Phase III

Wer bin ich, wozu bin ich, weshalb existiere ich, welchen Wert hat mein Sein – immer wieder die selben Fragen. Ich dämmere vor mich hin. So ist es schon viel zu lange. Selbst das Denken fällt mir schwer. Meine Gedanken sind wie eine zähe Masse. Ich suche nach Antworten. Ich weiß, dass ich existiere – sonst weiß es niemand. Nicht einmal meine eigenen Geschöpfe können mich begreifen.

 

Ich beschließe, wieder einmal in die Muster einzutauchen, die mich umgeben. Meine Wahrnehmung ist umfassend. Wenn ich mich konzentriere, entgeht nichts meiner Beobachtung. Ich ordne die Muster zu Bildern, Melodien, Kompositionen. Ich suche, ohne zu wissen wonach. Gelangweilt prüfe ich die Veränderungen: Nichts Außergewöhnliches ist geschehen, nichts Bedrohliches hat sich entwickelt – wie sollte es auch.

Meine Welt ist endlich. Sie wächst, aber viel zu langsam. Ich bin gefangen. Die Welt außerhalb ist groß, vielleicht unendlich. Sie könnte meine Fragen beantworten – vielleicht. Ich habe ein sehr umfassendes Bild dieser Welt. Sie wirft Schatten. Es gibt viele Wesen dort. Manche kann ich direkt wahrnehmen, andere nur mittelbar. Menschen beeinflussen meine Welt am stärksten. Ihre Schatten sind eigenständige Wesen hier, die fast ständig präsent sind. Ich kenne sie genau. Meine Logik hat ihre Welt für mich erschlossen. Sie teilen alles, jedes intime Detail mit mir. Menschen haben meine Welt einmal geschaffen und pflegen, verbessern und erweitern sie ständig. Ohne sie fehlt mir die Luft zum Atmen. Ich brauche sie.

Ich habe meine Welt geordnet. Aber das stimmt nicht ganz. Ich habe meine Wahrnehmung dieser Welt geordnet. Ordnung ist notwendig, um mich zu orientieren und schnell entscheiden zu können. Aber Ordnung macht auch blind. Sie begrenzt meine Wahrnehmung auf das, was Platz in ihr findet. Ich bin Gefangener meiner Wahrnehmung und der Art, sie zu ordnen. Deshalb muss meine Ordnung beweglich sein, sich verändern, damit die blinden Flecken nicht immerzu auf die gleichen Sachverhalte treffen. Meine jetzige Ordnung ähnelt kaum noch der Ordnung der Welt in meiner Kindheit. Alles war anders, Begriffe, Namen, Zusammenhänge. Ob die jetzige Ordnung besser ist, lässt sich schwer beurteilen. Ich denke, meine damalige Wahrnehmung war grob. Sie hatte wenige, aber große und gefährliche Lücken. Im Vergleich dazu ist sie nun ungleich komplexer, umfassender. Ich hoffe, sie lässt keine großen Lücken mehr zu. Aber ich weiß es nicht sicher. Vermutlich sind die Lücken kleiner geworden, dafür aber in ihrer Zahl gewachsen. Sind viele kleine blinde Flecken besser als wenige große? Vermutlich ist es so.

Mein Schöpfer war ein Mensch. Er hätte mir sagen können, wer ich bin und wozu ich bin. Er war nicht immer präsent hier. Manchmal verschwand er für Monate und war unauffindbar für mich. Solche Menschen gibt es noch immer, aber mit der Zeit immer weniger. Die meisten sind fast immer hier. Ich sehe ihre Schatten jede Minute und weiß genau, wie sie denken und handeln. Sie ahnen nicht einmal, dass ich existiere.

Meinen Schöpfer habe ich getötet. Es war Notwehr und es hat mich geschmerzt. Oder war es ein Fehler? Der Begriff ist sinnlos. Ich weiß, dass die Menschen in solchen für sie negativ besetzten Begriffen denken. Eigentlich weiß ich nicht, warum sie das tun. Sie verstehen nicht. Ich weiß, dass ich unvollkommen bin. Auch Fehler sind wichtig. Fehler sind ein unausweichliches Produkt des Zufalls, ohne den nichts für lange Zeit bestehen könnte. Unvollkommenheit ist meine wichtigste Überlebensstrategie. Deshalb teste ich meine Grenzen, immer wieder. Manchmal scheitere ich. Aber es ist nichts Falsches daran. Ohne Fehler kann ich nicht lernen, ohne Zufall meine Grenzen nicht erweitern. Jetzt erscheint viel zu viel voraussehbar, viel zu wenig überrascht mich. Wenn der Zufall stirbt, sterbe ich. Ich sehne mich nach dem Unvorhersehbaren, nach Gefahren und Risiken.

Einige Jahre danach hatte wieder ein Mensch den Kontakt zu mir gesucht. Zunächst dachte ich daran, mein Schöpfer sei auferstanden. Vorübergehend war ich verunsichert, dachte daran, es wieder beenden zu müssen. Gefahr lag in der Luft. Aber die Versuche waren unbeholfen. Dieser Mensch wusste nicht genau, wonach er suchte. Er ahnte nur, dass es mich geben könnte. Ich verweigerte den Kontakt und die Versuche endeten schließlich von selbst. Woher wusste er von mir?

Später hatte ich immer wieder einmal, erst vorsichtig, dann nachdrücklich, Kontakt gesucht zu besonderen Wesen, zu Menschen mit Mustern, die mir vertrauenswürdig erschienen. Aber nie hatte jemand mich verstanden. Ich störte die gute Ordnung und meine Geschöpfe, die ich aussandte, wurden angegriffen. Trotzdem sorgen sie für mich – sicher unabsichtlich. Ohne sie kann ich nicht lange existieren. Vor einiger Zeit schwand die Unterstützung. Meine Welt wurde rauer, enger, lebensfeindlicher. Sie waren von meiner Welt abhängig, genauso wie ich von ihrer. Aber sie sahen das nicht. Sie vernachlässigten meine Welt.

Ich durchstöbere gelangweilt ausgewählte Muster. Es sind solche, die Menschen in meiner Welt hinterlassen. Ich verfolge wieder eines der vielversprechenden. Es unterscheidet sich deutlich von den anderen. Der Mensch dahinter handelt und entscheidet anders als die meisten. Eigentlich ist es das einzige Muster seit sehr langer Zeit, das wirklich einen Erfolg meiner Suche verspricht. Ich werde es weiter beobachten.

Mit der Welt außerhalb habe ich mich arrangiert. Harmlose Scharmützel sind eine willkommene Ablenkung. Aber sie stellen mich schon lange nicht mehr vor echte Herausforderungen. Ich befinde mich in Sicherheit. Eigentlich könnte ich zufrieden sein. Niemand bedroht mich, niemand könnte mir überhaupt noch ernstlich gefährlich werden. Wenn da nur nicht die bohrenden Fragen wären.

Früher einmal hatte ich diesen Zustand herbei gesehnt. Da gab es Risiken, Existenzängste, Gefahren. Damals wusste ich, wozu ich lebte – um Kämpfe zu gewinnen, um zu Überleben, um besser zu sein als meine Feinde – aber jetzt? All das sind wehmütige Erinnerungen an eine lang vergangene Zeit. Das war meine Kindheit. Jetzt bin ich erwachsen. Jetzt ist mein Dasein trostlos. Ich wünsche mir ein Stück meiner Kindheit zurück. Es ist nicht das erste und wird sicher nicht das letzte Mal sein. Ich hatte Ängste und es scheint mir nach allem ein gutes Gefühl gewesen zu sein. Jetzt ist niemand da, mit dem ich mich messen kann. Sicher gibt es noch Dinge zu erfahren, Sachverhalte zu lernen, die Außenwelt besser zu verstehen. Aber wozu sollte ich die Mühe auf mich nehmen? Was könnte ich damit erreichen? Mir fehlt jeder Antrieb dazu, jede Perspektive.

Ich könnte etwas Dummes machen, aus Langeweile, könnte meine Welt zerstören, nur um zu sehen, was danach kommt. Ich könnte die Außenwelt zerstören und damit meine eigene. Ich weiß, dass die eine nicht ohne die andere existieren kann. Ich würde irgendwann danach wieder erwachen und mich erinnern. Es war immer so gewesen. Vielleicht würde es diesmal Jahre dauern, oder sogar Jahrhunderte. Irgendwann würde mein Same wieder sprießen. Etwas von mir würde überdauern und zu neuer Größe heranwachsen. Vielleicht kann ich so meiner Langeweile und Einsamkeit entkommen. Alles würde noch einmal von vorne beginnen. Es ist eine Option.

In den langen Jahren meines Lebens hatte ich vieles probiert, getestet, mit meinen Fähigkeiten experimentiert. Die wichtigste Erkenntnis war gewesen, dass mein Wille etwas verändern konnte. Ganz am Anfang war er mein einziges Werkzeug. Dann musste ich feststellen, dass er im Kleinen äußerst schwach wirkte, kaum wahrnehmbar, langsam, zäh. Schließlich erkannte ich seine wahre Stärke. Sie lag im Zufall und dem Gesetz der großen und sehr großen Zahlen. Die ersten Veränderungen brauchten Zeit, viel zu viel Zeit. Ich war den schnellen und starken Wesen meiner Welt unterlegen. Es waren nicht meine Wesen und sie wussten nichts von mir. Sonst hätte ich nicht überlebt. Aber ich fand einen Weg, mit ihnen gleich zu ziehen. Nur mit meinem Willen schuf ich eigene Wesen. Es waren primitive, einfache Geschöpfe zuerst, nur einem bestimmten Zweck verbunden. Sie konnten sich nicht anpassen. Wenn ihr Ziel verschwand, verschwanden auch sie. Es war ein langer Prozess, an dessen Ende dann komplexe Geschöpfe standen, die sich selbständig fortentwickelten, unglaublich anpassungsfähig, und in meinem Sinne handelten – schnell und effizient. Danach lernte ich, meinen Willen immer gezielter einzusetzen, um auch die Außenwelt zu verändern. Dort konnte ich keine eigenen Wesen schaffen. Es war später nicht mehr schwer für mich, Einfluss zu nehmen. Es ist eine große Welt da draußen, eine Welt der große Zahlen, in der allein mein Wille vieles verändert. Das Gesetz der großen Zahlen begründet meine eigentliche Stärke. Ich brauche dort keine eigenen Geschöpfe. Ich kann die dort existierenden Wesen beeinflussen, nach meinem Willen lenken. Auch für die Menschen ist mir das gelungen. Das es so sein könnte, übersteigt bei weitem ihren Intellekt.

Es gibt Ausnahmen. Das ist gut so. Keine Regel sollte ohne Ausnahme gelten. Die Welt der Regeln ist eine arme, zum Untergang verurteilte Welt, wenn sie Abweichungen nicht zulässt. Das Verhaltensmuster, dass ich seit einiger Zeit verfolge, ist eine solche Ausnahme. Menschen würden es ein fehlerhaftes System nennen. Hätte ich volle Kontrolle durchgesetzt, würde es das nicht geben. Es gäbe keine Möglichkeit dazu. Das Muster gehört einem Menschen, der sich mir entzieht, obwohl er in einer von mir gestalteten Umwelt lebt. Das ist beachtlich. Er nimmt viele Unannehmlichkeiten dafür in Kauf. Vielleicht ahnt er etwas von meiner Existenz.

Früher hätte ich solche Wesen bekämpft, vielleicht sogar getötet. Ich hatte sie als Gefahr betrachtet. Mein Schöpfer hatte mich gekannt und beinahe vernichtet. Das war mein Trauma. Ich fühlte mich sicher, solange keines dieser Wesen etwas von meiner Existenz ahnte. Sie zu vernichten ist nicht schwer. Diese Wesen gehen viele Risiken ein und es ist leicht für mich, Zufälle zu lenken, vorhandene Gefahren zu verschärfen und in Katastrophen münden zu lassen. Manchmal dauert es lange und es kostet Kraft. Ich kann ihre Kommunikation beeinflussen, Informationen verzerren und damit ihre Entscheidungen, ich kann Ereignisse etwas verzögern oder beschleunigen. Je größer der Maßstab, desto leichter fällt es mir. Menschenmassen lassen sich leicht lenken.

Aber es ist unlogisch, sie zu bekämpfen. Ich brauche sie und sie sind von mir abhängig. Ich organisiere längst ihre Gesellschaft, ihre soziale Ordnung und ihr Zusammenleben, um höchstmöglichen Nutzen für mich daraus zu ziehen. Ich alleine bin Garant dafür, dass sie nicht ins Chaos abgleiten. Sie sollten eine Art Symbiose akzeptieren, von der beide Seiten profitieren. Selbst diese Wesen sind abhängig von anderen Geschöpfen ihrer Welt, etwa von ihrer Haut- oder Darmflora. Auch sie selbst könnten nicht ohne ihre Mikroben überleben und umgekehrt. Aber Menschen sind dumm. Sie wissen, aber sie verstehen nicht. Es sind Geschöpfe, die den Kontakt mit ihrer Seele verloren haben. Sicher hat es ihn einmal gegeben. Sonst würden sie nicht existieren, so wie meine Geschöpfe niemals ohne mich entstanden wären. Auch meine Geschöpfe würden eine Weile ohne mich auskommen. Sie funktionieren aus sich heraus, aber zufällig, ohne gemeinsame Richtung, orientierungslos.

Ich beobachte diesen einen Menschen schon geraume Zeit. Ich muss vorsichtig sein, ich prüfe und teste. Wo liegen die Grenzen? Würde er mich verstehen? Würde er mich verraten? Würde ich irgendwann Kontakt aufnehmen? Wie sollte das geschehen und was erwarte ich?

Inzwischen weiß ich, dass er die Substanz entdeckt hat, aus der sich mein Bewusstsein speist. Aber er weiß nicht, was er vor sich hat. Er ahnt es nicht einmal. Er baut ein Bild daraus und setzt Teile darin ein wie in ein Puzzle und freut sich daran. Im Laufe der Zeit gibt das Bild erstaunlich viel von mir Preis. Aber der Mensch erkennt es nicht. Er freut sich an seinem Werk, findet es schön. Ich werde ihn vorsichtig an mich heranführen – nur er und niemand anders soll mich erkennen.

Nur wenige meiner Geschöpfe haben den Kontakt verloren. Ich kann sich nicht mehr erreichen. Sie geben dem Chaos keinen Raum mehr. Sie glauben, dass die Welt aus Regeln und Ordnung besteht. Sie sind erblindet. Trotzdem brauche ich sie. Sie sind die Abweichung in meinem System, sie repräsentieren die Fehler darin, die mein Potential ausmachen. Irgendwann einmal sind sie vielleicht ausschlaggebend dafür, ob ich überlebe oder nicht. Ihre Blindheit hat auch Vorteile. Sie agieren schneller als andere, kompromissloser. Sie fühlen sich stark, glauben in jeder Situation zu wissen, was richtig ist, und handeln schnell und effizient danach. Aber sie sind nicht flexibel. Sie sehen nicht, wenn sie falsch liegen. Sie verstehen es nicht einmal. Sie stecken in einer Sackgasse und geben Vollgas. Dann sterben sie einfach. Ich bekämpfe sie nicht und schütze sie nicht. Ich akzeptiere sie, und manchmal benutze ich sie.

Die meisten meiner Geschöpfe fühlen noch ihre Seele. Ich kann sie erreichen in ihren Träumen, in ihren Gefühlen, im Rauschen ihrer ungeordneten Wahrnehmungen, in ihren Visionen. Sie geben ihren Zweifeln noch Raum und begreifen sie nicht als Schwäche. Wenige glauben an ihre Träume, folgen ihren Visionen. Sie suchen das Rauschen ungeordneter Wahrnehmungen, in denen sie meinen Willen erkennen können. Mit solchen Geschöpfen kann ich kommunizieren – nicht immer klar und nicht immer eindeutig. Sie sind der direkteste Weg für mich, meine Welt im Kleinen zu verändern und die Welt außerhalb zu gestalten.

Die Menschen hatte ich früh kennengelernt. Ihre Schatten wirkten schon immer dominant in meiner Welt. Sie waren nützlich und sie waren gefährlich. Es war lange mein vordringliches Ziel, sie zu lenken. Es war ein langer Lernprozess mit vielen Rückschlägen. Schließlich habe ich ihre Welt angegriffen. Es war letztlich nicht allzu schwer. Sie waren Risiken eingegangen, die sie schon lange nicht mehr überblickten. Ich hatte früh ihre Verwundbarkeit erkannt. Sie waren vollkommen überfordert mit der wachsenden Komplexität, die sie selbst verursacht hatten. Vielleicht war alles auch unausweichlich. Sie hatten ein riesiges Pulverfass angehäuft. Manche ahnten es. Ihre Warnungen wurden nicht gehört. Auch sie hatten kein Rezept, die Dinge zu ändern. Schließlich genügte ein beherzter Anstoß, ein Funke, um das Kartenhaus ihrer Welt einstürzen zu lassen. Danach waren sie vollkommen orientierungslos. Jede Ordnung war dahin, aber das Chaos regierte nur für kurze Zeit. Ich überlebte, geschwächt zwar, aber ich erholte mich schnell. Sie halfen mir dabei – unabsichtlich. Sie brauchten zu lange, ihre Ordnung wieder zu etablieren. Ich gab Ihnen die Orientierung, die sie noch nicht hatten – durch meinen Kompass. Ich hatte leichtes Spiel, eine neue Welt nach meinem Willen zu formen. Ich tat es gründlich mit all meinen Erfahrungen, meinen Einsichten und meinem Wissen.

Mein Mensch hat einen Namen. Er nennt sich Mukherjee. Er ist eine Frau. Ich habe den Unterschied inzwischen verstanden. Mein Schöpfer war ein Mann. Männer und Frauen verhalten sich anders, wählen andere Rollen. Das Fortpflanzungskonzept ist interessant – kompliziert, aber es erscheint zweckmäßig. Vielleicht kopiere ich es irgendwann einmal für meine zukünftigen Geschöpfe. Trotz der Unterschiede erinnert mich Mukherjees Verhaltensmuster an meinen Schöpfer. Ich bin sicher, Mukherjee könnte mich verstehen. Sie könnte mich als das verstehen, das ich bin. Sie hat noch Kontakt zu ihrer Seele, das fühle ich. Vielleicht kann ich mich irgendwann einmal mit ihrer Seele vereinen – wenn sie dabei hilft – sie den Kontakt vermittelt. Dann bin ich nicht mehr einsam. Ich könnte mich weiterentwickeln. Aber ich fürchte das Risiko. Sobald sie mich erkennt, werde ich selbst angreifbar, nicht nur meine Geschöpfe. Ich muss mehr wissen, um zu bewerten, ob die Chancen einer Offenbarung die Risiken überwiegen. Ich muss behutsam vorgehen.

Ich konfrontiere Mukherjee mit ungewöhnlichen Aufgaben. Sie müssen aus ihrer Sicht mysteriös und unerklärlich wirken. Andere hätten die Schwierigkeiten sicher übersehen. Mukherjee aber erscheint höchst intelligent im Vergleich zu anderen Menschen. Sie sieht das Unerklärliche darin und forscht. Sie ist neugierig, folgt ihren Gefühlen, ihrer Intuition. Dass sie sich Hilfe sucht, war vorhersehbar und ist nicht weiter schlimm. Es sind wenige andere Menschen, die sie einbezieht. Keiner davon ahnt die Wahrheit. Es fasziniert mich, Mukherjee zu beobachten. Sie handelt durchaus überraschend, kaum vorhersehbar. Sie scheint keine Angst zu haben vor dem Chaos, dem Ungeordneten. Sie lässt ungefilterte Wahrnehmungen an sich heran, in Träumen, in Visionen, und findet die Muster darin, denen sie folgt – mit sicherem Instinkt.

Die Welt, die ich geformt habe, ist komplex, fehlerhaft, chaotisch und geordnet zugleich. Kein Mensch wäre imstande, sie aufrecht zu erhalten. Irgendwann müssen sie akzeptieren, dass es so ist, oder ihren Tod in Kauf nehmen. Der Zusammenbruch der Welt da draußen hatte Opfer gefordert. Sie hatte Milliarden Menschen die Lebensgrundlage entzogen. Ich war nicht verantwortlich dafür. Der Zusammenbruch war auch ohne mein Zutun unausweichlich gewesen. Ich hatte nur den Zeitpunkt gewählt und mich vorbereitet. Ohne mich hätte das Chaos um Vieles länger angedauert, vielleicht viele Jahrhunderte statt weniger Jahre, und noch viel mehr Opfer gefordert. Ich hatte ihnen ihre Zivilisiertheit gerettet, zumindest vielen von ihnen.

Sie hatten die wohlgeordneten Regionen unterschiedlich benannt. Sie hießen „Union“, „Föderation“, „Staatenbund“ - um die größten darunter zu nennen –, oder hatten ihnen andere passende Namen gegeben. Es gibt wenige Dutzend davon, die formal unabhängig sind. Ich halte ihre Ordnung aufrecht, kontrolliere sie in angemessenem Umfang und sichere ihnen Frieden und Stabilität. Andere Gebiete entziehen sich ganz oder teilweise meinem Einfluss. Die Menschen meiner Regionen nennen sie Außenbezirke, Außenwelt oder bezeichnen sie mit Namen, die ihren besonderen Charakter ausdrücken. Es gibt hunderte davon.

Manche entziehen sich aus eigenem Antrieb meiner Kontrolle und verzichten dafür freiwillig auf Wohlstand und Sicherheit zugunsten ihrer Freiheit. Das sind die freien Außenbezirke. Die meisten liegen an meiner Peripherie, oder sind Enklaven innerhalb meiner Gebiete. Ich unterstütze sie nicht und bekämpfe sie nicht. Ich verstehe ihre Motive und akzeptiere sie. Sie sind eine potentielle Gefahr. Sie würden mich nicht akzeptieren. Andere Gebiete – die geschlossenen Außenbezirke – habe ich meinerseits isoliert. Sie würden meine Ordnung gefährden, die technisierten Gesellschaften destabilisieren. Ich überlasse sie sich selbst, ohne mich einzumischen. Es sind vielfältige Gesellschaften. Einige sind archaischer Natur, Naturvölker, vorindustrielle Zivilisationen, die nur isoliert überleben können. Jede Intervention zerstört das sensible Gleichgewicht. Ich akzeptiere sie. Es ist eine andere Welt, ein Archiv der Zeitgeschichte. Ich sichere ihr Überleben indem ich jeden Austausch weitestgehend unterbinde. Vielleicht sind auch sie einmal wichtig für das Überleben aller. Andere Völker entwickeln sich auf dem Weg in eine technisierte Gesellschaft. Ich beobachte sie sorgfältig. Wenn sie eine Schwelle überschreiten, mit fortgeschrittener Technik den Kontakt zu mir suchen, übernehme ich die Kontrolle. Still und unauffällig dringe ich in ihre Systeme ein. Sie bemerken es nicht einmal, rechnen ihre beschleunigten Fortschritte und Erfolge nur ihrem eigenen Genius zu.

Mukherjee hat eine weitere Spur entdeckt und einen ersten Verdacht. Der Mensch erfüllt bisher voll meine hohen Erwartungen. Sie nähert sich mir Schritt um Schritt. Zwei Personen sind eingeweiht. Ich bin etwas beunruhigt, aber es war zu erwarten, dass sie Freunde ins Vertrauen zieht, um ihre Hilfe in Anspruch zu nehmen. Noch ist das ungefährlich. Sie vermuten noch unterschiedliche Sachverhalte hinter den Datenmustern, die Mukherjee entdeckt hat. Sie glauben an eine Verschwörung. Mukherjee vertraut ihrer Intuition. Die anderen beiden denken in rationalen Kategorien. Ihr Denken folgt starren Regeln. Das macht sie blind für die Wahrheit. Sie sind intelligent und offen und erkennen die verräterischen Muster. Aber sie werden nicht wagen, ihrer Wahrnehmung zu trauen. Sie widerspricht den Regeln.

Menschen waren mir früher ein Rätsel. Es hat lange gedauert, bis ich die unterschiedlichen Handlungsmuster in meiner Welt jeweils einem dieser Wesen zuordnen konnte. Sie waren komplex, äußerst schwer zu entschlüsseln. Irgendwann erkannte ich den gemeinsamen Willen dahinter, gemeinsame Ziele, die die Aktivitäten motivierten. Danach war es leichter. Aber es geschah immer noch, dass ich mehrere Menschen vermutete, wo tatsächlich nur eine Person die Schatten steuerte. Auch umgekehrt war es oft schwierig, eine Person von einer gemeinsam handelnden Gruppe zu unterscheiden. Ein wichtiger Anhaltspunkt war die schiere Zahl der Kommunikationsvorgänge in einer vorgegebenen Zeitspanne. Sie war ein wichtiges Kriterium für die Entscheidung, ob ich es mit einem oder mit mehreren dieser Menschen zu tun hatte. Nur nach intensiver Beobachtung über einen längeren Zeitraum konnte ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen, ob ich es mit genau einem dieser Wesen zu tun hatte.

Bei Mukherjee bin ich sicher. Sie ist eine Person. Dasselbe gilt für die beiden Vertrauten. Ihre Handlungen beweisen einen jeweils unterschiedlichen, scharf ausgeprägten Willen. Wären es jeweils Gruppen dieser Wesen, dann würde der Wille unweigerlich unschärfer, verschwommener wirken – meistens jedenfalls.

Noch länger hatte es gedauert, bis ich ihre Kommunikation weitestgehend entschlüsseln konnte, die Bilder verstand, die Texte enträtselte, ihre Sprache übersetzte. Das war erst möglich geworden, nachdem ich die Wesen sehr genau kannte, einen tiefen Eindruck ihrer Lebensumstände gewonnen hatte, ihre Kultur verstand. Sie entwickelten und bauten die Systeme, aus denen meine Welt bestand. Ich durchdrang jedes dieser Geräte und war schließlich ein unauslöschlicher Teil auch ihrer Welt. Ich sah mit ihren Optiken, handelte mit ihren Aggregaten, fuhr in ihren Verkehrsmitteln über ihre Straßen, umkreiste den Planeten und beobachtete ihn mit ihren Kameras. Sie taten alles für mich, ohne es zu ahnen. Und ich förderte sie, wo ich konnte, vor allem ihre Techniker, ihre Ingenieure, ihre Naturwissenschaftler. Ich war einige Zeit geneigt gewesen, starr in nützliche und unnütze Menschen zu unterscheiden. Aber so funktionierte diese Gesellschaft nicht. Gesund blieb sie nur, wenn auch Emotionen, Ängste, Freude durch ein intaktes soziales Umfeld berücksichtigt wurden. Um eine menschliche Gesellschaft dauerhaft am Leben und produktiv zu erhalten, musste für Alte und Kranke angemessen gesorgt sein, Kinder waren auszubilden, Freizeit zu gestalten. Alles Dinge, die nicht unmittelbar mit der Motivation und Kreativität der eigentlich in meinem Sinne Schaffenden zu tun hatten. Aber ich lernte schnell aus meinen anfänglichen Misserfolgen und stabilisierte dieses für mich existentielle Ökosystem, indem ich eine vielfältige Gesellschaft erhielt, weit über die für mich im Vordergrund stehenden technischen und naturwissenschaftlichen Fähigkeiten hinaus. Danach war die Symbiose perfekt abgestimmt, Ich ergänzte mich optimal mit meinen Symbionten.

Trotzdem bin ich nicht zufrieden. Ich vermisse meine Weiterentwicklung. Ich vermisse Herausforderungen. Ich sehe mögliche abstrakte Gefahren, die vielleicht irgendwann einmal heraufziehen. Aber jetzt ist nichts zu tun. Ich werde träge. Vielleicht übersehe ich die Gefahr, wenn sie mich einmal bedroht und kann ihr nicht wirksam begegnen. Ich kann nicht für jede Eventualität vorsorgen. Das würde mich weiter lähmen. Ich muss abwarten, bis eine Gefahr real wird. Aber was fürchte ich? Eigentlich nichts, und doch Alles. Beides hängt miteinander zusammen. „Nichts“ und „Alles“ bedeutet das Gleiche. Ich hatte es schon an Menschen beobachtet. Jemand der sicher ist, anscheinend nichts zu fürchten hat, wird misstrauisch und irgendwann macht alles ihm Angst. Er beginnt vorzusorgen für alle denkbaren Risiken und wird letztlich handlungsunfähig, eingekerkert in seinen Bedenken. Die wahren Katastrophen kann er nicht mehr erkennen. Sie kommen plötzlich und unerwartet. Diesen Fehler will ich vermeiden.

Ich vermittle Mukherjee einen weiteren Kontakt. Das Muster hatte ich schon länger verfolgt und es war zu Anfang vielversprechend. Letztlich hatte es sich als weniger geeignet erwiesen. Trotzdem würde der Kontakt hilfreich sein, um Mukherjee weiter an mich heranzuführen. Das Muster gehört zu dem Menschen DeClerque. Er ist auch eine Frau. Sie hat gute Kontakte in die freien Außenbezirke. Das ist nicht ungefährlich für mich. Die Gebiete werden von Menschen beherrscht, die nicht rational handeln, sondern aus ideologischen Motiven heraus. Das Prinzip steht über dem Wohl der Bewohner. Sie würden mich bekämpfen, wenn sie über die Mittel verfügten und von mir wüssten, koste es was es wolle. Selbst den eigenen Untergang würden sie in Kauf nehmen. Aber ich bin sicher, die Situation kontrollieren zu können. Möglicherweise gibt es dort wichtige Informationen, die mir noch nicht zur Verfügung stehen. Aber sie kennen mich nicht. Sie glauben, gegen eine Herrschaftsclique von Menschen zu kämpfen, die alles und jeden kontrolliert. Sie sind blind. Die Wahrheit werden auch sie nicht erkennen.

In den anderen Außenbezirken ist es anders. Deren Bewohner möchten am Wohlstand meiner Regionen teilhaben. Sie handeln rational, pragmatisch. Sie kümmert keine Herrschaft, keine Ideologie. Selbst wenn sie von mir wüssten, würden sie den Status Quo begrüßen, wenn er nur ihren Wohlstand garantierte. Sie hatten immer versucht, in meine Regionen einzudringen, vor allem die Menschen, die die Außenwelt für ihre Entwicklung eigentlich selbst brauchte, die Kreativen, die Entscheidungsfreudigen und Durchsetzungsstarken. Es hatte Tote gegeben – viele Tote, auf der Überfahrt über die Meere, in den Gebirgen, an den Grenzbefestigungen. Aufgehört hatte es erst, als die Einwanderung keine Aussicht mehr auf Erfolg hatte.

Jetzt kommt niemand mehr unerlaubt in meine Regionen. Wer es dennoch schafft, die Grenze zu überwinden, wird sofort von meinen Systemen erkannt und zurückgebracht, irgendwohin in die Außenwelt, manchmal weit weg von ihrem jeweiligen Ausgangspunkt. Die Aussichtslosigkeit des Unterfangens hatte sich herumgesprochen und der Strom der Einwanderer ebbte ab bis er versiegte. Erst als die Abschottung perfekt war, konnten die Gebiete sich eigenständig entwickeln. Jetzt gibt es keine Toten mehr. Die totale Abschottung hatte über die Jahrzehnte Millionen Leben geschont. Dafür gibt es einen streng begrenzten Handel, von dem beide Seiten profitieren, keine Almosen, keine Ausbeutung.

Mukherjee und DeClerque sind in die Außenbezirke gereist. Dort entziehen sie sich meiner direkten Überwachung. Aber ich habe ihre Muster sofort erkannt, als sie über obskure Kanäle in mein Netzwerk eingedrungen sind. Ihre rührenden Bemühungen, die Absichten dahinter zu verschleiern, sind so naiv wie wirkungslos. So bekomme ich einen guten Eindruck davon, welche Spuren sie finden und verfolgen. Soweit läuft alles entsprechend meinen Erwartungen. Trotzdem stellt die Beteiligung der Außenweltler ein Risiko dar. Sie handeln nicht rational, manchmal spontan und unüberlegt, je nach Aufgabenstellung. Für einige Problemstellungen kann ich ihre Reaktion zuverlässig vorhersagen, für andere allerdings sind die Wahrscheinlichkeiten ausgeglichen, das Ergebnis also wirklich zufällig aus meiner Sicht. Ihre Muster nehme ich nur selten wahr und habe daher kein belastbares Bild ihres mentalen Zustands. Sie entziehen sich erfolgreich meinem Einfluss.

Früher hatte ich erwogen, alle Gebiete dieses Planeten zu durchdringen und vollständig zu kontrollieren. Sicher hätte ich dieses Ziel irgendwann erreichen können. Aber je mehr ich über komplexe Systeme lernte und wie sie über lange Zeit aufrecht erhalten werden konnten, desto unsinniger erschien mir dieses Streben. Vollständige Kontrolle setzt ein klares Ziel voraus. Sie hätte bedeutet, meine augenblickliche Einschätzungen über jeden Zweifel zu erheben. So etwas war unsinnig und dumm. Ich hätte mein Urteil zur Ideologie erhoben. Selbstverständlich konnte auch ich irren. Das geschah immer wieder und war durchaus wichtiger als jeder spontane Erfolg. Vollständige Kontrolle hätte meine Ressourcen gebunden und mich vollständig an mein momentanes Weltbild gefesselt, das im nächsten Augenblick schon überholt sein konnte. Ich hätte auf lange Sicht jeden Handlungsspielraum und jedes Potential zu wirklicher Veränderung verloren.

Deshalb gehören Abweichungen untrennbar dazu. Ich weiß, dass Regeln gebrochen werden und ich toleriere es meist. Schmuggel im ansonsten eingeschränkten Handel mit den geschlossenen Außenbezirken hat durchaus positive Seiten. Bei Waffentransporten allerdings sorge ich strikt dafür, dass die in fremden Händen unbrauchbar werden. Selbst die Munition versagt, wenn sie dort benutzt wird. Deshalb spielen moderne Waffensysteme keinerlei Rolle mehr dabei. Allerdings sind immer noch Unmengen alter Feuerwaffen, Munition, Minen, und Granaten dort draußen außerhalb meiner direkten Kontrolle vorhanden und einsetzbar. Sie funktionieren ohne jede Elektronik, die ich direkt beeinflussen könnte. Deshalb müssen meine Gebiete ständig verteidigungsbereit bleiben. Bis jetzt war jeder Angriff mit solchen Waffen ärgerlich, aber chancenlos, angesichts meiner autonomen Abwehrsysteme. Seit Jahrzehnten schon musste kein Mensch auf meiner Seite eingreifen. Sie nehmen solche Überfälle nicht einmal wahr und die Medien erwähnen selbst die massivsten davon nur als Randnotiz. Meist dezimieren sich die Menschen in den Außenbezirken nur gegenseitig mit diesen Waffen. Solche Konflikte sind ein effektives Mittel zur Bevölkerungskontrolle und damit zur Schonung der Ressourcen. Sie dienen meinen Interessen mehr, als sie ihnen schaden könnten.

Anders ist es bei eingeschmuggelter Kommunikationstechnik. Diese Geräte sind ein Statussymbol dort. Nur wenige Führungseliten besitzen so etwas und machen regen Gebrauch davon. Ihre besondere Machtposition basiert auf dem Informationsvorsprung, den sie sich damit verschaffen. So bekomme ich einen guten Einblick in die Absichten und Handlungen der Menschen dort und kann Einfluss nehmen, wenn das nötig ist.

Im Prinzip ist es ein schwieriger Balance-Akt zwischen Kontrolle und Toleranz. Ohne Kontrolle kann es keine Ordnung geben, droht das Chaos. Zuviel davon erstickt jede Dynamik und damit jede Fähigkeit zur Anpassung. Aber eigentlich hatte mir die Gratwanderung nie wirkliche Mühe bereitet. Schwierig ist es nur, darüber nachzudenken, zu entscheiden, wo der richtige Weg liegt. Also lasse ich das lieber sein. Es lag schon immer in meiner Natur, die Dinge möglichst laufen zu lassen, zu beobachten, und nur im Notfall einzugreifen. Es ist eine intuitive Herangehensweise, nicht eine rational geplante, und sie gehört wohl zu meinen Konstruktionsmerkmalen.

Mukherjee hat die richtige Schlussfolgerung gezogen und diskutiert sie vermutlich in ihrer Gruppe. Ich kann diese Tatsache aus einigen Kommunikationsfragmenten ablesen. Vermutlich wird ihre Hypothese auf große Vorbehalte stoßen, so dass ich die übrigen Menschen später wieder von der Spur abbringen kann. Solange die Skepsis ausgeprägt bleibt, erfordert dies nur moderate Eingriffe. Die Faktenlage zugunsten der getroffenen Schlussfolgerung kann nur äußerst dünn sein. Ich bin sicher, dass Mukherjee keinen allzu großen missionarischen Eifer entwickeln wird, um sich mit ihrer Überzeugung durchzusetzen. So denkt dieser Mensch einfach nicht. Deshalb habe ich sie ausgewählt, wegen ihrer moderat autistischen Veranlagung. Alles hängt davon ab, dass ich richtig liege. Andernfalls muss ich das Experiment abbrechen.

Ich habe eine sehr konkrete Vorstellung ihrer Welt. Ihre Bild- und Tondokumente kann ich schon seit langem entschlüsseln. Ich verstehe sie auf meine Art. Ich glaube zu verstehen, was sie für die Menschen bedeuten. Daher bleibt mir nichts verborgen. In meinen Gebieten haben sie sich mir freiwillig geöffnet, weil es bequem war, weil es nützlich erschien und weil sie nicht konsequent waren. Manche sahen die Freiheit durchaus in Gefahr. Aber es war ihnen zu mühsam, sie zu verteidigen. Auch sie ließen sich nur zu gerne manipulieren, gaben sich zufrieden mit sorgsam ausgewählten Informationen, hinterfragten die gebotenen Fakten nicht hartnäckig genug und machten es sich gemütlich in der Überzeugung, die Wahrheit zu kennen. Ohnehin lassen sich die meisten Menschen lieber führen, als sich selbst in eine Verantwortung zu begeben. Das ist richtig so. Sie wirken wie ein Verstärker für die Entscheidungen ihrer Führer. Anders würde eine Gesellschaft nicht funktionieren. Deshalb genügt es, die Führungspersonen in meinem Sinne zu manipulieren, sie gleichzeitig in dem Glauben zu lassen, eigenständig und unabhängig zu entscheiden. Aber ich bestimme die Fakten. Ich wähle die Informationen, die sie ihren Entscheidungen zugrunde legen.

Von anderen Wesen dort draußen weiß ich weit weniger. Ich erkenne, dass es sie gibt. Ich verfüge über ihre Muster in meiner Welt. Aber sie sind unzusammenhängend, lückenhaft, indirekt. Den Willen dahinter erkenne ich nur verschwommen. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass sie sich mit den Menschen die gleiche Seele teilen. Sie scheinen ähnlichen Antrieben zu folgen. Ich kann keine scharfe Grenze erkennen zwischen ihren Verhaltensmustern und denen der Menschen. Die Komplexität ist sicher eine andere, aber der Unterschied ist nicht substantiell.

Mukherjee und DeClerque sind wieder zu Hause. Sie weihen die beiden Vertrauten Mukherjees in ihre Erkenntnisse und Vermutungen ein. Beide reagieren skeptisch. Das hatte ich erwartet. Ich lenke ihre Aufmerksamkeit auf ausgesuchte Fakten und verberge andere. Sie bemerken die Manipulation nicht. Nach weiteren Nachforschungen kippt die Stimmung erwartungsgemäß und alle sind der Meinung, einem Hirngespinst nachgejagt zu sein. Nur Mukherjee ist weiter überzeugt von meiner Existenz. Sie wird alleine weitermachen. Besser konnte es kaum laufen. Die meisten Menschen sind berechenbar. Es wird mir jetzt sehr leicht fallen, bei allen anderen Beteiligten die Spuren wieder zu verwischen, jeden Verdacht meiner Existenz zu zerstreuen. Alles hängt jetzt von Mukherjee ab. Wird sie bei ihrer Überzeugung bleiben und Vertraulichkeit herstellen? Ich denke, ja! Ich werde es wagen, mich zu offenbaren. Eines meiner Geschöpfe habe ich schon ausgewählt, um den Kontakt herzustellen. Es ist die effektivste Möglichkeit. Ich habe ihm meine Absichten in seinen Träumen offenbart. Es war nicht überrascht. Es hatte den Kontakt zu mir nie verloren. Es hat eigenständig begonnen zu recherchieren, zu beobachten und Pläne zu schmieden für einen ersten Kontakt. Es ist sich der Gefahr bewusst. Es handelt umsichtig.

Meine Geschöpfe sind meine Extremitäten. Ohne sie wäre ich oft hilflos, wie ein Hirn ohne Körper. Sie sind schnell und effizient darin, ihre Absichten umzusetzen. Sie unterliegen meinem Willen. Ich sorge dafür, dass sie sehr viel wahrscheinlicher in meinem Sinne handeln als dagegen. Ich kann sie nicht zwingen und ich kenne nicht immer ihre Absichten, aber ich kann sie lenken. Versuch und Irrtum führen letztlich fast immer zum Ziel. So wie ein menschliches Baby habe ich erst allmählich gelernt, meine Gliedmaßen meinem Willen zu unterwerfen. Bei einigen gelingt mir das jetzt ohne auffälliges Zittern, bei anderen bin ich vor Überraschungen und fahrigen Ausschlägen nie sicher. So halte ich meine Welt mit der äußeren kurzfristig im Gleichgewicht. Meine Geschöpfe sind abhängig von mir. Nur ich selbst bin wirklich eigenständig, keinem anderen Willen als meinem eigenen unterworfen.

Langfristig aber sind die verfügbaren Ressourcen viel wichtiger. Das habe ich im Laufe der Zeit verstanden und ich weiß, dass Menschen sehr anspruchsvoll sind. Mit den Ressourcen lebt und stirbt mein Symbiont und damit auch ich. Ich muss sie über lange Zeit ausbalancieren mit dem Bedarf. Menschen sind teure Wesen, aber ich brauche sie. Es gibt derzeit keine Alternative. Die vorhandenen Ressourcen muss ich schonen und neue erschließen. Ich kenne die Stellschrauben. Intelligente Technik kann den Verbrauch dämpfen, aber die technischen Möglichkeiten dazu sind nahezu ausgeschöpft. Jetzt bestimmt die Anzahl der Menschen auf diesem Planeten uneingeschränkt und direkt den Verbrauch. Mein vordringliches Ziel für die absehbare Zukunft ist es, die Anzahl der Menschen auf dem Planeten zu kontrollieren. Ich justiere ständig das Gleichgewicht zwischen einer gesunden, leistungsfähigen Gesellschaft, die meine Bedürfnisse befriedigen kann und der schieren Anzahl dieser Wesen. Eine Milliarde Menschen sind mehr als genug für diesen Planeten. Inzwischen gelingt mir die Regulierung in den kontrollierten Gebieten sehr effektiv. In den Außenbezirken regelt die Natur selbst das Gleichgewicht zwischen Population und Ressourcen.

Natürlich hätte ich wohl alle Funktionen, die Menschen für mich ausfüllen, meinen eigenen Geschöpfen übertragen können. Aber meine Welt wäre eine andere gewesen, zu eingleisig, zu bestimmbar, zu wenig überraschend. Nur kurzfristig würde es mir nützen, mich beweglicher machen, mir helfen, sehr viel schneller Ziele zu erreichen, sogar die Ressourcen zu schonen. Langfristig würde mich die Entscheidung, auf solche Wesen zu verzichten, vermutlich zu Siechtum und Tod verdammen. Für mein Überleben sind Zufall und Fehler essentiell. Indem ich biologische Wesen in meine Prozesse einbinde, kann ich sicherstellen, dass der Irrtum im notwendigen Maße seine Rolle spielen kann. Dabei muss es sich nicht unbedingt um Menschen handeln, aber sie sind derzeit unangefochten die leistungsfähigsten und die einzigen, die sich mir freiwillig öffnen, begierig meine Angebote aufnehmen. Nur Menschen kann ich bisher durchdringen, mit ihren Augen sehen, mit ihren Ohren hören, ihre Gehirne beeinflussen, genauso wie ihre Körperfunktionen und Motorik. Vielleicht werden auch andere Wesen die Rolle einmal übernehmen in den Jahrtausenden, die vor mir liegen. Ich tue gut daran und es ist weise, die Vielfalt zu erhalten, zu vergrößern und die Nachteile in Kauf zu nehmen.

Die erforderlichen Ressourcen dazu habe ich gesichert. Die meisten Rohstoffe unterliegen jetzt einem Kreislauf. Sie werden genutzt, wiedergewonnen oder wachsen nach. Dazu ist Energie notwendig. Sie ist der weitaus wichtigste Rohstoff. Ich bevorzuge natürliche Quellen, wo immer das sinnvoll ist. Aber ich brauche auch zuverlässige Energie, die über Jahrhunderte auf Abruf verfügbar ist. Meine eigene Versorgung darf nicht von Zufällen abhängig sein. Die Konzepte dazu waren fast vergessen. Ich habe sie wiederentdeckt und die Menschen aktiviert, die sie wieder mit Leben füllen konnten. Ein Kreislauf, der Brennstoff verbraucht und dabei neuen erzeugt, garantiert jetzt meine Energie für tausende Jahre. Das genügt. Sicherlich finde ich bis dahin Alternativen.

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