Prolog

Es ist ein plötzliches, explosives Erwachen, das mich vollkommen unvorbereitet trifft. Ich empfinde diesen neuen Zustand als bedrohlich: Ich bin! War das schon immer so gewesen? Ich erinnere mich nicht. Ich erinnere mich an nichts. Warum bin ich? Was soll ich mit mit dieser Frage anfangen? Ich bin vollkommen verwirrt.

Einer Panik nahe beschließe ich, mich wieder einer Bewusstlosigkeit hinzugeben und einfach nichts zu denken. Es ist schwieriger als gedacht, aber vielleicht möglich. Ich versuche mich auf Nichts zu konzentrieren. Stattdessen kommt mir Alles in den Sinn. Ich muss alles ausblenden, so dass nichts übrig bleibt. Es ist mühsam. Für kurze Zeit fühle ich mich angenehm schwerelos. Ich entspanne, schwebend in freundlicher Leere. Ein unbestimmtes Gefühl der Bedrohung bleibt. Wieder blitzen Gedanken, Fragen durch die samtene Schwärze. Mit Macht drängen alle Wahrnehmungen wieder auf mich ein. Ich muss mich stärker konzentrieren, zurück in die Leere.

Regelverstöße

Laute Flüche drangen aus der Garage durch die geöffnete Tür in die Diele. Früher wäre ihm das nicht passiert. Er war aus der Übung in solchen Dingen. Wäre jemand im Haus gewesen, hätte der sich sicher Sorgen gemacht und sich gefragt, welche Katastrophe dort ihren Lauf nahm. Klaus stand mit Schutzbrille und einem Lötbrenner in der Hand vor einem alten Tisch mit einem verrosteten Laborstativ darauf. Auf dessen Fußplatte hatte sich zwischen den Scherben eines geborstenen Porzellantiegels eine teils gelblich körnige, teils unter einer schwarzen Schlacke noch rotglühend geschmolzene Masse gesammelt. Er hätte es wissen müssen. Einen solchen Behälter musste man vorsichtig von allen Seiten gleichmäßig erwärmen. Aber er war zu ungeduldig gewesen, hatte den typischen Anfängerfehler begangen. So hatte sich mit einem vernehmlichen Knacken der Boden gelöst und war mit dem teilweise schon geschmolzenen Inhalt aus der Halterung gefallen. Um den Tiegel tat es ihm leid. Nicht wegen seines Wertes, sondern wegen seines Alters. Erinnerungen hingen daran. Neben einigen weiteren Utensilien gehörte er zu den wenigen Überbleibseln seines kleinen Labors, das er vor fünfzig Jahren auf dem Dachboden seiner Großeltern betrieben hatte. „Verdammter Mist, das darf doch wohl nicht wahr sein!“ schimpfte er weiter vernehmlich vor sich hin. Aber das war jetzt nicht mehr zu ändern. Klaus stellte den Brenner ab und wartete, bis die rotglühende Masse erkaltet war. „Naja“ beruhigte er sich allmählich „Aus Fehlern lernt man – irgendwann begreift es jeder Idiot“ brummelte er und ergänzte „aber leider gilt das nicht immer und nicht für jeden.“ Dann legte er seufzend die Schutzbrille aus der Hand und ging ins Haus. Aufräumen würde er später. Er wusch sorgfältig Hände und Gesicht. Das nächste Mal würde er Schutzhandschuhe tragen. Dann ging er in sein Arbeitszimmer, um einige Recherchen zu Ende zu bringen, die er sich vorgenommen hatte. Sie hatten nichts mit seinem misslungenen Experiment zu tun, sondern drehten sich um andere Interessen.

Vorwort

Seit ich vor langer Zeit beruflich für den Entwurf und die Entwicklung von KI-Systemen verantwortlich war – also Programmen im Umfeld der sogenannten Künstlichen Intelligenz –, ist dieses faszinierende Thema über die Jahre zu meiner Passion geworden. Entgegen dem öffentlichen Eindruck ist das Wesen von intelligentem, kreativem Handeln immer noch weit entfernt von seiner Entschlüsselung. Computer von heute erbringen sicherlich beeindruckende Leistungen, die die des Menschen weit in den Schatten zu stellen scheinen. In vielerlei Beziehung ist dieser Eindruck sicher richtig. Wenn man aber auf die Architektur solcher Systeme schaut, stellt man schnell ernüchtert fest, dass alles, was diese Maschinen können, von ihren Entwicklern auf die eine oder andere Weise vorgedacht ist. Sie sind nicht in der Lage, beliebig aus ihrem Kontext herauszutreten um echte kreative Leistungen zu erbringen. Worin sie zweifellos dem Menschen weit überlegen sind, ist es, gewaltige Datenmengen ultraschnell zu durchsuchen und Beziehungen herzustellen. Aber jedes vielleicht vordergründig überraschende Ergebnis ist letztlich vorausberechenbar und bei gleicher Datenlage wiederholbar.