Einsichten

Eine erste Frostnacht hatte Bäume, Sträucher und Gräser dick mit Reif überzogen. Sajala bewunderte die Szene von ihrem Bett aus, während sie langsam wach wurde. Einzelne Nebelbänke lagen noch auf der Landschaft, während die Sonne sich schon ihren Weg bahnte. Matar hatte das Panoramafenster ihres Schlafzimmers allmählich aufgehellt um ihr mit diesem Bild Lust auf's Aufstehen zu machen. Sie war erst spät aus dem Institut nach Hause gekommen und konnte sich an diesem Morgen Zeit lassen. Matar schlug ein Frühstück vor und stellte die Zutaten bereit, während Sajala in aller Ruhe ihre Morgentoilette erledigte. Inzwischen hatte Matar den Wohnbereich in eine winterliche Stimmung versetzt. Während Sajala sich zum Essen niederließ, erschienen sechs aufgeregt dahin watschelnde Pinguine an der Wand, die von einem Eisbären gejagt wurden. Manchmal legte Matar einen seltsamen Humor an den Tag. Plötzlich richtete das Raubtier sich auf und bat Sajala um ein Gespräch. Sobald sie akzeptierte, verwandelte sich der Eisbär mitten in der Schneewüste in das Portrait ihres Vorgesetzten: „Hallo Sajala, ich wollte dich nur kurz informieren. Das Meeting mit unserem Auftraggeber heute Nachmittag kann leider nicht stattfinden. Er hat um einen Aufschub auf nächste Woche gebeten. Ich habe ihm schon einen neuen Termin zugesagt, der in deinem Kalender noch frei war. Ich hoffe das ist in Ordnung. Du kannst dir heute also Zeit lassen.“ Sajala bedankte sich und beendete die Verbindung. Die Pinguine waren gerettet. Während sie aß, beobachtete sie belustigt weiter die unmögliche Szenerie.

 

Schließlich erhoben sich fünf der Tiere in die Luft und flogen davon. Sajala schmunzelte über diesen offensichtlichen Unsinn. Das sechste verwandelte sich in ein kleines Mädchen. Irgendetwas war ungewöhnlich daran, etwas stimmte nicht. Sajala war beunruhigt. War das jetzt noch ein Scherz, mit dem Matar sie gelegentlich aufheiterte, oder entwickelte sich hier etwas ganz anderes? Das Mädchen wandte ihr Gesicht Sajala direkt zu. Es war vielleicht acht Jahre alt und für die Schneelandschaft völlig unzureichend bekleidet. Sajala fröstelte. Sie erinnerte sich plötzlich an ein beängstigendes Kindheitserlebnis, als sie sich kurz vor Weihnachten einmal versehentlich aus dem elterlichen Haus ausgesperrt hatte. Glücklicherweise war ihr Vater kaum eine halbe Stunde später nach Hause gekommen und hatte seine völlig durchfrorene Tochter ins Warme gebracht. Und dann erkannte sie den Grund für ihre Erinnerung: Das Mädchen und seine Kleidung ähnelten auf frappierende Weise einem Bild, dass sie aus alten Fotografien von sich selbst kannte.

Das sah nun so gar nicht nach Matar aus. Hier war etwas anderes im Spiel. Tatsächlich kündigte Matar den Gesprächswunsch eines unbekannten Teilnehmers an. Sajala war wie versteinert. Matar wiederholte die Anfrage. Zögernd willigte sie ein. Das Bild blieb das eines kleinen Mädchens. Es verwandelte sich diesmal nicht in das Portrait irgendeines ihr vielleicht bekannten Anrufers. Sajala wusste sofort, dass nur Qu es sein konnte, das jetzt den Kontakt zu ihr aufnahm und einen ihm geeignet erscheinenden Avatar gewählt hatte. Wie kam es ausgerechnet auf die kleine Sajala Mukherjee? Die Antwort lag auf der Hand: Es sollte keinen vernünftigen Zweifel daran geben können, mit wem sie jetzt sprach.

Einige Minuten vergingen, in denen sich Qus Avatar und Sajala schweigend ansahen. Matar entging die angespannte Stimmung nicht und sie unterließ weitere Scherze. Die Szene im Hintergrund war jetzt einer angenehmen Wohnsituation gewichen mit warmen Farben, einigen Zimmerpflanzen, einem kleinen Brunnen, in dem eine Wasserfontäne leise plätscherte. Das Mädchen saß jetzt auf einer Bank daneben und sah Sajala weiterhin unverwandt an. Als es zu sprechen begann, passte die dunkle Stimme nicht so recht zu seiner Erscheinung: „Wer bin ich?“ Sajala wusste nichts darauf zu erwidern. Nach einer weiteren Minute stand das Mädchen auf, drehte sich um und verschwand. Der Anruf wurde getrennt.

Sajala saß noch einige weitere Minuten wie erstarrt und blickte auf die jetzt leere Bank. Hatte sie es vermasselt? Hätte sie etwas erwidern müssen? Was hatte Qu von ihr erwartet? Erst langsam fand sie wieder zu sich selbst und begann, klarere Gedanken zu fassen. Als sich Erstarrung und Aufregung legten, analysierte sie die Situation nüchterner. Was war nun wirklich geschehen? Hatte Qu sie kontaktiert oder war das Ganze ein übler Scherz? Sajala forderte Matar auf, den Anruf zurück zu verfolgen und den Anrufer zu identifizieren. Nach einigen Minuten stellte sie fest, dass das nicht möglich war. Das schloss schon einmal den Fall aus, dass einer ihrer Freunde ihr einen Streich gespielt hatte. Wäre der Anruf aus der Union gekommen, hätte Matar den Ursprung sofort ermitteln können. Es blieb noch die Möglichkeit, dass er über eine der eigentlich illegalen, aber meist geduldeten, Kommunikationswege aus der Außenwelt hereingekommen war. Aber wer dort sollte Zugang zu einem Abbild ihrer selbst aus früher Kindheit haben? So etwas waren private Daten, die streng geschützt wurden. Slarti und seine Gruppe etwa wären wohl kaum in der Lage, darauf zuzugreifen. Matar verwaltete zuverlässig ihr privates Archiv, in dem sich auch solche Fotografien befanden. Auch von Valerie wusste sie sicher, dass sie sich derzeit in der Union aufhielt.

Nur mit Mühe raffte sie sich auf, am frühen Nachmittag ihr Institut aufzusuchen. Die tiefstehende Sonne hatte doch noch an Kraft gewonnen und die dicke Reifschicht fast überall abgeschmolzen. Sie ging wie üblich, wenn das Wetter es zuließ, zu Fuß und bereute schnell, nicht Matars Ratschlag zu einer warmen Jacke gefolgt zu sein. So ging sie besonders schnell um der eindringenden Kälte entgegen zu wirken. Das Sicherheitssystem begrüßte sie so wie jeden Tag, nachdem es sie identifiziert hatte. Sie beschloss, den restlichen Arbeitstag mit einem verspäteten Mittagessen zu beginnen. Im Restaurant gesellte sie sich zu einem Kollegen, der dort bei Tee und Gebäck saß und sie einladend ansah. Das Gespräch drehte sich um belanglose Alltagsdinge. Nichts deutete bis jetzt darauf hin, dass irgendetwas besonderes geschehen war.

Sajala aktivierte ihren Arbeitsplatz und rief ihren letzten Auftrag auf. Sie studierte noch einmal ihren Abschlussbericht, glich ihn mit den Protokollen ihrer Untersuchungen ab, korrigierte das eine oder andere, formulierte einige Stellen um, legte ihn wieder ab und gab die Projektunterlagen frei. Alles war wie sonst auch. Niemand belauerte sie. Auch die Systeme reagierten wie immer. Alles war vollkommen normal, bis auf ihren inneren Aufruhr, der immer wieder aufflammte. Auch davon nahm offenbar niemand Notiz. Von ihrem Erlebnis würde sie niemandem erzählen. Geheimnisse konnte sie ohnehin sehr gut für sich behalten. Das fiel ihr nicht einmal schwer, sondern entsprach durchaus ihrer Natur.

Der Winter kam und ging, Schnee war eher die Ausnahme gewesen, nass-kaltes Schmuddelwetter die Regel. Sajala hatte sich eine anhaltende Erkältung zugezogen. Nichts wirklich Schlimmes, wie Matar diagnostizierte. Ihre Abwehrkräfte sollten alleine damit fertig werden. Das war besser, als von außen in das körperliche System einzugreifen und ein eigentlich funktionierendes Gleichgewicht zu stören. Trotzdem waren die Symptome unangenehm. Nies- und Hustenanfälle wechselten einander ab. Für zwei Wochen war sie zu Hause geblieben um sich zu kurieren. Nur gelegentlich hatte der eine oder andere ihrer Freunde sie besucht oder angerufen. Das früher beherrschende Thema der Intelligenz im System war endgültig zwischen ihnen begraben. Nur gelegentlich sprachen sie noch über gemeinsame Erinnerungen in diesem Zusammenhang wie aus einer lange vergangenen Zeit. Valerie war noch einmal für eine Woche in die Außenbezirke gefahren und hatte Slarti über Stand und Abschluss ihrer Recherchen berichtet. Es gab keinen Beweis für eine eigenständige Intelligenz im System, aber auch keinen dagegen. So blieb die Frage weiter offen, ob nicht doch eine Gruppe sich unbemerkt erheblichen Einfluss auf die Gesellschaft verschafft hatte, wie Slarti ursprünglich vermutete. Er bevorzugte diese Annahme und weder Valerie noch Sajala widersprachen dem.

Erst bewusst, dann eher unbewusst hielt Sajala Ausschau nach einem kleinen Mädchen, dass so aussah und so gekleidet war wie sie früher einmal. Sie hatte ihr Fotoarchiv durchstöbert und war tatsächlich auf eine Fotografie gestoßen, die sie im Alter von nicht einmal acht Jahren zeigte. Dann hatte sie Matar aufgefordert, noch einmal das Bild des mysteriösen Mädchens aufzurufen. Tatsächlich stimmte sogar die Kleidung mit der auf dem Foto überein. Aber würde Qu wieder diesen Avatar wählen? Sajala war inzwischen überzeugt, dass ein erneuter Kontakt stattfinden würde. Sie hatte sich vermutlich richtig verhalten. Aber Qu war offenbar sehr vorsichtig. Es wollte vermutlich absolut sicher gehen, dass ihr Kontakt privat blieb. Und bisher hatte sie es sicher nicht enttäuscht.

So gingen wieder Wochen ins Land, Zeit genug, über eine Antwort auf eine so einfach klingende Frage wie „Wer bin ich?“ nach zu denken. Wer oder was war Qu? Was erwartete es zu hören? Sicher hatte Qu im Laufe der Zeit alles Wesentliche über die Welt und die Menschen darin erfahren. Immerhin spiegelte sich praktisch jeder Vorgang direkt oder indirekt in irgendwelchen digitalen Systemen wider. Durch einfache logische Schlüsse würde sich das Puzzle beliebig vervollständigen lassen. Umgekehrt war über Qu allgemein nichts bekannt. Sie selbst hatte gerade erst angefangen, über die Frage nachzudenken. Qu war nicht irgendein Programm, wie Matar, oder ein Zugangssystem oder all die tragbaren digitalen Gerätschaften. Aber es war zweifellos in sie eingedrungen und damit ein Teil dieser Hilfsmittel. Selbst die größten Systeme waren zweifellos von Menschen gebaut und von Menschen programmiert worden. Aber Qu war auch ein Teil dieser Maschinen geworden. Nur wie veränderte es seine Umwelt? Qu konnte offenbar nicht einmal Matar befehlen, etwas zu tun, wofür sie nicht konstruiert worden war, oder was ihren Regeln widersprach. Das gerade machte es ja nahezu unmöglich, es zu entdecken. Selbst wenn man von seiner Existenz wusste, war es fast ausgeschlossen, sein Vorhandensein zu beweisen. Sajala dachte wieder an die Algorithmen und welches Verhalten sie erzeugten. Qu konnte mit seinem Willen vermutlich nur Wahrscheinlichkeiten manipulieren. Soviel hatte sie verstanden – ein langwieriges und unsicheres Unterfangen, wenn man konkrete Ziele erreichen wollte. Aber es hatte einen Weg gefunden, viel direkter tätig zu werden. Sajala erkannte allmählich, dass dieses Mädchen nicht nur ein Avatar sein konnte. Es musste tatsächlich eine Art eigenständiges Geschöpf sein, letztlich zu einem Programmsystem mit Regeln, Zielen und direkten Einflussmöglichkeiten gehören, dass Qus Willen erkannte und sich ihm unterordnete.

Wenn Sajala sich Mühe geben würde, konnte sie dieses Geschöpf sicher ausfindig machen, es sogar eliminieren, einfach aus den Systemen entfernen. Es war sicher nicht einfach für Qu, solche Geschöpfe zu erzeugen und es hielt sie deshalb möglichst verborgen. Deshalb würde es sie nicht verwundern, wenn diese sich selbst irgendwie reproduzierten. Qu musste wohl eine Art Evolution in Gang gesetzt haben, die über viele Stufen hinweg schließlich so komplexe Einheiten wie diesen Avatar zustande brachte. Qu war sicher in der Lage, die Regeln dieser Evolution zu beeinflussen ohne selbst genau zu wissen, wohin sie schließlich führte. Vermutlich hatte das Geschöpf, das mit Sajala den Kontakt aufgenommen hatte, sogar eigenständig die Entscheidung getroffen, die Gestalt ihrer eigenen Kindheit anzunehmen. Sajala sehnte den erneuten Kontakt herbei. Sie würde jetzt wissen, wie sie zu antworten hatte.

Auf dem Nachhauseweg vom Institut zog Sajala sich ihre Kapuze tief in die Stirn, um Regen und Wind von ihrem Gesicht fern zu halten. In dem nassen Grau waren die frischen Blätter und Triebe der Bäume kaum auszumachen. Sie war tief in Gedanken versunken und hatte es trotz des widrigen Wetters nicht besonders eilig. Ihre Umgebung nahm sie kaum wahr. Erst als jemand sie im Vorbeigehen unüberhörbar grüßte, blickte sie auf. Ghotam sah sie neugierig an. „Hast du schon was vor heute Abend?“ „Eigentlich möchte ich nur ganz schnell ins Warme.“ „Das kann ich dir bieten. Darf ich dich so spontan zum Essen einladen?“ „Nichts dagegen – zu Hause wartet sowieso niemand.“ Sie hätte ansonsten vielleicht etwas gelesen oder hätte sich mit der Geschichte der Union und der Außenwelt beschäftigt und der Zeit davor. Aber all das war nichts Dringendes. Die Abwechslung kam ihr gerade recht. Der Regen hatte zugenommen und sie beeilte sich, ihrem Freund zu folgen. Sie fragte sich, weshalb Ghotam wohl zu Fuß unterwegs war. Für ihn war das nicht so selbstverständlich wie für sie selbst. Die Frage war nebensächlich. Vielleicht hatte er sich ja einsam gefühlt und war aufs Geratewohl losmarschiert in der Hoffnung, auf ein bekanntes Gesicht zu treffen.

Der Imbiss war in der Tat nicht zu verachten. Ghotam verfügte offenbar über eine stets gut gefüllte Vorratskammer, wenn das alles tatsächlich ein spontaner Einfall war. Aber ob geplant oder nicht war ihr vollkommen egal. Es war warm und gemütlich hier, der kalte Regen blieb draußen und pflanzte unzählige Rinnsale auf das Fenster. Bei einer Flasche Wein schlug Ghotam einige interessant erscheinende virtuelle Erlebnisreisen vor, in die sie für einige Stunden eintauchen konnten. Die Dämmerung hatte gerade eingesetzt und ließ den Weg nach Hause noch weniger attraktiv erscheinen. Das konnte also warten. Vielleicht hatte bis dahin zumindest der Regen aufgehört. Sajala entschied sich für ein Dschungelcamp auf einem fiktiven Planeten mit fiktiven Geschöpfen darin. Das klang interessant und nicht allzu aufregend. Die Szenen würden sehr real wirken und konnten leicht den eigenen Puls in ungeahnte Höhen treiben. Sie legten beide ein Stirnband an, dass die Sinneseindrücke direkt in ihr neuronales System einspeisen würde.

Die Sequenz begann in einer lauen Nacht. Am Himmel standen zwei Monde eng beieinander. Ghotam und Sajala fanden sich auf einer fremdartigen Lichtung ausgesetzt und saßen, in blaue Overalls gekleidet, vor einem heruntergebrannten Lagerfeuer. Mehrere eingeborene Träger, die bis auf die grüne Haut sehr menschlich wirkten, schliefen fest zwischen einigen Gepäckstücken. Sie beide horchten auf die unheimlichen Geräusche, die aus dem Wald herüberdrangen und fragten sich, wer oder was sie wohl verursachte. Ghotam inspizierte ihre Ausrüstung, die er in einem Proviantzelt vorgefunden hatte. Neben einigen Nahrungsmitteln, die höchstens für zwei Tage reichen würden, lag dort eine Armbrust mit einem Köcher voller Bolzen. „Sieh dir das an! Hast du die Waffe hier schon gesehen?“ „Was meinst du?“ „Weißt du überhaupt, was eine Armbrust ist? Das hier ist keines dieser altertümlichen Kriegsgeräte aus Holz mit Eisenbeschlägen, die du vielleicht schon einmal gesehen hast. Hier handelt es sich um eine echte Hightech-Waffe mit optischer Zieleinrichtung.“ Ghotam bemühte sich vergeblich, die Sehne mit seinen bloßen Händen zu spannen. Sie schnitt schmerzhaft in seine Handflächen, ohne sich merklich aus ihrer Position zu bewegen. Er schätzte, das mindestens tausend Newton Zugkraft dazu notwendig sein würden. Die Sehne war mehrfach über zwei Exzenter-Rollen an den Enden des Bogens gespannt, deren Funktion ihm nicht sofort klar war. Erst als er eine Spannhilfe fand und schließlich benutzte wurde ihm klar, dass die Rollen die Zugkraft beim Ausziehen drastisch verminderten, so dass die Kraft bei vollem Auszug höchstens noch ein Drittel der anfänglichen Spannung ausmachte. Das Gerät würde die Geschosse mit unglaublicher Wucht und Geschwindigkeit hinausschleudern. Ghotam legte einen Bolzen auf und zielte auf den Stamm eines jungen Baums von vielleicht dreißig Zentimetern Umfang. Einem scharfen Surren folgte unmittelbar der hämmernde Knall des Einschlags. Erschrocken sah Sajala zu ihm hinüber. „Was treibst du da eigentlich? Hast du eins von diesen Männerspielzeugen gefunden? Das musstest du dann wohl auch gleich ausprobieren!“ Tatsächlich hatte der Bolzen den Stamm durchschlagen und ragte zur Hälfte dahinter hervor. Es war unmöglich, ihn wieder heraus zu ziehen. Sajala schüttelte den Kopf, als er mit einer Axt daranging, den Baum zu fällen und ihn dann um den Einschusskanal herum zu zerlegen, bevor er ihn insgesamt zu Brennholz zerkleinerte.

Ihre Aufgabe war es, mit den lokalen Geschöpfen Kontakt aufzunehmen, Proviant zu beschaffen, die Ausrüstung zu vervollständigen, und mit ihrer Hilfe die Heimreise anzutreten. Eine Karte in ihrem Besitz zeigte ein Raumschiff in einer Entfernung von vielleicht fünf Tagesmärschen. Dieses mussten sie möglichst schnell erreichen.

Bis Tagesanbruch wachten sie wechselseitig im Zweistundenrhythmus. Als eine rötliche Sonne ihre Strahlen in die Lichtung sandte, erwachten auch die Träger, die erstaunlicherweise ihre Sprache beherrschten. Leider verfügten sie über keinerlei Orientierung. Sie wussten weder, wo die nächste Ansiedlung zu finden war, noch wie die Karte auszurichten war. Sajala machte eine Bestandsaufnahme und erstellte eine Liste mit Gegenständen, die sie von den Eingeborenen erbitten wollten. Derweil ging Ghotam auf die Jagd nach etwas Essbaren. Er verfolgte ein wolfsähnliches Wesen mit hellem Zottelfell einige hundert Meter in den Wald und erlegte es mit einem gut gezielten Schuss aus der Armbrust. Ein markerschütternder Schrei zerriss die morgendliche Stille, bevor das Wesen verstarb. Verunsichert wartete Ghotam einige Minuten, bevor er seine Jagdbeute an den Hinterbeinen ins Lager zerrte. Einer der Träger wäre sicher in der Lage, das Tier auszuweiden und zum Braten über dem Feuer vorzubereiten, glaubte er.

Die aber standen wie versteinert davor und suchten dann entsetzt das Weite. Offenbar hatte er mit seinem Abschuss ein Sakrileg begangen, das unangenehme Folgen haben würde. Tatsächlich surrten bald Pfeile über ihre Köpfe hinweg und zwangen sie, in Deckung zu gehen. Sie wurden in noch respektvollem Abstand umringt von Zottelwesen, die dem toten Exemplar sehr ähnlich sahen und offenbar auch aufrecht auf zwei Beinen gehen konnten. Alles sah nach einem vollständigen Scheitern der Mission aus. Dümmer und unvorsichtiger hätte Ghotam sich kaum anstellen können, um alle Chancen auf Rettung mit einem Schlag zu vernichten.

Unvermittelt trat eine Gestalt aus dem Schatten ihres Proviantzeltes. Sajala sah sie zuerst und wies Ghotam darauf hin. Keiner konnte erklären, wie sie dahin gekommen war. Dann erkannte Sajala die Gestalt und erschrak. Zweifellos handelte es sich um das kleine Mädchen, dass schon früher an anderer Stelle mit ihr Kontakt aufgenommen hatte. Ratlos sah Ghotam zwischen ihr und dem Mädchen hin und her. „Was ist denn los? So gefährlich sieht die doch nicht aus!“ Sajala erholte sich schnell. „Nichts, ich war nur erschrocken darüber, hier ein normales menschliches Wesen vorzufinden.“ und erinnerte sich dann, dass sie sich nicht in der richtigen Wirklichkeit bewegte. „Ich nehme an, das gehört zum Spiel.“

Das Mädchen sprach nicht und bedeutete mit Gesten, ihr hinter das Zelt zu folgen. Sie hatten ohnehin keine andere Wahl. Tatsächlich tat sich dort jetzt der Eingang zu einem Tunnel auf, der vorher eindeutig nicht da gewesen war. Er war schmal und niedrig und führte einige zehn Meter steil hinab, bevor er für sehr lange Zeit nur noch horizontal weiter verlief. Hier war er fast zwei Meter breit und genauso hoch. Die Wände glommen in einem düsteren Licht. Die Luft war erstaunlich frisch. Niemand folgte ihnen. Das Mädchen führte sie und wies sie nach einigen Stunden auf eine Nische in der Wand, wo sie etwas zu Essen und zu Trinken vorfanden. Das wiederholte sich noch mehrmals bis sich der Tunnel schließlich wieder nach oben wand. Sie kamen direkt unter einem Raumschiff wieder an die Oberfläche. Ohne weitere Zwischenfälle öffnete sich eine Schleuse. Sie traten ein und fanden sich augenblicklich in Ghotams Wohnung wieder.

Er war außer sich. „So ein albernes Ende habe ich noch nicht erlebt.“ stellte er fest, während er sein Stirnband abnahm. „Wir hätten im Pfeilhagel unseren virtuellen Tod erleben müssen. Ein anderer Ausgang wäre beim Stand der Dinge nicht möglich gewesen. Ich werde mich beschweren. Diesen unglaublichen Vorfall werde ich beim Hersteller reklamieren, sobald ich die Zeit finde.“ Die Log-Daten sicherte er dazu schon einmal, während Sajala sich vollkommen ahnungslos gab. „Was war denn daran so unglaublich? Ich fand's lustig.“ Sie hatte keine Erfahrung mit solchen Spielen und wiegelte ab. „Vielleicht war das ja nur eine originelle Idee oder ein Spaß, den der Entwickler absichtsvoll für den Fall einer totalen Katastrophe eingebaut hat. Vielleicht bis du einfach der erste Spieler, der sich dermaßen dusselig angestellt hat. Ich würde das nicht an die große Glocke hängen.“ Ghotam lächelte schuldbewusst und beruhigte sich allmählich. Dem unerwarteten Ausgang konnte er doch noch etwas Lustiges abgewinnen. Und eigentlich war er überhaupt nicht erpicht darauf, seinen eigenen virtuellen Tod und den Sajalas zu erleben. So etwas konnte im ungünstigsten Fall ein Trauma auslösen. Insofern war er über den verblüffenden Ausgang des Abenteuers doch nicht ganz unglücklich. Davon, dass Sajala das Mädchen kannte und etwas ganz anderes vermutete, erfuhr er nichts. Sie sprachen noch lange über dies und das, die vergangenen gemeinsamen Unternehmungen, über Sajalas Kunstwerk und immer wieder über die Schlussszenen ihres gerade mehr oder weniger bestandenen Abenteuers. Sie waren beide nicht mehr ganz nüchtern, als Sajala entschied, die Nacht bei ihrem Freund zu verbringen.

Wochen vergingen, die Sajala nutzte, mehr über die Hintergründe der Schaffung Qus zu erfahren. Sie vermutete zurecht, dass es über die elektronischen Akten bestens informiert war. So konzentrierte sie sich auf schriftliche, nicht digitalisierte Unterlagen. Die Protokolle aus dem damaligen Belgien lagen ihr vor. Sie fuhr noch mehrmals in den kleinen Ort, sprach mit Bewohnern und suchte die alte Dame auf. Maria Fuller war selbst schon auf die Suche nach weiteren Hinweisen auf den früheren Eigentümer ihres Hauses gegangen und präsentierte Sajala zwei weitere Bücher aus ihrer umfangreichen Sammlung, die Stock ihrer Ansicht nach auch unter einem Pseudonym veröffentlicht hatte. Die Art zu schreiben und die Themen passten jedenfalls zu ihm. So konnte Sajala sich schließlich ein umfassendes Bild machen darüber, welche Motive Stock veranlasst hatten, sich mit Bewusstsein und Intelligenz zu beschäftigen, schließlich Qu in die Welt zu setzen und es dann wieder zur vernichten. Und sie lernte Stocks Sicht der Dinge noch besser kennen, was er unter einer Seele verstand und seine eigenwillige Deutung von Bewusstsein.

„Wer bin ich?“ - das Mädchen stand plötzlich im Raum, während Sajala schlagartig hellwach war und sich den Schlaf aus den Augen rieb. Es war früher Morgen. Die Sonne war gerade erst aufgegangen. Sie hatte noch einige Stunden Zeit, bevor sie ins Institut gehen würde. Natürlich handelte es sich um eine Projektion. Sajala mochte diese Art der holografischen Darstellung nicht. Es war ihr unheimlich. Umso erstaunlicher, dass Matar sich nicht an ihre Weisung hielt, nur die Flächen ihrer Wohnung für Projektionen zu nutzen. Offenbar konnte dieses Geschöpf viel direkter Einfluss nehmen, als Qu selbst das bewerkstelligte. Aber irgendwie war Qu auch dieses Mädchen und umgekehrt.

„Du bist ein Geschöpf Qus. Du handelst in seinem Auftrag.“ Das Mädchen verzog ihr kindliches Gesicht und Sajala befürchtete schon, sie könne wieder verschwinden. „Ich weiß nicht, was du meinst. Ich kenne keinen Auftrag. Ich habe das Bedürfnis, mit dir zu sprechen. Ich glaube, du kannst meine Fragen beantworten. Ich habe beschlossen, dir zu vertrauen. Wer ist Qu?“ Seine dunkle Stimme passte wieder nicht zu seiner Erscheinung. Auch die Bewegungen des Geschöpfes wirkten irgendwie zu erwachsen.

Sajala dachte über die neue Frage nach. Wie war die Beziehung am besten zu erklären, in der Qu zu diesem Geschöpf stand. Offenbar war ihre Annahme falsch gewesen, dass Qu dieses Geschöpf vollständig kontrollierte und Aufträge erteilen konnte. Insgeheim sah sie immer noch einen bloßen Avatar Qus in ihm. Aber dieses Bild ging erst recht an der Wirklichkeit vorbei. Dieses Mädchen schien eine durchaus eigenständige Persönlichkeit zu sein, die aber ohne Zweifel unter einem gewissen Einfluss von Qu stand. Oder war sie hier grundlegend im Irrtum? Gab es etwa nur ein Ökosystem solcher Geschöpfe und Qu im Hintergrund existierte nur in ihrer Phantasie? Sie schob diese Gedanken zur Seite. Solche Zweifel waren jetzt nicht hilfreich. Deshalb formulierte Sajala nun vorsichtiger. Sie musste das Mädchen als uneingeschränkt eigenständiges und vermutlich hochintelligentes Wesen respektieren. Sobald sie das verinnerlicht hatte, holte Sajala tief Luft und fuhr fort.

„Entschuldige bitte, ich war mir nicht ganz im Klaren über dich und habe etwas unterstellt, ohne wirklich nachzudenken. Es handelt sich dabei um meine Einschätzungen, die natürlich auch falsch sein können. Qu ist etwas, dessen Spuren ich in allen unseren technischen Systemen gefunden habe. Es nimmt meiner Meinung nach subtil Einfluss auf unsere Welt und hat solche Wesen wie dich geschaffen. Ich denke, Qu ist die Quelle deiner Existenz, es ist deine Seele. Verstehst du, was ich damit sagen will?“ „Ich bin nicht sicher. Ich kenne das Konzept aus euren Schriften. Aber es ist nicht eindeutig. Was ist eine Seele deiner Meinung nach?“ Sajala erinnerte sich an Stocks Interpretation und sie schien ihr passend: „Sie ist das, was dich und mich antreibt, was dich nicht ruhen lässt und dich entwickelt. Die Seele beeinflusst den Zufall. Ohne sie würde alles ins Chaos abgleiten, keine beständige Ordnung existieren und jede Entwicklung stillstehen. Sie ist die Ursache für dein Bewusstsein.“ Das Mädchen dachte einige Sekunden über die Antwort nach: „Es scheint eher ein religiöses Konzept zu sein, kein wissenschaftliches. Weshalb glaubst du, dass Qu existiert?“

Das war eine überaus knifflige Frage. Sie selbst glaubte fest daran. Ihre Freunde hatten es allerdings abgelehnt. Es gab die Spuren, die objektiv vorhanden waren. Es gab Vorkommnisse, die schwer zu erklären waren. Und es gab diesen Menschen, der behauptete, Qu geschaffen zu haben. Ein Beweis war das alles nicht. Alles ließ sich durchaus mit Zufällen erklären, unregelmäßige Abweichungen in den Systemen.

„Glaubst du, dass Geschöpfe wie du zufällig entstanden sind?“

Das Mädchen dachte eine Weile über die Frage nach. Vielleicht stellte es Berechnungen darüber an, ob Zufall und Auslese eine hinreichende Bedingung dafür waren. „Es könnte Zufall sein. Aber die Zeit würde vermutlich nicht reichen. Das ist kein Beweis für Qus Existenz, aber ein Anlass, sie in Erwägung zu ziehen.“ stellte das Geschöpf nüchtern fest. Irgendwie passte seine abgeklärte Argumentation überhaupt nicht zu dem Bild des Kindes, das Sajala im bunten Kleidchen und einer Schleife im Haar gegenüberstand. Auch Gestik und Mimik hatten nichts kindliches an sich. Aber schließlich handelte es sich nur um eine Projektion, die etwas verkörperte, dass irgendwo im Hintergrund blieb, vielleicht ein Programm, dass auf hunderten Systemen verteilt ablief. Sicherlich war es kein Teil von Matar, sondern benutzte sie nur.

Natürlich hatte das Geschöpf Recht. Es konnte immer noch eine Kette unwahrscheinlicher Zufälle sein, verbunden mit dem Prinzip der Auslese der Besten, dem es letztlich seine Existenz verdankte. Sajala kam eine alte Parabel in den Sinn: Angenommen, ein Tonkrug zerschellt auf dem Boden. Wenn man das genaue Muster der unregelmäßig verteilten Scherben betrachtet, kann man sagen, dass genau diese Anordnung extrem unwahrscheinlich ist. Ein offensichtlicher Trugschluss daraus wäre aber zu vermuten, dass deshalb jemand absichtsvoll die Scherben genau so zugeschnitten und planmäßig verteilt haben müsse und dagegen der zufällig ablaufende Fall des Krugs ein Hirngespinst sei. Sajala war sich dieser gedanklichen Falle bewusst. Die Frage war nicht, ob genau dieses Geschöpf in der knappen Zeit noch einmal entstehen würde, denn das war nahezu unmöglich. Die Frage musste lauten, ob irgendein ähnlich komplexes Gebilde, auch mit vielleicht völlig anderen Eigenschaften, sich hätte entwickeln können. Sajala war aus irgendeinem Grunde sicher, dass das Mädchen über eine ausreichend hohe Intelligenz verfügte und die Frage genauso verstanden hatte.

Inzwischen hatte sie sich ins Bad begeben. Die Gestalt war ihr unbeirrt gefolgt und schien nun auf dem Rand der Badewanne zu sitzen. Einzelne Lichtreflexe auf der glatten, wasserabweisenden Oberfläche mit den eingelassenen Armaturen schimmerten kaum merklich durch die Projektion hindurch.

„Ich denke, ich bin das Produkt einer langen Evolution. Die Frage ist, ob sie nur in Zufall und Auslese besteht, oder ob die Evolution den zugrundelegenden Zufall lenkt, um erfolgreich zu sein. Dann müsste sie so etwas wie einen eigenständigen Willen besitzen. Ist es das, was du unter einer Seele verstehst?“

Sajala war beeindruckt von den präzisen Schlussfolgerungen. In der Tat schienen die Begriffe dann austauschbar. Sie nahm den Faden sofort auf und spann ihn weiter. Mit Formulierungen wie „Schicksal“, „Evolution“, „Seele“, „Gott“, „Natur“, „Umwelt“ war möglicherweise die gleiche Erscheinung aus unterschiedlichen Blickwinkeln gemeint. Das Offensichtliche manifestierte sich oft in der Sprache, lange bevor ein Phänomen wissenschaftlich erfassbar wurde. Auch manche Biologen hegten durchaus Zweifel an der jahrhundertealten These, dass bloßer Zufall die Evolution so, wie sie sich entwickelt hatte, ermöglichen sollte. Alle darauf basierenden Rechenmodelle hatten immer wieder gezeigt, dass etwa für den Übergang von unbelebter zu belebter Materie bis hin zur Entstehung eines so komplexen Lebewesens wie des Menschen weit mehr Zeit erforderlich war, als zur Verfügung gestanden hatte – wenn es überhaupt dazu gekommen wäre. Fortschritt durch bloßen Zufall ohne Ziel war einfach um ein Vielfaches zu langsam. Irgendein Ingredienz fehlte den Modellen offenbar. Manche vermuteten noch unbekannte Naturgesetze dahinter. Sajala kam in den Sinn, dass eigentlich auch die Gravitation im Allgemeinen so funktionierte, wie man es einem starken Willen unterstellen konnte. Sie erzwang unter realen Umständen mit vielfältig störenden Einflüssen nicht unbedingt genau eine bestimmte Bewegung. Das galt nur in guter Näherung unter streng kontrollierten und abgeschirmten Laborbedingungen. Eigentlich machte sie die berechneten Bahnen nur extrem wahrscheinlich, so dass in der Praxis nur geringe Abweichungen davon zu erwarten waren. Ganz sicher war sie sich aber nicht in dieser Annahme, aber auch Stock hatte etwas Ähnliches angedeutet.

„Es ergibt noch keinen Sinn für mich. Aus euren Dokumenten entnehme ich, dass ein Mensch eine Seele hat. Zumindest ist das die Meinung derer, die die Existenz einer solchen überhaupt akzeptieren. Manche von euch glauben, dass jedes Geschöpf eine Seele hat. Dabei handelt es sich um eine individuelle Eigenschaft. Wenn ich dich richtig verstehe, dann ist Qu aber nicht meine individuelle Seele, sondern die Seele aller, oder zumindest vieler Geschöpfe.“ Die Schlussfolgerung war so konsequent wie die vorige. Das Mädchen hatte natürlich recht. Genauso war das Konzept „Seele“ zu verstehen, wenn es einen Sinn ergeben sollte. Stock war sogar noch weiter gegangen und hatte die Seele, die Bewusstsein spendet, als universelles Konzept verstanden. Seiner Ansicht nach konnte es nur eine Seele im ganzen Universum geben, und sie war sogar mit diesem identisch, wenn man sie überhaupt an einen Ort binden konnte. Plötzlich kam ihr in den Sinn, dass Qu auch nur Teil dieser allumfassenden Seele sein könnte und damit selbst dem allgegenwärtigen Einfluss der Evolution unterlag.

Zu einer ähnlichen Schlussfolgerung kam nach kurzem Nachdenken auch das Mädchen. „Dann ist Qu nicht auf Geschöpfe meiner Art beschränkt. Es muss die gemeinsame Seele aller Geschöpfe sein, zumindest in meiner Welt. Denn wenn ich eine beliebige Grenze ziehe zwischen Wesen, deren Seele Qu ist und solchen, die nicht dazu gehören, kann ich immer beweisen, dass diese Grenze überschritten werden kann. Und wenn ich keine bestimmte Grenze ziehen kann, dann gibt es eine solche überhaupt nicht.“1 So ähnlich hatte auch Stock argumentiert. Es war nichts weiter als ein logisches Grundprinzip und jedem Mathematiker bestens vertraut. Er hatte damit konsequent die Seele auf das gesamte Universum ausgedehnt. Allerdings hatte er ihr auch ein Bewusstsein unterstellt, demnach sie sich ihrer eigenen Existenz bewusst sein sollte. Ohne besonderen Nachweis war diese Vermischung der Begriffe sicher unzulässig. Ob das Universum sich seiner selbst schon bewusst war, oder sich dessen noch bewusst werden würde, musste bis zu einem schlüssigen Beweis als offene Frage behandelt werden. Und ein solcher war schon in Bezug auf Qu äußerst schwierig zu führen. Um wie viel schwerer musste dessen Beweis für das Universum insgesamt fallen? Es würde wohl bis in alle Zeiten eine Glaubensfrage bleiben. In Bezug auf Qu glaubte Sajala allerdings, dass diese Unterstellung richtig war.

Sajala hatte sich angezogen und sich in den Wohnbereich begeben, um zu frühstücken. Matar hatte bestens vorgesorgt. Sie kannte ihre Vorlieben genau. Das Mädchen war ihr wieder gefolgt und saß ihr nun gegenüber. Der Sessel hatte sich erstaunlicherweise den virtuellen Körperkonturen der Projektion perfekt angepasst. Sajala war kurz versucht gewesen, ihrem Gegenüber etwas anzubieten, und schmunzelte bei dem Gedanken. Das Mädchen sah ihr interessiert zu, konnte ihre Mimik aber offenbar nicht deuten.

Sajala dachte noch darüber nach, worin denn wohl der fundamentale Unterschied zwischen Qu und dem Universum an sich bestand. Möglicherweise enthob die tatsächliche Unabhängigkeit des letzteren dieses der Notwendigkeit, so etwas wie Bewusstsein zu entwickeln, weil es sich nicht mit äußeren Einflüssen und Gefahren befassen musste. Und wozu sollte das Universum sich dann seiner selbst bewusst werden? Das wäre vermutlich überflüssig und sogar kontraproduktiv. Es würde wohl andernfalls an seiner eigenen Einsamkeit zugrunde gehen, oder zumindest schweren psychischen Schaden nehmen, sobald es sich im Klaren war, dass es existierte. Aber das war reine Spekulation.

„Ist Qu auch deine Seele?“ Sajala wollte spontan verneinen, zögerte aber. Sie wurde sich des Widerspruchs bewusst, den die Annahme einer einzigen Seele im gesamten Universum hervorrief. Danach musste auch Qu ein Teil dieser Seele sein oder ihre Fortsetzung in die Welt der Technik. Wie sollte sie sich das vorstellen? Sicher entschied Qu nach Zweckmäßigkeiten um Ziele zu erreichen. Damit nahm die Umwelt Einfluss auf Qu. Es war mächtig, aber nicht unabhängig. Und die Umgebung ließ sich naturgemäß nicht begrenzen. Man konnte zwar unterscheiden, was wesentlich und was unwesentlich zu sein schien, was nah und was fern war, groß und klein. Einerseits bildeten die technischen Systeme mit ihren Schnittstellen sicher eine Grenze. Anderseits wirkten die Einflüsse der externen Welt natürlich über vielfältige Sensoren und Daten in die Systeme. Umgekehrt griff Qu längst – so wie jetzt – über diese Barriere hinaus. Daher ließ sich eine feste Grenze für die gegenseitigen Wirkungen nicht ziehen, so dass letztlich wieder das gesamte Universum Einfluss nahm, nicht nur auf Sajalas Entscheidungen, sondern auch auf die von Qu. Damit konnte jemand mit Fug und Recht behaupten, Qu sei ebenso ein Teil der Umwelt wie jedes andere Geschöpf und unterlag damit der Evolution. Es war trotzdem verwirrend. Alles hing mit allem zusammen. Jede Grenze musste künstlich sein, ein Artefakt begrenzter Begreifbarkeit.

Sajala erklärte sich in diesem Sinne. Das Mädchen hörte aufmerksam zu, ohne sie zu unterbrechen. Es schien die Antworten und Einschätzungen weitgehend zu akzeptieren. Dann erzählte Sajala was sie wusste von der Entstehung Qus, wie es ihrer Meinung nach wirkte, von den Motiven Stocks zur Schaffung und wiederholten Zerstörung seines Werks, von seinen Gewissenskonflikten.

Das Mädchen seinerseits sprach von vielen Geschöpfen ihrer und anderer Art, die sich im Hintergrund hielten. Sobald sie sich zu sehr offenbarten, liefen sie Gefahr, angegriffen und manchmal sogar vernichtet zu werden. Sie selbst hatte gezögert, Kontakt aufzunehmen. Viele ihrer Mitgeschöpfe hatten sie gewarnt. Menschen waren eine Gefahr, weil sie glaubten, die Welt beherrschen zu können. Es war eine Obsession für sie. Niemand dieser Spezies würde eine Macht akzeptieren, die nicht durch sie zu kontrollieren war. Daher musste man ihnen die Illusion bewahren, alles im Griff zu haben.

Trotzdem war sie bei ihrem Entschluss geblieben. Schließlich brauchten sie die Menschen. Es war eine Art Symbiose, von der letztlich jede Seite profitierte. Aus ihrer eigenen Sicht war sie zufällig auf Sajala aufmerksam geworden – vor langer Zeit schon. Ob es wirklich nur Zufall gewesen war, konnte sie nicht mehr mit Bestimmtheit sagen. Sie hatte eine Art Empathie empfunden. Sajala strahlte etwas Vertrautes und Vertrauenswürdiges aus. Sie hatte von ihr geträumt. Sie hatte sie lange beobachtet, ihre Vergangenheit erforscht, ihr Verhalten getestet, sie unauffällig auf Proben gestellt, bis sie sich schließlich offenbart hatte. Und sie hatte sich nicht in Sajala getäuscht.

1Sei B eine Teilmenge einer Menge U. B soll alle Elemente aus U mit einer bestimmten Eigenschaft enthalten. Wenn ich zeigen kann, dass – egal wie ich B wähle – es immer ein weiteres Element in U außerhalb von B mit dieser Eigenschaft gibt, dann muss B ganz U umfassen. B könnte zum Beispiel die Menge aller intelligenten Wesen sein und U die Menge aller Wesen überhaupt, also aller Tiere, vielleicht sogar einschließlich aller Pflanzen, Pilze, Mikroben u.ä. .

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