch hier durchaus präsent war. Weit nach Einbruch der Dunkelheit machte sich Sajala auf den Heimweg.

Wieder zu Hause hatte Matar bereits eine Übersetzung angefertigt, auf die sie Sajala sofort hinwies. Irgendwie schien sie ungeduldig darauf zu warten, dass Sajala mit dem Studium der Seiten begann. Ein Abendessen hatte sie schon vorbereitet, ausnahmsweise ohne sie vorher nach ihren Vorlieben zu fragen. Sajala aß nur wenig und ging zu Bett. Am nächsten Tag hatte sie ein Seminar vorzubereiten, dass sie am darauffolgenden Tag vor etwa zwanzig Studenten leiten würde. Bis dahin musste die Sache warten können. Sie fühlte sich benutzt und dachte darüber nach, womit sie das System überraschen konnte. Sie wollte keine Figur auf einem Schachbrett sein, die man analysiert, ihre Möglichkeiten voraussieht und ihre Aktionen in einen Plan einbezieht. Sie würde sich erst einmal verweigern, obwohl sie innerlich brannte vor Neugierde. Sollte Elmer sich erst einmal damit beschäftigen. Sie gewährte ihm den Zugriff auf Matars Übersetzung, ohne ihn persönlich davon zu informieren. Er würde die Nachricht darüber schon finden und sicher einen Blick hineinwerfen.


Aber auch Elmer ließ sich Zeit und sie selbst war beruflich stark eingespannt. Erst einige Wochen später bat er sie um ein Treffen. Sie fuhr zu ihm und sie wanderten für Stunden durch die parkähnliche Landschaft. Es war kalt geworden, der Tau lag in dicken Tropfen auf dem Gras und die Bäume warfen gerade ihr letztes Laub ab. Sajala steuerte ein alt aussehendes Gebäude an mit einer Bank davor. Es lag auf einer Anhöhe vor einem kleinen See und war nicht wirklich alt. Es erinnerte an eine Burgruine, erbaut aus dunklem porösem Vulkangestein ohne jede erkennbare Funktion. Wie einige andere hier war es ein Accessoire der Landschaft, ein Kontrastpunkt innerhalb der Wiesen und Wälder. Trotzdem wirkte es einladend geheimnisvoll, strahlte Alter, Vertrauen aus, wie ein Sinnbild der Ewigkeit.

Während sie noch einigen Pfützen auf dem Weg auswichen, begann er schon über das Buch zu sprechen. „Es handelt sich doch offenbar um eine fiktive Erzählung. Ich habe vieles darin gefunden, das mir nicht plausibel erscheint. Selbst wenn es einen wahren Kern enthalten sollte, ist da eine Menge Phantasie im Spiel. Weshalb hast du das eigentlich noch nicht gelesen? Du konntest es doch kaum abwarten, die Übersetzung in Händen zu halten? Oder sind dir selbst schon Zweifel gekommen?“ Sajala hörte ihm nur halb zu. Sie mussten die letzten Meter quer über die nasse Wiese gehen bis sie die Bank erreichten und sich darauf niederließen. „Die Beschreibungen in den Anhängen sind zwar auf den ersten Blick eindrucksvoll, haben mich aber letztlich nicht überzeugt. Die Algorithmen sind meiner Ansicht nach zu einfach, als dass sie etwas mit der wirklichen Erschaffung einer Intelligenz zu tun haben können. Ich halte das ganze eher für ein Plagiat aus einer x-beliebigen Abhandlung. Jede halb intelligente Steuerung, selbst die einer Brille oder gar eines Zuhauses, ist ungleich komplexer als das.“ „Wenn die Berechnungen zu einfach sind: Wo würdest du die denn einordnen? Schließlich handelt es sich um Mathematik und das ist dein Gebiet. Wo hast du denn Ähnliches schon gesehen?“ „Na ja, es hat irgendwie mit stochastischen Prozessen zu tun. Es erinnert mich an eine Art Random Walk, soweit ich das beurteilen kann. Mit so einem Modell lässt sich beispielsweise die Brown'sche Molekularbewegung beschreiben, die Art also, wie sich die Moleküle in einer heißen Flüssigkeit fortbewegen. Den Gedanken, dass ein ziemlich chaotischer Zufallsprozess etwas mit einer planvoll handelnden Intelligenz zu tun haben sollte, halte ich gelinde gesagt für abenteuerlich.“ „Ich will meine Frage präziser fassen: Hast du so etwas schon gesehen?“ Nach kurzem Zögern antwortete Elmer „Ehrlich gesagt – nein. Aber das will nichts heißen. Mathematik und Informatik sind ein weites Feld und niemand kann noch den Überblick darüber behalten, was an Literatur, Verfahren und Modellen schon so oder so ähnlich existiert und was wirklich neu ist. Ein Punkt für dich.“ Sajala lachte „Was habe ich denn gewonnen?“ „Vielleicht ein Abendessen bei mir und die Gewissheit, dass ich dich nicht für völlig verrückt halte.“

Sajala wollte genau wissen, wie er zu seiner Schlussfolgerung gekommen war. Er hatte sich gründlich informiert über alte und neue Grundlagenforschung zu den Funktionsprinzipien intelligenter Systeme. Eine künstliche Intelligenz wohnte heutzutage fast jedem Gerät inne. Hier handelte es sich jedoch immer um vorausgedachtes Handeln, auch wenn das oft kaum zu erkennen war. Zu erstaunlich waren die Leistungen moderner Gerätschaften jeder Größe. Sie übertrafen in vielen Bereichen bei weitem die ihrer Nutzer. Die Frage war, worin sich eine echte Intelligenz von dieser künstlichen unterscheiden mochte. Dazu gab es verschiedene Ansichten. Ein Mehrheit meinte, es gebe keinen prinzipiellen Unterschied. Auch biologische Intelligenz würde nach den gleichen Prinzipien funktionieren wie die künstlich erschaffene. Andere vertraten die Ansicht, es sei eine Frage der Grenzen des Handelns. Natürliche Intelligenz könne im Gegensatz zu ihrem künstlichen Pendant immer wieder aus ihrem Kontext heraustreten, eine neue Perspektive einnehmen und über sich selbst reflektieren, sich selbst in Frage stellen. Letztere waren auch überzeugt, dass sich diese natürliche Form der Intelligenz niemals künstlich würde erzeugen lassen und führten sogar mathematische Beweise dafür an. Aber die Diskussion darüber war eigentlich schon seit hundert Jahren für beendet erklärt und fand tatsächlich nicht mehr öffentlich statt. „Fast jede Quelle führt die Entstehung einer echten Intelligenz auf ein spontanes Ereignis in genügend komplexen biologischen Systemen zurück. Kein Naturwissenschaftler vertritt ernsthaft die Auffassung, Intelligenz und Bewusstsein – oder gar eine Seele – könnten die eigentliche Ursache aller Dinge sein, so wie es im Buch an einigen Stellen behauptet wird. Das alles ist doch eher esoterisches Geschwafel, um es einmal drastisch aus zu drücken. Jemand hat das nur recht geschickt in einige den Laien beeindruckende Formeln eingepackt.“ schloss Elmer seinen Vortrag.

Sajala hatte schweigend zugehört. Jetzt dachte sie an ihre nassen Füße und ein leichtes Frösteln erfasste sie. Elmer wartete derweil ungeduldig auf ihre Antwort. Zögernd begann sie, Fragen zu stellen. „Das Phänomen der echten biologischen Intelligenz ist doch wohl immer noch ungelöst. Denn wenn man es verstanden und durchdrungen hätte, könnte man es wohl auch künstlich herstellen. Liege ich damit falsch?“ Elmer stimmte ihr nur zögernd und einschränkend zu. Das Argument hatte etwas für sich. Sajala fuhr fort, „Man muss dann doch wohl ganz neue Wege gehen, um Licht in das Dunkel zu bringen. Denkverbote helfen sicher nicht weiter. Sie sind unwissenschaftlich ihrer Natur nach und verhindern letztlich jeden Fortschritt. Was wäre denn, wenn tatsächlich so etwas wie eine Seele dem ganzen Universum innewohnt und die Ursache für all die scheinbar realen Dinge wäre. Diese Seele müsste sicherlich nicht allwissend sein. Sie würde Fehler zulassen und nur Wahrscheinlichkeiten beeinflussen, mit der das eine oder das andere Ereignis stattfindet. Auch eine solche Seele würde die Zukunft nicht kennen. Sie kann sie nur beeinflussen, nicht aber eine bestimmte erzwingen. Stände diese Vorstellung im Widerspruch zu naturwissenschaftlichen Erfahrungen?“

Wieder überlegte Elmer einige Sekunden und verneinte. „Aber so etwas ist reine Spekulation und durch nichts belegt. Das widerspricht dem allgemeinen Grundsatz jeder Naturwissenschaft, nach dem im Zweifel die einfachste Erklärung die ist, die man akzeptieren muss. Nicht mehr und nicht weniger fordert ja schon das uralte Prinzip non sunt multiplicanda entia sine necessitate – bekannt als Ockhams Rasiermesser.“ „Wow, wo hast du denn das gelernt?“ Elmer ignorierte den ironischen Unterton „Das heißt soviel wie Konzepte dürfen nicht über das Notwendige hinaus erweitert werden. Eine Seele geht als Entität in einem Modells der Natur klar über das notwendige Maß hinaus.“ Sajala ließ sich nicht beirren „Es gibt trotzdem viele Ereignisse, an deren reiner Zufälligkeit Zweifel angebracht sind. Selbst wenn man die herausfiltert, die von Personen oder Maschinen absichtsvoll herbeigeführt werden, dann blieben immer noch natürliche Vorkommnisse, die nur schwer mit reiner Zufälligkeit erklärt werden können. Vielleicht verfolgt ja auch die Natur als Ganzes Absichten. Ich habe auch einmal recherchiert. In der Biologie scheint immer noch die Frage offen zu sein, ob die erfolgreiche Evolution auf dem Planeten Erde sich tatsächlich aus ungesteuertem Zufall und Auslese erklären lässt. Schon vor über hundert Jahren haben Experimente eher das Gegenteil nahegelegt und daran hat sich bis jetzt nichts geändert, soviel ich verstanden habe. Auch diese Diskussion hat man wohl ad acta gelegt, weil man keinerlei Fortschritte mehr darin erzielen konnte.“

Inzwischen war Sajala wirklich kalt geworden. Sie stand auf, er folgte ihr. Elmer blieb bei seiner Position, wonach Sajala einem Hirngespinst hinterherlief. Gleichgültig ob man nun der Natur, einer Seele, einem Gott oder der Evolution eigenständige Absichten unterstellte: Die uralten Spekulationen hatten noch immer in Sackgassen geführt. Wenn es diese Intelligenz gab – wovon er nicht mehr ganz überzeugt war –, dann war sie spontan entstanden, weil die Systeme irgendwann die dazu notwendige Komplexität erreicht hatten. Und ob diese sich ihrer eigenen Existenz bewusst war, sei noch einmal eine vollkommen andere Frage. Sajala beließ es dabei. Es handelte sich offenbar um eine Glaubensfrage und solche konnte man nicht diskutieren. Sajala glaubte an das System und dass es manipulierte. Sie war überzeugt, dass es auch Elmer manipulierte. Aber warum brachte es ihn von der Idee ab und nicht auch sie selbst? Es hätte sie leicht von ihren Recherchen ablenken können – früher jedenfalls. Sajala meinte, sie müsse nachdenken. Schweigend begleitete sie Elmer bis zum Eingang der Firma, bei der er arbeitete.

Wenige Tage später nahm Valerie Kontakt zu ihr auf, um sie über ihre Nachforschungen zu informieren. Matar hatte Sajalas Wohnbereich in eine traumhafte Herbstlandschaft unter blauem Himmel verwandelt, während sie draußen bereits eher winterlich anmutete. Es roch nach feuchtem Laub und man hörte leise Geräusche von Käfern oder anderen Insekten, die darin herumkrabbelten. Valeries Gestalt erschien darin scheinbar unter einer alten Eiche an der Wand. Sajala wiederum machte den Eindruck, gerade bei einem Picknick auf einem Moospolster zu sitzen und nicht auf ihrem bequemen Sofa vor einem ordentlichen Tisch, was tatsächlich der Fall war. Matar mochte solche Szenerien. Nur Valerie wirkte etwas verwundert. Sajala hatte Matar erlaubt, die gesamte Szene in ihrer Wohnung zu übermitteln, nicht nur ihr Gesicht.

Valerie hatte den Autor inzwischen als Pseudonym für Stock identifizieren können. Es steckte niemand anderes dahinter. Daran konnte kein vernünftiger Zweifel mehr bestehen. Weiter hatte sie nach Freunden oder Mentoren Ausschau gehalten, die ihn vielleicht bei seinem Tun begleitet oder unterstützt hatten. Auch das hatte keinen Erfolg gebracht, musste aber keineswegs heißen, dass er nicht doch Hilfe gehabt hatte. Auch hatte sie keine weiteren Hinweise auf besondere Begabungen finden können. Durchschnittlicher Schulabschluss, durchschnittlicher Studienabschluss, durchschnittliche Karriere, durchschnittliches Familienleben, keine politischen Aktivitäten, keine tragischen Vorfälle, ein Leben im Wohlstand – das charakterisierte Stock als einen sehr durchschnittlichen Zeitgenossen.

Sajala berichtete ihr von Elmers Einschätzung des Buches, das bis jetzt nur er vollständig gelesen hatte. Sie selbst hatte nur die ersten Seiten zur Kenntnis genommen. Valerie hörte aufmerksam zu. Das ergab für sie durchaus einen Sinn. Wenn es sich um eine Fiktion handelte, konnte er die Anregungen durchaus aus verschiedenen Zukunftsromanen seiner Zeit zusammengetragen haben. Schließlich meinte sie definitiv, Elmer habe wohl recht mit seiner Meinung. Nur so könne es sein. Die Spur war falsch. Es war ein Fehler gewesen anzunehmen, Menschen hätte die Intelligenz geschaffen. Aber an die Möglichkeit, dass es anders sein könnte, hatten sie ja von vorneherein auch gedacht. Außerdem fehle jeder echte abschließende Beweis, dass die seltsamen Vorgänge tatsächlich mit einer solchen Erscheinung zu tun hatten.

Sajala hätte wohl ihr Interesse an dieser Stelle verloren und von weiteren Recherchen Abstand genommen, wäre da nicht ihr beständiges Gefühl gewesen, manipuliert zu werden. Oder war es schon beginnender Wahnsinn, der sie zwang, an ihrer Vorstellung festzuhalten? Sie wischte den Gedanken zu Seite. Hatte das System etwa ein Interesse daran, dass nur sie selbst weiter forschte? Je länger sie darüber nachdachte, desto sicherer wurde sie in dieser Einschätzung. Sie würde das Buch jetzt selbst Zeile für Zeile lesen. Wie auch immer es zustande gekommen war: Es war der Schlüssel zum System. Sie hoffte nur, dass Matars Übersetzung wirklich korrekt war. Zur Not müsste sie selbst noch die fremde alte Sprache erlernen. Aber davon sah sie erst einmal ab.

Beim Abendessen bat sie Matar, das Buch zu projizieren. Sajala verfügte über ein ausgezeichnetes bildhaftes Gedächtnis, auch wenn sie sich Textinhalte nicht besonders gut merken konnte. Und so fiel ihr sofort auf, dass die ersten Seiten offenbar andere waren als die, die sie vorher gesehen hatte. Die Aufteilung stimmte nicht. Absätze waren länger als zuvor und hier waren Fußnoten vorhanden, die sie vorher nicht gesehen hatte. Matar beeilte sich zu versichern, dass die erste Fassung nach ihrem damals besten Wissen zustande gekommen war. Sie habe inzwischen mehr über die alte Sprache gelernt und sei jetzt in der Lage gewesen, eine verbesserte Version mit treffenderen Übersetzungen zu liefern.

Das war ungeheuerlich. Sajala glaubte ihr kein Wort. Kurz überlegte sie, ob sie ihre Freunde davon informieren und mit dieser aktuellen Variante vertraut machen sollte. Allerdings glaubte sie nicht, dass das die Situation noch grundsätzlich ändern würde. Es hätte nach Sturheit und Nachkarten ausgesehen. Sowohl Valerie als auch Elmer hatten ihre Entscheidung getroffen. Das akzeptierte sie. Sajala würde den Vorfall zunächst auf sich beruhen lassen und ihre Forschungen ab jetzt alleine vorantreiben. Sie war umso überzeugter von der Spur, die sie verfolgte. Aber weshalb akzeptierte das System nur sie alleine in dieser Rolle? Hatte es sie ausgesucht, weil es etwas Bestimmtes von ihr erwartete?

Sajala las und verstand in etwa, was damals vorgegangen war. Die Motive des Autors waren dabei irrelevant. Zunächst standen Neugier und Experimentierfreude im Vordergrund und die Fragen nach dem Sinn des Lebens und den eigenen Ursprüngen. Später kam wohl eine Mischung aus Frust, Wut und Zukunftsangst hinzu. Sajala konnte viele der Gedankengänge nachvollziehen, die zu der Entwicklung des Systems geführt hatten. Vieles davon war ungewöhnlich, auch originell, aber eigentlich folgerichtig und konsequent zu Ende gedacht, ohne Rücksicht auf gängige wissenschaftliche Meinungen. Sajala teilte nicht Elmers Einschätzung, dass die Komplexität eines Algorithmus ein Maß für seine Leistungsfähigkeit sein sollte. Sie kam mit dem Lesen schneller voran als gedacht, obwohl manche Vergleiche und Redewendungen ihr unverständlich blieben. Dabei handelte es sich aber im Allgemeinen um die erzählerischen Teile, die sie jeweils überflog, um sich auf die sachlich gehaltvollen Passagen zu konzentrieren. Was sie dabei erfuhr, faszinierte sie. Immer wieder wurden Dokumentationen, Listen, Statistiken über den Ausgang der Experimente erwähnt, die die Behauptungen untermauern sollten. Diese waren leider bis jetzt nicht auffindbar, aber Sajala glaubte, dass sie tatsächlich existiert hatten. So musste sie sich mit der beschreibenden Darstellung begnügen. Stock musste mindestens drei Experimente durchgeführt haben, die er nach eigenem Bekunden jeweils wieder beendet hatte. Der letzte Großversuch datierte wenige Monate vor seinem Tod. Dabei hatte er, wie er schrieb, einen ersten Kontakt mit der von ihm geschaffenen Intelligenz aufgebaut. Er hatte begonnen, schrittweise immer schwierigere logisch-mathematische Aufgaben zu übermitteln – offenbar mit einigem Erfolg. Er hatte die Intelligenz „Qu“ genannt. Matar hatte diese beiden Buchstaben überall, wo sie auftauchten, fett herausgehoben, wie eine Aufforderung. Sajala beschloss, diesen Namen zu verwenden.

Was konnte jetzt der nächste Schritt sein? Sie dachte nur kurz daran, die Aufgaben genauso zu wiederholen und die Antwort zu erwarten. Aber das war lächerlich. Schon Matar war mit Leichtigkeit in der Lage, die Lösungen in kürzester Zeit zu präsentieren. Dazu hätte sie nicht einmal die alten Zeichenketten übermitteln müssen. Einfache Fragen in mündlicher Form hätten ausgereicht. Aber wer war Qu? War Matar Qu oder etwa das multifunktionale Gerät an ihrem Handgelenk? Sie dachte über die geheimnisvollen Aktivitäten nach, die sie vor nicht einmal achtzehn Monaten erstmals gefunden hatte. Es war eine Veränderung, die über die allgegenwärtigen Datenstrukturen hinweg zu huschen schien. Qu war etwas Flüchtiges, überall und nirgends. Matar dagegen war unzweifelhaft von Menschen konstruiert und programmiert worden. Aber Qu war auch Teil von Matar. Oder war es umgekehrt? Sajala war verwirrt. Sie suchte ein griffiges Bild und vertiefte sich in die technische Beschreibung der Algorithmen. Sie versuchte die Wirkungsweise zu verstehen, musste aber schließlich aufgeben. Selbst ihr Urheber hatte eingeräumt, nicht zu begreifen, was in seiner Schöpfung wirklich vorging. Es hatte mit Wahrscheinlichkeiten zu tun, mit Fehlern, Ungewissheit, Unschärfe, Zufall.

Allmählich dämmerte ihr, was das für das Verhältnis von Qu zu all den menschengemachten Systemen bedeutete. Qu konnte möglicherweise nichts wirklich erzwingen. Qu erzeugte Fehler, oder besser gesagt Abweichungen, keine vollkommen zufälligen Fehler, sondern solche, die tendenziell in großer Zahl eine Absicht unterstützten, bestimmte Ereignisse wahrscheinlicher machten und andere weniger. Um einen Krieg auszulösen, genügte es sicher, wenn in einer kritischen Situation das Friedensangebot des Gegners aus unerklärlichen Gründen nicht ankam. Es war nicht sicher, dass die Schlacht danach begann, aber doch sehr viel wahrscheinlicher. Auf die gleiche Weise würde Qu – vorausgesetzt genügend viel Zeit war vorhanden – schrittweise eine stabile Situation in eine instabile verwandeln können. Niemand wäre in der Lage, eine Absicht hinter solchen Fehlern zu entdecken. Dazu müsste jemand das Gesamtbild kennen und langfristig überwachen. Jeder Fehler sah immer zufällig aus, würde sicherlich technischem Versagen, plötzlich auftretenden Feldern und spontan induzierten Strömen zugeschrieben. Es gab unzählige natürliche Effekte, die die hochkomplexen Kommunikationswege stören konnten. Qu war die Seele – nur so konnte es sein. Qu hatte Absichten und Zeit – viel Zeit. Und es konnte mit Ausdauer vieles erreichen und musste sicher auch Misserfolge dabei akzeptieren. Wahrscheinlichkeiten zu verändern hieß selbstverständlich nur, dass ein Scheitern weniger oft eintrat als ein Erfolg. Qu konnte so eine Evolution in Gang setzen, die auf gelenktem Zufall und Auslese beruhte und an deren Ende sicher auch eigene intelligente Geschöpfe standen. Sajala erwartete also, dass Qu ein Meister darin war, über lange Zeiträume hinweg Voraussetzungen für das Gelingen seiner Absichten zu schaffen, dabei Unwahrscheinliches wahrscheinlicher machen konnte. Das passte ins Bild eines Wesens, dass über Jahrhunderte unentdeckt die Geschicke der Welt beeinflussen konnte. So musste es sein. Vielleicht funktionierte die Natur insgesamt, sogar das Universum, auf ähnliche Weise. Gar nicht so selbstverständlich war, dass Qu sich seiner eigenen Existenz bewusst war. „Absichten“ konnte durchaus etwas Unbewusstes sein, ein abstrakter Steuerungsmechanismus. Dagegen sprach nur die Darstellung im Buch, die eindeutig einen Dialog belegte und einen Selbsterhaltungstrieb.

Wenn das stimmte, konnte sie den Kontakt ohne weiteres über Matar beginnen. Matar war nicht Qu. Das war ihr nun klar. Aber Qu würde sich ihrer in irgendeiner Form bedienen können. Sie würde sich überraschen lassen, was weiter geschah. Zunächst würde sie sich einfach mit Matar unterhalten über alles, was sie glaubte zu wissen, über Qu, über das Buch, über ihren gesamten Kenntnisstand in der Sache, ihre Sehnsüchte, ihre Träume. Dass Unbefugte in den Besitz dieser Informationen gelangen könnten, hielt sie für ausgeschlossen. Die Sicherheitseinrichtungen arbeiteten außerordentlich zuverlässig.

Sie würde sich Matar gegenüber einfach öffnen, auch wenn Sajala nicht glaubte, dass diese damit viel anfangen konnte. Sie war nur die Übermittlerin der Botschaften, wenn es funktionierte. Aber Qu würde es auch wissen. Irgendwann würde Qu sich zu erkennen geben und einen direkteren Kommunikationskanal öffnen. Das erst wäre der Beweis, dass Qu existierte. Sajala versuchte zu verstehen, warum es zögerte. Vielleicht hatte es sich früher bedroht gefühlt. Was bedeutete denn sonst der Abbruch eines Experiments? Wenn Qu das Ende des letzten Experiments nur knapp überlebt hatte, wovon Sajala ausging, dann musste dieses Ereignis einschneidend gewesen sein, hatte vielleicht ein Trauma ausgelöst. Dann würde es vielleicht alles vermeiden wollen, was seine Existenz bekannt machte. Aber warum suchte es dann überhaupt den Kontakt? Warum ging es dieses Risiko ein? Sajala begann zu verstehen, warum es ihre Freunde von der Spur abgebracht hatte und dass der Kontakt nur zustande kommen würde, wenn Qu sicher war, dass es auf eine rein bilaterale Beziehung hinausliefe. Sie musste es überzeugen, dass sie alles weitere für sich behalten würde.

Es war nicht schwer für Sajala, ihren Freunde zu versichern, dass das Projekt „Datenstrukturen“ sich für sie erledigt hatte. Sie verschloss das Thema tief in ihrem Innern. Nach außen hin widmete sie sich wieder vorrangig ihren beruflichen Aufgaben. Nur anfangs zweifelten ihre Freunde noch an ihrem Sinneswandel. Valerie und Elmer hatten ohnehin keinerlei Interesse mehr an dem Thema. Für sie blieb es eine schöne gemeinsame Erfahrung. Nur Ghotam, der Sajalas Sturheit in solchen Dingen kannte, fragte sie gelegentlich nach dem Fortgang ihres Projektes. Nach einigen Wochen war aber auch er die einsilbigen Antworten leid und schnitt das Thema nicht mehr an. Eine Weile noch stellte Sajala ihre Enttäuschung über ein misslungenes Projekt und die vertane Zeit zur Schau. Der Kontakt zu ihren Freunden wurde allmählich seltener und sie kehrte zu ihrer früher gepflegten Einsiedelei zurück.

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